Montag, den 7. Januar
1884,
— mit der
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Zeitung.
* Der russische Nihilismus.
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Die russische Regierung suchte in der letzten Zeit durch die ihr untergebenen Preßorgane im In- und Auslande die Meinung zu erwecken, daß die Kraft der revolutionären Partei gebrochen sei, gebrochen durch die eiserne Hand des „allmächtigen Ministers." Man kann nicht annehmen, daß Tolstoi sich selbst diesem Wahne hingegeben hat, immer» hin aber beweist die Verbreitung dieses Märchens, daß die Regierung geglaubt hat, mit Hülfe der immensen Vorkehrungen und Sicherheitsmaßregeln die nihilistische Bewegung eine Zeit lang erfolg- reich niederhalten zu können. Der neueste Gewaltstreich der Nihilisten, die Ermordung des obersten Chefs der Petersburger geheimen Polizei Su- dejkin und seines Begleiters beweist, daß die Nihilisten trotz aller Verhaftungen und trotz des vollendetsten Spionagesystems an Aktionsfähigkeit noch nichts eingebüßt haben. Mit Sudejkin ist das Haupt der großartigen gegen die Nihilisten gerichteten Verfolgungs-Organisation, der U;: sogenannten „Schutzliga" gefallen. Eine unlängst
stattgehabte Versammlung hatte in förmlicher Weise das Todesurtheil gegen den wegen seiner Grausam feit besonders verhaßten Mann ausgesprochen, und er, der seiner ungewöhnlichen Körperkraft wegen gefürchtet war, wurde nebst feinem Begleiter von vier mit Brecheisen bewaffneten Männern in dein Hause eines seiner Untergebenen überfallen und -chließlich von Letzterem selbst mit einem Schüsse niedergestreckt. Die Art und Weise der Ausführung dieser verbrecherischen That ist charakteristisch für die ganze Stellung der Regierung zu^der nihilistischen Verschwörung. Der Mörder Sudejkins, (welcher den offenbar falschen Namen „Jablonski" führt, ist ein ehemaliger Nihilist, der sogar im Jahre 1880 in Odessa zum Tode verurtheilt sein soll. Da er einem Beamten der Regierung versprach, wichtige nihilistische Geheimniffe - zu verrathen und Spionen-Dienste zu üben, so wurde ihm auf dem Transport nach Sibirien die Flucht erleichtert. „Jablonski" erwies sich als ein sehr brauchbares Glied der Geheimpolizei und
verrieth nicht nur die Pläne der Verschwörer, sondern auch die Verschwörer selbst. Einer zuverlässigen Mittheilung zufolge soll ein vor etwa vier Wochen gegen den Kaiser geplantes Attentat mit Hilfe Jablonski's entdeckt worden fein.
Sei es nun, daß Jablonski feine Verrätherei nur trieb, um die Regierungsorgane in Sicherheit einzuwiegen, daß er also im Interesse der Sache einzelne der Sache dienstbare Personen zum Opfer brachte, oder sei es, daß, wie eine andere Version lautet, die Nihilisten ihm in der jüngsten Zeit ernstlich nach dem Leben getrachtet haben, um seinen Abfall zu rächen, — Jablonski verstano es, den Chef der Geheimpolizei unter dem Vorwande, er habe ihm wichtige Enthüllungen zu machen, in seine Wohnung zu locken und ihn nebst einem anderen höheren Polizeioffizier um's Leben zu bringen. Sudejkin fiel nicht blos als ein Opfer des Nihilismus, sondern auch als ein Opfer des von der Regierung beliebten abscheulichen Systems des ehrlosen Verraths und der Spionage, zu welcher der Ermordete vor Jahresfrist in einem öffentlichem Aufrufe unter dem Versprechen hoher Belohnungen die russische Gesellschaft aufgefordert hatte. Die jedem menschlichen Gefühl hohnsprechenden Mittel, deren sich die russische Polizeiwillkür zur Erreichung ihrer Zwecke bedient, haben den Chef der Geheimpolizei in seine eigenen Netze verstrickt.
Es klingt sehr glaublich, wenn gemeldet wird, der Kaiser sei über die neueste That des Nihilismus sehr bestürzr gewesen; rechnet mün dazu das keineswegs der inneren Wahrscheinlichkeit entbehrende Gerücht, der Jagdunfall des Kaisers sei in Wirklichkeit auch nur auf ein Attentat zurückzuführen, welches offiziell geheim gehalten werde, so wird man sich die Stimmung des Kaisers einigermaßen ausmalen können. Alexander III. sieht mit jedem Tage mehr ein, daß die von ihm und seiner Regierung angewandten Gewaltmittel zur Unterdrückung der revolutionären Strömung nicht nur nicht zum Ziele führen, sondern nur dazu dienen, die gährende Unzufriedenheit im Volke zu steigern und zu vermehren und Rußlands Ansehen int In- und Auslande immer mehr zu schwächen.
Die Stellung des russischen Kaisers war von dem der Ermordung seines Vaters folgenden Regierungsantritt an wahrlich keine beneidenswerthe. Dennoch kann man ihn von der Schuld nicht ffei» sprechen, daß er in seinen absolutistischen Ideen nur von der rohen Gewalt die Rettung für das gesunkene Ansehen und die Macht der Regierung erhoffte, und daß er kaum einen einzigen wesentlichen Schritt gethan hat, um die von seinem Vater geplanten Reformen einzuführen und dadurch der allgemeinen Unzufriedenheit zu steuern. Die wenigen Fälle von Amtsentsetzung ungetreuer und bestechlicher Beamten haben in keinerlei Weise hingereicht, um der schaudererregenden Korruption und Gewissenlosigkeit des russischen Beamtenheeres ein Ziel zu setzen. Das Einzige, was zur Bekämpfung der unzufriedenen Mafien geschehen ist, war die bis in's Unglaubliche gehende Vermehrung der Polizei, namentlich der Geheimpolizei. Heute ist jeder siebenzigste Russe ein Polizist, denn Rußland besitzt, abgesehen von dem Kaukasus, Sibirien, Polen und den Ostseeprovinzen nicht weniger als 670,000 Polizeibeamte, welche dem Volke mehr als vierunddreißig Millionen Rubel (ein Rubel — circa 3 Mark 24 Pfenning) kosten. Diese enorme Machtentfaltung im Kampfe gegen die geheimen Verschwörer läßt wohl kaum mehr eine Verstärkung zu, und so wird die Regierung sich allmählich sagen müfien, daß ihre Mittel erschöpft sind, daß sie ohnmächtig ist gegen den Nihilismus. Bald wird auch die Zahl der Männer verbraucht sein, welche den Muth haben, in der Aussicht auf den fast sichern Untergang die „Schutzliga" zu befehligen und den nihilistischen Umtrieben nachzuspüren.
Die Nothwendigkeit, neben einer vernünftigen Einhaltung der strengen Uederwachung des mord- lustigen Nihilismus allmählich auch an eine Verbesserung und Reform der politischen Verfassung heranzutreten, und dadurch der revolutionären Propaganda in den besseren Kreisen des Volkes, namentlich im Mittel- und Bauernstände, den Boden zu entziehen, macht sich immer lauter und dringlicher geltend. Daß in Rußland keine Verfassung unz.
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<0, Den Frieden gefunden
„Treten Sie näher Heran," sagte der Doktor; „der Kapitän kann nicht laut sprechen."
„Signore," begann der Sterbende, „durch Gottes Gnade bin ich zur Kirche und zu meinem Erlöser zurückgekehrt. Ich vertraue auf seine unendliche Güte, daß er mir ein milder Richter fein a. wird."
Unwillig fuhr ich zusammen. Wollte man viel- r leicht Bekehrungsversuche mit mir anstellen? Die
krankhafte Sucht, welche fast jeder Ungläubige be»
sitzt, hinter Allem, was die Kirche thut, oder wobei sie beteiligt ist, egoistische Zwecke zu sehen, ließ i auch mich sofort diesen Gedanken fassen.
„Bevor ich sterbe, möchte ich Ihre Verzeihung erlangen," fuhr Kapitän Marchi fort. „Es wird Ihnen nicht entgangen sein, daß ich Sie in der * letzten Zeit sehr unfreundlich behandelte —"
„Kapitän," rief ich bewegt, „das habe ich Ihnen längst vergeben."
„Ich danke Ihnen, Signore; doch das ist es nicht, wofür ich Ihrer Vergebung bedarf. Daß q Sie heute noch (eben, ist fast ein Wunder; und ich danke Gott, daß meine Absicht, Sie tobten zu lassen, sich nicht verwirklichte."
fZ— „Mich tobten — unb warum ?" fragte ich erstaunt.
„Mir war ber Auftrag geworden, Sie allen erdenklichen Gefahren auszufetzen, um Sie unschädlich zu machen. Man wollte Ihren Tod, und an
mir liegt es nicht, daß ich diese Schuld nicht auch noch zu beklagen habe."
„Wer hätte denn meinen Tod wünschen können?" fragte ich zweifelnd.
Jenes Schreiben dort, das mein Beichtvater Ihnen aushändigen wird, enthält die nöthigen Aufschlüsse. Man schilderte Sie mir als Verräther und Besitzer wichtiger Geheimnisse, weshalb Ihr Tod eine Nothwendigkeit sei. Ich gehorchte dem Befehle und stellte Sie überall an die gefährlichsten Punkte. Aber ein Mann, der so kämpft wie Sie, und der die eigene Rettung vergißt, um einem hülflosen Unglücklichen beizustehen, wie Sie es gethan haben, kann kein Verräther sein."
Der Kranke hatte stockend und mit Mühe gesprochen. Wieder streckte er mir die Hand hin und flüsterte: „Vergeben Sie mir, Signore?"
„Von ganzem Herzen," sagte ich, die schon kalte Hand drückend. Der Kapitän hatte sich übermäßig angestrengt; er wurde ohnmächtig. Während der Arzt an seine Seite eilte, gab mir der Geistliche den verhängnißvollen Brief. Hastig wollte ich ihn auf reifen.
„Lesen Sie das Schreiben nicht hier, Signore," bat mich ber Priester. „Wenn ber arme Kapitano noch einmal zum Bewußtsein gelangt, würde es ihn in seinen letzten Augenblicken stören, Sie noch hier zu sehen."
In diesem Augenblick trat ber Offizier, welcher mich hierher geführt, roieber zu mir heran unb
forberte mich auf, ihm zu folgen. Stumm gehorchte ich. Doch kaum halte ich bas Kastell roieber betreten, als ich den Brief sogleich öffnete. Der Offizier war zurückgeblieben unb ftanb in einiger Ent- feruun, mich beobachtenb.
„Sinb Sie unwohl?" hörte ich ihn plötzlich fragen unb sah ihn dicht an meiner Seite stehen. Ich antwortete keine Silbe, sondern starrte ihn an wie einen Geist; es lag wie ein Starrkrampf auf mir. Der Offizier winkte zwei Soldaten herbei; ich sah, wie sie mich Jeder an einer Seite faßten und fort geleiteten. Ich fühlte nichts und versuchte auch nicht, mich zu widersetzen. Man brachte mich in das Lazareth, welches ich soeben v< rlassen, kleidete mich aus und legte mich zu Seit; dann sah ich, wie ein Arzt mich kopfschüttelnd betrachtete und mit diesem Augenblicke schwand mein Bewußtsein..
Das war am <8. November g wesen, und als ich erwachte, das heißt wieder zum Bewußtsein kam, da zählte man den 12. Dezember. Fast fünf Wochen hatte ich in furchtbarem Fieder gelegen, das sich oftmals bis zur Raserei steigerte.
Ich wollte ein Glas Wasser nehmen, welches dicht an meinem Bette stand; aber mein Arm war wie gelähmt, und als ich das Glas erfaßt hatte, vermochte ich es nicht zu Heden — in der Vollkraft des Mannes war ich zum hülflosen Kinde geworden."
Walther schwieg und blickte auf das liebliche Thal zu unfern Füßen nieder. Es lag fo friedlich unb ruhig im Glanze ber Abendsonne, ein