Zeitung
Dienstag,, den 5. Februar
1884.
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* Frankreich und der Vatikan.
Einer Meldung der.Agence HavaS' zufolge soll die französische Regierung demnächst durch einen offiziellen Kammerantrag veranlaßt werden, ein Gelbbuch über die mit dem Vatikan gepflogenen Verhandlungen herauszugeben. Der Zweck des jedenfalls von der kulturkämpferischen Seite der Kammer ausgehenden Schrittes soll der sein, um Klarheit über die Art und Ausdehnung der von dem Ministerium resp. von Ferry dem Papste ge- machten Zugeständnisse zu verbreiten. Offenbar sagt den fanatischen Romhaffern in Paris die in der letzten Zeit in etwas mildere Bahnen eingelenkte Behandlung des katholischen Episkopates und Klerus nicht recht zu, sie suchen durch eine Interpellation, durch einen formulirten Antrag das Kabinet Ferry zu einer neuen Kirchenhetze zu zwingen. DieSache läßt sichim Augenblicke ganz eigen» thümlich an. Man kann so seine Gedanken darüber haben. Während in einer für jeden einigermaßen Unterrichteten klaren Weise die Haltung der Regierung gegenüber dem Papste eine versöhnlichere (darum aber doch noch nicht versöhnliche) wurde, schwieg die kulturkämpferische Hatz und schloß die Augen. Nun, da Ferry den Radikalen und den Anhängern der Verfaffungs-Revisions-Idee die unerwartete Ueberraschung bereiter hat, daß er Namens der Regierung selbst eine Verfassungs- Revision, natürlich in seinem Sinne ankündigt, ist der ganze Chorus derjenigen, die sich vor dem Volke als alleinige Vertreter der echten republikanischen Freiheit brüsteten, entrüstet über den ihnen von Ferry gespielten Streich. Ferry wird die Ankündigung des Revisions-Programms als bare politische Heuchelei ausgelegt, und in stürmischen Versammlungen verlangt die Partei, der Ferry den Rang abgelaufen hat, sofortige Vorlegung des Revisions-Planes. Daß man nun zur Revanche für die Ferry'sche Ueberraschung dem schlauen Ministerpräsidenten gern eine ähnliche Ueberraschung unangenehmer Art bereiten möchte, ist nur zu klar. Sollte nicht der jetzt auflauchende Plan, Ferry über seine vatikanische Politik zur
Rechenschaft zu ziehen, wenigstens im taktischen Sinne diese Bedeutung haben? Der Gedanke liegt zu nahe, als daß man ihn nicht einen Augenblick in Erwägung ziehen könnte.
Doch dem sei, wie ihm wolle, — Klarheit kann jedem ehrlichen Politiker nur angenehm und erwünscht sein, und so wird durch die Veröffentlichung der zwischen Frankreich und dem Vatikan gewechselten Roten und Depeschen, wenn sie auch zunächst einen schlimmen Rückschlag auf die Beziehungen der Republik zum Vatikan haben sollten, in ihrem Endergebniß, und vom höheren politischen Standpunkte betrachtet, nur heilsam sein können.
Selbst wenn, wie ein Artikel der „France" vermuthen läßt, Minister Ferry wirklich dem Vatikan gegenüber eine konziliante Haltung angenommen hätte, eine Haltung, wie sie mit den Wünschen und Neigungen der Kammermehrheit nicht übereinstimmte, so wäre dies ja doch nur ein Provisorium, ein kurzes Uebergangsstadium gewesen, dem schon bald — denn wie schnell wechseln in Frankreich die Kabinete! — eine vielleicht grundverschiedene Behandlung der Angelegenheit gefolgt wäre. Auch wäre es für das katholische Frankreich, soweit wir die Verhältnisse überschauen können, nur heilsam, wenn endlich einmal völlige Klarheit in das kirchenfeindliche Programm der Kammermehrheit käme. Es könnte daraus vielleicht für Viele eine Ernüchterung entstehen, die sich bet den bald bevorstehenden Neuwahlen wenigstens in etwa bemerkbar machte. Leider sind die Katholiken in Frankreich viel lauer, als z. B. ihre Glaubensgenossen in unserem Vaterlande. Wie wäre es sonst möglich, daß trotz aller Maßregeln gegen Klöster und Geistliche, Kirchen und Schulen die religionsfeindliche Majorität aus jeder neuen Wahl gestärkt und gekräftigt hervorgegangen ist? Doch lassen wir für heute diese bedauernswerthen Verhältniffe bei Seite. —
Was soll denn Ferry mit dem Vatikan vereinbart Haden, daß die Kulturkämpfer plötzlich in Angst gerathen und Klarheit haben wollen? Es kann nur komisch berühren, wenn die .Köln. Zlg.' in
einem eben erschienenen Leitartikel bereits von einer „Liga zwischen dem Vatikan und Frankreich" und von einer bußfertigen „Unterwerfung der dritten Republik unter den Schutz des Jesuitengenerals" faselt. Die Jesuitenfurcht hat es ja stets vermocht, die ,Köln. Zlg.' um den Verstand zu bringen. So auch jetzt wieder. Sie sieht im Geiste schon die Jesuiten in Frankreich einziehen und mit Ferry im Bunde die Republik schützen und stützen. Das Kölner Weltblatt scheint vor lauter Romangst im Fiebertraum zu phantasiren. Die von ihm über die sog. „Konzessionen" Ferrys an den Vatikan beliebte Darstellung knüpft sich in ihrem sachlichen, (nicht in dem phantastischen Theile), an den oben erwähnten Artikel der ,France' an, aus deffen Ausführungen wir vorläufig nur einen einzigen Passus wiedergeben wollen, weil alles andere den Stempel der Unwahrscheinlichkeit und theilweise sogar der offenen Unwahrheit zu klar an ber Stirne trägt. In dem Artikel heißt es nämlich unter Anderem, „Ferry habe dem Papste vargestellt, daß bei dem Geiste, von welchem die Mehrheit der Kammer beseelt sei, die Regierung keine den Wünschen des Papstes entsprechenden Anträge stellen könne; der Präsident des Kvnseils fei aber bereit, feinen ganzen Einfluß aufzubieten, damit der Kultusminister auf demVerwaltungswege, der der Kammer entgeht, den aufgelösten Ordensge- sellschaften und der Geistlichkeit im Allgemeinen eine Lage bereite, welche unter den obwaltenden Umständen dieselben befriedigen könnte." Wir sagen keineswegs, daß wir diese Angabe für richtig halten, sie ist aber jedenfalls von all' dem Gefasel der am wahrscheinlichsten klingende Satz. Was daran Wahres ist, wird sich zeigen müssen.*)
*) Die Enthüllungen der,France' werden sowohl von einem Regierungsorgan wie von der kathol. ,Döfense' entschieden dementirt. Das Journal »Paris' erklärt die Mittheilungen der ,France' über die Beziehungen des Ministerpräsidenten Ferry zum Papste für reine Phantastereien, gibt aber zu, daß die Regierung aufgehört habe, die Gehälter derjenigen Pfarrverweser innezubehalten, welche ihre regierungsfeindliche Haltung aufgegeben hätten.
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Mütterliche Eifersucht.
Nach dem Französischen des Eugen Müller frei bearbeitet. 4.
Vor ihrem Geiste zogen die Ereignisse des Abends vorüber; sie gedachte des Eindrucks, den das fremde Mädchen auf ihren Sohn gemacht hatte und je mehr sie das Benehmen desselben prüfte, um so mehr befestigte sich in ihr die lieber» zeugnng: In kurzer Zeit wild eine Andere feine Liebe besitzen, und der armen Mutter bleibt nur ein kleines, kleines Plätzchen. Gestern Abend noch so glücklich in der Liebe zu ihrem Sohne, und heute! .... Es war zum Verzweifeln. Warum mußte denn dies Mädchen gerade vor der Thüre vom Unwetter überrascht werden, anstatt vor jeder anderen? Weßhalb war sie denn selbst so blind und gulmüthig gewesen, das Mädchen bei sich aufzunehmen? So tobte in dem armen gequälten Herzen der Mutter der Sturm der mütterlichen Eifersucht mit zunehmender Wuth .... Rabenschwarze Nacht umhüllte die Tage ihrer Zukunft. Nur dann und wann blitzte ein Heller Stern aus dem Dunkel hervor und sandte mit seinen milden Strahlen Tröstung in das arme Mutter- Herz. Das Mädchen bleibt ja nicht lange in der Gegend, sagte sie zu sich selbst; hat sie ein paar Tage bei unserem Arbeitsherrn gearbeitet, so wird sie sich ein anderes Dorf aufsuchen. Dann wird Heinrich sie vergessen. Ec ist ja auch so besonnen
und wird gewiß Alles wohl bedenken, bevor . . . So suchte sie sich zu trösten und die bangen Gedanken zu verscheuchen. Doch die kaum zurückgekehrte Hoffnung verschwand gar bald, als sie daran dachte, wie aufmerksam ihr Sohn das Mädchen betrachtet hatte, und als sie anverseits erwog, wie dasselbe durch sein liebenswürdiges Benehmen und seine ungekünstelten Reize wohl im Stande war, das Herz eines jungen Mannes zu fesseln.
Der größte Tyeil der Nacht verging für die Arme in diesen beunruhigenden Gedanken, die sie lange nicht einschlafen ließen. Doch versank sie endlich, sowohl durch die Tagesarbeit, wie durch die geistige Aufregung ermüdet, in einen leichten Schlummer, aber erst in früh ster Morgenstunde, als bereits die Dämmerung die Schatteil der Nacht zu zerstreuen begann.
Sie war erstaunt, bei ihrem Erwachen die Schlafgenossin schon in Thätigkeit zu finden. Das Mädchen saß aufrecht auf dem Lager und war eben daran, die eigenen Kleider, welche während der Nacht getrocknet waren, wieder anzuziehen. Sie hatte bereits geschickt, so gut es ging, die vom gestrigen Unfall herrührende Unordnung in ihrer Toilette beseitigt. Das verdorbene Halstuch war durch ein neues ersetzt, das schöne braune Haar sorgfältig geglättet und durch einen Messingkamm zusammengehalten. Ihr Antlitz zeugte von heiterer Ruhe, ein Zeichen, daß dem sanften Schlafe ein fröhlicher Morgen gefolgt war.
Die Mutter konnte beim Anblick der Schönheit dieses Mädchens einen Seufzer nicht unterdrücken und antwortete auf die Frage, ob sie gut geschlafen habe, in abstoßenden Tone.
Arn gestrigen Abend hatte die Schnitterin auf die überhaupt noch wenig hervortretende feindselige Stimmung der Mutter kaum geachtet; jetzt war die Gesinnungsänderung unverkennbar, und die Züge des Mädchens verriethen, daß es diesen überraschenden Wechsel schmerzlich empfinde.
Die Mutter bemerkte es und ward gerührt; ihr Gewissen klagte sie an, daß sie ein armes, unschuldiges Kind zum Opfer ihrer Eifersucht mache. Schon hatte sie den festen Entschluß gefaßt, durch eine liebreiche Behandlung die Erinnerung an ihre Härte zu verwischen, da trat Heinrich in’S Zimmer. Seine trüben Augen, seine blasse Gesichtsfarbe bewiesen, daß er eine schlechte Nacht gehabt habe.
Die Schnitterin, welche unter dem Drucke des feindseligen Benehmens der Mutter sichtbar litt, warf ihm einen flehenden Blick zu, ein Blick stiller Klage über das Unrecht, welches ihr zugefügt wurde. Dieser Blick allein reichte hin, ihm die frohe Ueberzeugung zu verschaffen, daß sie bet ihm Schutz und treue, dauernde Liebe zu finden hoffe.
Unwillkürlich regte sich in dem Herzen der Mutter wieder der blinde Haß und sie nahm auf's Neue ihre feindselige Haltung an.
Der Tag war mittlerweile vollends anc Zöchen.
„Laß uns gehen, Mutter", sagte Heir. der