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M IS. Mittwoch, den 23. Januar 1884>

Fuldaer W Wung.

Die »Fuldarr Zeirung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementspreiS ohne Bringerlohn und Besiellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Abonnrmknts-Einladung.

Wir eröffnen vom heutigen Tage ab ein Abonnement auf die ZTTonate Februar und März zum preise von 1 Mark (ohne Bestellgeld). Neu hinzutretende Abonnenten erhalten die bis zum f. Februar erscheinenden Nummern un­entgeltlich. Es sei bei dieser Gelegenheit be­sonders hervorgehoben, daß in den nächsten Tagen im Feuilleton eine neue interessante Erzählung beginnt: „Mütterliche Eifersucht", welcher gegen Ende Februar eine humoristische No­velle „Der Konfufionsrath" folgen wird.

A Zur Bekämpfung des Vagabnnden- wefens.

Mit tzes-nderrr Kkrückfichtigaiig der Julia er Kerhälluiffk nab !er in Julia gemachten Erfahrungen.

(Schluß.)

Ein echter Landstreicher wird sich vor körperlicher Arbeit auf jede Weise zu drucken suchen, er wird Krankheit und Schwäche fimuliren und dadurch unter Umständen die Requirirung eines Arztes nöthig machen. Die Hauptschwierigkeit aber bildet die Auf­gabe der Verpflegungs-Stationen, geeignete Arbeit zu schaffen, zumal in jetziger Zeit, wo sogar viele Einheimische über Arbeit?- und Verdienstlosigkeit klagen, und, wie hier, von der Kommune ganz av- norme Einrichtungen getroffen werden müssen, um, namentlich im Winter, die einheimischen arbeits­losen Personen zu beschäftigen und vor dem Ver­kommen zu retten. Ueberflüssige und wirklich nutz­bringende Arbeit wie im Ansange der 1870er Jahre gibt es eben nicht, und Einrichtungen, welche nur dazu angethan sind, dem Arbeitenden die Ueberzeu- gung beizubringen, daß er etwas an sich ganz Nutz­loses thun müsse, um zu Kost und Beherbergung zu gelangen, wirken eher bemoralifirenb als gün­stig, denn der z. B. einen Hansen Saud von-einem Platze zum andern schippende Reisende wird in der Nolhwendigkeit, dies zu thun, nur eine Chikane, keineswegs aber eine Ermunterung zur Arbeitsam­keit erblicken und niemals zu der ihn moralisch hebenden Ueberzeugung gelangen, daß er seine Kost |

oder se n Nachtlager sich wirklich durch nützliche Ar­beit verdient habe. & -

Und wie soll es mit den Reisenden gehalten wer­den, welche mit Reise-Route — Zwangspaß — auf wenige Tage versehen sind, und denen vorgeschrie­ben ist, auf kürzestem Wege in ihre Heimath zu wandern? Diese sind geradezu darauf angewiesen, wenigstens bei den Gemeinden zu betteln, und gerade diese gefährlichsten aller Vagabunden wer­den der Auflage, erst einige Stunden zu arbeiten, nicht ohne Berechtigung den Einwand entgegensetzen, daß sie sich nicht aufbatten dürften, alsbald Wei­terreisen müßten, um ihrer Reiseroute Folge zu leisten.

Wäre aber wirklich Arbeit vorhanden, um Durch­reisende stets nützlich beschäftigen zu können, bis sie ihr Viatikum verdient haben, so würde diese Arbeit fast immer den (Semetnben Kosten verur­sachen, die mit dem erzielten Resultate der Arbeit in keinem Verhältnisse stehen. Zunächst müßten die erforderlichen Arbeitsgeräthschaften angeschafft und, obgleich der Zuzug solcher Personen kein ständiger ist, die Arbeit derselben aber schon der Sicherung der Gerälhe halber stets überwacht werden muß, ein Aufseher bestellt werden, um die Vagabunden, denen es gerade gefällt, hier durchzureisen und einige Stunden zu arbeiten, zu beaufsichtigen, während er den größten Theil' feiner Zeit voraussichtlich müßig verbringen mußte. Bei manchen Durchreisenden aber wäre eine von Ort zu Ort eintretende Be­schäftigung mit schwerer Handarbeit wieder eine große Härte, wie z. B. bei Uhrmachern, Schrei­bern und selbst Webern mit feineren Stoffen, die durch harte schwieli e Hände geradezu unfähig wer­den, in ihrem erlernten Geschäfte wieder unterzu­kommen. Jeden aber anders zu beschäftigen, ist geradezu unmöglich.

Wenn in praxi die Einrichtung von Verpfleg­ungsstationen, wie sie sein sollen, so einfach und so wirkungsreich wäre, wie vielfach angenommen wird, so würde wohl das in Württemberg durch Oberamtmann Hüg el gegebene Beispiel schon weit mehr Nachahmung gefunden haben, und würden nickt selbst in Württemberg, wie ich gelesen zu haben mich erinnere, viele Verpflegungsstationen wegen ihrer Nutzlosigkeit wieder eingegangen fein. |

Die Frage der Arbeiter-Kolonieen anlangend, wird es nur einem größeren Verbände, etwa Pro­vinz ober Kommunalverband, überhaupt möglich fein, solche zu errichten, und selbst für diese wird mit Rücksicht auf die Kulturverhältnisse unserer Landestheile die Errichtung schwierig fein, wenn man von der Arbeit der Insassen eine nennend» werthe, die nölhigen Ausgaben einigermaßen deckende Rente erlangen will. Hierzu eignen sich nur solche Gegenden, welche dünn bevölkert sind und Strecken in reichlichem Maße aufweisen, die dermalen ziem­lich nutzlos sind, aber durch die Arbeit zu nutz­bringendem Grund und Boden umgeschaffen wer­den könnten. Für unsere Gegend kommen nur die Hochflächen der Rhön hierfür in Betracht, wo die Kolonisten im Interesse des Staates und der Gemeinden zu Aufforstungsarbeiten, zur Ge­winnung von Torf und von Dungmoor oder zur Urbarmachung geeigneter Wüstungen dauernd ver­wendet werden könnten.

Wenn derartige an die Gesellschaft herantretende Aufgaben nicht im Großen aufgefaßt und syste­matisch für den ganzen Staat — selbstverständlich , unter Berücksichtigung der Verschiedenheiten von Gegend und Lebensweise — zu lösen versucht wer­den , so kann wohl, wie in den bereits eingerich­teten Arbeiter-Kolonieen, für eine kleine Umgegend und für einzelne Personen Segen gestiftet, nie aber eine allgemeine Landeskalamität beseitigt wer­den. Im Gegentheile wird der Eifer für solche Einrichtungen bald erlahmen, wenn ein Kreis, eine • Provinz sieht, daß sie in ihren Bestrebungen nicht von den benachbarten Kreisen und Provinzen un­terstützt wird und sich als unfähig erkennen muß, einer ausgebreiteten Kalamität zu steuern. Nach dem Vorgesagten dürfte es sich empfehlen, in einer Konferenz von Gemeindevorständen aus allen Thei- len des Regierungsbezirks die allgemeinen Grund­sätze über die Einrichtung von Verpflegungsstationen und von Arbeiterkolouieen wenigstens für unseren Regierungsbezirk festzustellen, die Aufbringung der Mittel hierfür zu berathen und das Resultat dieser Berathung der Kgl. Staatsregierung zu geneigter Berücksichtigung für eine etwaige generelle, die ganze Monarchie umfassende Anordnung vorzulegen.

<Q> Den Frieden gefunden.

Am folgenden Morgen — es war gegen elf Uhr — klopfte es an die Thüre meines Zimmers. Ich hatte den leichten Schritt erkannt und wußte, daß es Anna fei.

„Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, Herr von Hoheneck?" fragte Anna, sogleich auf ihr Ziel losgehend.

„Jeden, wenn ich dazu im Stande bin," er­widerte ich meiner Retterin.

„Dann sprechen Sie nimmer so — so böse über die Kirch' und über die Geistlichen. Meinem Vater macht's nichts; die Brüder und ich glauben Ihnen auch nicht im ©eüngften; aber der guten Mutter thut's weh, und ich weiß, das wollen Sie nicht."

Ich fühlte das tief B schämende, was in der Bitte lag. Ehe ich antworten konnte, trat Anna näher, und auf das Buck zeigend, in dem ich am Abend vorher gelesen, fuhr sie lächelnd fort: „Ich hab's gleich gewußt, daß das, was Sie sagten, in diesem Buche steht, und Sie vielleicht nicht einmal selbst alles glauben. Wissen Sie, mein Bruder, der Hans, hat das Buch mit aus Inns­bruck gebracht, als er Soldat gewesen. Da ha­ben wir es gelesen, und so war es uns nichts Neues, was Sie uns sagten."

Mir schoß das Blut zum Kopfe. Ohne es zu wollen, hatte Anna mich zum zweiten Male gründ­

lich zurecht gewiesen. Ter nie verlegene Welt­mann mit all' seiner Erfahrung und all' feinem Wissen stand dem schlickten Kinde der Berge in seiner einfachen Natürlichkeit wie ein Schulbube gegenüber.

Anna entging meine Verlegenheit nicht. Sie kam mir entgegen, indem sie fortfuhr: „Sie ha­ben mir eben versprochen, mir jeden Gefallen zu thun, wenn ich nichts Unmögliches verlange. Ich möchte Sie so recht von Herzen bitten, Herr von Hoheneck, doch auch ein Mal mit uns hinab zu gehen und eine einzige Predigt anzuhören."

„Du willst mich wohl bekehren?" rief ich, froh, eine Antwort gefunden zu haben.

„Wenn ick's könnte, von Herzen gern. Unglück- lidjer würden Sie sicher nicht, wenn unser Herrgott Ihnen die Gnade erwiese", sagte Anna ruhig.

Ich schrack zusammen. Mir wurde es plötzlich zur Gewißheit, daß Anna meine Absicht, mir selbst den Tod zu geben, erkannt habe. Ihre Worte trafen mich wie ein Schlag.

„Ick habe Ihnen nicht weh thun wollen", fuhr Anna fort, meine Bestürzung wahrnehmend; „ich dachte nur so: wenn der Herr von Hoheneck halt ein Mal die Mission anhört und selbst 'chartt, wie's da zugeht, redet er sicher nimmer so, wie er's gestern Abend gethan hat".

Auch hierin lag wieder, wenn auch ohne jede Absicht, eine derbe Zurechtweisung für mich und jeden meines Schlages, der Dinge von vorn herein

verwirft, ohne zuerst ein Unheil sich zu bilden. Selbst wenn ich gewollt, hätte ich Anna's Bitte nicht abfchlagen können, und so zog am Nachmit­tag — es war der erste Tag der Christwoche — der Freigeist mit der gläubigen Familie des Alp- Hoses hinunter zur Kirche.

Tas Gotteshaus füllte sich schon vor Beginn der Predigt bis zum äußersten Wmkel. Angelehnt an einen Pfeiler, unterhielt ich mich damit, die Menge zu beobachten. Es war mir entgangen, daß der Priester schon die Kanzel, die vollständig dunkel blieb, bestiegen hatte. Der einleitende Ge­sang schwieg, und der Redner begann seine An­sprache. Ein spöttisches Lächeln umspielte meine Lippen bei dem Gedanken, daß der schlaue Or­densmann nur des Eff-ktes halber ohne Licht von der dunkeln Kanzel herab donnern wolle; doch mein Urtbeil war zu voreilig gewesen.

„Verzeiht. Geliebte im Herrn", ertönte die wohl­klingende, sonore Stimme des Redners, „daß die Kanzel nicht beleuchtet ist. Gott hat es in seiner Weisheit für gut befunden, mir das Augenlicht zu nehmen. Da ich nun fürchte, während meines Vortrages dem Lichte zu nahe zu kommen, wie es schon ein Mal geschehen ist, so ist mir erlaubt worden, in dieser Weise die Kanzel zu besteigen".

Weder auf dem Rückwege zum Alphofe noch nachher wurde mein Besuch der Missionspredigt berührt. Niemand fragte mich nach meinem Urtheile. Mitternacht war schon vorüber, bevor ich Schlaf