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M 290.

Dienstag, den 18. Dezember

1883.

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Jritung

Man kann es uns nicht verübeln, wenn wir den verschiedenen offiziösen Tonarten gegenüber eine entschiedene Ungläubigkeit an den Tag legen, und da sich die abweichenden Stimmen nicht mit einan­der in Einklang bringen lassen, ganz einfach keine für richtig und maßgebend ansehen. Es gab eine Zeit — es ist freilich schon lange her — da legte man im Inlands und Auslande offiziösen Ver­lautbarungen, besonders wenn sie von einer ge­wissen Seite zu kommen schienen, einen ungemeinen Werth bei, und wagte nicht einmal den leisesten Zweifel dagegen zu äußern. Die Zeiten haben sich geändert, und heute sieht ein Jeder die offiziösen Auslassungen mit mißtrauischen Augen an. Die Einen sagen, manche Artikel, welche sich äußer­lich und formell als wohlunterrichtet geritten, hätten nie die ministerielle Zensur passirt, Andere glau­ben, die sogenannten offiziösen Verlautbarungen würden jetzt hin und wieder mißbraucht, um ir­gend einen Zweck vorzubereiten, für eine Idee um jeden Preis Propaganda zu machen, überhaupt um die öffentliche Meinung irre zu leiten. Dem fei, wie ihm wolle, — die Thatsache steht jedenfalls fest, daß die offiziösen Versicherungen nirgendwo mehr das Vertrauen genießen, welches sie zur Er­reichung ihrer Zwecke nöthig hätten.

So haben auch bei der Frage des kronprinz- lichen Besuches im Vatikan die Abwiegelungsver­suche, die Deutungen und Deutelungen der soge­nannten offiziösen Blätter höchstens bei Denje­nigen Eindruck gemacht, welche entweder von Hause aus der Regierung die Schleppen tragen, oder denen die offiziöse Aufklärung für ihre Zwecke geeigneter schien, als die anfängliche Auffassung.

Mag man über die thatsächliche Begrüßung des Papstes durch den deutschen Kronprinzen und ihre Konsequenzen urtheilen, wie man will, soviel ist klar, daß nur die „ungeschickte" Art, wie dieser

Während Kronprinz Friedrich Wilhelm bereits in Rom weilt, und sein Besuch beim hl. Vater als direkt bevorstehend angenommen werden kann, setzen die deutschen Offiziösen ihre sonderbaren Bemühun- gen fort, dem besuche des Kronprinzen im Vatikan neben dem Besuche des italienischen Königs eine mehr untergeordnete Bedeutung zuzuschreiben.^Jndem man vorgibt, der Rücksicht auf die internatio­nale Höflichkeit eine besondere Hervorhebung des Königs Humbert schuldig zu sein, beleidigt man in demselben Athemzuge den „zweiten in Rom refu direnden Souverän", indem man ihn hinter den „ersten" Souverän zurücksetzt. Seltsamer Weise hat man auch diesmal wieder unzweideutig erkennen können, daß die Offiziösen verschiedener Gattung keineswegs denselben Spruch aufsagen, daß viel­mehr namentlich in der Tonart dieser gouverne- mentalen Sprachrohre ein wesentlicher Unterschied besteht. So befleißigte sich z. B. die,Prov.-Korr.', wie immer, so auch diesmal, einer weit milderen Form und rücksichtsvolleren Darstellung, als die .Norddeutsche Allgemeine', welche in der ganzen Welt als hochoffiziös gilt, obgleich noch jüngst Herr v. Puttkamer ausdrücklich versichert hat, daß die Regierung zu dem Blatte nicht in Beziehung stehe, "daß sie sich jedoch dessen „freiwillige" Unterstützung gern gefallen lasse. — Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ob der Minister des Innern, weil er im preußischen Landtage als Minister der preu­ßischen Regierung sich befand, die Offiziösität der .Norddeutschen' nur für Preußen und seine Re­gierung, nicht aber für die Reichsregierung hat be­freiten wollen. Daß solche höchst feinen Unter­scheidungen bereits vorgekommen sind und demnach nicht zu den Unmöglichkeiten gehören, ist genugsam bekannt. —

bevorstehende Besuch von Madrid aus gemeldet wurde, die so schroffen offiziösen Dementis ver­ursacht hat. Die erste Madrider Depesche war nicht etwa, wie hier und dort angenommen wurde, ein bestelltes Machwerk, aus dem sich das Weitere in mohlgeplanter Folge entwickeln sollte, — die erste Meldung von dem Besuche am Vatikan ist gewissen Kreisen wirklich überraschend und unan­genehm gewesen und hat sie zu der gereizten Sprache veranlaßt, welche nur dazu bestimmt war, Italien, und nicht so sehr den Hof, als vielmehr die libe­rale Partei in Kammer und Volk, zu beschwichti­gen. Um diesen Zweck erreichen zu können, wur­den die beliebten Uebertreibungen für nöthig erachtet.

sehens in Europa, das soll demnach der höhere politische Zweck der Kronprinzenreise sein. Die Zukunft wird es beweisen, inwieweit die Annahme gerechtfertigt gewesen ist. In Frankreich scheint man diese Auffassung allmählich auch zu roittem, jedoch ist der Augenblick dazu so ungeeignet wie möglich gewählt. Eben erst sind in der Kammer bie wüthenden Reden gegen das Papstthum und die offizielle Beziehung der Republik zum Vatikan verklungen, und während Frankreich alle Hebel ansetzt, um die Freundschaft des Vatikans los zu werden, stattet der Vertreter des deutschen Reiches dem Papste einen freundlichen Besuch ab. Das Sange stellt ein Zeitbildchen dar, welches zu mancher­lei ernsten Gedanken Anlaß gibt.

* Zum Besuche des Kronprinzen im Vatikan.

Deutsches Reich.

Fulda, 18. Dezember.

* (Aus Rom,) 17. Dez. wird gemeldet: Der hl. Vater wird morgen (Dienstag) Mittag den Kronprinzen empfangen. Wie verlautet, soll die Erwiderung des Besuches Namens des Papstes durch den päpstlichen Staatssekretär Jakobini er­folgen, und zwar nicht in der Wohnung des Kron­prinzen im Ouirinal, sondern in dem Hotel der preußischen Gesandtschaft beim Vatikan. Doch wird der Kronprinz nicht anwesend fein, wenn Jakobini erscheint. Damit soll dann die Frage des päpstlichen Gegenbesuchs Erledigt sein. — Die Abreife des Kronprinzen von hier erfolgt am Donnerstag.

* (Heranziehung der Eisenbahnen zur Kommunal steuer.) Die Grundzüge des dem­nächst einzubringenden Kommunalsteuerge- setzes, soweit es sich auf die Besteuerung der Bahnen bezieht, wurden seitens des Vertreters der Regierung in der gestrigen Sitzung der Eisen- bahnkommission dargelegt. Danach soll nach einem Bericht der Magd. Ztg.' durch dasselbe das Recht der Besteuerung der Eisenbahnreinerträge nicht wie bisher nach der Städteordiumg nur auf die Stadt- gememben beschränkt bleiben, sondern auch auf die betreffenden Landgemeinden ausgedehnt werden. Ferner wird beabsichtigt, das besteuerungs. fähige Reineinkommen nicht der einzelnen Direktions­bezirke, sondern der Eisenbahnverwaltungen der ganzen Monarchie in ihrer Gesammtheit zu ermitteln und auf die einzelnen Gemeinden zu vertheilen. Dabei soll die Vertheilung nicht mehr nach dem Bruttoerträge der Stationskassen, sondern nach den respektiven Beträgen der Aus­gaben für Gehälter und Löhne an den verschiede­nen Orten erfolgen. Für die Bahnen, die von Haus aus Staatsbahnen gewesen sind, welche also nicht auf Grund eines Aktienkapitals, sondern durch Schaffung von Staatsschulden entstanden sind, soll bei, Berechnung des Reinertrages die Verzinsung dieser Schulden in Abzug gebracht werden. Da­gegen soll bei den verstaatlichten Privatbahnen nur die an Stelle der Dividende getretene feste Rente der Aktionäre nicht in Abzug gebracht werden. Die nach diesen Grundsätzen etwa in Kraft treten­den gesetzlichen Bestimmungen würden eine Mehr­belastung der Eisenbahnenverwaltung durch Kommu- nalftcuern um 1—2 Mill. Mark herbeiführen.

Berlin, 17. Dezember.

* (Kardinal Hohenlohe) ist hier einge- tcoffen. Der Hofberichterstatter der Abendblätter stellt eine Audienz des Kardinals beim Kaiser in Aussicht.

(Defterreid) - Ungarn.

* Pest, 17. Dez. (Tisza-Eszlarer Pro­zeß.) Vor einem aus fünf Richtern bestehenden Kollegium der königlichen Tafel begann heute in Pest die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozesses

Wir haben die Bedeutung des kronprinzlichen Besuches im Vatikan von Anfang an mit Vorsicht und Zurückhaltung behandelt; derselbe gilt uns weder als eine gleichgültige Zeremonie, als eine unumgängliche Höflichkeitsform, noch als ein für die nächste Entwickelung der preußischen u. deutschen Kirchenpolitik hochwichtiges Ereigniß. Nach dem heutigen Stande der kirchenpolrtischen Frage, nach den Jahre lang hingeschleppten Verhandlungen, während noch die allerkleinsten Konzessionen nur nach langem Zögern und Sträuben bewilligt wer­den, und über eine ganze Reihe wichtiger Fragen Meinungsverschiedenheit zwischen Rom und Berlin herrscht, ist es geradezu undenkbar, daß der Kronprinz gewissermaßen als Vermittler des endgültigen Frie­densschlusses tzep Vatikan betreten sollte. Wer seine Hoffnungen so hoch spannt, wird jedenfalls von der Wirklichkeit recht bitter enttäuscht werden. Daß die irchenpolitische Lage zwischen dem Oberhaupte )er katholischen Kirche und dem Thronerben des iber 10 Jahre im „Kulturkampf" lebenden Prett­ins zur Besprechung kommen wird, liegt klar auf >er Hand. Auch ist es nicht unmöglich, daß diese Besprechung für die Zukunft der katholischen Kirche .n Preußen über kurz oder lang von bestimmendem Einfluß sein wird, aber eine Vereinbarung über die chwebenden Fragen zwischen Papst und Kronprinz t nicht zu gewärtigen. Jedoch ist, wie schon wie­derholt hervorgehoben wurde, schon die Thatsache, daß der deutsche Kronprinz nicht, wie bet seinem letzten Besuche in Rom, den Papst ignorirt, son­dern ihm die vollen Ehren eines Souveräns er­weist, als ein wichtiger Umschwung in der deut­schen Kirchenpolitik anzusehen, und wenn auch der gleichzeitige Besuch bei Papst und König bei dem Umstande, daß Preußen am Vatikan durch einen offiziellen Gesandten vertreten ist, eine unabweis­bare Forderung der internationalen Höflichkeit fein mag, so würde Preußen noch vor 2 Jahren ganz gewiß dieser Forderung aus dem Wege gegangen fein. Der Besuch des deutschen Kronprinzen bedingt eine gewiffe Annäherung zwischen der Person des Papstes und der des Kaisers und feines Nach­folgers, und diese persönliche Annäherung wäre schm an und für sich ein Ereigniß, welches die Katholiken mit Freuden begrüßen dürften.

Die ausländische, insbesondere die englische Presse, faßt die ganze Reise des Kronprinzen, viel­leicht nicht ganz mit Unrecht, als einen politischen Schachzug gegen Frankreich auf. Der deutsch- österreichische Friedensbund sucht gegen Frankreich neue Stützen in Spanien und Italien, will sich zum Wenigsten der Neutralität und Friedens­liebe dieser Länder versichern, und zu einem wahren und wohlgemeinten europäischen Friedensbunde ist auch die moralische Unterstützung des hl. Stuhles von unschätzbarem Werthe. So urtheilt die ein­flußreiche englische Presse, und selbst der Moniteur de Rome' beschäftigt sich in eimm uns vorliegenden Artikel „Frankreich und Europa" eingehend mit diesem Gedanken. Befestigung des europäischen Friedens und Verstärkung des monarchischen An-

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