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Donnerstag, den 7. Februar

1884

Fuldaer Zeitung.

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G Die Verhältnisse in Oberegypten und die Mission Gordons.

Wie bekannt, haben die Egypter eben so plötz­lich als vollständig ihren Besitzstand und ihren Einfluß in den weiten Gebietsstrecken des oberen Nil eingebüßt. Die verhängnißvolle Schlacht bei El Obeid, welche mit der gänzlichen Vernichtung des egyptischen Heeres endigte, so zwar, daß nicht einmal einzelne Reiter aus der Schlacht entkom­men stnd, hat mit einem Schlage ein Ländergebiet, größer als Deutschland, der egyptischen Herrschaft entrissen und dem Mahdi, dem mächtigen falschen Propheten botmäßig gemacht. England war zwar gleich bei der Hand die Verantwortung für diese folgenschwere Niederlage der egyptischen Regierung und der abenteuerlichen Heeresleitung aufzubür­den, welche ohne einen recht durchdachten Plan und ohne jeden schützenden Rückhalt den Krieg auf freie Faust geführt und alles auf eine Karte ge­setzt hatte. Jedoch kann England der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß es die Pläne Egyptens ge­billigt und daß sogar die Leitung des Zuges nach dem Sudan in englischen Händen gelegen hat. So ist es denn für England zwar bitter, aber doch nicht min­der wahr, daß der Sieg des Mahdi nicht nur für Egypten, sondern auch in zweiter Linie für England eine empfindliche Niederlage bedeutet. England trägt auch, von dem einen speziellen Falle abgesehen, an der ganzen verwickelten und bedauerlichen Lage Egyptens die Hauptschuld. Nie hätte unter den ftüheren Verhältnissen, als noch eine wirkliche Cen­tralgewalt in Kairo straff alle Fäden der Regie­rung zusammenhielt, im Sudan ein solcher Aufruhr sich Bahn zu brechen vermocht. England hat sich durch sein eigenmächtiges Eingreifen in die egyp­tischen Angelegenheiten eine schwere Verantwortung aufgeladen, sowohl sich selbst als auch der gesamm- ten europäischen Civilisation gegenüber. Die Fol­gen des religiösen Ausstandes im Sudan sind von unberechenbarer Tragweite. Ein Kenner der Ver­hältnisse in Egypten und speziell im Sudan schreibt darüber: Eine Bewegung, hervorgegangen aus dem Bedürfniß des Widerstandes gegen die Bevormun­dung des Islam durch die christlichen Mächte, ent­spricht in den weitesten Gebieten den Wünschen der Massen, sie muß, wenn nicht zeitig gehemmt, Alles mit sich fortreißen, ohne Unterschied der Sprache und Abstammung.

Diese Auffassung, welche in den Vorgängen im Sudan die drohende Gefahr einer gesammten moha- medanischen Erhebung erblickt, erscheint demjenigen, welcher die Ereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, keineswegs übertrieben. Arabi, der im Sudan aufgestandene Prophet, erregt in den entferntesten Ländern des Islam die größte Sympathie und hat bereits Aller Blicke auf sich gelenkt. Der Mahdi erscheint dem Islam als der Träger eines großen Gedankens, er kämpft gegen Egypter, Türken und Christen, die alle in der Vorstellung der „wahren Gläubigen" als Abtrünnige gelten, und in dieser Konsequenz der ganzen Bewegung erblickt der Js- Jam den Beweis für die göttliche Sendung.

England hätte dieser drohenden Gefahr einer Ge- sammterhebung der mohamedanischen Welt noch vor einem Jahre durch Entsendung von einigen indischen Kavallerie-Regimentern steuern können. Aber nicht einmal nach der schrecklichen Niederlage bei El Obeid hat England sich zu einem entschei­denden Schritte aufraffen können. Im Gegentheile ist das Londoner Kabinet so weit gegangen, die »gyptische Regierung in aller Form zur Verzicht- leistung auf jede Gegenwehr zu zwingen, ihr die Räumung des Sudan, also die endgültige Preis- gebung des früheren Besitzstandes aufzugeben. Alle die Errungenschaften der Civilisation, welche im

Laufe eines halben Jahrhunderts erzielt wurden, und worunter die Unterdrückung des Sklavenhan­dels die allerwichtigste war, sollen also wieder der rohen Barbarei preisgegeben werden. Die öffent­liche Meinung in Europa hat sich mit aller Kraft gegen diesen Plan aufgebäumt, und endlich, in letzter Stunde, will England durch Entsendung des Generals Gordon wenigstens einen, wenn auch sehr gewagten und vielleicht unnützen Schritt zur Erhaltung des Sudan, oder wenigstens eines Theiles desselben unternehmen.

General Gordon ist ein Mann von einer ruhm­reichen militärischen Vergangenheit; er hat am Krimkriege und an der Expedition gegen China theilgenommen, schlug später als Oberbefehlshaber des kaiserlich chinesischen Heeres den Aufstand der TaipingS nieder, ging dann nach Afrika, durch­forschte Centralafrika, wurde Pascha und General­gouverneur der Provinzen am oberen Nil, bekämpfte den Sklavenhandel und eroberte die Provinz Dafür. Im Jahre 1877 suchte er als Generalgouverneur des Sudan dort mit aller Energie den Sklaven­handel zu unterdrücken, kehrte aber wegen unzu- reichender Truppenmacht nach Kairo und dann nach London zurück. Dieser Mann hätte noch vor einem Jahre an der Spitze eines entsprechenden Heeres der dräuenden Bewegung die Spitze bieten und die Niederlage von El Obeid verhindern kön­nen. Heute sind die Verhältnisse die denkbar schwie­rigsten, und dabei hat General Gordon ohne Trup­pen, ganz allein mit einer kleinen Begleitung den gewagten Weg nach dem Sudan angetreten. Ob das Erscheinen des tapferen Generals eine Bes­serung der Lage in Oberegypten im Gefolge haben wird? Vor der Hand zweifeln wir sehr daran. Denn wir wüßten keinen Grund, warum General Gordon ohne englische Truppen mehr ausrichten sollte, als bisher Baker Pascha. Es wird ihm zu einer erfolgreichen Kriegführung an denselben Dingen fehlen, welche Baker abgingen. Vor allem fehlen an Ort und Stelle Truppen, dann Offiziere, nicht minder Lebens- und Transportmittel. Es mangelt aber auch das gegenseitige Vertrauen zwischen den Führern und den Truppen, sodaß es doppelt schwierig sein wird, ein brauchbares Heer aufzubringen. Unterdessen macht der Aufstand reißende Fortschritte, alle Verbindung zwischen den wenigen noch besetzten festen Punkten ist abge­schnitten, eine gegenseitige Unterstützung bei der eigenen Schwäche und angesichts der feindlichen Ueberlegenheit ausgeschlossen.

Aber General Gordon scheint auch seltsamer Weise in ersterLinie keine eigentliche militärische Mis­sion zu haben. Bevor das handelsmächtige Eng­land sich dazu entschließen kann, seine Truppen gegen den Mahdi auszubieten, macht es mit einer Offenheit, die nichts zu wünschen übrig läßt, den Versuch, sich mit goldenem Schlüssel den Sudan zu öffnen. Der Versuch ist bezeichnend für die meerbeherrschende Weltmacht, der n Achillesferse in dem Mißverhältniß beruht, welches zwischen der weltumspannenden Kette seiner Kolonien und seiner schwachen militärischen Centralgewalt besteht, bezeich­nend für das bequeme Handelsvolk, welches, wie einst Phönizier und Karthager, sich nicht zu einer allgemeinen Wehrpflicht seiner Söhne versteht.

Statt an der Spitze einer Armee, zieht General Gordon ohne militärische Bedeckung, begleitet von Lieutenant Stewart und dem neuen Sultan von Dafür den Nil hinauf, um die Macht des Mahdi zu zerschmelzen, wie Schnee an der Sonne. Baker Pascha ist es bereits gelungen, den zahlreichen Stamm der Bischarin, der Gordon auf seinem be- schwerlichen Wege von Korosko durch die nubische Wüste nach Abu Hammed am Nil gute Dienste leisten kann, friedlich zu stimmen. Aber General

Gordon macht kein Hehl daraus, daß trübeMhn- ungen ihn beschleichen. Möchte es ihm nicht ergehen, wie dem unglücklichen Professor Pal­mer, der während des arabischen Ausstandes bei den Beduinen Kameele kaufen sollte, aber von den Wüstensöhnen erschlagen wurde! Gordon rech­net auf die ehemalige Freundschaft verschiedener Anführer von Araber« und Negerstämmen, und hofft durch Unterhandlungen und durch Bestech­ungen dem Mahdi seine Verbündeten abspenstig zu machen, ja vielleicht den Mahdi selbst zu einem Abkommen zu bewegen. Sollten alle diese Ver­suche mißglücken, dann endlich wird England viel­leicht eine ernsthafte militärische Aktion vornehmen wollen. Aber dann möchte es wohl zu spät sein. Unterdessen wird die Lage von Khartum immer bedenklicher, und es ist nicht ausgeschlossen, daß der Mahdi schließlich auch noch bis Berber und noch weiter vorrückt. Eben werden Weiber und Kinder aus Khartum auf Booten nach Berber geflüchtet, Khartum wird preisgegeben, eben meldet Baker Pascha eine neue schwere Niederlage der egyp­tischen Truppen, und so fällt eine Position nach der anderen. Ohne ein energisches militärisches Eingreifen Englands wird die Ruhe in Afrika so bald nicht wieder hergestellt werden können. (Vgl. die neuesten Meldungen)

Deutsches Reich.

Fulda, 7. Februar.

Die gestern nach einem Telegramm des .Ber­liner Tageblatt' erwähnte „Anspielung" des.Mo­niteur de Rome' liegt uns nunmehr im Original vor. In der Nummer von Montag-Dienstag ist ein Leit­artikel über „die religiöse Lage in Preußen" enthalten, worin ausgeführt wird, daß man sich wirklich in Verlegenheit befinde, nach den vorliegenden Er­klärungen des Kultusministers die momentane Stel­lung der Regierung genau und bestimmt zu befiniren. Der .Moniteur' schließt aus dieser Unbestimmtheit der Haltung auf ein bestimmtes aktuelles Hinderniß der Entscheidung. Sodann heißt es: „Um unsere volle Meinung zu sagen, so glauben wir, daß die Regierung vor ihrer be­stimmten Erklärung die Ergebnisse einer Prüfung abwartet, welche im gegenwärtigen Augenblicke über einen fundamentalen Punkt des kirchlichen Konfliktes veranstaltet wird. Man wird die Gründe verstehen, derentwegen wir auf diesen Punkt nicht weiter eingehen können".

* Zu dem Gerücht über die Ausarbeitung der Denkschrift über die Erziehung des Klerus schreibt die.Kreuzztg.':

Man hat hier wohl eine neue Version vor sich für die bisher mehrfach kolportirte Nachricht von einer demnächst zu erwartenden kirchenpolitischen Vorlage; eine Nachricht, welche lediglich auf die Thatsache bafirt wurde, daß der Geheimrath Bartsch von seinen ordentlichen Decernats- arbeiten im Kultusministerium längere Zeit dispensirt war, wobei es sich nach unseren Informationen um die Bear­beitung einer wissenschaftlichen Aufgabe gehandelt hat.

Die „wissenschaftliche Aufgabe" soll eben nach dem Gerüchte im Abgeordnetenhause nichts anders sein, als die Ausarbeitung der in Rede stehenden Denkschrift. Mit den chronischen „Nachrichten" über eine kirchenpolitische Vorlage ist diese Ange­legenheit unseres Wissens nicht in Zusammenhang gebracht worden. Wie der ,Germ.' erzählt wird, soll Herr Barlsch, welcher, nebenbei bemerkt, bis­her zu den lebhaftesten Vertretern der Falk'schen Politik gezählt wurde, seine Arbeit bereits vor einigen Wochen beendet haben.

• Die Diözese Ermland zählt Anfangs d. I. 274 Priester, von denen in diesen Tagen zwei, die Pfarrer Wichert von Kalkstein und Kar- baum von Gr. Bößau gestorben sind. Von den Pfarrstellen der Diözese sind nunmehr 33 vakant.