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parlamentarisches.

Berlin, Montag, 4. Februar.

Jin Abgkordnctrnhausc wurde die Berathnng des KultusetatS bei dem Kapitel der Universitäten fortgesetzt, für welche, obgleich im Etat zahlreiche Mehr­forderungen gegen das Vorjahr enthalten sind, doch noch «ine Menge Spezialwünsche im Hause laut wurden.

Die Interessen von Breslau wurden durch ben Abg. Dr. Kropatscheck vertreten, die von Halle durch den Abg. Huyssen, für Marburg sprachen die Abgeordneten Schreiber, Dr. Enneccerus, Schmidt (Stettin), Bierling und Dr. Windthorst.

Bei dem Zuschuß für Bonn erregte die Stellung des dortigen Kurators der Universität eine Debatte, in welcher von den Abgeordneten des Centrums verlangt wurde, die­ser Beamte solle die Professoren veranlassen, sich von der Mitgliedschaft am Deutschen Verein fernzuhalten.

Als Gegner dieser Forderung sprachen die Abgeordneten Dr. v. Guiit), Dr. Virchow und Dr. Ennercerus, auch der Herr Minister vertheidigte die Thätigkeit seines Ressort-Beamten. Die Vertheidigung der Zwecke und Ziele des „Deutschen Vereins" („Konitzer Verein") übernahm natürlich Abg.v. Eynern. Der Abg. Dr. Frhr. v. Schor­le mer-Alst nannte dagegen die Sympathie für den „Deutschen Verein" eine unglückliche Liebe.

Eine längere Debatte erhob sich bei dem Zuschuß für die philosophische Akademie in Münster, deren philosophische Professoren Abg. Schorlemer wegen ihrer antichristlichen Lehren scharf angriff. Gegenüber der Philosophie des Unglaubens, welche jetzt in Münster gelehrt würde, müßte derKirche wieder die Freiheit gegeben werden, ihre eigenen Er­ziehungsanstalten für ihre Geistlichen zu grüridcn. Nur so werde der Kirche der Kampf für den Wahlspruch mög­lich sein: Stat crux, dum volvitur orbis. Unterstützt wurde dieser Redner durch Abg. Dr. Windthorst, der ebenfalls namentlich die Philosophie des Professors Spieker angriff und die Entfernung desselben und vielleicht eine Versetzung nach Halle forderte.

Der Herr Kultusminister glaubte, der Kulturkampf sei allein für den Rückgang der Zahl der Theologie-Studiren- den nicht verantwortlich zu machen, der Rückgang sei auch in andern Ländern, wo gar kein Kulturkampf herrscht, zu verzeichnen. Den katholischen Charakter der Akademie in Münster hielt er durch die Besetzung der Prosessuren voll­auf gewahrt, es seien zwölf Katholiken und nur sechs Protestanten angestellt

Abg. Dr. Virchow vertheidigte in längerer Rede die Philosophie deS Professors Spieker in Münster, gestatte man nicht eine solche philosophische Lehrfreiheit, so hebe man lieber den philosophischen Lehrstuhl in Münster ganz auf und mache ihn zu einem dogmatisch-theologischen.

Abg. Freiherr v. Schor l em er-Alst beklagte, daß die Akademie in Münster mißbraucht würde, geradezu Propa­ganda für den Unglauben zu machen. Man habe der Aka­demie ihren katholischen Charakter hinterrücks genommen, das sei der biederen westfälischen Gesinnungsart zuwider; und deshalb werde die Akademie bei dieser Bevölkerung niemals Sympathien gewinnen.

Abg. Enneccerus bestritt, (!) daß o-e Akademie in Münster statutenmäßig emen katholischen Charakter haben müsse. Wenn man auch den Standpunkt Spiekers nicht theile, so müsse man doch seine Philosophie als eine ernst- christliche *) halten.

Der Rest des Kapitels wird hierauf genehmigt. — Beim Kapitel „Höhere Lehranstalten" klagt Kantak über die Germanisirung der Polen vermittelst des Unterrichts in den Schulen.

Hierauf wird die Berathung auf morgen vertagt.

*) Nachstehende Citate werden am besten über die „ernst- christliche" Philosophie des Herrn Prof. Spieker auf- klären. Spieker sagt u. A.: „An die Stelle der Schöpf­ung tritt gegenwärtig die Entwickelung aus der Monabe, an "die Stelle der Erlösung die Selbsterlösung durch Krast- entwickelung, an die Stelle des Gerichts das Gewissen, welches im Menschen nach der That spricht, und dieses ist fein jüngstes Gericht." — „Das alte Heidenthum muß im gewissen Sinne wieder belebt und zur Geltung gebracht werden. Das ist Grundsatz und Bestrebung der neuen Philosophie." — „Das alte und das neue Testament sind überwundene Standpunkte, sowie Veda und Koran; sie haben auch keinen höheren Werth als diese, weder in Be­zug auf ihren Ursprung noch in Bezug auf das Ziel."

Aus Stadl, prormij und Nachbargebiet.

Fulda, Dienstag, 5. Februar.

Der Vortrag, den Herr Seminarlehrer Bran­denburger gestern vor den zahlreich erschienenen Mitgliedern und Freunden des naturwissenschaft- lichen Vereins hielt, hatte sich zur Aufgabe ge­stellt, der dualistischen Weltansicht, — d. h. jener, welche Gott im Weltsystem nicht entbehren zu kön­nen glaubt — das Recht auf Wisienschaftlichkeit zu vindiziren. Dieser Nachwns wurde theoretisch und auf dem Gebiete der Thatsachen durch eine Untersuchung über die Entstehung des organischen Lebens geführt, und wir müssen gestehen, daß er dem Vortragenden in vortrefflicher Weise gelungen ist. Zunächst stellte V. dem kurz rekapitulirten monisti­schen Systeme die dualistische Weltansicht gegen­über. Anlehnend an den biblischen Schöpfungs­bericht fügte er das von der modernen Natur- wiffenschaft so reichlich geförderte Material zusammen zu den Grundzügen des Dualismus. Uebereinstim- mend mit dem Monismus, hat er nichts einznwenden

gegen die Fassung der niateriellen Weltvorgänge als mechanische Bewegung, er stützt die Lebensfunktionen in der Welt auf mechanische Unterlagen, — aber er behauptet, daß 1) dieses Universum von einem über ihm stehenden Schöpfer in’s Dasein gerufen, und daß 2) in der Erscheinung der organischen Wesen und insbesondere des Menschen ein neues Kraftprinzip zu der vorhandenen Stoff- und Kraft- wclt hinzugetreten sei. Wenn die Wissenschaft ihrer Natur nach die Detailkenntnisse einheitlich zu verbinden und auf ein einfaches, das ganze Gebiet beherrschendes System zurückzuführen hat, dann nimmt die dualistische Weltansicht mit Recht sogar den Charakter einer höheren Wissenschaftlichkeit in Anspruch. Im monistischen Systeme stehen die unzählbaren Atome unabhängig neben einander, durch kein gemeinsames Ziel in ihrem Wirken beherrscht, öurch keine gemeinsame Kraft in's Dasein gesetzt; im Dualismus geht alles Sein und Wirken von einem Prrnzipe aus und ist auf eines gerichtet: Alles Geschehene in der Welt ist Ausfluß eines einheitlichen Gedankens, eines einheitlichen Planes. Den Glanzpunkt des Vortrags bildete offenbar der aus den That- fachen für die Wissenschaftlichkeit unserer Natur- anschauung geführte Beweis. Das Gebiet, welchem B. diese Thatsachen entnahm, die Entstehung des orga­nischen Lebens, erwies sich als besonders fruchtbar. Redner stellte Anlage, Tendenz und Thätigkeit der anorganischen und organischen Wesen in Ver­gleich, und führte, gestützt auf eine große Zahl der modernen naturwissenschaftlichen Fachgrößen, und illustrirt und beleuchtet durch die verschiedenartig­sten Erscheinungen, den Nachweis, daß die organische Welt selbst auf ihrer tiefsten Stufe, in der Pflan­zenzelle, nach Anlage, Tendenz und Thätigkeit im vollsten Gegensatz zu der Anlage und der Tendenz der anorganischen Welt st. he. Hier wesentlichstes Streben nach Gleichgewicht — Krystall —, dort höchste Bewegung, sowohl im Zellkerne wie im Protoplasma und im Gegensatz zum Anorgan­ischen eine überaus reiche Gliederung in allen Zellbestandtheilen bis hinab zur Zellhaut. Doch es führte uns zu weit, in das sehr reiche Detail eiuzugehen, welches den in gespannter Aufmerk­samkeit lauschenden Zuhörern zur Veranschaulichung geboten wurde, von den Krystallisationsprozessen des Waffers bis zu der in's Einzelnste hinabstei­genden Darstellung der Bestandiheile und der Thä­tigkeit jeder einzelnen Pflanzenzelle. Auch manche gegen diese Naturauffassung sich erhebende Schwie­rigkeit fand ihre treffende Beleuchtung und Wleder- leguug. Daß aus so total verschiedenen Erschei­nungen auf eine verschiedene Ursache geschlossen werden müsse, ist von vornherein dem Denkenden klar, wenn auch nicht die Thatsache, daß von der Chemie noch niemals eine lebende Zelle darge­stellt worden, und die fernere, daß die Erfinder der Urzeugung selbst den Bathybius-Urschleim zu­rückgezogen, uns die größte Verlegenheit offenbar­ten, in der die Monisten sich befinden, sobald sie den Grund dec Entstehung des organischen Lebens angeben sollen. Mit Recht bemerkte Brandenbur­ger, die Monisten forderten den Glauben an ein größeres Wunder, wenn sie aus dem total ver­schiedenen anorganischen Stoffe allein das Leben sich entwickeln ließen, als der christliche Glaube, der den die Natur schaffenden und regierenden Gott bei der Entstehung des Lebens iuterveniren läßt. — Der in hohem Grade instruktive, 1 '//kün­dige Vortrag stand in seiner ganzen Entwickelung auf der Höhe der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung und verrieth eine umfassende Kenntniß der einschlägigen Literatur. Freund und Feind mußten einstimmen in den speziellen Dank, welchen der Vorsitzende des Vereins dem Vortragenden spendete. Eine Debatte schloß sich nicht an.

Ö Unseren Mittheilungen vom 28. v. M., be­treffend das für Mittwoch, den 12. Februar in Aussicht genommene Konzert des Gesangvereins „Cäcilia" können wir noch hinzufügen, daß außer der Sängerin Frl. Simon auch noch ein zweiter Gast, nämlich Herrn Pianist Kugel mann aus Hannover für den Abend gewonnen ist. Das Konzert verspricht demnach ganz besondere musikalische Genüffe.

5 Am Sonnabend, den 2. Febr., wurde der 16 Jahre alte Schreinerlehrling Joseph Vogel von Künzell durch den Gendarmen Ste in ha ue r, wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen mit einem Mädchen unter 14 Jahren, in das hiesige Amtsgerichtsgefängniß eingebracht.

* Windecken, 3. Febr. Etwa hundert hiesige Grundbesitzer haben in der verflossenen Woche mit dem Vertreter einer Gesellschaft in Hannover einen Vertrag abgeschlossen dahin lautend, daß sie der­selben das alleinige Recht ertheilen, auf ihren Grundstücken Bohrungen vorzunehmen, um den Boden auf seinen Inhalt zu untersuchen. Wir sind sehr gespannt, welche verborgene Schätze diese Nachforschungen zu Tage befördern mögen und ivünschen den Nnternehmern zu ihren Entdeckungs­reisen in das Innere der Erde günstigen Erfolg. — Schon seit 14 Tagen fehlt ein Mann von hier. Derselbe hat sich nächtlicher Weile von seiner Wohnung entfernt und ist bis jetzt noch nicht wie­der znrückgekehrt. Sowohl über die Motive seines Verschwindens,' als über seinen Verbleib ist nicht das Geringste bekannt. (Han. Ztg.)

Kassel, 3. Febr. Das katholische Kasino feierte am gestrigen Tage in dem Laasphe'schen Saale in der Wilhelmsstraße durch ein solennes Festesten und Abendnnterhaltuug sein drittes Stif­tungsfest. Nicht nur die Mitglieder des Kasino'S hatten sich zu demselben fast sämmtlich eingefun- ben, fondern auch eine Anzahl Gäste und ein ent­fernt von Kastel wohnendes früheres Mitglied des Vereins war auf ergangene Einladung hin er» schienen. Groß war die Freude der Festestheil- nehmer, in Kassel in einer so stattlichen Zahl gleich­gesinnter katholischer Männer zu sein und wurde diese Freude durch die sehr geschmackvolle und sinn­reiche Dekoration des Saales sichtlich erhöht. Um 8 Uhr Abends begann das Festesten, während wel­chem von dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Oberlehrer Fritel, auf die beiden erhabenen Re­genten, Seine Heiligkeit, Papst Leo XIII. und Seine Majestät, Kaiser Wilhelm I. und hierauf von dem stellvertretenden Vorsitzenden, auf Seine Gnaden, den Hochwürdigsten Herrn Bischof Georg, als Hirt der Diözese Fulda, toastirt wurde. Die­sen Toasten schloß sich ein von einem Mitgliede des Vereins auf den Vorstand ausgebrachter Toast an und war damit der erste Theil des Festes be­endigt. Im zweiten Theile, der geniüthlichen Un­terhaltung, wechselten Männerchöre, Musikstücke und heitere Vorträge, sowie verschiedene Toaste auf die Damen der Vereinsinitglieder, auf die Gäste und Sei­tens dieser aus das Kasino und noch andere. Das von auswärts herbeigekommene Mitglied überbrachte Grüße von seinem Seelsorger, dein Herrn Pfarrer zu Eisenach, und legte Namens desselben dem Ver­ein die Unterstützung des Valles der Elisabethen- kirche in Eisenach an's Herz, was die alsbaldige Abgabe des durch Sammlung aufgebrachten Be­trages von 22 Mk. und die Zlisage der weiteren Unterstützung zur Folge hatte. Rasch war der schöne Abend dahingeeilt und schieden die Festge­nossen in später Stlmde in der besten Stimmung von einander. Möge der Verein auch in dem be­gonnenen neuen Vereinsjahre seine Grundsätze: Ein­tracht und Opfermilligkeit, hoch halten und pflegen und weitere Fortschritte machen.

"Frankfurt, 4. Febr. Gegen den mulh- maßlichen Dynamit-Attentäter Johann Heinrich Reinsdorf, der im Besitze von einer ganzen An­zahl Legitimationspapiere betroffen wurde, sind bis jetzt nur Indizien vorhanden, obgleich bereits eine Menge Zeugen vernommen worden sind. Soviel steht fest, daß Reinsdorf vor'Mva 3 Jahren mit seinem Bruder hier gewesen ist, um sich nach Ar­beit umzusehen, ob er aber zur Zeit des Attentats in unseren Manern geweilt, dafür soll noch kein Beweis erbracht worden sein.

* Würzburg, 4. Febr. Die anhaltend milde Witterung ist auf die Vegetation nicht ohne Ein­fluß geblieben. Die Haselnußstauden sind in Blüthe und die Gesträuche zeigen vielfach schon Knospen, auch die Saaten stehen ganz grün. Wenn nur kein Rückschlag eintritt und plötzlicher Frost all' die Frühlingsboten wieder zerstört!

* Regensburg, 1. Febr. Wie das ,R. M.' erfährt, ist Assistent Kalb am alten Gymnasium, der bekanntlich den kathol. Schülern das Kreuz- zeichen beim Gebete verbot, durch Ministerialent­schließung zur Disposition gestellt worden. Diese prompte Verfügung wird in kathol. Kreisen mit Genugthuung begrüßt werden.

Meteorologische Beobachtungen.

Fulda, 5. Februar, Mittags 12 Uhr: Barometerstaub: 751,5 Mill. Thermometer staub: 4,5® Reaumur.