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Sonnabend, den 22. Dezember

1883

Jfiilbacr

Jrilung

M 294

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Erstes Blatt.

Eine bescheidene Bitte.

In der laufenden Woche wurden allenthalben die Vorbereitungen zum nahenden Weihnachtsfeste und zur Weihnachtsbescheerung getroffen, die Ge­schäfte haben eine gute Einnahme, und von den Kauflustigen wird manches vollwichtige Silber- und sogar Goldstück ausgegeben, welches sich vielleicht auch hätte sparen lassen, und dem nur der edle Trieb, anderen Menschen eine recht große Freude zu bereiten, den Weg aus der Kaffe leicht gemacht hat. In diesen Tagen, wo, wie gesagt, so man­cherlei entbehrliche Dinge gekauft, und in jeder Stadt Haufen Geldes zu Geschenken verausgabt werden, wird die freundliche Leserin und der ge­neigte Leser es einem Menschenfreunde nicht übel deuten, wenn er zunächst für die Armen und ihre Kinder ein gutes Wort in die Wagschaale wirft, und daran erinnert, daß man über der Freude am Schenken und dem Glück des Beschenklwer- dens auch die zahllosen Nebenmenschen nicht ver­geßen soll, welche nur kümmerlich und in Sorge und Dürftigkeit ihr Leben fristen müssen. Ihnen winkt am eigenen Heerde kein.leuchtender Christbaum, sie haben keine herzerfreuenden Geschenke zu gewär­tigen, sie sind ja schon zufrieden, wenn ihnen der allernöthigste Lebensunterhalt stets zeitig zur Hand ist. Auch in unserer Stadt haben wohlthätige Menschenfreunde es sich von jeher angelegen feilt lassen, auch den armen Kindern zum Weihnachts­feste eine besondere Freude zu bereiten. Solche Unternehmen verdienen die wärmste und eifrigste Unterstützung, es handelt sich ja nicht bloß um eine Maßregel der allgemeinen Armenpflege, son­dern daruni, den Armen in der schönen Fest­zeit eine außergewöhnliche Ueberraschung zu be­reiten, sie an den Freuden der besitzenden Klas­sen einen, wenn auch nur geringen Antheil neh­men zu lassen. Dabei ist es selbstredend nur erwünscht, wenn ein Jeder nach seinen Kräften auch außerhalb jener speziellen Weihnachtsveran­staltungen für arme Kinder zur Weihnachtszeit

eine besondere Mildthätigkeit und Freigebigkeit an den Tag legt und ihm bekannten würdigen Armen in passender Weise eine kleine Weihnachtsbescheer­ung vermittelt. Ganz abgesehen von dem ver­dienstvollen Werke, welches man damit thut, trägt auch das Bewußtsein, Anderen eine besondere Freude verschafft zu haben, ganz ungemein zur Erhöhung des Vergnügens an der Weihnachtsfeier im eigenen Hause bei. Auch sollten christliche Eltern ihre Kinder schon von frühester Jugend daran gewöhnen, daß sie in ihrem Jubel auch ihrer dürftigen Mitmenschen nicht vergessen; die Kinder in den Pflichten der inildthätigen Nächsten­liebe zu erziehen, bietet sich gerade in den Weih­nachtstagen oft genug eine passende Gelegenheit dar.

Schließlich hat Schreiber dieses noch eine andere bescheidene Bitte auf dem Herzen, eine Bitte, die gewiß bei mancher Leserin und manchem Leser ein geneigtes Ohr finden wird. In dem Annoncen­theil der katholischen Blätter findet man jetzt Tag für Tag Angebote von Loosen zu guten Zwecken; namentlich Kirchenbauloose sind ein viel kultivirter Artikel. Die Thalsache, daß in allen Theilen Deutschlands sich Hände regen, um dem Herrn neue würdige Tempel zu bauen find die alten Gotteshäuser zu restauriren, ist gewiß auch ein erfreulicher Beweis für den großartigen Aufschwung, den die gute Sache des Glaubens und der Kirche in den letzten Jahren in Deutschland genommen hat. Ein Gewinnloos auf dem Weihnachtstisch ist gewiß Jedermann ivillk.anine», und tuben bei schönen Aussicht auf einen möglichen Gewinn wird ja auch dem guten Zwecke ein kleines Opfer gebracht. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß, wie eine Brieftasche oder ein Portemonnai mit einer kleinen Summe Geldes, so auch ein oder mehrere Kirchenbau-Loose eine höchst angenehme Ueberraschung am Weihnachtsabend sein könnten.

Daß das Christfest auch in anderer Hinsicht an die Unterstützung eines dem Interesse und dem Herzen nahe liegenden Kirchenbaues ge­mahnt, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Wie die drei Weisen aus dem Morgenlande dem Jesukinde Gold und Weihrauch als Huldigung

zu Füßen legten, so können heute die Reichen und Besitzenden dem Herrn keine bessere irdische Gabe darbringen, als eine entsprechende Beisteuer zum Bau von Kirchen und Kapellen, welche kommende Geschlechter zur Anbetung und zur Lobpreisung Gottes aneifern sollen. Wenn wir am Weihnachts­tage auch diese Pflicht der Verherrlichung Gottes und seiner Kirche recht beherzigen und bethätigen, so tragen wir mit unseren schwachen Kräften dazu bei, daß auch der erste Theil der herrlichen Bot­schaft der Engel in der Christnacht in Erfüllung geht: „Ehre sei Gott in der Höhe!"

Die blaue Uhr.

(Aus dem Tagebuche eines Hausmütterchens.) Als ich neulich meine Sachen durchsah und ord­nete, gab es mir einen wahren Stich durch's Herz, als ich meine liebe blaue Uhr weglegen mußte! Allerdings trage ich jetzt eine weit schönere, eine wirkliche „Damenuhr"; ich konnte mich aber trotz­dem einer stillen Thräne nicht erwehren, als ich diejenige in Watte einpackte, welche seit so langer Zeit schon die Stunden meines Lebens angezeigt hatte.

Vor zehn Jahren — wie lange ist cs nun schon her — war ich acht Jahre alt, als sie mir mein liebes Väterchen schenkte. Ich sehe ihn noch, wie er sie vorsichtig aus der Schachtel nahm, in wel­cher er sie versteckt haste, und sie mir leise auf die flache Hand legte; beinahe hätte ich sie in meiner stürmischen Hast fällen lassen, als ich dem geliebten Vater um den Hals fiel und ihm unter heißen Küssen meinen Dank sagte.

Es ist auch nicht eine Uhr wie jede andere; erstens ist es eine Uhr, die eine „Vergangenheit" hat, denn sie ist alt; ich habe mir immer so sehr gewünscht, zu wissen, wer vor mir meine Uhr be­sessen haben mag: es ist sicher Jemand gewesen, ser sie sehr geliebt hat; denn auf der Emaille, der chönen, glatten, blauen Emaille, ist nicht ein Strich, nicht ein Rißchen zu sehen. Auch hat eine etwas dicke und gewölbte Uhr für den Blick etwas Angenehmeres als eine ganz flache, platte Uhr; und diese hier hat so hübsche goldene Weiser, die

<Q, Den Frieden gefunden 27 (Fortsetzung.)

Jetzt verstand ich sie. „Blanda," rief ich auf­springend, „Blanda, wenn ich die Waffen ergreife, wenn ich mitziehe in den Kampf für die Sache, die Sie so hoch halten, werden Sie mir dann Ihre Liebe, Ihre Hand schenken?"

Blanda Toverci hatte ihren Zweck erreicht; sie war noch geschickter als ihr Onkel und Giovanni.

„Wenn das Ziel errungen, wenn Rom unser ist, dann, Walther, ist auch die Stunde gekommen, wo ich wieder Weib bin, und mein Herz in seine Rechte tritt," erwiderte sie mit verführerischem Lächeln.

Stürmisch zog ich ihre Hand an meine Lippen. Ich schwamm in einem Meere von Entzücken, ohne zu bedenken, daß Blanda mir durchaus zweideutig geantwortet habe.

„Doch nun, Signore," Hub sie in scherzendem Tone wieder an, wird es die höchste Zeit sein, un­sere Gesellschaft aufzusuchin. Nicht wahr, Sie ver­sprechen mir, über unser Gespräch vollständiges Schweigen zu beobachten?"

Was hätte ich ihr nicht Alles versprochen in meiner Thorheit! Ich sah mich am Ziele; wenig­stens trennte mich nach meiner Meinung nur noch eine kurze Zeit von ihm. Mein Entschluß war gefaßt.

In kurzer Zeit hatten wir die Gesellschaft er­reicht, die uns schon erwartete. Giovanni mochte die Aufregung, die auf meinem Gesichte stand, wahrgenommen haben. Forschend wandte er seine

stechenden Augen bald nach Blanda, bald zu mir hin. Einige Zeit später machte seine Unruhe einem zufriedenen Lächeln Raum. Er triumphirte, daß ich offenen Auges in die Schlinge lief.

Wie hätte ich an der aufrichtigen Freundschaft Giovanni's Zweifel hegen können? Nur das Ver­sprechen, gegen Jedermann zu schweigen, hielt mich ab, in der Freude meines Herzens meine hoffnungs­reiche Stimmung zu offenbaren. Trotzdem drängte es mich, ihm meinen Entschluß, in die Reihe der Garibaldianer zu treten, mitzutheilen. Zu diesem Zweck näherte ich mich Giovanni, nahm seinen Arm unter den meinigen, und ihn einige Schritte von den Uebrigen seitwärts führend, flüsterte ich ihm zu: „Giovanni, in den nächsten Tagen gehe ich zu den Freischaaren."

Ich fühlte, wie sein Arm in dem meinigen zuckte. Rasch wandte er sein Gesicht mir entgegen und rief mit blitzenden Augen: „Freund, Du willst in der That in die Reihen unserer Helden treten? Ah, bei Garibaldi! Das ist edel; das sieht Dir ähnlich!"

Dann zog er mich mit freundlichem Ungestüm zu seinem Vater hin, der uns zu beobachten schien.

„Vater, denke Dir, unser Freund will seinen Arm, seine Tapferkeit unserer heiligen Sache weihen; er will das rothe Hemd unseres Kapitano an­ziehen."

Diese laut gesprochene Mittheilung verfehlte ihren Zweck nicht; die Näherstehenden hatten sie vernom-

I men. Glückwünschend drängten Alle sich um mich herum: die Einen wirklich aufrichtig, die Anderen voll Hinterlist. Zu den Letzteren gehörten an erster Stelle Giovanni und der alte Brunello.

Ich habe später oftmals, wenn ich au jene Szene dachte, die Entschlossenheit und schlaue Berechnung Giovanni's bewundern müssen. Er bezweckte mit der Verkündigung meiner Absicht ganz einfach, mir sofort den Rückweg abzuschneiden.

Jetzt, da mein Vorsatz bekannt geworden, konnte ich ohne den Vorwurf der Feigheit auf mich zu laden, nicht mehr zurück, selbst wenn ich gewollt hätte. Das Einzige, was meinen Entschluß hätte wankend machen können, fehlte mir vollständig, nämlich die Erkenntniß, daß ich im Begriff stand, ein Verbrechen zu begehen.

„Uebrigens bist Du ein ganz schlauer Kame­rad," wandte Giovanni lachend sich zu mir, als wir uns wieder von den Uebrigen getrennt hatten.

„Wie meinst Du das?"

„Stelle Dich nur nicht so, als verständest Du mich nicht. Du weißt sehr wohl, daß der Weg, der nach Rom führt, ganz genau derselbe ist, auf dem Du den Einzug in das Herz Blanda's hältst. Oh, oh, sei nur still, das weißt Tu eben so gut als ich und" — fügte er in scheinbar herzlichem Tone hinzu — „wenn ich mich nicht täusche, so habt ihr Beide heute interessantere Dinge bespro­chen als euere täglichen Sprachübungen."

(Fortsetzung folgt im zweiten Blatt.)