M 288
Sonnabend, den 15. Dezember
1883.
Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Psg., — mit der belletristischen Wochenbeilag« .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Psg., auswärts 1 M. 75 Psg.
Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Psg., sog. Platzannoncen 10 Psg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zweites Blatt.
Deutsches Reich.
Fulda, 15. Dezember.
* (Ueber die Romreise des Kronprinzen) bringt die ,Nordd. Allg. Ztg.' an leitender Stelle abermals einen offenbar inspirirten Artikel, dem wir folgendes entnehmen;
„Je mehr die Aeußerungen über das Telegramm des unbekannten Urhebers aus Madrid, nach welchem der Kronprinz zu einem Besuche des Papstes nach Rom gehen sollte, zu unserer Kenntniß kommen, desto erstaunter sind wir über den Mangel an Urtheil, den in dieser Beziehung nicht nur die deutsche Sensationspresse, sondern auch die sonst so nüchternen großen Organe der englischen Publizistik .Times' und,Globe' entwickelt haben. Für jeden Politiker von Fach liegt eine Mission des Thronerben mit dem Auftrage, den preußisch-vatikanischen Kirchenstreit mit allen seinen Verzweigungen und Verwickelungen unter Mitwirkung des Kultusministers in einer Spezmlmisfion nach Rom zu erledigen, so weit außerhalb der Möglichkeit, daß diese Jdeen-Verbindung in Blättern, die sich politische nennen, nicht vorausgesetzt werden konnte. DerUeber- schätzung des Gewichtes persönlicher und gelegentlicher Verhandlungen für die Entscheidung des unlösbaren Problems des Kirchenstreites entspricht die Unterschätzung des deutschen Thronerben, welche sich Seine Kaiserliche Hoheit als diplomatischen Agenten behufs der Lösung der Tetailfragen, die unsere Parlaments- und Zeitungsdebatten beschäftigen, auf telegraphische Weisung, von Madrid expreß nach Rom geschickt, vorstellen. Um mit dem ,Hann. Kour.' zu reden, ließe eine solche diplomatische Kombination an „Kühnheit der Eifin- । düng" gewiß nichts zu wünschen übrig; aber wenn ! nun das non posaum is der päpstlichen Politik auch dem Kronprinzen gegenüber dasselbe zähe Widerstreben aufrecht erhalten hätte, an welchem ; bisher das Entgegenkommen der preußischen Regie- i rung gescbertert ist, müßte dann nickt die Erinneruna
,0) Den Frieden gefunden. 23 (Fortsetzung aus dem 1. Blatt.)
Unter andern Veryäilniffen härte ich dem ganzen Treiben inehr oder iveniaer indifferent gegenüber gestanden. Meine vollständige Gleichgültigkeit gegen jedes religiöse Gesetz, gegen jede kirchliche Einrichtung, ließ mich auch gefühllos dem Schick- sale der Kirche selbst und dem des Papstes gegenüberstehen. An ihrem Untergehen lag mir nichts; ich hätte ihn nicht gehindert, doch auch nicht dazu beigetragen. Das sollte sich ändern.
Nicht nur Männer waren von den Ideen der Revolution vollständig durchdrungen, sondern auch Frauen. Manche erschienen in den revolutionären Cirkeln, an denen ich, von Beunello eingeführt, jefc: häufig Theil nahm, zumal auch Blanda überall dort zu finden war. Heftig wurden die politischen Tagesfragen erörtert; Emmiffäre der Revolutions- parlei berichteten über die Stimmung in den übrigen Städten Italiens und über das Fortschreiten der Bewegung. Zuweilen sammelte sich auch die ganze Gesellschaft um einen hervorragenden Führer und lauschte seinen Worten.
Blanda spielte dabei eine große Rolle. Sie war eine begeisterte Anbängerin der Bewegung. Ihre hervorragenden Geistesgaben, gepaart mit außergewöhnlicher Schönheit, macht, n sie zu einer geschätzten Mitarbeiterin an dem großen nationalen Werke, wie die Ränke gegen Rom genannt wurden. Wie lauschten die Männer, ivenn sie schwungvoll
an eine so auffällige ui* dennoch mißlungene Mission für den künftigen Kaiser und König eine peinliche sein und bleiben, die erlittene Niederlage den in jüngster Zeit sich abkühlenden Streit von Neuem erbittern und den preußischen Staat Rom gegenüber hilfsbedürftiger erscheinen lasten, als er ist, die Zuversicht der Kurie aber auf den endlichen Sieg ihres non possumua dadurch erheblich gesteigert werden? Letztere ist an weltgeschichtliche Kämpfe während des ganzen zweiten Jahrtausend zu sehr gewöhnt, um der ehrenvollsten Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der höchsten Personen ihre Interessen zu opfern. Der Kronprinz des deutschen Reiches aber ist nicht berufen und nach seinen bisherigen Erlebnissen in Krieg und Frieden nicht gewöhnt, Aktionen von zweifelhaftem Erfolge zu übernehmen und auszuführen".
Wie man sieht, ist das Ganze nichts mehr als ein allgemeines Raisonnement, welches keinen anderen Zweck zu haben scheint, als die allseitig dem Besuche des Kronp inzen im Vatikan zugeschriebene ungewöhnliche Bedeutung abzuschwächen. Daraus folgt natürlich keineswegs, daß dieser Besuch nun auch wirklich nur die Bedeutung eines bloßen Höflichkeitsaktes habe. Die ,Nordd. Allg. Ztg.' kann es nach den bisherigen Erfahrungen Niemanden übel nehmen, wenn er hinter ihren pomphaften Artikeln stets Ränke und Jntriguen wittert.
* (Herabsetzung der Anwaltsqebühren.) Die ,Nordd. Allg. Ztg.' bestätigt die Mittheilungen der .Berliner Potit. Nachr.' von Verhandlungen zwiscken der Justiz- und Finanzverwaltung bezüg- ich der Herabsetzung der Anwaltsgebühren mit dem Hinzufügen, daß diese Verhandlungen durch bestimmte Vorschläge des Reichsjustizamts veranlaßt seien.
Berlin, 14. Dezember.
* (Die Jagdordnung) ist von der betreffenden Kommission des Herrenhauses gestern in zweiter Lesung angenommen worden und soll bereits am Sonnabend zur Plenarberathung gelangen. Den Bericht erstattet Staatssekretär Stephan.
* Dortmund, 14 Dez. (Mawdatsnie- derleguna.) Der .Dortm. Zig.' zufolge bat der
einen der massenhaft auf auchenoen Freihe.isgejänge deklamirte! Wie glühten die Wangen und funkelten die Augen, wenn sie aufforderle zum Kampfe gegen Rom! Dann schien ihre Gestalt zu wachsen; das herrliche Ebenmaß ihres Körpers trat majestätisch hervor; die dunkeln Angen brannten in leidenschaftlicher Begeisterung, und mächtig erklang das Metall ihrer kraftvollen Stimme. Alles jauchzte ihr zu. Ergraute Männer küßten ihr die Hand, die jüngeren priesen sie mit überschwänglichen Worten, und sie nahm diese Huldigungen an wie eine Königin. Dichter legten ihr die Erzeugnisse ihrer Muse zu Füßen, damit Blanda's Vortrag ihnen durchschlagenden Erfolg erwerbe; Komponisten setzten die rasenden Worte in überspannte Musik und priesen sich glücklich, wenn Blanda sie würdigte, ihre Lieder zu singen. Sie sang fast noch schöner, als sie sprach.
Mehr wie auf alle Anderen übte das Auftreten Blanda's seinen Eindruck auf mich aus. Mein Auge hing an jeder ihrer Bewegungen; kein Wort ihrer Lippen entging meinen Ohren, und als hinge das Glück meines Lebens daran, so lauschte ich den Tönen, die sie sang.
Es war in den letzten Tagen des Juni. Höhnisch hatte man die Nachricht ausgenommen, in Rom werde beabsichtigt, das Cenlenarium Petri mit großem Glanze zu feiern. Aber großer Zorn bemächtigte sich Brunello's und seiner Genosten, als Bericht auf Bericht einlief von der Begeisterung und Pracht, mit der das Fest gefeiert wurde. Man
Landtagsabgeordnete für Bochum, Bergrath Schultz, fein Mandat niedergelegt.
* Wesel, 14. Dez. (Reichstags-Wahl.) Bei der am 10. Dezember stattgehabten Wahl eines Reichstags-Abgeordneten für den 7. Düsseldorfer Wahlkreis (Moers-Rees) ist als Ersatz für Grüte- ring (Centrum), welcker sein Mandat niedergelegt hat, Graf Hoensbroeck (Centrum) auf Sckloß Haag bei Geldern mit 10,663 gegen 4773 Stimmen, welche der nationalliberale Professor Schlichting er- thelt, gewählt worden.
* Weimar, 13. Dez. (Vom Landtage.) Der Landtag nähert sich schnell dem Schluß der Etatsberathung. Schon liegt der Bericht über den außerordentlichen Etat vor. Der Finanzausschuß hat an demselben keine Veränderungen vorgenommen, sondern empfiehlt ihn zur Annahme in Einnahme und Ausgabe nach den Postulat«» der Regierung, auch in Bezug auf die Abtheilung des Eisenbahnfonds, die die Kräfte des außerordentlichen Etats besonders in Anspruch nimmt. An den Eisenbahnfonds treten in der nächsten Finanzperiode noch die Ansprüche aus der Garantie für die Weimar-Geraer Eisenbahn in vollem Umfange heran. Die Mittel für die Deckung dieser Ansprüche sind nicht ganz vorhanden; es ergibt sich vielmehr ein Fehlbetrag von etwa 370,000 Mk. Dieser wird aus den Ncberschüfsen der laufenden Finanzperiode zu decken sein, wie Regierung und Finanzausschuß dem Landtage vorschlagen. Sie können dies mit um so mehr Recht, als diese Ueberschüsse die ansehnliche Höhe von 942,000 Mk. erreichen dürften. Allerdings ist über diese, wenn der Landtag jenen Antrag annimmt, zum größten Theil bereits verfügt. Immerhin dürfte auch stach Abrechnung der letzten für die Weimar-Geraer Eisenbahn im Jahre 1887 e-forderlichen Garantiesumme — in dem genannten Jahre hört die Garantie auf — noch ein Posten von 370,000 Mk. zur Verfügung bleiben. Auch dieser Umstand zeigt, daß die Finanzlage des Staats eine recht erfreuliche genannt werden darf. Der Schluß des Landtages wird voraussichtlich um die Mitte der nächsten Woche erfolgen, doch ist eine außerordentliche Session im nächsten Herbst schon jetzt als feststehend zu erachten, da in in derselben erst auf Grund der Ergebnisse der neuen Steuergesetzgebung die Höhe der Einkommensteuer endgiltig festgestellt werden wird.
Oesterreich - Ungarn.
Budapest, 13.Dez. (Zur Ablehnung des Misch eh e-Gefetzes.) Die Nachricht, daß das ungarische Oberhaus den ominösen Gesetzentwurf wegen Gestattung der Misckehe zwischen Juden unö
hatte nch durch eigene Lüge Daran gewöyi.t, das Papstthum als einen Schatten zu betrachten. Uno nun diese kraftvolle Lebensäußerung der katholischen Kirche! Drohungen wurden ausgestoßen und verbrechet ische Pläne geschmiedet. Man beschloß, die Anstrengungen zu verdoppeln.
Ich darf meinen damaligen Zustand kaum anders als wahnwitzig nennen. Offen legte ich Blanda meine Huldigungen zu Füßen; ich folgte ihr wie ihr Sckatken, hing an ihren Augen, sah jede ihrer Bewegungen und war glücklich, wenn ich Gelegen-- heit fand, ihr zu dienen. Blanda nahm anfangs meine Bemühungen, ihre Gunst zu erringen, mit derselben Gleichgültigkeit auf, die sie den vielen anderen Bewunderern ihrer Schönheit bewies. Ab und zu erhielt ich jedoch einen freundlichen Blick, oder sie reichte mir ihre kleine Hand, die uns Alle, mich aber am meisten beherrschte. Nach und nach wurde ihre Aufmerksamkeit gegen mich größer, und mit Neid bemerkten meine Nebenbuhler, daß sie mich auszeichne. Doch jener warme Strahl, den die Seele in die Augen hineinsendet als Herold ihrer Gefühle, und der mich später so oft in den treuen Augen meiner Gattin beglückte, den sah ich nie. Ich klagte Giovanni, wie geringe Fortschritte ich in der Gunst seiner Konsine gemacht habe.
„Was willst Du mehr ?" rief er lachend. „Zeichnet sie Dich nicht vor uns Allen durch Beweise ihrer Freundschaft ans? Blanda ist eine würdige Tochter Italiens. (Fortsetzung folgt.)