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M 288.

Sonnabend, den 15. Dezember

1883.

Fuldaer 8W Zeitung.

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Erstes Blatt.

Der Priestermangel — auch eine soziale Frage.

Die statistischen Nachweise aus fast allen Theilen Deutsch­lands bezeugen die unleugbare, aber auch höchst beklagens- werthe Thatsache, daß die Zahl der Priester fortwährend sinkt. Nur zwei oder drei Diözesen machen eine rühmens- werthe Ausnahme, und zwar nur deshalb, weil sie im Be­sitze ihrer Bildungs-Anstalten geblieben sind.

Während das Klerikal-Seminar in Breslau im Jahre 1859 volle 59 Alumnen zählte, wurden im Jahre 1870 nur 25^ im Jahre 1877 nur noch 11 Neopresbyter geweiht; seit 1879 schwankt die Zahl gar nur noch zwischen 6—8. Nach glaubwürdigen Miltheilungen sollen in den letzten 12 Jahren ca. 228 Priester in der Diözese Breslau mehr ge­storben sein als geweiht wurden. Aehnlich liegen die Ver­hältnisse in anderen Diözesen. Mainz deckte seinen Bedarf an Priestern stets reichlich; seit die Konvikte aufgehoben und das vordem weithin berühmte Priesterseminar geschlos­sen ist, ist die Zahl der Priesteramts-Kandidaten rapid zu­rückgegangen. Im laufenden Jahre soll von allen Ab tu- rienten der 6 hessischen Landesgymnasien ein Einziger das Studium der katholischen Theologie ergriffen haben. Köln und Münster hatten früher so viele Kandidaten des Priesterstandes, daß dieselben nicht alle in der Heimath Verwendung finden konnten, und deshalb in Nachbardiö­zesen übertraten. Jetzt können die Lücken in den Seelsorge­stellen nicht mehr ganz ausgefüllt werden. Selbst in dem vorzugsweise katholischen Bayern liegen die Verhältnisse nicht besser: Obwohl dort mehrere Hundert von norddeut­schen Geistlichen einstweilen Verwendung gefunden haben, sollen noch immer geistliche Stellen unbesetzt sein. Wenn nun, was ja nahe bevorzustehen scheint, diese Geistlichen in ihre Diözesen zurückgerufen w-rven, so werden noch größere Lücken entstehen. Auch in der Erzdiözese Freiburg steht die Zahl der neugeweihten Priester in gar keinem Ver- hältniß zu der Zahl der verstorbenen.

Leider fehlt eine genaue Statistik aus allen Diözesen Deutschlands über die Zahl der in den letzten 10 Jahren gestorbenen und neugeweihten Priester. Die Differenz müßte sich als sehr groß Herausstellen.

In Folge der bekannten Gesetze haben ferner weit über 600 Ordensgeistliche, welche fast ausnahmslos in der Seel­sorge lhätig waren, das Vaterland verlassen müssen, also so viele Priester, als mehrere kleinere Diözesen zusammen nicht zählen.

Schließlich muß noch darauf hingewiesen werden, daß die Bevölkerung in Deutschland in den letzten 10 Jahren bedeutend gewachsen ist und demgemäß auch die Geistlichen hätten vermehrt werden muffen.

Die Verwaisung der Pfarreien, die geringere Zahl der

Geistlichen, die Zunahme der Bevölkerung und der un­zweifelhafte Rückgang der religiös-sittlichen Verhältnisse bewirken eine größere Anspannung uud Abnutzung der noch vorhandenen seelsorglichen Kräfte — also größere Sterblichkeit und noch weiter zu befürchtende Lücken im Klerus.

Thatsache ist somit: Die katholische Bevölkerung ist bedeutend gewachsen, die Zahl der Geistlichen im umge­kehrten Verhältniß gesunken und 600 Seelsorgsgeistliche aus dem Ordensstande vertrieben. Leider ist, einzelne Diözesen abgerechnet, keine Aussicht vorhanden, daß die Zahl der Priester rasch und in dem Umfange anwachsen wird, wie er dem Bedürfnisse entspricht.

Wohin sollen diese Zustände führen? Wem sollen sie zum Vortheil gereichen? Die Pfarreien müssen ohne Seel­sorger bleiben, die Kinder empfangen nicht mehr den noth- wendigen religiösen Unterricht; die Größeren entbehren in den schlimmsten Jahren des Rathes und der Mahn­ungen des Geyilichen und wachsen auf ohne Beachtung oder in voller Mißachtung der geistlichen Autorität, welche doch die Trägerin jeder Autoritär ist. Die Predigt, der Empfang der heiligen Sakramente wird ganz oder theil- weise in vielen Gemeinden ausfallen. Der so versöhn­liche Einstuß des Priesters, welcher die Ehestreitigkeiten beilegte. Feindschaften beseitigte, Prozesse durch Vergleiche erledigte u. s. w., fehlt zum größten Schaden des Volkes.

Die ohne gründlichen Unterricht ausgewachsene Jugend verwildert, verachtet jede Autorität und wird gar bald eine Beute jener Parteien, welche gegen Thron und Altar mit gleichem Hasse erfüllt sind. So erklärt sich, daß trotz des Sozialistengesetzes die Sozialdemokratie stets wächst — in neuerer Zeil selbst in katholischen Gegenden.

Der bereits vorhandene und stets noch zunehmende Mangel an Priestern ist verderblich für die Einzelnen, wie für die Familien, für die Gemeinden und den Staat.

Je größer die sozialen Gefahren werden, um so drin­gender fordert es das öffentliche Wohl, daß der Staat alle Hindernisse, welche die Heranbildung des Klerus hem­men, beseitige und die Bemühungen der kirchlichen Oberen nach Möglichkeit befördere.

Aber auch das Volk hat große Pflichten in dieser Hin­sicht; für sein zeitliches und ewiges Wohl sollen ja die Priester sorgen. Deshalb muß auch das katholische Volk milhelfen, indem es entweder fromme, fähige und berufene Jünglinge dem Altäre zuführt oder aber zu den schweren Opfern, welche heute das Studium erfordert, nach Kräften beiträgt. Es wird heute viel geleistet zum Bau und zur Ausschmückung von Kirchen. Wozu das Alles, wenn schließ­lich die Priester fehlen, die am Altäre das h. Opfer feiern? i Mit vollem Rechte sagte Domdecan Ur. Heinrich aus Mainz ! in seiner herrlichen Rede Über Den Priestermangel auf der Katholiken - Versammlung zu Frankfurt: „Wer einen Priester heranbilden hilft, thut mehr, als wer einen Altar baut und selbst mit Gold und Edel­steinen ziert. Ist denn nicht der Leib mehr als das

Gewand? Ist denn der Priester nicht mehr, als aller äu­ßerer Schmuck, wie löblich er auch sei?"

Die Priester spenden Allen ohne Ausnahmen die Gnaden Gottes, deshalb haben auch Alle an der Ausbildung guter Priester das größte Interesse; denn es sollen ja Deine Priester fein, christliches Volk. Alle sollen beten, damit der Herr „Arbeiter in seinen Weinberg sende"; Jeder soll auch nach Kräften ein Scherflein beitragen zur Bestreitung der Kosten, welche die Ausbildung der Priesteramtskandi- daten verursacht. Das Stubiren ist heut zu Tage theuer, so theuer, daß selbst nicht unbemittelte Eltern oft die Aus­gaben nicht allein bestreiten können. Wenn aber alle Ka­tholiken, Reiche wie Arme, nach Kräften beisteuern, so werden die großen Lücken im Priesierstande in nicht allzu langer Frist wieder ausgefüllt fein. Die mit den Opfern der Gläubigen herangebildeten Priester werden zum Wohle des Einzelnen und der Familien, des Staates wie der Gesellschaft wirken. Gebt dem katholischen Volke gute, opferwillige Priester in ausreichender Zahl, und ihr Habt ein Stück der sozialen Frage gelöst. (Franks. Volksztg.)

Vermischtes.

*** (Eine Million Schachteln schwe­discher Zündhölzer an einem Tage) zu fer­tigen, ist gewiß eine erstaunliche Leistung. Die­selbe wurde am Dienstag, den 27. November, von der weltberühmten Zündholzfabrik in Jön- köping vollbracht, nachdem eine ganze Reihe neu­erfundener Maschinen aufgestellt war, auf deren einer Seite riesige Holzblöcke eingeworfen werden, um auf der anderen in endloser Reihe als wohl­gepackte Streichholzschachtelft wieder herauszukom­men. Am folgenden und den übrigen Tagen, wo die Arbeit nicht so . gewaltsam betrieben wurde, betrug die Leistung nur 994,400. Schachteln.

**• (Fatal.) Doktor: „Wie ist es denn in der Nacht mit Ihrem Schlafe, mein lieber Mann?" — Kranker: „Ach Gott, Herr Doktor, schlafen kann ich die ganze Nacht gar nicht." — Doktor: „Haben Sie keine Idee, woher diese nächtliche Unruhe kommt?,, — Kranker: „Ja, wissen's, ich bin halt Nachtwächter."

„** (Noch mehr.) Lieutenant! „Was ist mehr als ein bayrischer Stabsarzt?" Rekrut: „Ein bayerischer Ober-Stabs-Arzt " Lieutenant: „Was ist aber noch mehr?" Rekrut: „Ein oberbayeri­scher Ober-Stabs-Arzt."

<Q> Den Frieden gefunden, 22 (Fortsetzung.)

Die Huldigung, welche ich Blanda's Schönheit zollte, schien sie als etwas Selbstverständliches auf­zunehmen, ohne sie jedoch unangenehm zu finden. Den Rest des Tages über blieb ich an ihrer Seite, und es entging mir nicht, daß mancher neidische Blick nach mir geworfen wurde. Vielleicht auch, daß meine Einbildung solche nur zu sehen wähnte. Wie dem auch sei, ich schwamm in einem Meer von Wonne. Blanda's Mutter, sowie sie selbst gestattete mir auf meine Bitte, ihnen am folgen­den Tage meine Aufwartung zu machen. Heber- glücklich und voll Dankbarkeit gegen Giovanni, der sich jedoch dein Ausdrucke dieses Gefühls lächelnd entzog, nahm ich spät am Abend Abschied von ihm. Der Entschluß, mich um Blanda's Liebe und Hand zu bewerben, stand fest. Ich hatte jede ruhige Heberlegung verloren.

Zu verabredeter Stunde trat ich in das finstere Haus, das Blanda's Mutter bewohnte. Das Dienstmädchen schien von meinem Kommen unter­richtet zu sein und führte mich sogleich in ein nicht luxuriös, aber mit Geschmack ausgestattetes Zim­mer. Ich hatte kaum einen Blick um mich ge­worfen, als Blanda schon eintrat und mir mit liebenswürdiger Freundlichkeit die Hand reichte. Wie ganz anders stand sie mir heute gegenüber! Dort draußen in Gegenwart zahlreicher Menschen, von denen Viele ihrer Schönheit Bewunderung

zollten, zeigte ihr Benehmen stolze, gebietende Würde. Jede ihrer Bewegungen, ihre Haltung, ihre Sprache waren daher gemessen und berechnet. Hier, in ihrem Hause zeigte sie sich dagegen viel unge­zwungener und freier. Bald trat auch ihre Mutter ein, die mich mit gleicher Freundlichkeit begrüßte. Wir sprachen von Florenz, von Paris, von den Bergen meiner Heimath.

blanda verstand es, Hnterhaltung zu führen, sie war heiter, scherzte, und jede Minute in ihrer Nähe fesselte mich mehr an sie. Als ich mich ver­abschiedete, geschah es mit einer Herzlichkeit, die meinerseits ehrlich war; ich glaubte dasselbe von Blanda und ihrer Mutter annehmen zu müssen und pries mich glücklich.

Giovanni wie sein Vater waren fieberhaft mit den Plänen des revolutionären Jung-Jtaliens be­schäftigt. Hm die Wette entwickelten sie mir die Absichten der Garibaldinischen Partei. Die welt­liche Herrschaft des Papstes mußte gebrochen wer­den mit ober ohne die Regierung. Brunello Senior drückte sich dabei mit der größten Offen­heit aus. Der Hmsturz des Papstthums, zunächst der weltlichen Macht desselben, sei nur das Vor­spiel, nur Mittel zum Zweck, belehrte er mich. Haben wir Rom, so haben wir die Hauptader der katholischen Kirche in der Hand, und die zu unter­binden, ist unsere allererste Aufgabe. Ist das Haupt gefallen, so sterben die Glieder von selbst ob; haben wir die Priesterherrschaft ausgetilgt, so

wird der religiöse Einfluß der Kirche immer mehr verschwinden. Die R.ligion stirbt nach und nach aus; die Pfaffen sind nicht mehr im Stande, durch die Lehre von ihiem Gott und einem Jenseits gegen un­sere Ideen anzukämpfen; das Volk wird uns zufallen, und dann folgt der Hauptschlag: Nieder mit der Monarchie! Erst der Altar und dann der Thron!

Es lag ein wüthender Ingrimm in der Art und Weise, mit der Brunello das Programm seiner Partei entwickelte. Man fühlte es aus jedem Worte, jeder Bewegung, jedem Blicke, mit welch' tödtlichem Haffe er die Kirche und die staatliche Ordnung verfolgte. In demselben Athem, mit dem er von Freiheit und Brüderlickkeit sprach, den Völkerfrieden und die allgemeine Menschenliebe pries, floß sein Mund über von blutigen Drohungen gegen Alle und Jeden, der sich seinen rasenden Lehren entgegenstellte.

Giovanni theilte natürlich die Ansichten des Vaters. Aber er drückte seine Gesinnung anders aus. Bei dem alten Brunello konnte man wenig­stens noch an eine Art von Heberzeugung denken, bei Giovanni dagegen war das nicht möglich. Er behandelte Alles mit unglaublichem CynismuS. Ebenso wie er auch über die Heilslehren der Kirche lachte, spottete er auch über die Phrasen Brüderlichkeit und Freiheit. Ihm war Alles nur Mittel zum Zweck. Nur Eines hatte er mit dem Vater gemein, das war der Haß gegen die Kirche und ihre Institutionen.

(Fortsetzung folgt im zweiten Blatt.)