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1884

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Die materialistische Weltanschauung und die Verbrechen.

Wir haben jüngst der unleugbaren Zunahme roher und unmenschlicher Verbrechen einen Leitar­tikel gewidmet. Aus der seitdem verflossenen kur­zen Zeitspanne ist wieder eine Reihe von Mord- und Schandthaten zu verzeichnen, und die Negie­rungen find gezwungen, alles Ernstes zu erwägen, was gegenüber diesen früher unerhörten, fast syste­matisch in's Werk gesetzten Frevelthaten zu thun ist. Wir tadeln gewiß keineswegs die Ausnahme- Maßregeln, welche die österreichische Regierung er­greifen zu müssen geglaubt hat, wir sind sogar überzeugt, daß auch in anderen Staaten in nicht allzu langer Zeit die Verhältnisse dazu zwingen werden, ungewöhnlichen Ereignissen auch mit unge­wöhnlichen Mitteln entgegenzutreten. Es ist aber tief zu beklagen, daß erst Erfahrungen von solcher Schreck­lichkeit die maßgebenden und herrschenden Kreise auf ein Nebel aufmerksam machen müssen, welches schon lange das moderne Volksleben vergiftet und verzehrt.

„Die Gesellschaft hat mich zum Mörder ge- macht!" So sprach der Mörder von Florisdorf, als ihn der Untersuchungsrichter über den Beweg­grund seiner meuchelmörderischen That erforschte. Dieses verwegene Geständniß enthält eine schwere Anklage gegen die Lehren des gottesleugnerischen Materialismus und der sogenannten modernen Auf- klärung, wie sie auch von den deutschen Urschlamm­forschern und Affentheoretikern, den „Kraft- und Stoff-Philosophen" auf den Lehrstühlen der Uni­versität und in Versammlungen, wie in Büchern und Broschüren gepredigt wird. Die Leute, welche ohne rechte wissenschaftliche Forschung aus purer Exzentrizität, und um nur einen Gegensatz zu dem „dummen gläubigen Haufen" zu bilden, für diese materialistische Weltanschauung schwärmen oder zu schwärmen vorgeben, sind sich meistens gar nicht klar darüber, welche schauerlichen Konsequenzen der Materialismus nach sich ziehen muß, wenn er nicht auf halbem Wege stehen bleiben oder sich selbst in's Gesicht schlagen will. Der moderne Materialismus leugnet Schöpfung und Gottheit, er leugnet die Existenz jedes immateriellen geistigen Wesens. Die

| Faktoren, mit denen er rechnet, sind „Kraft" und „Stoff". Ideen und Gedanken hält er nur für Phosphoresziren oder für ein Exanthem, einen Ausschlag der Gehirnmaffe. Daß damit noth- wendiger Weise die Existenz eines freien mensch­lichen Willens von selbst hinwegfällt, ist klar. „Der Mensch", so heißt es, „ist ein Naturprodukt, seinem körperlichen wie seinem geistigen Wesen nach. Daher braucht nicht nur bloß das, was er ist, sondern auch das, was er thut, will, em­pfindet und denkt, auch eben solche Namrnoth- wendigkeiten, wie der ganze Bau der Welt". „Ein freier Wille, eine Willensthat, die unab­hängig wäre von der Stimme der Einflüsse, die in jedem einzelnen Augenblicke den Menschen be­stimmen und auch dem Mächtigsten seine Schran­ken setzen, besteht nicht". (!!) „Der Mensch ist, was er ißt". So lehrt der von unseren „Auf­geklärten" vergötterte Moleschott. „Was der Mensch denkt und thut, ist das nothwendige Produkt angeborener Anlagen in Verbindung mit Erzieh­ung, Stand, Vermögen, Nationalität, Klima, Zeit­umständen". „Tugend und Laster, Liebe und Haß, Muth und Feigheit, Wohlthaten und Ver­brechen sind die nothwendigen Folgen der Ver­hältnisse und der durch äußere Einwirkungen be­dingten Zustände des Gehirns", predigten unsere Ge­lehrten desUnglaubens, und sie sa, en auch: „Die größte Mehrzahl allerVerbrechen gegen Staatund Gesellschaft entspringt nachweisbar aus Affekt oder Unkenntniß als Ausfluß mangelhafter Bildung. Der Gebildete, findet Mittel und Wege, um irgend einem ihm uner­träglichen Verhältnisse zu begegnen, der Ungebil­dete weiß sich nicht anders als durch ein Ver­brechen zu helfen, er ist ein Opfer seiner Verhältnisse. Mangel an Verstand, Armuth und Mangel an Bild­ung sind die drei großen Verbrechen zeugenden Fak­toren. Verbrecher sind meistens weit mehr Unglück­liche als Verabscheuungswürdige. Darum thäten wir besser, Niemanden zu richten und zu verdammen. Das, was wir freien Willen nennen, ist nun einmal nichts Anderes, als das Resultat der stärksten Motive."

So lehren Feuerbach, Büchner und ihre Nach­beter, welche alle ihre Kraft daran setzen, dem Volke, und namentlich den sog. „Gebildeten" und |

der studirenden Jugend das Christenthum aus dem Herzen zu reißen und ihnen an Stelle des demü- thiqen Glaubens an Gott, Gewissen und ewige Vergeltung jene frivole öde und trostlose Weltan­schauung einzupflanzen, welche trotz aller Selbst­beschwichtigung und aller exakten Wissenschaft de» bohrenden Wurni des Gewissens höchstens zeit­weilig einschläfern, aber niemals ganz ertödten kann.

„Die Gesellschaft hat mich zum Mörder gemacht", dieses Wort ist bezeichnend für die Folgerungen des grausamen Systems. Nicht der Mensch ist für seine Handlungen verantwortlich, sondern die Natur, die ihn grade so und nicht anders veranlagt hat, die Umstände, welche ihn mit Naturnothwendigkeit so und nicht anders zu han­deln zwangen, die Gesellschaft, deren Verhält­nisse ihn mit Naturnothwendigkeit zum Verbrecher machten. In materialistischen und sozialdemokra­tischen Schriften kann man solche und ähnliche Theo­rien verzeichnet finden, und heute werden diese die öffentliche Sicherheit bedrohenden Lehren be­reits mit einer gräßlichen Lust von dem glaubens« und zuchtlosen Haufen aufgegriffen und gelegent­lich in die That übersetzt.

Wenn irgend eine Idee, eine Lehre, eine Wissen­schaft staatsgefährlich ist, so ist es der mo­derne Materialismus in seinen verschiedenen For­men. Wer die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen leugnet, erklärt gleichzeitig jede Justiz und jede Strafrechtspflege für einen Unsinn und eine Ungerechtigkeit. Oder kann ein Richter, wenn er jener Weltanschauung huldigt, konsequenter Weise einen Mörder, einen Dieb, einen Schandbuben zur Strafe verur- theilen? Dieser ist ja nicht verantwortlich für seine Handlungen, er konnte nicht anders. Es ist ein wahres Wort des Pfälzer Dichters Schaufelt: „Verbrecher find die, die in Versuchung führen, Verbrecher zu werden." Eine Gesellschaft, die den Unglauben und die Gottlosigkeit auf ihre Fahne geschrieben, macht die Menschen zu einer Heerde wilder Thiere, zu Räubern und Mördern. Und in diesem Sinne hat der Florisdorfer Mör­der nicht mit Unrecht gesagt: „Die Gesellschaft hat mich zum Mörder gemacht!"

Mütterliche Eifersucht.

Nach dem Französischen des Eugen Müller frei bearbeitet.

Dann ging sie auf das andere Ende des Saales zu, um möglichst weit von Heinrich entfernt zu sitzen.....

Nach dem Abendessen ging Marie hinaus auf den Hof.

Der Himmel war dicht bewölkt, so daß man auf zwei Schritte Niemanden erkennen konnte.

„Bist Du es?" frug Heinrich, als er eine dunkle Gestalt wahrnahm, welche sich an den Brunnen­vorsprung lehnte.

„Ja, ich bin es," entgegnete eine zarte Stimme, und die Gestalt erhob sich aus dem Dunkel und schritt ihm entgegen.

„Marie," fuhr der junge Mann fort, „höre mich aufmerksam an; was ich Dir zu sagen habe, ist wichtig, sehr wichtig."

„Nun denn, ich werde gut aufpassen."

„Sag' mir ganz freimütbig, so freimüthig, wie ich mit Dir spreche, glaubst Du nach unserer zwei­tägigen Bekanntschaft mir bezeugen zu können, daß ich brav und ehrlich bin?"

„Ich schwöre darauf, bei meinem Seelenheile."

„Und ich bin bereit, für Dich durch's Feuer zu gehen," rief der junge Mann stürmifch, indem er die Hand des Mädchens ergriff.

Sie zog dieselbe langsam zurück und sagte: „Dann bist Du anderer Gesinnung wie Deine Mutter."

„Mein Gott, lassen wir doch meine Mutter aus dem Spiele, wenigstens jetzt, wo es sich blos da­rum handelt, was ich von Dir denke. Es kommt ja nicht auf meine Mutter an, sondern auf mich. Sieh, ich weiß mich häufig nicht gut auszudrücken, aber ich sage es grab heraus, wie ich es meine. Du wirst mir hoffentlich meine Freimüthigkeit nicht übel nehmen".

„Nicht so laut," unterbrach ihn das Mädchen, „ist es nicht, als ob dort Jemand vorbeigegangen wäre?"

„Nein, antwortete Heinrich", der beständig seine Augen auf die Hofthüre gerichtet hatte, um jeden Heraustretenden sofort zu bemerken, „der Wind wird einige Blätter aufgejagt haben".

„Was wolltest Du denn sagen?"

„Daß ich fest auf Dich vertraue und Dich herzlich lieb habe. Wenn je das Herz eines jungen Mannes für ein Mädchen große Liebe fühlte, so ist es das meine, und dies Mädchen bist Du. Ich sage das ohne viel schöne Worte; wenn ich auch alt genug bin, so habe ich doch keine Erfahrung darin, wie man solche Reden anzustellen hat. Wahrhaftig, es ist das erste Mal, daß ich ein Mä chen liebe ..."

„Das erste Mal?" wiederholte sie langsam, mit tiefbewegter Stimme.

„Ja, das erste Mal. Gott strafe mich, wenn ich lüge".

„Still, still, ich hätte Dir auch auf die einfache Versicherung hin geglaubt!"

„O, bitte, sag mir nun, ob Du meine Lieb erwidern kannst, dann wäre ich so glücklich!"

„Aber Deine Mutter, was würde die sagen? Was mich betrifft, so würde ich gerne Deine Liebe erwidern . . . aber mich zwischen Dich und das Herz Deiner Mutter stellen, beim Himmel, nein, das kann nicht, das darf nicht . . ."

„Nun denn", fuhr der junge Mann fort, „so verspreche Du mir wenigstens", . . . aber er vol­lendete seine Worte nicht.

„Heinrich, bist Du das?" frug eine Stimme in der Nähe, und zwar in solcher Aufregung, daß der junge Mann Mühe hatte, sie zu erkennen.

„Ja Mutter", antwortete er zögernd, „ich bin es".

„Aber, Du bist nicht allein".

„Nein, ich bin nicht allein und ich denke, daß Du weißt, wer noch mehr hier ist".

„Leider Gottes, kann ich es mir denken", seufte die Mutter.

„Urtheile nicht so, Mutter, Du hast gar keine Ursache dazu. Ich sage Dir, daß dieses Mädchen ..."

„Ehrbar ist, nicht wahr? Ein Mädchen, welches in der Nacht allein mit einem jungen Mann zu­sammenkommt, soll ehrbar sein?"

„Diese Zusammenkunft", bemerkte Heinrich naiv, habe ich selbst veranlaßt."

„Schöner Grund!" — rief die Mutter verächt­lich lächelnd.

„Das fehlte noch, daß der Vorschlag von ihr ausgegangen wäre. Allerdings würde mich das