Dienstag, den 12. Februar
Fuldaer ffiS Zeitung.
1884.
,Fulde«r Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen" in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
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O. Das Uebermaff im Genuß geistiger Getränke.
Als vor einer Woche im preußischen Abgeordnetenhause bei der Berathung des Kultusetats, Kapitel Universitäten, die in studentischen Kreisen immer mehr in Schwung kommende Uebertrei- bung im Genüsse geistiger Getränke zur Sprache gekommen war, und gleichzeitig der auch außerhalb des Universitätslebens im deutschen Bürgerthum nicht minder stark grassirende übertriebene Bierkultus eine geeignete Beleuchtung fand, da haben wohl Manche hinter dem Biertisch und auch daheim beim Durchlesen des Parlamentsberichtes mehr oder weniger laut gemurrt und vielleicht sogar gewitzelt über die „Stoffverächter" und „Mäßigkeitsapostel", welche dem Bürger, wie dem Studenten nicht einmal die paar Seidel Bier gönnten, die sie täglich zu ihrer Erfrischung „hinter die Binde schütten". Diese Kritiker und Selbstvertheidiger würden bei einigem Verständniß und gutem Willen sehr wohl begriffen haben, daß cs keinem Redner im preußischen Landtage eingefallen ist, gege>. den Biergenuß überhaupt eine Lanze zu brechen. Es handelte sich vielmehr — und das ist wohl festzuhalten — um das „zu viel" und „zu oft", um das Uekermaß des Genusses.
Wenn sowohl von einen: rheinischen, wie von einem Berliner Blatte in mehr humoristischer Form gemeldet wird, daß an den kritischen Tagen, wo die Zeitungen über die Bier- und Frühschoppen- Debatten berichteten, eigenlhümlicher Weise in zahlreichen Häusern die Blätter „verlegt" wurden und verloren gegangen seien, und daß viele Hausfrauen, geborene Feindinnen des Frühschoppens und einiger anderer Dinge, aus purster Neugier nun erst recht das so ängstlich verborgene Blatt sich zu verschaffen gewußt und bis auf das letzte Wort durchstudirt hätten, — so ist das eben nur ein Witz und darf nur als solcher aufgefaßt werden. Jedenfalls aber charakterisirt diese Darstellung sehr treffend die Intentionen der in Rede stehenden Kreise. Diejenigen Leute, welche sich durch die Frühschoppen« und Kneiperei-Verhandlungen getroffen fühlen, vermeiden im Allgemeinen ängstlich, mit Anderen als Gleichgesinnten über das Thema zu reden, und im Kreise der Gleichgesinnten wissen sie auch höchstens durch einige fade Bierwitze auf Unkosten der geschätzten Landtagsredner oder der sog. Temperenzler ihrer Opposition Ausdruck zu geben.
Und trotz aller Beschönigungsversuche handelt es sich gerade in diesem Punkte um einen schlimmen Krebsschaden unseres nationalen Lebens, einen Schaden, der in den in Berlin berührten übertriebenen Studentenkneipereien nur seine ersten, aber deshalb um so verderblicheren Anfänge ausweist. Der Alkoholismus, der übermäßige Genuß geistiger Getränke, ist ein häßlicher, entstellender Flecken in unserem deutschen Universitätslebcn sowohl wie im großen bürgerlichen Leben, und wenn man mit Recht sagt, daß die Lust am Trinken nicht von den Jungen auf die Alten, sondern von den Alten ans die Jungen übergegangen ist, so müssen naturgemäß auch die Alten den löblichen Anfang zur Besserung niachen. Oder ist es nicht in erster Linie und zunächst die R e n o m m a g e, die Sucht, es den älteren Leuten gleich- oder gar zu- vorzuthun, welche heutzutage selbst schon vor den goldenen Tagen der akademischen Freiheit die studirende Jugend, die kaum dem Knabenalter entwachsen ist, zu Saufgelagen und Kneipereien treibt, welche dann natürlich bei der mangelnden Widerstandsfähigkeit des unentwickelten Körpers nur zu oft das jämmerlichste aller Gefühle, das „graue Elend", zur Folge haben? In einigen Städten sind, Dank der rastlosen Bemühungen der An
staltsleiter und der Lehrer, die Verhältnisse bei den Schülern der höheren Lehranstalten viel besser geworden, aber dennoch ist noch vieles faul im Staate Dänemark. Es gab eine Zeit, und die liegt noch nicht gar so weit hinter uns, da war der Wirthshausbesuch für Gymnasialschüler, selbst für Primaner, überhaupt etwas ganz Unerhörtes, man durfte höchstens in Begleitung der Eltern an öffentliche Belustigungs-Orte gehen, und jede, auch die geringste Uebertrelung des Wirthshausverbotes wurde streng geahndet. Es mag seine volle Berechtigung haben, wenn für die gesetzteren Schüler der höchsten Klassen, den heutigen Verhältnissen entsprechend, eine mildere Praxis und Auffassung Platz gegriffen hat. Auch ist es ein probates Mittel gegen das Verbindungsunwesen an Gymnasien und Realschulen, wenn man den auf bestimmte Häuser, Tage und Stunden beschränkten Wirthshausbesuch für ein Vorrecht der Primaner erklärt, und so die ganze Trinkerei ihrer Heimlichkeit und damit ihres Reizes entkleidet. Im Allgemeinen kann man aber behaupten, daß gerade die gesteigerten Bedürfnisse und die meist vomEl- ternHouse her begünstigten vielfachen Genüsse und Zerstreuungen eine Hauptursache der leidigen Klagen über Arbeitsüberbürdung der studirenden Jugend ausmachen. Und wie an vielen höheren Lehranstalten im Kleinen, so geht's auf der Universität im Großen. Vor lauter abendlichen Kneipen und darauf folgenden Frühschoppen und nachmittägigen Spritztouren weiß der Student schließlich beim besten Willen für den Kollegienbesuch und das Studium kaum ein paar Stunden am Tage zusammen- zufinden. Daß diese Art des Studiums nicht die richtige ist, muß jeder studirte Mann zugeben, wenn er auf die Jahre seiner akademischen Jugend zurückblickt. Darum braucht man aber keineswegs ein Duckmäuser und sogen. Ochsbruder zu sein. Tas Studentenleben soll ja auch nicht bloß dem Studium und dem Kollegenbesuch gewidmet sein. Der vom Gymnasium kommende junge Mann soll auf der Universität durch Umgang und Gedankenaustausch mit Altersgenossen seinen Jdeenkreis erweitern, soll sich im Genüsse der akademischen Freiheit für die kommende Schule des Lebens ausbilden, er soll für Ideale schwärmen und sein Ge- müth wie seinen Charakter in jeder Weise zu veredeln suchen. Es gibt wenige akademisch Gebildete, die nicht mit einem gewissen Entzücken an die Studentenzeit, an die alma mater zurückdenken und in den tausenden kleinen Erinnerungen auch im später» Alter noch schwelgen können. Unter diesen schönen Erinnerungen nehmen die Kneipabende und Kommerse gewiß nicht den letzten Platz ein, aber dennoch ist soviel gewiß, daß nur die dort herrschende Gemüthlichkeit und Geselligkeit, das sorglos heitere Vergnügen, nicht aber die etwaigen Brummschädel, Affen und Kater verschiedener Gattungen und Dimensionen ein angenehmes, freundliches Bild in der Erinnerung behalten haben. Dies gilt, wie vom Studenten- leben, so auch vom bürgerlichen Leben. Selbst diejenigen, welche die bösen Folgen des übertriebenen Genusses geistiger Getränke nicht mehr so unmittelbar und vollständig verspüren, wie Andere, büßen, abgesehen von dem großen Zeitverlust, auch an Arbeitslust und Schaffenskraft unendlich viel ein.
In einer der letzten Nummern macht die .Frankfurter Zeitung" nachstehende Bemerkungen zu dem Thema der übermäßigen Trinkerei in Deutschland. Wir geben dieselbe als passendes Schlußwort im Wesentlichen wieder:
„Noch machen sich die traurigen Folgen dieses- Uebels bei uns verhältnißmäßig wenig bemerkbar. Aber wer Augen hat zu sehen, der wird täglich Beobachtungen in dieser Beziehung machen können, und so mangelhaft unsere
statistischen Quellen sind, so geht aus denselben doch mi aller Bestimmtheit hervor, daß an der Füllung der Kranken- und Irrenhäuser, an der größeren Sterblichkeit und Degeneration, an der Zerrüttung des Familienlebens, an der Vermehrung der Verbrechen, der Sittenlosigkeit, an Ignoranz und Armuth die Trunksucht einen großen, wenn nicht den bedeutendsten Antheil hat Sieht man ganz von den physischen, geistigen und sittlichen Folgen dieses Lasters ab, welche verheerenden Wirkungen übt dasselbe allein in ökonomischer Hinsicht aus! Speziell in den ärmeren Volkskreisen, in gewissen Bezirken unseres Vaterlandes, welche Verwüstungen richtet da der Alkoholismus in seiner verwerflichsten Form, die Branntweinpest an! „Rur wenige Staaten weisen", wie der Sanitätsrath Baer in seiner Schrift über die Trunksucht und ihre Bekämpfung bemerkt, „einen größeren Branntweinkonsum auf als Norddeutschland; es wird um ein Geringes nur von Schweden, um ein Beträchtliches nur von Rußland und Dänemark übertroffen, dahingegen haben die meisten Kulturländer einen geringeren, viel geringeren Konsum, und doch sind unter diesen bereits manche schon als solche verschrieen, in denen die Trunksucht ein tief eingewurzeltes, weit verbreitetes Volkslaster ausmacht (Holland, Belgien, England, Norwegen)". Nach den amtlichen — übrigens viel zu niedrigen — Angaben des k. statistischen Amts betrug der Konsum im Durchschnitt in Litern (Branntwein ä 50 pCt.) pro Kopf der Bevölkerung in Norddeutschland 1872—1879/80: Branntwein 10.4, Bier 88.5, Wein 2.23. Phil. Gerstfeldt berechnet den Branntweinkonsum im Reichssteuergebiet auf 12.0, Löwenherz auf 16.2, Große auf 17 Liter pro Kopf. Oberbürgermeister Brüning von Osnabrück gibt den Branntweinverbrauch (261 Mill. Liter) in Preußen im Jahre 1881/82 auf rund 261 Millionen Mark oder nach der Schätzung der preußischen Regierung auf 221 Mill. Mk. an. Die Ausgaben für Wein (Gesammtver- brauch jährlich 61 Mill. Liter) betrugen 73 Mill, und die für Bier (Gesammtkonsum rund 2291 Rill. Liter) 573 Mill. Mk. Die Ausgaben für den Bier-, Wein- und Branntweinverzehr betragen demnach in Preußen zusammen rund 867,000,000 Mark, machen also mehr als das Doppelte derjenigen Summe aus, welche in Preußen ini Ganzen an Staats- und Reichssteuern (468 Mill. Mk.) gezahlt werden. Und in den übrigen deutschen Staaten ist es im Verhältnisse nicht viel anders, wobei noch zu beachten ist, daß die amtlichen Angaben in der Regel eher zu niedrig als zu hoch gegriffen sind. Diese kolossalen Zahlen redenJür sich allein Bücher. Man braucht noch lange kein amerikanischer Mäßigkeitsapostel oder „Teato- taler" zu sein, man kann zugeben, daß die geistigen Getränke bei fast allen Völkern ein hauptsächliches Genußmittel immer waren, sind und sein werden, und man muß doch anerkennen, daß diese Ziffern etwas zu viel des Guten sind, daß sie eine direkte und indirekte Schädigung des Nationalvermögens, eine Gefährdung der physischen und intellektuellen Volkskraft bedeuten, die zu den schwersten Bedenken Anlaß gibt".
Deutsches Reich.
Berlin, 11. Februar.
* Im Lause der beginnenden Woche werden die Ausschußfitzungen des Bundesraths über die Aktiengesetznovelle beginnen. Unmittelbar darauf, wenn nicht gar gleichzeitig, sollen die Aus- schußberathungen über das Arbeiter-Unfallversicherungsgesetz beginnen. Im Reichsamt des Innern hat man sich unabhängig von den bekannten Grundzügen mit der vollständigen Aufstellung des paragraphirten Entwurfs beschäftigt und diesen soweit fertig gestellt, daß er gleichfalls dem Bundesrath demnächst zugehen kann. — Bezüglich des Tarazuschlags für Wein und Petroleum hat der Bundesrath die merkwürdige Entscheidung getroffen, daß bei der Einfuhr von Wein so wie von Petroleum in zum Transport dieser Flüssigkeiten eigens eingerichteten Fahrzeugen ohne anderweitige unmittelbare Umschließung das zollpflichtige Gewicht in der Weife zu ermitteln sei, daß zu dem Eigengewichte der Flüssigkeit bei Wein 17 pCt., bei Petroleuin 25 pCt. dieses Gewichts zugeschlagen werden. Durch diese Beschlußfassung wurde die Eingabe der Handelskammer zu Thorn vom 2. Januar betreffend das zollpflichtige Gewicht von Petroleum bei der Einfuhr in Cylinderwagen für erledigt erachtet. Nicht genug also, daß die Tara als Waare versteuert werden muß, wo keine Tara vorhanden ist, wird obendrein eine solche fingirt