295* Montag, den 24. Dezember 1883.
Fuldaer SÄ Zeitung.
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Erstes Blatt.
Weihnachten!
(Nachdr. Derb.)
Weihnach ten! Beseligendes Wort, an das sich bei den Kleinen eine Welt von Sehnsucht und Erwartung, und bei den Erwachsenen eine Fülle der freudigsten und lieblichsten Erinnerungen aus der glücklichen Zeit der ersten Jugend anknüpst! Ein eigenthümliches, halb wonniges, halb weh- müthiges Gefühl beschleicht den Christen, welcher nicht jedes besseren Gefühles und jeder tieferen Empfindung bar ist, an dem Tage, wo die Glocken von den stolzen Domen wie von den anspruchslosen Kirchen und Kapellen einstimmig die frohe Botschaft verkünden: „Das Christkind ist geboren! Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!"
Wenn in der Christnacht von den Thürmen der Gotteshäuser erhebend und mahnend die feierlichen Klänge der Glocken ertönen, dann erhebt sich wohl Mancher, der den Glauben und die Kirche in dem wilden Taumel der Vergnügen und der Welt fast vergesien hat, von seinem Lager und eilt zur Mette. Diese erhebende Feier in der Christnacht ist für ihn sozusagen noch das Einzige, was sein Herz zu den sinnigen und kindlich gläubigen Gesichten seiner Jugend hinzieht. In dieser Nacht, wo die schönen Klänge der Weihnachtslieder durch die Gewölbe der Gotteshäuser rauschen, wo man vielleicht in einer Nische die von frommen Händen errichtete Krippe mit dem Jesuskinde, der liebenden Gottesmutter und dem sorgsamen heil. Joseph, umkränzt von Lichtern, von Blumen und Grün erblickt, in dieser Nacht flammt auch des lauen Christen Herz wieder auf, er empfindet wieder das so lange eingeschlummerte Gefühl der kindlichen Hinneigung und uneigennützigen Liebe zu dem göttlichen Welterlöser, der hier in so lieblicher und freundlicher Gestalt sich zeigt. Wie oft kann man es beobachten, daß Leute, die sonst,
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<0, Den Frieden gefunden
(Fortsetzung.)
„Ich konnte Giovanni, der mit einem Ernste sprach, den ich selten an ihm gewahrte, nicht Unrecht geben. Aber alles, was er mir da in der geläufigsten Weise sagte, war Unwahrheit; vielmehr bezogen sowohl er als auch sein Vater nicht unbedeutende Zuschüße, gewisiermaßen Gehälter für ihre Thätigkeit. Das erfuhr ich später auf das unzweifelhafteste. Damals jedoch glaubte ich Giovanni und hätte es für Unrecht gehalten, diesem Edelmuthe nicht Anerkennung zu zollen. Mehr aber als die persönlichen Angelegenheiten der Bru- nello's bewegte mich die Mittheilung über Blan- da's Verhältnisse. Ich gab dieser Besorgniß um ihre Zukunft Ausdruck; doch Giovanni unterbrach mich lachend:
„Ta sieht man wieder den grübelnden Deutschen! Was kümmert Dich das Morgen! Mach' es wie ich, und denke nur an das Heute!"
„Diese Ansicht kann ich nicht theilen," unterbrach ich ihn. „Blanda ist mir zu theuer, als daß ich mich über diese Angelegenheit so leicht Hinwegsitzen könnte. Angenommen — man muß alles bedenken —, es träten Verhältnisse ein, die eine Verbindung zwischen uns nicht zu Stande kommen ließen —"
„Nun, ich will keine falschen Hoffnungen in Dir erregen," warf Giovanni ein; „aber ich glaube
wenn über Religion und Glauben gesprochen wurde, nur mit verächtlichem Achselzucken antworteten, in dieser feierlichen Stunde begeistert und mit leuchtenden Augen in die Melodien der herzerquickenden Weihnachtslieder ein stimmen. Sind es. liebliche Träume der Jugend, die aus den leuchtenden Augen sprechen, oder sind es Thränen der Reue über das gottvergessene Leben, die mit feuchtem Glanze aus dem Auge hervorbrecten? — Jedenfalls ist es ein Sonnenstrahl der Gnade, der in das Herz des verirrten Menschen hineinfällt und ihm den Weg zeigt, den er verlaßen hat.
Doch nicht nur in den heiligen Hallen des Gebetes, sondern auch in den trauten Räumen der Häuslichkeit beweist der Zauber des Weihnachtsfestes seine geheimnißvolle Macht. Wie verschieden auch die Sitten und Gebräuche sein mögen, welche zur Verherrlichung des göttlichen Christkindes alljährlich am Weihnachtsfeste ihre Auferstehung feiern, immer und überall ist es ein seltsamer, fast überirdischer Zug der reinen Freude und Menschenliebe, der besonders an diesem Tage die Kluft zwischen Jung und Alt, zwischen Herrn und Knecht, zwischen Reich und Arm überbrückt und alle in demselben Gefühle kindlicher Liebe vereinigt. Selbst derjenige, dem es nicht beschie- den ist, ein fröhliches Christfest im Kreise der Sei- nigen zu verbringen, empfindet schon beim bloßen Anblick fremder Freude einen wahren, herzerhebenden Genuß. Jede Weihnachtsszene ruft alte liebe Erinnerungen wach und läßt längst vergessene Tage wieder verjüngt vor unserem Geiste auftauchen. ....
Dort an der Straßenecke gewähren uns die halbgeöffneten Läden einen Einblick in ein hellerleuchtetes Zimmer. Wir treten näher, uni unbemerkt an der Freude und dem unendlichen Jubel theilzunehmen. In der Mitte des Zimmers erhebt sich auf einem runden Tische ein prächtiger, schlankgewachsener Christbaum. Der lebhafte Kontrast zwischen dem schönen Tannengrüne, dem goldenen Lichtschein, dem in buntem Wechsel hin- und heischwebendem Zuckertand und den rothen, blauen, silbernen und goldenen Glaskugeln, die bald in
doch, daß Du ihrer Liebe sicher sein darfst. Allerdings kann ein Fall eintreten, der mich in dem Augenblick, wo ich daran denke, erschreckt, und den Italiens Genius abwenden möge! Ich weiß nicht, ob ich ihn Dir nennen soll," fuhr er zögernd fort.
„Und welcher Fall wäre das?" fragte ich gespannt.
Giovanni blieb stehen, streckte mir beide Hände entgegen und sagte: „Walther, wenn Du Deinen Edelmuth mit Deinem Blute besiegeln müßtest, wenn Du fielest in dem heiligen Kampfe für unsere Sache! Es wäre furchtbar! Doch fort mit diesem häßlichen Gedanken!"
„Du hast Recht, Giovanni," erwiderte ich. „Dieser Fall ist nicht unmöglich und ich danke Dir, daß Du mich aufmerksam darauf gemacht hast. In diesem Falle könnte ich ja nichts für Blanda thun und wenn ich bedenke, daß sie mich wirklich liebt, so — doch halt, ich weiß einen Ausweg! Blanda soll sehen, daß meine Liebe frei von allem Eigennutz ist; ich liefere ihr den Beweis."
„Und wie?" fragte Giovanni lauernd.
„Heute noch spreche ich mit Blanda und bitte sie, mir unmittelbar vor meiner Abreise ihre Hand zu reichen. Noch in derselben Stundesogleich nach der Trauung will ich abreisen. Falle ich dann, so ist sie die Erbin meines Vermögens, und s e mag meinem Andenken als dem eines Freundes eine Thräne weihen. Mehr will ich ihr dann nicht gewesen sein als ein treuer Freund.
langen Schnüren, bald einzeln, den Hellen Kerzenschimmer hundertfach wiederstrahlen, dieser Kontrast blendet fast unsere Augen. . Um den herrlichen Baum herum Hüpfen und tanzen die fröhlichen Kinder und wissen sich nicht satt genug zu sehen an all' den schönen und glänzenden Sachen, die das Christkind ihnen bescheert hat. In der Ecke des Zimmers sitzt auf einem Lehnstuhl ein würdiger Greis mit Silberhaaren. Er schaut in seligem Entzücken mit lächelnder Miene auf das Glück und den Jubel seiner Enkel. Ihm zur Linken steht die Mutter mit vor Freude strahlendem Gesicht; sie blickt bald nach den jubelnden Kindern, bald nach dem entzückten alten Vater und dem in der andern Ecke des Zimmers stehenden Gatten hin, der in ernster Ruhe und mit feuchtem Blick das Treiben seiner Kinder betrachtet. Was mag der ernste Mann wohl denken, ruft die schöne Szene längstvergangene Erinnerungen in ihm wach, denkt er mit Wehmuth der Jahre seiner Kindheit? — Plötzlich öffnet sich die Thür des Zimmers, ein kaum zehnjähriges Mädchen tritt ein und führt an der einen Hand einen Knaben, an der andern ein Mädchen. Beide Kinder sind erst 4—5 Jahre alt und sehen ärmlich und zerlumpt aus. Fast geblendet voll all' der Herrlichkeit und all dem Glanze blicken sie bald scheu und und ängstlich um sich, bald werfen, sie einen kurzen, vielsagenden Blick auf den schönen Christbaum. „Sieh' hier die armen Kleinen, Vater", redet das Mädchen den ernsten Mann an, der die ganze Zeit hindurch in Nachdenken dagestanden hat, „ich sah sie eben auf der Straße stehen und vor Kälte zitternd ihre Hände unter den Kleidern verbergen. Ich dachte: die haben daheim gewiß keinen Christbaum, darum habe ich sie hereingeführt; — Väterchen, Du wirst mir darum doch nicht böse sein?" Des ernsten Mannes Gesicht erheitert sich, er antwortet seiner Tochter mit einem stummen liebevollen Blick, dann nimmt er die beiden armen Geschöpfchen bei der Hand und redet sie mit freundlichen und ermunternden Worten an. Die fröhlichen Geschwister haben sie schon umringt und reichen ihnen in kindlicher Freigebigkeit von den Leckerbiffen und
Giovanni's Gesicht überzog eine jähe Blässe und mit auffallender Hast rief er: „Nein, nein und tausend Mal nein!" Dann mit Gewalt sich fassend, fuhr er ruhiger fort:
„Walther, Du bringst mich geradezu in Aufregung! Nur keinen solchen Schritt! Ich kenne Blanda. Sie würde den Beweggrund Deines Handelns ahnen, und so edel er auch ist, ihr stolzes Herz wird dadurch beleidigt werden."
„Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß im letzten Augenblicke noch etwas zwischen euch träte, und Du freudlos und gedrückt von uns in's Feld zögest."
„Könnte Blanda dadurch beleidigt werden?" fragte ich ungläubig.
„Sie wird es; ich versichere es Dir. Ich kenne sie zu genau. Sie denkt so groß, so hoch, so edel, daß es sie tief verletzen würde, euere Liebe mit der materiellen Frage ihrer Zukunft in Verbindung zu bringen. Und übrigens setze ich meine Ehre zum Pfände, daß sie nicht darauf eingeht; Du hättest also nichts erreicht."
„Dann muß ich unferm Glück vertrauen," entgegnete ich kleinlaut.
Einige Augenblicke gingen wir schweigend neben einander her. Giovanni schien einen Plan mit sich zu berathschlagen. Plötzlich blieb er stehen und rief: „Gefunden, gefunden!"
„Was denn?" fragte ich überrascht.
„Den besten Ausweg, auf welchem Du Deiner edlen Gesinnung gegen Blanda dennoch Ausdruck