M 2V.
Donnerstag, den 24. Januar
1884.
Fuldaer Ieilung.
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Die Rückberufung des Bischofs von Münster
ist erfolgt. Der .Staats-Anzeiger' von gestern Abend meldet: „Durch Allerhöchste Ordre vom 21. Jan. d. I. ist der Bischof Johann Bernard Brinkmann, gegen welchen durch gerichtliches Ur- theil vom 8. März 1876 auf Entlastung aus dem Amte als Bischof von Münster erkannt ist, begnadigt worden. In Folge besten ist die kommistarische Vermögensverwaltung in der Diözese Münster aufgehoben und die Wiederaufnahme der eingestellten Staatsleistungen für diese Diözese, und zwar vom 1. Jan. d. I. ab, erfolgt".
Die.Germania' behandelt die erfreuliche Kunde bereits in einem kurzen Leitartikel, dem wir Folgendes entnehmen: „Wenn die dankbarste, reinste Herzensfreude und der Jubelruf nach langem Leiden von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Ein- zelyof zu Einzelhof sich fortpflanzt im Münsterlande und am Niederrhein und in den katholischen Theilen des kirchlich sonst so glücklichen Oldenburg, wenn in alle diese Freude kein einziger Mißklang des Uebermuths und des Haffes, wie wir dessen gewiß stnd, sich einmischen wird — dann können die Mächtigen unseres Landes wieder einmal prüfen, ob es einen Grund gab, ein solches Volk mit so schwerer Bekümmerniß Heimzusuchen, können von Neuem die Frage sich stellen, ob die Geister und Herzen durch "gerechte Behandlung und Wohlthät zu gewinnen nicht unvergleichlich schöner und sogar politisch klüger ist, als sie niederzudrücken, zu verletzen, zu empören durch die Ketten, mit denen man das gar nicht bedrohte Staatsschiff schützen zu sollen geglaubt hat.
Köln und Posen bieten Gelegenheit und dringenden Anlaß zu gleicher Erfahrung — kein einziger Grund liegt vor, dort zu versagen, was in Limburg und Münster gewährt wurde, kein Nachtheil ist dort zu erwarten, der nicht auch in Limburg und Münster zu fürchten gewesen wäre und doch auch staatlich als Phantom erkannt ist. Soll der falsche Begriff einer sogenannten „Ehre" über alle diese hohen und heiligen Rücksichten den Sieg
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Den Frieden gefunden.
„Am folgenden Tage schloß ich mich den Uebri- gen wieder an. Heute predigte ein Anderer. Es war eine hohe Greisengestalt von streng ascelischem Aeußern. Er behandelte das Thema: „Was wird aus dem Menschen und aus der menschlichen Gesellschaft ohne Glauben, ohne Christus? '
Sprach denn dieser Mann gerade wie der gestrige Redner nur für mich? Hatte der Greis da oben denn selbst einst seinen Gott, seinen Glauben verloren, daß er in dieser ergreifenden Wahrheit das Bild meines Lebens zu entwerfen vermochte?
Als wir im Dunkel der Nacht, umtost vom schneidenden Nordost, Jeder seine Laterne tragend, die Höhe hinaufschritten, fühlte ich nichts von der Kälte des eisigen Dezembersturmes. Tief in Gedanken über das Gehörte versunken, wiederholte ich mir im Geiste die ganze Predigt. Ein heftiger Kampf begann in meinem Innern. Erinnerungen aus einer längst dahingeschwundenen Zeit tauchteit auf, noch ohne bestimmte Umriffe, mit ihnen zugleich aber auch das sehnsüchtige Gefühl nach irgend Etwas, das ich nicht zu nennen vermochte, das ich noch nicht kannte oder vergesten hatte zu kennen.
An diesem Abend sprach man von der vortrefflichen Predigt; ich betheiligte mich mit keiner Silbe am Gespräche; aber es schien mir, als ob im Laufe der Unterhaltung Anna ihre Augen for-
davontragen, eine „Ehre", die in nichts höher steht, als jene leider ja auch in vielen Kreisen gepflegte, die leider sich und Andere in ein Duell stürzt, als ein geschehenes Unrecht zu wiederrufen? Oder nenne man uns doch nur irgend einen sachlichen Grund zur Verweigerung der Restitution auch in Köln und Posen!"
Deutsches Reich.
Fulda, 24. Januar.
*(ZurErtheilungderDispense) schreibt die ,Nord. Allg. Ztg.': „Behufs schleuniger Erledigung der Gesuche, welche der Bischof von Kulm wegen Ertheilung der Dispensation katholischer Geistlichen von den Erforderniffen des § 4 des Gesetzes vom 11. Mai 1873 eingebracht hatte, war, wie wir vor einigen Wochen berichtet haben, so disponirt, daß zunächst diejenige Dispense, welche ohne größeren Zeitaufwand ertheilt werden konnten, zur Ausfertigung gelangen sollten. Diese Arbeit ist, abgesehen von der Erzdiözese Köln, für welche Anträge auf Dispensation nicht eingegangen sind, beendet. Die Zahl der ertheilten Dispense beträgt 866."
Der Grund für die Verzögerung der Einreichung der Dispensgesuche Seitens der Kölner Diözese, welche um die Hälfte mehr Gläubige und in entsprechender Weise mehr Geistliche zählt als Gnesen- Posen, und welche bis nach England und Amerika hin ihre gesperrten Priester entsandt hat, liegt sehr nahe. Die Diözese Breslau zählt freilich noch mehr Gläubige als Köln; aber in Breslau besteht bereits seit Jahren wieder eine reguläre Diözesan-Verwal- tung, welche die Sammlung der Akten natürlich viel schneller besorgen konnte, als der im Auslande weilende Erzbischof von Köln und seine auf geheime Wirksamkeit angewiesenen Gehilfen in der Verwaltung der Diözese.
* (Für die Diözese Limburg) sind auch die Dispensen eingelroffen.
* (Auswanderung aus Deutschland.) Nunmehr liegt das Resultat der Auswanderung
schend auf mich richtete, als wollte sie meine Gedanken erspähen.
Seile, schüchtern begann das in meinem Innern tief unter Schutt und Schlacken begrabene und fast erstickte Fünkchen des Glaubens zu neuem Leben zu erwachen. Aber mit Ingrimm erhob sich auch in meinem Herzen heftiger Widerspruch. Mein Hochmuth bäumte sich auf. Sollle ich mich durch diese Pfaffen und noch gar durch Jesuiten bekehren — nein, ich nannte es nicht so — bethören lassen ? Ich faßte den Entschluß, nicht mehr die Mission zu besuchen. Aber mein guter Engel wachte. Anna hatte den Sturm in meinem Innern mit scharfem Auge erkannt, und als am folgenden Tage die Andern zum Kirchengange sich rüsteten, war ich schon bereit.
Abermals predigte der blinde Pater. Er sprach von den Pflichten der Eltern. Klopfenden Herzens lauschte ich den Worten des Redners, der mit ungemeiner Innigkeit, Wärme und Tiefe des Gefühls ein Bild der christlichen Mutter entwarf.
Laß mich kurz sein, Werner. Als ich am andern Morgen erwachte, fühlte ich noch die Spuren der Thränen in meinen Augen, die ein Traumbild hervorgerufen. Ich hatte meine Mutter ge- schaut, ganz so wie in der Kindheit Tagen. Und als ich jauchzend in ihre Arme eilen wollte, die sie mir sehnend entgegenstreckte, da gewahrte ich erst, daß ein Abgrund mich von der Heißgeliebten trennte. Weinend warf ich mich zu Boden und
aus Deutschland während des ganzen verflossenen Jahres vollständig vor. Nachdem noch im Dezember 1883 im Ganzen 4042 Personen (gegen 4338 im Dezember 1882) ausgewandert, beläuft sich die Gesammtsumme aller Auswanderer aus Deutschland während des Jahres 1883 auf 166,119 Personen. Diese Summe ist zwar noch sehr bedeutend; aber die Abnahme der Auswanderung gegen die beiden Vorjahre ist es nicht minder. Das Jahr 1881 hatte die enorme Summe von 210,547 Auswanderern aufzuwersen, das Jahr 1882 dagegen 193,687. Die Abnahme von 1881 zu 1882 betrug mithin 16,860; die Abnahme der Auswanderung von 1882 zu 1883 betrug dagegen 27,568. Die Abnahme vollzieht sich also in steigender Degression. Was die Auswanderung im Dezember 1883 anbetrifft, so fallen auf Preußen 2569, wovon auf Ostpreußen 99, auf Westpreußen 573, Brandenburg mit Berlin 230, Pommern 265, Posen 553, Schlesien 104, Sachsen 83, Schleswig-Holstein 178, Hannover 165, Westfalen 50, Hessen-Nassau 129, Rheinland 136, Hohen- zollern 3 kommen. Auf Bayern fallen 512, auf das Königreich Sachsen 189, auf Württemberg 170, auf Baden 145, auf Hessen 83, auf Mecklenburg-Schwerin 57, auf Hamburg 90, die anderen Staaten sind mit ganz geringen Ziffern vertreten.
Berlin, 23. Januar.
"(Die Steuerkommission) begann gestern Abend ohne Generaldiskussion sofort die Berathung des §. 1 des Einkommensteuergesetzes und nahm denselben mit dem Amendement an, die Steuerpflicht auf preußische Staatsangehörige im Auslände zu beschränken, welche 3000 Mk. und mehr Einkommen haben. Dagegen stimmten die Fortschrittler und die liberale Vereinigung.
* (Die Budgetkommission) genehmigte heute mit 14 gegen 6 Stimmen die bekannte Forderung von 2 Millionen für den Ankauf der Kunstsammlungen in Berlin.
* (Statthalter v. Manteuffel) ist gestern Nachmittags nach Friedrichsruhe abgereist, von wo er morgen wieder hier eintrifft.
benetzte die Erde mit meinen Thränen. Da sah ich, wie ein Steg zu ihr hinüberführte; er war jedoch so schmal, daß er kaum für einen Fuß Raum bot. Lange zögerte ich. Aber die Mutter winkte; ich konnte nicht widerstehen. Schwankenden Fußes betrat ich den handbreiten Weg, und siehe da, je weiter ich fortschritt, desto breiter wurde er. Bevor ich zum entgegengesetzten Rande gelangt, war der Steg zur goldschnnmernden Brücke geworden, und mit weit geöffneten Armen flog ich jubelnd an der Mutter Brust. Ich fühlte, wie sie mich fest und innig an sich drückte; ich fühlte das freudige Pochen ihres Herzens, den Alhem ihres Mundes, als sie ihre Lippen auf meine ©time preßte. Ich wollte ungestüm den Kuß erwidern — da verschwand das Bild und heiße Thränen füllten meine Augen.
Konnte ich blind sein gegen diese Mahnung? Ich sah den Steg und betrat ihn.
Der letzte Tag der Mission war gekommen. Freitag war es, Weihnachtsabend. Tage voll schweren Kampfes lagen hinter mir. Em letztes, entscheidendes Ringen; es galt Tod-" oder Leben der Seele.
Schon vor Mittag nahm ich den Weg zum Städtchen hinab. Em letzter Kampf erhob sich, als meine Hand den Thürklopfer am Hause des Pfarrers hob. Er fiel — das Licht hatte gesiegt.
Einige Minuten später saß ich dem btinden Pater gegenüber, und als ich den verehrungswür-