Mittwoch, den 19. Dezember
1883.
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Zweites Blatt.
Vermischtes.
<Q> (Stilb lüthen.) Die von vielen Blättern allwöchentlich mitgetheilten „Politischen Streifzüge" haben schon in früherer Zeit einmal das besondere Interesse der Sammler sprachlicher Kuriositäten in Anspruch genommen. Neuerdings spielt der Gallimathias in den Streifzügen wieder eine so hervorragende Rolle, daß die Lektüre derselben dem einigermaßen sprachlich geschulten Leser oft ein gelindes Entsetzen verursacht. Trotzdem wir -mit dem Inhalt der „Streifzüge" gewiß durchaus einverstanden sind, und den stramm katholischen Standpunkt derselben nur loben und anerkennen können, glauben wir doch dem Uebermaß der stilistischen Derbheit und des phraseologischen Unsinns öffentlich eutgegentreten zu sollen. Die letzte Nummer der Streifzüge am verflossenen Sonnabend ließe sich geradezu als ein abschreckendes Exempel des horrendesten Gallimathias benutzen. Man höre selbst: „Gleich Schneeflocken „rieselten" die Nachrichten vom politischen Olymp auf die überraschten Köpfe der Sublunaren herab." „Rieselnde" Schneeflocken hat wohl noch Niemand gesehen oder vielmehr „gehört". Einige Zeilen später „hageln" die Nachrichten -von Berlin und Madrid, und es heißt nun wortwörtlich: „Es geht damit, wie mit der rosigen Purpurschminke, die sich vor kurzem der Himmel auf seine westliche Wange strich." Fürwahr, ein großartiges Bild, ein Bild von kühnster Einbildungskraft und doch auch wieder von hausbackenster Natürlichkeit! Der ganze Himmel ein Gesicht mit vier Wangen, -- und derselbe Gesichtshimmel streicht sich selbst die Schminke auf die westliche Wange. Herrliche Idee! Ueber „Kleinigkeiten", wie z. B. den Vergleich der politischen Welt mit einem Konditorladen, und eines langen Gesichtes mit einer gezogenen Gummischnur, gehen wir kurz hinweg und kommen nun wieder zu einem großartigen Phantasiegemälde, welches diesmal der Tonkunst
entnommen ist. Es handelt sich um ein Schimpfkonzert „nach Noten und mit vollen Registern": „Die,Nat. Lib. Korr.' trat die Bälge, und die von ihr mit dem richtigen Wind versehenen Provinzialblätter rollen ä la Wagner über die Tastatur." Das Bild spricht für sich selbst, und hätte es zur Verstärkung des Eindrucks des „mit vollen Händen auf den Weg geworfenen Geifers" nicht bedurft. Später „wirft der Dezemberhimmel mit Schneeflocken um sich", und es wird just kon- statirt, daß die „Niederschläge der Nationalliberalen keine Ueberschwemmung mehr zu Stande bringen." Fast gleichwerthig ist das Bild vom „gurgelnden Strom, der manches wichtige Ereigniß auf die Oberfläche warf". Daneben nimmt sich das „Knirschen des ganzen inneren Menschen" und das „Plumpsen in das tobte Meer der hingeschlachteten Ueberzeugungstreue" nicht minder gut aus. Und das soll „populär" sein! Man glaube übrigens nicht, der Verfasser befleißige sich mit Absicht einer spaßhaften Redeweise, die „Streifzüge" sind stets streng-ernsten Inhalts und schreiten auf höchstem Kothurn einher. Die vorbesprochenen Stilproben sind demnach keine „Witze", sondern nur mißglückte und überspannte Phrasen. Es wäre zu wünschen, daß der „politische Wochenstreifzügler" nicht nur auf das Verständniß der unter dem „politischen Olymp" wohnenden ungebildeten „Sublunaren", sondern auch auf die Aesthetik und die elementarsten Forderungen des an sich schon genugsam angefeindeten Zeitungsstiles etwas mehr Rücksicht nähme.
*** (Cylinder für Damen). Ueber eine neue Modethorheit schreibt man aus Paris: Nichts ist bekanntlich abscheulich genug, um allgemein das verdiente Mißfallen zu erregen. Namentlich die Damen haben in dieser Hinsicht ziemlich diver- girende Meinungen. So hat sie die Sucht nach Exzentrizität in der laufenden Saison verleitet, das entsetzlichste Attribut der Männerwelt — den Cylinder zu adoptiren. Ja, was man jetzt auf blonden, braunen oder schwarzen Locken der Pariser Damen schaukeln sieht, es ist das Ungethüm Cylinder, der echte, unverfälschte, glattgestrichene
Cylinder, die Ofenröhre mit schmaler Krempe Nur eines haben die Damen vor der Herrenwelt voraus, sie tragen den Cylinder in allen Farben, und zuweilen empfindet eine Sünderin dennoch Reue ob der entlehnten Kopfdeckung und verbirgt diese schamhaft, zum mindesten auf der einen Seite unter einigen Vogelflügeln. Allein Cylinder bleibt immer — Cylinder!
•** (Die deutsche Titelsucht.) Der berühmte Opernsänger Schott aus München, der in Königsberg zu einem Gastspiel eingetroffen ist, hat sich im Fremdenrapport als „Anton Schott, Hauptmann d. R. im 3. königl. württembergischen Artillerieregiment" eintragen lassen und auch einem der Redakteure einer königsberger Zeitung eine ebenso lautende Visitenkarte zugehen lassen. Der betreffende Redakteur hat diese Artigkeit mit seiner, wohl eigens dazu angefertigten Visitenkarte ironisch erwidert, auf welcher unter seinem Namen zu lesen ist: „Landsturmmann, ehemals Einjährig-Freiwilliger und Schießunteroffizier im 7. rheinischen Feldartillerieregiment".
X literarisches.
Hanka. Eine wendische Novelle von A. Marby.
Ein intcressantes Kulturbild wird dem Leser in dieser wendischen Dorfnovelle vorgeführt, ein Stück Leben so eigenartig und merkwürdig, wie es nur das Wendenvolk in der Niederlausitz bieten kann. Auf der einen Seite das bauernstolze Stockwendeythum mit seinem ererbten Haß gegen alles Deutsche, äuf der andern Seite die germanischer Sitte geneigten Elemente, mit jenem im scharfen Konflikt — das ist der Hintergrund, auf dem die Liebe zwischen Hanka und dem jungen Dorfschulzen Georg Rischka in wechselvollen Szenen sich abspielt. Die Erzählung beruht auf Thatsachen.
Die Rechte. Novelette von Walther Schwarz.
Der bekannte Autor behandelt in dieser allerliebsten Arbeit ein sympathisches Thema in eleganter Darstellung. Das heutzutage epidemisch gewordene Musik Dilettanten- thum geißelt Walther Schwarz in glücklichem Humor.
Beide Novellen bilden den so eben erschienenen Band 14 von „Bachem's Novellen-Sammlung". 208 Seiten 8°. Elegant-solid gebunden in dunkelviolett Calico mit Goldtitel 1 Mark. Verlag von I. P. Bachem in Köln. Durch alle Buchhandlungen zu beziehen.
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