Einzelbild herunterladen
 

JVi 27.

Freitag, den 1. Februar

1884.

Fuldaer Jeitung.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda i Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Erstes Blatt.

* Zur Rückkehr der deutschen Priester schreibt das Londoner .Tablet': „Im Jahre 1793 zwang die französische Revolution 8000 katholische Bischöfe und Priester, in diesem Lande Zuflucht zu suchen. England nahm dieselben freundlich auf. Der Palast von Winchester wurde ihnen von der königlichen Familie zur Verfügung gestellt, und 67,000 Pfd. Sterl. wurden für ihren Unterhalt beigesteuert. Dieselben erwiderten unsere Gast» freundschaft, indem sie uns halfen, unsere Schulen zu begründen und Stätten der Nächstenliebe zu gründen; dieselben erbauten uns durch ihre Fröm­migkeit, ihre Gelehrtheit und Tüchtigkeit, sie trugen viel dazu bei, daß Vorurtheile abgelegt wurden, und legten so den Grund für viele Konversionen und endlich auch für die Katholiken-Emanzipation. Das katholische England ist dem französischen Klerus dafür dankbar.

Genau 80 Jahre später, 1873, wurden deutsche Geistliche von ihrem Vaterlande durch die Maige­setze vertrieben und Viele der Exilirten kamen zu uns herüber. Breslau, Mainz, Limburg, Köln, Gnesen-Posen, Münster und Trier, Alle sandten uns einen Theil ihrer Bekenner für den Glauben. Viele blieben bei uns eine Zeit lang und verließen uns wieder für andere urtb weiter entlegene Wir­kungskreise. Einige traten in religiöse Dt'ben -ein, unp einige wurden schon in der Blüthe ihrer Jahre abberufen von ihrer Arbeit und gingen in fremdem Lande in die ewige Ruhe ein. Die religiösen Orden öff­neten ihre Thore und die verbannten Ordensbrüder zogen ein; an anderen Plätzen, wie zu Ditton tzall und anderswo, ließen ganze Genossenschaften deutscher Or­densgeistlichen sich nieder, und viele deutsche Non­nenklöster wurden in verschiedenen Theilen des Lan­des errichtet. Unter dem Säkular-Klerus verblei­ben noch in verschiedenen Diözesen zwanzig oder mehr deutsche Geistliche, zwölf in Salford, drei in Liverpool, einer in Birmingham, einer in Middles­brough, einer in Nottingham und einer in Westminster.

Für 10 Jahre oder mehr haben wir ihnen eine Hermath geboten, und sie fanden in unserer Mitte ein Feld für ihre Thätigkeit. Gottesfürchtige, fromme und gute Männer, priesterlich gesinnt, gelehrt und an Disziplin gewöhnt, haben sie, wie der franzö­sische Klerus von 1793, uns durch ihre Lebensweise erbaut und unsere Gastsreundschaft durch ihre der Religion erwiesenen Dienste erwidert. In der Mis­sion waren sie eifrige Priester; an unseren Hoch­schulen gaben sie Anregung zu philosophischen und theologischen Studien und brachten diese Studien zu größerer Vollkommenheit, ein Werk von bleiben­dem Werthe!

Sind wir dankbar dafür? Wir antworten von ganzem Herzen: Ja, wir sind es. In unserem Jn- tereffe läge es, daß diese Lage der Dinge fortbauere, und daß die deutschen Geistlichen bei uns verblei­ben könnten. .

Aber ihr Vaterland ruft sie zurück. Die Roth ihres eigenen Landes ist größer, als die unsere. Die eiserne Hand der Verfolgung wird zurückge­zogen (?), und der ehrwürdige Bischof von Kulm und feine Kollegen im Episkopat arbeiten unab­lässig toran, ihre verbannten Brüder in ihre Hei- math zurückzubringen. Tag für Tag kehren einige zurück. Es findet freilich kein gleichzeitiger Aus­zug aus unserem Lande, und somit kein plötzlicher oder gewaltsamer Abbruch statt; aber der Mangel macht sich fühlbar, und der englische Klerus wird durch den Verlust der deutschen Geistlichen und durch die Lösung von Verbindungen, die Allen theuer geworden, gezwungen, die Thatsache anzu­

erkennen, daß sie von solchen sich trennen, die, zum wenigsten gesagt, ihnen eifrige Mitarbeiter waren. Das katholische England anerkennt dies und weiß, daß es gegenüber den verbannten deut­schen Geistlichen eine große Schuld der Dankbar­keit trägt. Wir hoffen, daß ihre erweiterte Er­fahrung und die Kenntniß unserer Sprache die guten Geistlichen einigermaßen entschädigt für die Arbeit, die sie gethan; daß das katholische Eng­land dem katholischen Deutschland näher gebracht worden, und daß auf dem Wirken dieser verbann­ten Bekenner, wenn ste in ihr Vaterland zurück­kehren, derselbe Segen ruhen möge, der sie be­gleitete während der zehn Jahre, als sie so eifrig in diesem Lande wirkten."

Oesterreich - Ungarn.

4- Wien, 29. Jan. („Decentralisation der Eisenbahnen"). Neben dem Steckenpferde der Sprachenfrage kultiviren die Organe der Lin­ken gegenwärtig das Thema über die „Decentra­lisation der Eisenbahnen". Es ist dies die neueste Gefahr, die nach liberaler Ansicht dem österreich- ischdn Vaterlande am Horizonte droht. Sucht man durch das Geschrei in der Sprachenfrage, durch das ewige Klagen über die „Vergewaltigung" der deutschen Sprache die Massen in Bewegung zu setzen, so sollen durch die Agitation in Sachen der Eisenbahnen die Besitzenden in Wien beunruhigt ünd zürn Widerstand gegen die Regierungspolitik gebracht werden. Den Wienern sucht man weiß zu machen, daß Tausende von Eisenbahnbeamten von Wien wegziehen würden und auf der Ring­straße vor den Palästen der Carl-Ludwig- und der Lemberg-Czernowitz-Bahn Gras wachsen wird. Schaut man sich, unbeirrt durch die liberalen Nebelwolken nun die vielbekrittelte Decentralisation näher an, so beschränkt sie sich darauf, daß für die exponirten exzentrisch gelegenen Eisen­bahnlinien in Böhmen und Galizien zwei ober drei Direktionen außerhalb Wiens in den Provin­zen unter voller Aufrechthaltung der Einheit de» Eisenbahnwesens und der Centialleitung in Wien geschaffen werden. Die österreichische Regierung thut hier ganz genau dasselbe, was z. B. in Preu­ßen schon längst durchgeführt ist. In Preußen ist man lebhaft bemüht, das gesammte Eisenbahn­wesen zu verstaatlichen, eine Privatbahn-Linie nach der anderen wandert in die Hand des Ministers Maybach. Und wie hält man es dort mit der Decentralisation? Während man eifrig verstaat­licht, ist man ebenso eifrig bemüht, zu decentra- lisiren, ja gerade in der Decentralisation der Eisenbahnverwaltung sieht man dort eine Garantie dafür, daß die Eisenbahnen im gegebenen Moment für die Mobilmachung und den Krieg das Höchst­mögliche leisten können. Die Direktionen für die verstaatlichten Bahnen sind nicht in Berlin, son­dern in Stettin, Posen, Breslau, Halle, Magde­burg, Hannover, Minden, Kaffel! Direktionen von Eisenbahnlinien, die in Berlin einmünden, sind in Provinzhauptstädten situirt; in letzterer Zeit ist erst wieder eine Eisenbahndirektion von Berlin wegverlegt worden. In Preußen findet man dies selbstverständlich und keinem Blatte fällt es ein, sich darüber irgendwie zu moquiren; in Oesterreich aber stimmt die gesammte dcutschliberale Preffe ein Zetermordiogeschrei an, als ob über die zwei oder drei Eisenbahndirektionen in den Provinzen die ganze Monarchie aus dem Leim ginge.

t (Der Orden der barmherzigen Brü­der). Welche großartigen Samariterdienste der Orden der barmherzigen Brüder in Oesterreich leistet, davon gibt der jüngste Ausweis des Ordens- provinzial über die Krankenpflege Auskunft. In

der Wiener Ordensprovinz, welche 15 Orden«, spitäler umfaßt, wurden im abgelaufenen Jahre nicht weniger als 15,364 arme Kranke ohne Un­terschied der Nationalität und Konfession ausge­nommen und gratis verpflegt. Die verpflegten Kranken, unter denen sich Katholiken, Protestanten, Griechen, Juden und Altkatholiken befanden, ge­hörten allen Nationalitäten und den verschiedensten Ständen an.

Frankreich.

* Paris, 29. Jan. (Die Kammer) geneh­migte das außerordentliche Budget mit den Modifi­kationen des Senats, ausgenommen den vom Se­nate wiederhergestellten Kredit von drei Millionen Franks für die Fortsetzung der Bahnarbeiten am oberen Senegal, welcher in einer Sondervorlage neu beantragt werden soll. Die Weiterberathung der wirthschaftlichen Krisis ist bis Donnerstag ver­schoben. — Der Senat nahm einstimmig das außer­ordentliche Budget definitiv an und glaubt die Emission der neuen Anleihe vor dem 10. Februar zu bewerkstelligen.

Italien.

* Rom, 30. Jan. (Urtheil in Sachen der Propaganda.) Der KaffationShof fällte als letzte Instanz gestern das Urtheil in der schon lange schwebenden Angelegenheit, ob die unbeweg­liche auf ca. 10 Millionen Lire geschätzten Güter der Propaganda von Rom Gegenstand der gesetz­mäßig festgestellten Rentenkonversion sind oder nicht. Das Urtheil ist noch nicht veröffentlicht.

Rußland.

* (Gesan dtschaft beim Vatikan.) Es be­stätigt sich, daß die ständige Beglaubigung des Herrn von Butenjeff beim heiligen Stuhle be- schloffene Sache ist. Seine jedenfalls nahe bevor­stehende Ernennung wird erfolgen, sobald ein ge­eigneter Sekretär für die zu errichtende Mission gefunden ist.

Aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, Freitag, 1. Februar.

— Das Bischöfliche» General-Vikariat bringt den nachstehenden Erlaß des Kultusministers zur Kenntniß des Diözesanklerus preußischen An- theils:

„Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medi- zinal-Angelegenheiten hat laut einer Mittheilung der kgl. Regierung neuerdings auf den folgenden Erlaß vom 17. März 1854 hingewiesen.

„Zu den künstlerischen Gegenständen des Mittelalters, die in mehrfacher Beziehung eine nähere Rücksicht in An­spruch nehmen, gehören die Holzschnitzwerke und ähnliche Arbeiten, namentlich diejenigen, welche häufig in Verbin­dung mit Gemälden und größtentheils selbst bemalt und vergoldet, zum Schmuck der Altäre in den Kirchen gefer­tigt wurden. In Betreff der Konservation und eventuell nöthigen Restauration derselben ist es besonders hervorzu­heben, daß die an ihnen vorhandene Malerei, farbige Aus­stattung, Vergoldung u. s. w. einen wesentlichen Theil ihrer künstlerischen Wirkung ausmacht, und von dem ur­sprünglichen Meister auf die letztere berechnet wurde, daß mithin alle Erneuerung auch in diesen Beziehungen die bestimmteste künstlerische Fürsorge verlangt, alle lieber- malung oder Uebertünchung aber durchaus zu vermeidet ist. Hierauf ist in vorkommenden Fällen nicht immer di erforderliche Rücksicht genommen worden. Ich veranlaff daher die kgl. Regierung, die betreffenden Lokal- und Bau Behörden bestimmt darauf aufmerksam zu machen, da diese Arbeiten überall, auch mit Einschluß ihrer obengk nannten farbigen rc. Ausstattung, unter diejenigen Gegen. stände gehören, an welchen nach der Cirkular - Verfügun vom 24. Januar 1844 keine'Veränüerung ohne vorgängig Anzeige und meinerseits erfolgte Genehmigung vorgeyom men werden darf."

— Die Verpflichtung, Zeugniß abzulegen, if nach einem Urtheil bes Reichsgerichts, III. Straf