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Dienstaa, den 29. Januar

1884

mit der

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Schritt. Es ist geradezu ekelhaft, mit welchen pi­kanten und amüsanten Details ein Theil der Großpresse die Mord- und Schandberichte auszu­statten weiß, so daß man es wohl begreifen kann, daß z. B. ein Schenk im Gefängniß darauf sinnt, wie er seinen in den Zeitungen behandelten Mord- und Räuberroman passend bereichern und aus- schmückcn kann. Und wie im Fall Schenk, so geht's bei allen schweren Verbrechen, die einem Theile der Presse geradezu als eine willkommene Gelegenheit zu dienen scheinen, um ihre Spalten recht interessant und pikant zu gestalten. Die Presse sollte, eingedenk des großen Einflusses, den sie auf Denken und Fühlen des Publikums hat, in diesem Punkte weit vorsichtiger sein, insbesondere soll­ten Unsittlichkeitsverbrechen niemals mit der behag­lichen Breite geschildert werden, ivie man sie speziell auch in der süddeutschen Presse so oft finden kann. Man darf ja die Thatsachen selbst, besonders wenn sie in der nächsten Gegend fich ereignet haben, nicht ganz todtschweigen, weil es eben Pflicht ist, die vielleicht zu harmlose Bevölkerung, besonders auf dem Lande, vor den Gefahren einsamer Wege u. s. w. zu warnen, aber die unmngängliche Berichterstattung darf niemals das Zartgefühl verletzen, nnd schließ, lich. wie es nachweislich vorgekommen ist, für ge- wisienlose Menschen zur Richtschnur und Belehrung in den Kniffen und Mitteln des Verbrechers wer­den. Wie von Unsittlichkeitsverbrechen, so gilt dies mutatia mutandis auch von anderen Verbrechen.

Die Zunahme der Verbrechen.

Jüngst wurde in der liberalen Presse und selbst von der Tribüne des Abgeordnetenhauses herab der Versuch gemacht, auf Grund von statistischen Be­rechnungen und Zahlenexempeln die Thatsache der schrecklichen Zunahme roher Verbrechen und un­menschlicher Gesinnung einfach Hinwegzuleugnen. Man braucht sich nicht einmal die Mühe zu machen, die Fehlerhaftigkeit dieser durchaus unhaltbaren statistischen Beweisführung theoretisch darzulegen. Lehrt doch die tagtägliche Erfahrung, lehrt doch ein Blick in die Spalten der größeren Blätter zur Ge­nüge, in wie grauenhaftem Maße die schrecklichsten Verbrechen, namentlich Mord-, Raub- und Sittlich­keits-Attentate, vielfach sogar zu einer einzigen That vereinigt, zugenomnien haben. Gerade die letzten Wochen haben die oben erwähnte akademische Stu­benbeweisführung mit greifbaren thatsächlichen Vor­fällen gründlich ad absurdum geführt. Es wird kaum nöthig sein, dem geneigten Leser die endlose Reihe von Schreckensthaten in's Gedächtniß zurückzurufen, die seit dem Beginn des Jahres das civilisirte Europa in Schrecken setzten. Es sind nicht blos die zu einer- traurigen Berühmtbeit gelangten Mordattentate in Stuttgart und Köln und der Eisert'sche und Schenk'sche Fall in Wien, von denen namentlich der letztere eine geradezu bestialische Mordlust an den Tag gebracht hat, die man bei einem „ge­bildeten" Zögling der modernen philantropischen. Welt am allerwenigsten erwarten sollte. Aus allen Ländern, und fast aus allen Gegenden unseres Vaterlandes gelangen Verbrechen gegen Leib und Leben, und insbesondere frevelhafte Angriffe auf die weibliche Unschuld und Ehre zur öffentlichen Kenntniß, und die rohe, entmenschte Gesinnung der heutigen Verbrecherwelt charakterisirt sich ge- rade dadurch, daß in den meisten Fällen das arme Opfer der Geldgier oder der unreinen Sinnenlust ohne Bedenken für immer zum Schweigen gebracht wird. Es ist schier, als ob ein Menschenleben für nichts mehr geachtet werde. Der Leser möge es uns also erlassen, über die seit dem 1. Januar von uns sorgfältig gesammelte Verbrecherchronik im

Mütterliche Eifersucht.

Nach d-m Französischen des Eugen Müller frei bearbeitet.

„Ich sollte ihm entgegenkommen? O, da kennst Du mich schlecht". .

Aber wenn er den ersten Schrrtt thäte?

Auch dann nicht. Nie werden wir uns versöhnen. Aber noch einmal, Heinrich, weßhalb redest Du so mit mir? Man sollte darauf schwören, Du hättest Demen Onkel gesehen, oder Jemand habe mit Dir in seinem Namen gesprochen, und Du suchtest nun, um ihm Verzeihung zu erwirken, mir sein Unrecht aufzubürben."

„Noch einmal, Mutter, mein Wort, darauf, Niemand hat mit mir von dem Onkel gesprochen, ich habe ihn nicht gesehen und weiß überhaupt eben so wenig wie Tu, ob er noch lebt. In acht­zehn Jahren kann Krankheit ihn niedergeworsen, kann mancher Schicksalsschlag ihn getroffen haben. Was mag aber in diesem Falle aus der kleinen Henriette geworden sein, Deinem Pathchen, Mut­ter? Denn Du bist ja seine Pathin . . . Doch Du fragst mich, weßhalb ich so oft diese Verhält­nisse berühre? Nicht deßhalb, wie Du glaubst, um das geschehene Unrecht auf Dich zu wälzen, nur deßhalb, weil ich die vergangenen Tage nicht ver- geffen kann, und die Erinnerung daran in mir traurige Gedanken weckt. Wie soll ich mir dies Gefühl erklären? Man ist eben nicht Herr seiner Gefühle, und so kommt auch mir oft unwillkürlich

Einzelnen Rechenschaft zu geben, es blickt gar zu viel Blut und Elend, zu viel gekränkte Ehre und Scham, zu viel geknickte Hoffnung und gestörte Lebensfreudigkeit daraus hervor.

Es ist von katholischer Seite oft genug daraus hingewiesen worden, wo der Heerd und die Ur­sache dieser zunehmenden Verkommenheit zu suchen ist. Die Entchristlichung der Gesellschaft, die öffentliche Verachtung von Religion und Moral, die Herabwürdigung der Lehre an den allmächtigen Gott,' den Rächer alles Bösen, die Verfolgungen, deren die Kirche und ihre Diener in vielen Län­dern Europas ausgesetzt sind, mit einem Worle: das Schwinden der Achtung vor der geistlichen und sittlichen Autorität hat diese modernen Früchte gezeitigt. Man kann nicht oft genug auf diese von den einsichtigeren Elementen selbst in den lei­tenden Kreisen allmählich immer mehr erkannte Wahr­heit Hinweisen, damit endlich wieder die Einsicht zum Siege gelangt, daß ohne die Kirche und ihre Die­ner, ohne ihre belehrende und erziehende, ihre beffernde und veredelnde Thätigkeit nicht nur das geistige und moralische, sondern auch das äußere und materielle Wohl des Volkes mehr und mehr Schaden leiden muß. —

Der moderne Zeitgeist zeigt sich auch recht dra­stisch in der Behandlung und Auffassung, welcher die immer mehr anwachsende Verbrechenschronik in der öffentlichen Meinung begegnet. Es liegt ja in der Natur des Menschen begründet, daß er alle außergewöhnlichen und merkwürdigen Ereig­nisse bis in ihre Einzelheiten hinein genau kennen zu lernen wünscht, und finden wir es deßhalb ge­wiß sehr begreiflich, wenn die Zeitungen, dem Wis­sensdrange des Publikums folgend, je nach ihrem Umfange in ihren Spalten die schlimmen, Ereig­nisse behandeln und geeigneten Falles selbst weit­läufiger behandeln. Aber von dieser richtigen Weise, die Thatsachen zur Warnung und zur Abschreckung öffentlich bekannt zu geben, bis zu der breiten und behaglichen, ja oft sogar witzig sein sollenden und jovialen Manier der Verbrecher-Rapporte, wie man sie heute fast ausnahmslos in der groß- städliscben Presse findet, ist doch noch ein weiter der Gedanke an die schönen Tage meiner Kinoyeil . . . Du wirst das am Besten begreifen, Mutter, da Du —

„Wie, ich?"

„Ja. Ich erinnere mich recht wohl, wenn es auch schon lange her ist, und ich damals noch sehr jung war, daß Du mir häufig erzählt hast, welche Freude es Dir mache, an die Zeit zurückzudenken, wo ihr Beide, Du und der Onkel, noch Kinder wäret. Es bestand zwischen euch derselbe Alters­unterschied, wie zwischen meiner Nichte und mir, Du bist ja nur drei Jahre junger als er. Auf den Geineindewiesen triebt ihr eure fröhlichen Spiele oder weidetet die Heerden des Großvaters. Mit nackten Füßen gings durch das steinigte B.tt des Flüßchens, um Johannisbeeren zu pflücken, die über dem Waffer hingen, oder um GraSwücken- nester zu suchen. Der Onkel schnitt die Weiden- pseisen, worauf ihr nach Kinderart lustig blieset. Wenn Du müde warst, so nahm er Dich auf den Rücken und trug Dich. Ich weiß das ja Alles ganz genau, es wird gerade so gewesen sein, wie bei mir und der kleinen Henriette, wir haben auch immer zusammen gespielt".

Sieh einmal auf", unterbrach ihn die Mutter, indem sie rechtshin auf den schwarzen Horizont zeiate, den leuchtende Blitzstrahlen durchzuckten. Wir haben noch eine Strecke Weges zurückzulegen, wir muffen eilen. Schon ist ein großer Tropfen nur aut die Hand gefallen. Laß uns rafcher gehen, Heinrich .

Deutsches Reich.

Fulda, 29. Januar.

Htz Anknüpfend an einen Satz des ,Hamburger Kor- refponbenten' über den Grund der Entstehung der Centrumspartei verbreitet sich die,Rordd. 2111 gern. Ztq? in ihrem gestrigen Abendblatte an leitender Stelle über die angebliche Geschichte der Entstehung der Centrumsfraktion. Der Artikel, welcher die alten längst widerlegten, Behauptungen der Feinde des Centrums wieder auswärmt, ist wirklich in fer­ner faden, felbst für die allerbefcheidenste Unter.

Sre mußten sich in der Thal beeilen, wenn sie nicht von dem Unwetter überrascht werden wollten, welches augenscheinlich im Anzüge war. Noch herrschte eine dumpfe Stille. Aber in der Ferne fuhren schon Windstöße wüthend durch die Baume, und ein dichter Regen peitschte die Erde.

Kaum hatten sie ihr Obdach erreicht, als das Gewitter in seiner ganzen Heftigkeit losbrach.

„Mein Gott, welches Unwetter," sprach bte Slut­ter inöem sie bei dem fahlen Scheine des Blitzes nach dem Kamine tappte, um dort eine ~ampe zu holen. Ihre Stimme verlor sich un Heu en des Windes, der über das Dach hm brauste, im Rauschen des Regens, der an die Mauern anschlug, zuweilen übertönt durch das Krach-n des Donners. Als sie das Licht auf den Tisch füllte, sah sie, daß Heinrich, den Kopf auf beide, Hande gestutzt, in tiefe Gedanken verfunken da saß. ,

Einen besorgten Blick auf ihn werfend, nahm sie aus einem Schranke ein Kleidungsstück und setzte sich an den Tuch, um dasselbe auszubessern. Bald aber unterbrach sie die kaum begonnene Ar­beit und frug:

„Was ist Dir denn Heinrich?"

.Nichts, Slutter, mir fehlt nichts", antwortete der Sohn, indem er sich hastig aufrichtete und den Kopf emporwarf, um fuy den Schein von L-olg- losigkeit zu geben.

„Und doch warst Du ganz in Gedanken vc.- sunten. Woran dachtest Du? Sag s mir .