Fumer ZW Zkitung.
Mittwoch, den 9. Januar 1884.
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Die politische Entwickelung Frankreichs im abgelaufenen Jahre.
II.
Die wirthschaftliche Entwickelung Frankreichs litt fortgesetzt unter dem ungesunden Einflüsse der aus« ivärtigen politischen Unternehmungen. Der Stoß, den die Industrie und der Geldmarkt schon im Jahre 1882 erlitten hatten, konnte durch das mit den Eisenbahngesellschaften geschloffene Uebereinkommen, obgleich dieses günstig auf die Finanzverhältniffe wirkte, doch nicht genügend ausgeglichen werden, um so mehr, da die Tongkingfrage neue schwarze Schatten auf den Geldmarkt warf, da außerdem die Umwandlung der öprozentigen Rente einen rapiden Sturz der Staatspapiere zur Folge hatte, und der Rückgang des französischen Handelsexports immer merklicher hervortrat. In ihrer Verbleu« düng suchen die Franzosen die Ursache dieser Schäden statt in den Verhältniffen des eigenen Landes im Auslande, und so ist namentlich die Deutschenhetze nicht nur als ein Ausfluß des chauvimstischen Preußenhaffes, sondern zugleich auch als eine eifersüchtige Animosität gegen die erstarkende deutsche Industrie und ihre der französischen mindestens ebenbürtige Konkurrenz aufzufassen.
In der innern Politik machte sich die kulturkämpferische Richtung, welche Paul Bert mit Erfolg eröffnet hatte, auch im verflossenen Jahre in verderblichster Weise geltend. In ihrem Streben, den Episkopat und Klerus ihrem Machtgebot gefügig zu machen, erlaubte sich die Regierung die härtesten Bedrückungen, beschränkte das Kultus- Budget, führte gegen etwa 2000 Geistliche, welche sich weigerten, die Bert'schen konfessionslosen Schulbücher einzuführen, die Gehaltssperre aus, und maßte sich an, Bischöfen amtliche Rügen zu er- theilen. Selbst die Kruzifixe in den Schulsälen und an den Thoren der Kirchhöfe mußten der Wuth der Kulturkämpfer zum Opfer fallen, und der Pariser Gemeinderath entfernte nicht nur die barmherzigen Schwestern aus den Hospitälern, sondern hob sogar die regelmäßige Seelsorge in Hospitälern und Armenhäusern auf. Während
so das Konkordat thatsächlich mit Füßen getreten wurde, blieb auch Rom nicht ruhig gegenüber den fortgesetzten Verfolgungen der katholischen Kirche in Frankreich. Der hl. Vater richtete im Juni ein Schreiben an den Präsidenten Grevy, welches trotz der unablässigen romfeindlichen Kundgebungen in der Presse doch "schließlich eine mildere Auffassung im Schooße der Regierung zur Folge gehabt haben soll. Den neuesten Meldungen zufolge sind die Verwickelungen zwischen Rom und Paris im Großen und Ganzen als gehoben zu betrachten, und die gerade vor Thoresschluß des Jahres 1883 noch beschloffene Wiederherstellung des vorhin im Budget gestrichenen Gehaltes des Erzbischofs von Paris und die Bewilligung der Posten für die Freistellen in den Seminarien können als ein Beweis gelten, daß Regierung, Senat i und Kammer allmählich zu der Erkenntniß gekom- i men sind, daß die fortgesetzten Feindseligkeiten gegen die katholische Kirche nur dazu dienen können, um das republikanische Regime und sein Ansehen im Volke immer mehr zu schwächen.
Leider hatte die einzige Partei, welche noch unentwegt für die Sache der Kirche eintritt und die katholischen Prinzipien offen auf ihre Fahne geschrieben hat, die Partei der Legitimisten, im Jahre 1883 einen schweren Verlust zu verzeichnen. Ihr Haupt, Heinrich V., Graf Chambord, starb nach langwierigen schmerzlichen Leiden am 24. August zu Schloß Frohsdorf auf österreichischem Boden, Die politische Erbschaft 'deS kinveriosest Grafen Chambord ging auf die jüngere bourbonische Linie, die Orleans und deren Chef, den Grafen von Paris über. Aeußerlich ist zwischen den Anhängern der beiden ehemals getrennten Parteien der Legitimisten und Orleanisten eine Einigung erzielt worden, jedoch war diese Einigung nur ein Produkt der Noth- wendigkeit; viele bedeutende Legitimisten haben sich ganz von der Bewegung zurückgezogen und mit Heinrich V. ihre Hoffnungen begraben. So sind denn die Aussichten des Grafen von Paris zur Zeit nicht besonders groß. —
Jemehr die Republik sich gegenüber den übrigen ’ mächtigen Staaten Europas isolirt hat, desto gröber ; ist der Drang nach Ausdehnung des fernen Kolo
nialbesitzes geworden. Das vergangene Jahr war beherrscht durch die Tongking-Frage und die aus ihr hervorgegangenen Verwickelungen mit dem chinesischen Reiche, jedoch war Tongking nicht das einzige Gebiet, nach dem Frankreichs Kolonialfieber lechzte. Brazza suchte am Congo Frankreichs Besitzstand zu vermehren und gerieth dadurch in unangenehme Kollision mit den anderen dort in» teressirten Kolonialmächten. In Afrika war Madagaskar die Zielscheibe der französischen Arwek- tionslust, und unter einem sehr gesuchten Vorwande unternahmen französische Truppen einen regelrechten Feldzug gegen die Madagaffen. In Tongking bot der Tod des Kapitäns Riviore, der bei einem Ausfall von den Annamiten er« schaffen wurde, die willkommene Gelegenheit zur nachdrücklichen Verfolgung der bereits seit 1874 geplanten HerrschaftSgelüste. Der Verlauf der Tongking - Angelegenheit braucht wohl kaum im Detail w ederholt zu werden. Es hat sich schon bald gezeigt, daß China nicht gewillt war, seine Rechte auf Annam preiszugeben, und auch die beleidigende Art und Weise, wie der Minister des Auswärtigen den chinesischen Gesandten in Paris behandeln zu dürfen glaubte, hat ihren Zweck nicht erreicht. Marquis Tseng verstand es, die öffentliche Meinung in Frankreich gegen Challemel« Lacour aufzureizen, und letzterer hat in Verfolg seiner unglücklichen Schachzüge gegen China endlich sein 'Portefeuille an den Ministerpräsidenten Ferry übertragen müffen. Ferry findet in der Tongking-Angelegenheit alle Wiittel recht, wenn sie ihm nur die Mehrheit in Kammer und Senat sichern können. Selbst vor der Verlesung einer gefälschten Depesche Tricous schreckte er nicht zurück, und bisher hat der Erfolg diesen verwerflichen Manipulationen nicht gefehlt. Die Tongking-Vorlagen wurden bewilligt, und der in Folge der fortgesetzten Truppensendungen nach Tongking gar nicht auffällige Sieg der Franzosen bei Sontay Hal vollends die Franzosen mit den Winkelzügen btS Premiers ausgesöhnt. Rach dem Siege von Sontay hat Admiral Courbet die Operationen eingestellt und wartet auf Verstärkungen. Die Franzosen erhoben
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K> Den Frieden gefunden
„Giovanni Brunello, Tein Freund?" rief ich entsetzt.
„Kein Anderer," entgegnete Walther ruhig, ein Beweis, daß in seinem edlen Herzen kein Groll mehr gegen den Elenden zurückgeblieben war. „Ja, Werner, der Verfasser dieses Urias-Briefes war derselbe Mensch, welcher sich so oft meinen treuesten Freund genannt hatte."
„Und wie weit war Blanda Toverci Mitschuldige?" fragte ich.
„Du meinst, sie habe mit Brunello im Einver« ständniß gehandelt?" sagte Walther. „Run, in wie weit dieses der Fall war, werde ich Dir bald mittheilen. Aber das Frühstück ist aufgetragen."
Eine halbe Stunde später hatten wir Schloß Hoheneck verlaßen und marschirten rüstig einem ungefähr zwei Stunden entfernten Dorfe zu, von wo unser Weg sich dann tiefer in das Gebirge ziehen sollte. Sobald wir die Landstraße erreicht hatten, Hub Walther an:
„Du kennst jetzt den Inhalt jenes Briefes, der mia, so furchtbar erschütterte. Die vorhergegangenen Aufregungen, meine Verwundung und der niederschmetternde Beweis des schmählichsten Ver« rathes, der wie ein Blitz auftauchende Gedanke, daß Giovanni nur aus schnöder Berechnung mich zur Niederlegung jenes Testamentes überredet habe, daß möglicher Weise Blanda um diese schändliche
Jntrigue wiffe — das Alles vereinte sich, mich auf's Krankenlager zu werfen.
Meine vergebliche Anstrengung, das Wafferglas neben meinem Bette zu erfassen, lenkte die Aufmerksamkeit meiner Pflegerin, einer barmherzigen Schwester, auf mich. Sie eilte an mein Lager und sagte freundlich in deutscher Sprache: „Gott sei Dank I Sie sind gerettet. Ich wünsche Ihnen Glück, mein Herr."
Es war mir nicht recht klar, ob ich diesem Glückwünsche beistimmen sollte, denn mit bei Wiederkehr meines Bewußtseins war auch die Erinnerung an Brunello und seinen Brief in mir aufgetaucht.
„Wünschen Sie etwas?" fragte ine Nonne, ohne durch mein Schweigen im Geringsten gekränkt zu sein.
Ich bat um Wasser; dann erinnerte ich mich, daß ich der edeln Schwester, welche, wie man mir später mittheilte, viele Nächte unverdrossen an meinem Lager geseffen und mich in echt christlicher Weise verpflegt hatte, Dank schulde. Doch sie zeigte nur auf das Cruzifix an der Wand, um mir einen Wink zu geben, wohin ich meinen Dank zu richten habe, und woher sie einzig Anerkennung und Belohnung erwarte. Aber mein Herz blieb kalt und gefühllos wie Stein bei diesem Hinweis auf das Bild des Erlösers. Meine Stunde war noch nicht gekommen. Nicht nach oben, sondern recht tief nach unten richtete sich noch immer mein Blick — Rache und strenge Rechenschaft fordern,
das war mein Gedanke; ängstliche Spannung, in wie weit ich sic schuldig finden würde, bewegte mich, wenn ich an Blanda dachte.
„Qualvoll langiam schritt meine Heilung fort. Das Weihnachtsfest sand mich noch schwach und kraftlos im Bett. Ein deutscher Geistlicher besuchte mich in diesen Tagen und lenkte das Gespräch auf das kommende Fest. Er fragte mich, ob ich nicht die Geburt des Herrn mit meiner geistigen Wiedergeburt feiern wollte. Ich blieb dem wohlmeinenden Rathe gegenüber kalt, und als er in liebevoller Besorgniß um das Heil meiner Seele nochmals bittend mich zum Empfange der Sakramente bewegen wollte, da wies ich den Priester sogar mit Härte zurück.
Freudlos kam für mich das liebliche Fest und freudlos verging es. In meinem Herzen fanden die frohen Lieder, welche den menschgewordenen Gott, das anbetungswürdige Kind in der Krippe, feierten und priesen, keinen Wiederhall. Mein Weihnachten war noch nicht gekommen.
Ende Januar des Jahies 1868 war ich endlich so weit wieder hergestellt, daß meiner Abreise nichts im Wege stand, als der Verlust meiner Freiheit. In stets gesteigerter Unruhe hatte ich dem Tage entgegengesehen, der mich endlich von Rom weg- sühreu würde. Alle meine Gedanken strebten nach Florenz, und mehr als ein Mal war ich im Begriff gewesen, an Blanda zu schreiben; aber immer wieder ließ ich die Feder sinken.