Deutsches Reich.
Fulda, 5. Februar.
* Das Cent rum beabsichtigt, bei der dritten Berathung des Etats eine Resolution einzubringen, welche die Regierung zur Vorlegung eines Gesetzes betreffend die Beseitigung des Gerichtshofes für kirchliche Angelegenheiten auffordern wird. Eine große Zahl von Abgeordneten, zumal der Fortschrittspartei und der liberalen Vereinigung, aber auch der konservativen Parteien, hat bekanntlich nur aus dem formalen Grunde für die betreffende Etatsposition gestimmt, weil dieselbe auf einem Gesetze beruht.
* Wie die ,B. P. N.' hören, ist in den letzten Tagen der Staarsvertrag zwischen Preußen und Hessen, betreffend die Korrektion des Rheines im Rheingau zwischen Mainz und Bingen, von den beiderseitigen Bevollmächtigten, Unterstaatssekretär Marcard und dein hessischen Gesandten Dr. Neid- Hardt, unterzeichnet worden. Die diesbezügliche Vorlage wird binnen Kurzem ans Abgeordnetenhaus gelangen und wahrscheinlich hierbei eine Nachtragsforderung für die erste Baurate gestellt werden. Im vorjährigen Etat waren für diesen Zweck schon 300,000 M. ausgeworfen.
* Ders Hanocksoerkehr Thüringens mit den Vereinigten Staaten von Amerika wird durch die Jahres - Uebersicht des amerikanischen Konsulats in Sonneberg ersichtlich. Dieses Konsulat erstreckt sich auf preußisch Thüringen, Weimar, Meiningen, Koburg, Gotha, Altenburg, Rudolstadt, Sondershausen und Reuß. Die jetzt erschienene Uebersicht umfaßt die Zeit vom 1. Oktober 1882 bis dahin 1883 und weist eine Gesanimtausfuhr im Werthe von 8,729,789 Mk., 22,478 mehr als im Vorjahr nach. Hieran sind betheiligt: Meiningen mit 2,877,194 Mk., wovon 1,308,000 auf Porzellan und 1,242,000 auf Puppen und Spielwaaren kommen; Reuß mit 2,220,000 für Strumpfwaaren: Coburg mit 1,364,885 meist für Porzellan, Puppen und Spielwaaren; preußisch Thüringen 663,597 Mk. an Blumen, Sämereien und Porzellan; Rudolstadt 581,769 Mk. meist für Porzellan; ebenso Weimar mit 304,339 Mk. (Die Ausfuhr aus dem Weimarischen ist weit bedeutender, was hieraus nicht ersichtlich, da Apolda nicht zum Konsulatsbezirk Sonneberg gehört.) Gotha mit 425,319 Mk. meist für Porzellan und Spielwaaren; Altenburg 259,343 und Sondershausen mit 55,664 meist für Porzellan.
Berlin, 4. Februar.
* Die Bud getko in Mission genehmigte Vormittags im Extraordinarium der indirekten Steuern den zum Ankauf eines Dienstgebäudes für das Hauptsteueramt in Brandenburg a. d. Havel geforderten Betrag von 100,000 Mark und ebenso die zu dem Neubau eines Gymnasiums in Frankfurt a. M. geforderte erste Rate von 200,000 Mark, nachdem ein Schreiben des Oberbürgermeister Dr. Miquel verlesen war, worin derselbe die Noth- wendigkeis der Errichtung einer Staatsanstalt nachgewiesen und dargelegt hatte, daß der Streit der Stadt mit der katholischen Gemeinde hierbei nicht in Frage komme.
die Thüre geöffnet hatte und seine Blicke über die feuchte Ebene gleiten ließ. „Sieh, die Sonne geht schon auf, der Himmel ist wolkenlos; laß uns eilen, damit mir unfern Herrn noch treffen. Du weißt wohl, jeden Morgen geht er selbst auf's Feld und begleitet seine Arbeiter, welche ein neues Fruchtfeld anschneiden. Wenn er schon weg wäre, so müßte das Mädchen am Ende bis morgen warten".
„Es gibt noch mehr Leute in der Gemeinde, die Arbeiter suchen, als Jean Pache" , entgegnete die Mutter mürrisch, „und wenn sie ihn nicht trifft, so ist es noch Zeit genug, anderswo Arbeit zu suchen".
Heinrich fühlte sich durch diese bitterböse Entgegnung schmerzlich getroffen. Ungestüm wandte er sich um und suchte den Eindruck zu erkennen, den ein so unfreundliches Benehmen auf das Mädchen machte.
Er fürchtete, es möchte sich gekränkt fühlen und sich zu einer Aeußerung des Unwillens hinreißen laffen. Aber er sah zu seinem Erstaunen, daß es ganz ruhig dastand, den Arm auf die Lehne eines Stuhles gestützt, die Sichel auf dem Rücken, das Bündel in der Hand, auf das Zeichen zum Aufbruch wartend. (Fortsetzung folgt.)
* Zur Petition des Prinzen Friedrich Wilhelm von Hanau und der übrigen Allodialerben des letzten Kurfürsten von Hessen betreffend die Auszahlung des nicht verausgabten Theils der in Sequestration vereinnahmten Revenuen beschloß die Petitionskommission des Abgeordnetenhauses Ueber- gang zur Tagesordnung.
* Der Abgeordnete Strosser ist nach der ,N.P. Z? am Sonnabend Abend von einer Droschke umgeworfen und dabei von dem Pferde nicht unerheblich an Bein, Arm und Hand verletzt worden.
* Zum Kultusetat, Kapitel Volksschulen, ist folgender Antrag seitens der Sezessionisten ein» gebracht worden: „Die königliche Staatsregierung zu ersuchen, in den Elementarschulen, welche nicht Halbtagsschulen sind, soweit es die örtlichen Verhältnisse erfordern, den Unterricht au den Nachmittagen fortfallen zu lassen, und ausschließlich in die Vormittagsstunden zu verlegen.
* Ehrenfeld, 3. Febr. Pfarrer Ropertz, welcher wegen seines pflichtmäßigen Einschreitens gegen das von seinem Kaplan gegebene Aergerniß zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt war, ist vom Könige begnadigt worden.
* Posen, 4. Febr. Wegen der von dem Kultusminister v. Goßler in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 29. Jan. erwähnten Adresse an den Kardinal Ledochowski als Primas von Polen ist der Redakteur des ,Gouiec Wielkopolskst, Johann Jankowski, von der hiesigen Strafkammer Henle zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt und behufs Abbüßung dieser Strafe sofort zur Haft gebracht worden.
Oesterreich - Ungarn.
* Nach Wiener Depeschen scheint die Identität des Mannes, welcher den Detektive Blöch ermordete, mit dem früher hier auch auf Güterbahnhof der Staatsbahn in Arbeit gestandenen, ehemaligen Schuhmachergesellen Stellmacher festgestellt zu fein. — Dagegen wird der ,Franks. Ztg-' telegraphisch gemeldet: „Die ,Korr. Will).' ersucht soeben die Blätter, sie mögen alle Notizen, welche über Geständnisse des Mörders Blöch's ausgeschickt würden, zurückziehen, da die Staatsanwaltschaft sonst die Journale konfisziren müßte."
* Wien, 3. Febr. Der Budgetausschuß nahm eilte Resolution an, in welcher die Regierung aufgefordert wird, dem Afrikareisenden Holub eine ausgiebige Unterstützung zu gewähren und nötigen» falls einen Nachtragskredit zu beantragen. — Auf eine Anfrage erklärte der Ministerpräsident, er werde zur Beurtheilung der von der Regierung beschlossenen Ausnahmemaßregeln in der nächsten Sitzung des Abgeordnetenhauses eine Erklärung abgeben. Im Plenum wolle er sich Reserve auferlegen, einem eventuellen Ausschüsse gegenüber jedoch unter Voraussetzung der Diskretion nähere Miltheilung machen. Er wünsche vor Allem Beruhigung der Bevölkerung, nicht aber die Beunruhigung derselben zu vernehmen.
Frankreich.
* Das französische Kabinet kann den vergangenen Sonnabend als einen Unglückstag anstreichen, denn es erlitt gleichzeitig im Senat wie in der Kammer eine Niederlage. Nachdem die Kammer 7 volle Sitzungen der Besprechung der wirthschaftlichen Noth gewidmet hatte, wurde zwar die nichtssagende und von der Negierung angenommene Tagesordnung Rouviers, welche im Allgemeinen die Bereitwilligkeit zur Prüfung von Aushülfsvorschlägen ausdrückt, angenommen, gleichzeitig aber auch mit 5 Stimmen Majorität ein Antrag des radikalen Führers Clemeneeau, der die Einsetzung einer Untersuchungskommission über die Nothlage verlangte. Das Votum der Kammer gegen den Ministerpräsidenten fällt um so schwerer in's Gewicht, als dieser formell die Ablehnung des Clemenceau'schen Antrages verlangt hatte. Im Senat erlitt der Minister des Innern, Waldeck - Rouffeau eine Schlappe bei dem Gesetze über die gewerblichen Syndikate. Artikel 5 der Vorlage gestattet den über ganz Frankreich verbreiteten Arbeitersyndikaten gleichen Gewerbes sich mit einander zu einem Bunde zu vereinigen. Die Senatoren erblickten in einer solchen Föderation eine gefährliche Waffe gegen die besitzenden Klaffen und lehnten diese Bestimmung ab. Dagegen wurde der Artikel 6 der Vorlage, worin bett Syndikaten Korperations» rechte zuerkannt werden, angenommen. Die abgeänderte Vorlage muß nun wieder au die Kammer zur weiteren Beschlußfaffnttg zurückgehen. Der
offiziöse .Temps' meint, die beiden Niederlagen würden keineswegs die Demission des Kabinets herbeiführen. Das Blatt glaubt, der Ministerpräsident Ferry habe Unrecht daran gethan, sich der Abstimmung über den Antrag Clemenceau's zu widersetzen, doch werde durch die Abstimmung weder der Erfolg Ferry's, welchen dieser mit seiner Rede bei der Debatte über die wirthschaftliche Krisis errungen, vermindert, noch auch die SZieber» läge, welche bie äußerste Linke bei dieser Gelegenheit erlitten. Allerdings hat die Debatte ergeben, daß die Radikalen kein soziales Programm besitzen; aber auch das Kabinet Ferry kennt nicht nur fein Heilmittel gegen die soziale Noth, sondern es unterschätzt auch ihre Gefahren. Es wäre bedauerlich, aber erklärlich, wenn die nothleidenden Arbeiter jetzt in ber Ueberzeugung, sie hätten nichts von ber Regierung zu hoffen, sich zu Gewaltthätig- keiten forlreißen ließen.
Italien.
* Heber bie Propaganda - Besitzungen, bereit bevorstehenbe staatliche „Einziehung" wir gemelbet haben, wirb aus Rom geschrieben: Die Besitzungen biefer großartigsten aller päpstlichen Schöpfungen, bereit Wirksamkeit in vollem Maße den orbis terrarum umspannt, fallen also unter das Gesetz der Einziehung der geistlichen Güter todter Hand. Die gesammten betreffenden Grundstücke, einbegriffen ben bergartigen Palast an ber Piazza bi Spagna, eine Schöpfung Urbans VIII., stellen einen Werth von nahezu 10 Millionen bar. Die Anstalt umfaßt zunächst bas betreffenbe Ministerium , in ber Amtssprache ber Kurie Kongregation genannt, mit der Verwaltung ber Missionen, das heißt aller keiner bestimmten Diözese einver- leibten Theile ber katholischen Kirche, betraut, also mit ber Ernennung von apostolischen Präfekten, Vikarien, mit ber Ausübung der bischöflichen Ju- risdiktionsrechte unb ber päpstlichen Reservatrechte über biefe Theile, immer aus mehreren Kardi- näleit, 24 Konsultoren unb vielen niebern Beamten bestehend; außerdem besitzt die Anstalt ein Seminar für junge Kleriker aus aller Welt, vorzüglich als Pflanzschule für Missionare dienend, die sich in einem zur Anstalt gehörigen Museum mit den Gebräuchen wilder Völker bis zu deren Marterwerkzeugen bekannt machen können; ferner eine Buchbruckerei, bie währeub des Konzils bas Vaterunser in 250 Sprachen druckte, und eine Bibliothek. Die Kapitalien dieser Anstalt sind kosmopolitischen Ursprungs gleichwie der Zweck derselben den Erdkreis umfaßt; sie ist die Centralverwaltung für sämmtliche außerhalb des Rah- mens der Hierarchie liegenden Theile der Kirche, die Amtsbefugnisse fäninulicher andern päpstlichen Verwaltungsbehörden in sich vereinigend.
Spanien,
* Madrid, 1. Febr. Der König vollzog heute die Einweihung des neuen literarischen Athenäums. Ministerpräsident Canovaü hielt die Eröffnungsrede, in welcher er die politische Situation als eine durchaus befriedigende bezeichnete. Das Verhält- niß zu Deutschland sei ein durchaus freundschaftliches und die Beziehungen zu Frankreich seien in derselben Weise geregelt, wie unter den ersten Amtsführungen des Kabinets Kanovas. Die regierungsfeindlichen spanischen Flüchtlinge in Frankreich würden bort internirt, bie Anhänger Zorilla's sollen sehr entniuthigt sein. Von Zorilla, welcher in ber Schweiz weilt, sei kürzlich ein Schreiben veröffentlicht worben, worin er feinen revolutionären, anti- monarchischeu Stanbpunkt neuerdings betone.
Rußland.
• Petersburg, 3. Febr. In den letzten Tagen sind die vorbereitenden Arbeiten zu einer neuen Wechselordnung so weit vorgeschritten, daß ein vollständig fertiger Entwurf nur noch der Genehmigung des Kaisers harrt, um zum Gesetz erhoben zu werden. Dieselbe soll auch in den polnischen Gouvernements, in denen noch das französische Handelsgesetz vom Jahre 1808 gilt, eingeführt werden.
Egypten.
* Kairo, 4. Febr. Der Feind griff gestern Üüh das befestigte Lager bei Suakim an, mußte sich aber nach einstündigem Feuergefecht zurückziehen. 600 Mann Negertruppen sind abgegangen, um sich mit Baker Pascha im Trinkitat zu vereinigen. Die Garnison Sinkats machte, um zu fvu- ragiren, einen Ausfall, wobei sämmtliche fouragirenbe Mannschaften vom Feinde niebergemacht wurden.