22* Sonnabend, den 26. Januar 1884*
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Fuldaer HW Zeitung.
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% Zur kirchenpolitischen Lage in Preußen.
Der bekanntermaßen aus vatikanischen Kreisen inspirirte Moniteur de Rome' bringt in seiner uns gestern zugegangenen Mittwochs-Nummer einen Artikel mit der Ueberschrist „Die religiöse Lage in Preußen". Der Artikel ist wichtig genug, daß wir ihn nachstehend im ungefähren Wortlaut wiedergeben. Das vatikanische Organ schreibt: Nach den Debatten des preußischen Landtages über den Antrag Reichensperger ist eS von Wichtigkeit, in klarer Weise die Stellung der einzelnen Parteien und der Regierung zu kennzeichnen. Das wichtigste Resultat der Diskussion ist jedenfalls die vollständige Klärung bey Situation. Ohne Zweifel hat die Regierung dem Centrum gegenüber die denkbar feindseligste Haltung angenommen. Wenn man ihr Programm nach der Rede des Herrn von Goßler beurteilen darf, so ist es dies: Keinen modus vivendi mit Rom, weder Wiederherstellung des statu quo ante, noch selbst eine organische Revision der Maigesetze. Die Regierung will einfach in ihrem bisherigen Bestreben, den rein äußerlichen Apparat und Aufputz der Maigesetze zu entfernen, fortsahren, ohne dabei aber die eigentlichen Kernpunkte, das Fundament der Gesetzgebung, im geringsten anzurühren. Es ist das erste Mal, daß die Regierung so ihre geheimsten Gedanken enthüllt, wir nehmen Akt davon. Es ist dies die Bestätigung besten, was wir immer aufs Neue wiederholt haben: Die Regierung will nicht die unmittelbare Beendigung des Kulturkampfes, obgleich der Landtag eine dem Frieden geneigte Majorität enthält. — Die kon- servative Partei neigt zur Versöhnung, nicht zwar durch eine Wieder Herstellung des statu quo ante, sondern auf der Grundlage einer sog. „Spezial"- Gesetzgebung, durch welche die Maigesetze in günstigem Sinne abgeändert werden sollen. Die Gruppen der Nationalliberalen und Freikonservativen schwiegen sich aus, sie verharren in Reserve. Die Fortschrittler fordern die Seldstständigkeit (Autonomie) der Kirche, aber sie sagen nicht, auf welchem Wege sie dieses Ziel erreichen wollen.
Das Gentrum hat in energischer Weise sein Programm aufs Neue bekräftigt. Die katholische Partei will entweder die Wiederherstellung des statu quo ante, des Zustandes vor Erlaß der Maigesetze, ober aber die organische Revision der Maigesetze auf der Basis eines modus vivendi mit Rom. Das Centrum ist des von der Regierung befolgten Systems, durch succesive Gesetze die Lage der Katholiken zu verbessern, ohne mit den Traditionen der Maigesetze zu brechen, gänzlich müde. Aus den Debatten ergibt sich demnach die Lehre, daß die Regierung ohne das Centrum weder vorwärts noch rückwärts kann, während sie mit dem Centrum im Abgeordnetenhause über eine genügende Majorität verfügt zur Durchführung einer organischen Revision der Maigesetze.
Soweit der Moniteur de Rome'. Es ist gewiß
sehr erfreulich, zu sehen, wie das maßgebende römische Blatt sich bei der Beurtheilung der gegenwärtigen Lage mit der gejammten deutschen katholischen Presse in gleicher Austastung begegnet Wenn auch kurz und skizzenhaft, so nimmt der Artikel doch mit unzweideutigster Bestimmtheit zu der neuesten Goßler'schen Programmrede Stellung. Wenn außerdem noch von Rom- gemeldet wird, daß diese Rede im Vatikan sehr verstimmend gewirkt habe, so sagt man uns damit nichts Neues und Unerwartetes; kehren doch die Goßler'schen Darlegungen ihre eigentliche Spitze gerade gegen Rom, indem die Regierung ohne jede Rücksicht und Beschönigung rundweg erklärt, daß sie von Vereinbarungen mit dem Papste nichts wisten will, daß sie den Gesandten Herrn von Schlözer nur zum Zwecke der „Information", nicht zu wirklichen Unterhandlungen und Abmachungen an den Vatikan geschickt hat. —
Die konservative und liberale Preste wird nicht müde, auseinanderzusetzen, daß das Centrum mit der Berathung des Reichensperger'schen Antrages einen Mißgriff gethan, einen politischen Fehler gemacht habe, weil dadurch die Gegensätze wieder unnötig verschärft, und die Regierung zu Erklärungen gedrängt worden sei, welche einen dunkeln Schatten auf die ganze kirchenpolitische Entwickelung werfen- würden. Die ganze katholische Presse zieht, und wahrlich mit Reckt, den umgekehrten Sckluß. Der ReichenSperger'sche Antrag war das Mittel dazu, die Lage endlich zu klären und über den durch kleine Züge und Maßregeln bisher verdeckten großen Felvzugsplan ein grelles Licht zu werfen. Die Regierung war bisher allen Anfragen über ihre Zukunftspläne bezüglich der Kirchenpolitik vorsichtig ausgewichen. Allgemeine Versicherungen der Friedensliebe und Versöhnlichkeit sollten im Verein mit den bisherigen geringen Konzessionen, im Verein mit der succesiven Wiederbesetzung einiger Bischofsstühle, der Regelung der Dispensangelegenheit und der daraus sich ergebenden Etablirung einer Hilfsseelsorge in den verwaisten Pfarreien, dem katholischen Volke die Illusion verschaffen, als ob wir allmählich, aber sicher, wieder geordneten Zuständen entgegengingen, als ob die gegenwärtige Regelung nur ein Nothund Uebergangsstadium sei. Ein modus vivendi mit Rom, die auf Grund der mit der Kurie getroffenen Vereinbarungen vorzunehmende organische Revision der Maigesetze stand bisher scheinbar auf dem Zukunftsprogramm der Regierung, und wenn man die Artikel nicht nur der konservativen, sondern auch mancher liberaler (ja selbst nationaUiberaler) Blätter aus dem letzten Herbst und Sommer nachliest, so findet man überall diese Auffassung als die gewifferrnaßen selbstverständliche und unbezwestelte verzeichnet. Nun kommt Herr von Goßler mit der Erklärung: K- in modus vivendi mit Rom, keine organische Revision der Maigesetze, sondern eine den „Bedürfnisten" von Staat und Kirche entsprechende Regelung im Wege der Spezial - Gesetzgebung; mit anderen Worten: die Maigesetze sollen im Großen und Ganzen fortbestehen bleiben, wir wollen sie nur von ihren schlimmsten und augenfälligsten Härten befreien, dabei aber Alles, soweit möglich, in die diskretionäre Befugniß der Regierung stellen. , L .
Daß gerade jetzt dieser Plan der Regierung enthüllt worden ist, erscheint uns von unbe» rechenbarem Nutzen. Eben ist der Bischof von Limburg in feine Diözese zurückgekehrt, eben rüstet sich die Diözese Münster zum Empfang des „begnadigten" Oberhirten, und eben beginnt mit der Erledigung der Dispense die Herstellung einer Hilfs- und Nothseelsorge in den weitesten Gebieten des
Landes. Wir stehen also gerade an einem Zeitpunkte, wo einem großen Theile des kathol. Volkes in Preußen die ja von unserer Partei stets mit Dank anerkannte Besserung der kirchlichen Verhältniste in fühlbarer Weise zum Bewußtsein gebracht wird. In zahlreiche verwaiste Gemeinden kehren bereits Hilfs- priester ein, die dem geistlichen Nothstand wenigstens einigermaßen abhelfen sollen. Da möchte denn wohl der einfältige Sinn des Volkes hier und dort in seiner gewiß sehr berechtigten Dankbarkeit den Werth der kleinen Errungenschaft überschätzen können und sich mit Wenigem leicht zufrieden geben. Dieser Gefahr der Einschläferung des katholischen Volkes, dieser Gefahr der Versumpfung des Kulturkampfes hat Niemand besser, als der preußische Kultusminister Herr v. Goßler in wirksamster Weise vorgebeugt. Das katholische Volk weiß jetzt ganz genau, woran es ist, und was es von der gegenwärtigen Regierung zu erwarten hat.
Wenn wir auch kaum glauben, daß ein solcher Warnungsruf für das katholische Volk nöthig gewesen, so ist die volle Klarheit doch immer hin als ein Fortschritt zu begrüßen, und dieser Fortschritt wird sich in der Stellung des Centrums zur Regierung ohne Zweifel schon bald bemerkbar machen, vielleicht nicht ganz zur Freude der „maßgebenden" Kreise. Diese Regierung hat das Ver- trauen der Centrumspartei verscherzt, möglich, daß sie in nicht allzu langer Frist einem andern weniger „staatskirchlich" gesinnten Regiment Platz macht. Das vom Ministertische verkündigte Regrerungs- Programm unterscheidet sich in seinem prinzipiellen Standpunkte in nichts von den Falk'schen Ideen, höchstens könnte man sagen, daß Herr Falk konsequenter war. Von „Konsequenz" ist überhaupt in den maßgebenden Regionen nicht viel zu verspüren. Oder ist es nicht der denkbar höchste Grad von Inkonsequenz, wenn ein Organ von der bekannten Stellung der ,Nordd. Allg. Ztg.' jetzt die Souveränetät des Papstes bestreitet und sie als eine vergangene, dem Papste nur als Landesherrn ehemals gebührende Stellung bezeichnet, nachdem der jüngste Besuch des deutschen Kronprinzen im Vatikan von derselben .Norddeutschen' damit motivirt worden, es gäbe in Rom zwei Souveräne, den König und den Papst. Drastischer hätte die unsichere, schwankende, nur den jeweiligen Verhältnissen Rechnung tragende Opportunitäts - Politik nicht gekennzeichnet werden können, als durch diese unbegreifliche, aber doch auch wieder sehr wohl begreifliche „Vergeßlichkeit" des freiwillig gouvernementalen Blattes. „Der Zweck heiligt die Mittel", das ist das Alpha und Omega der modernen Staatskunst.
Auch der neueste kirchenpolitische Artikel der ,Prov.-Korr.', welcher sich als eine präzise Wiedergabe und Ausführung der Goßler'schen Programmrede darstellt, unterscheidet sich nicht nur im Tone, sondern grundsätzlich von den früheren, von Friedensliebe überlaufenden krrchenpoliti- schen Verlautbarungen dieses halbamtlichen Blattes. Eine solche Politik des Wechsels und der Unbe- - ftänbigfeit flößt wahrlich kein Vertrauen ein, und deshalb ist es vom katholischen Standpunkte aus nur freudig zu begrüßen, wenn durch die benorstehenbe Berathung des Windthorst'sche:: Antrages auf Aufhebung des Sperrgesetzes und die auch ferner noch in Aussicht stehenden kirchenpolitischen Debatten nicht nur der Regierung, sondern auch den Parteien Gelegenheit geboten wird, ihre Stellung zu den kirchlichen Fragen klipp und klar darzulegen. Wie die ,Nordd.' noch jüngst anerkennen mußte, ist die Centrumspartei im Landtag und Reichstag eine „hochwichtige" Partei. Man wird mit ihr zu rechnen haben!