Einzelbild herunterladen
 

Jfä 284» Dienstag, den 11. Dezember 1883.

Fuldaer ||1 Inlung.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertag- ausgenommen. Vierteljährlicher Abonn-mentspreis«ohne^Bnngerlohri und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg-, — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' m Fulda 1 Mk^ 70 Pfg auswärts 1 M. 75 Pfg

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg.. sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender ^Rabatt.

Der Besuch des Kronprinzen beim Papste

darf nach den neuerdings erfolgten gut informir- ten Mittheilungen als unzweifelhaft feststehender Plan angenommen werden. Die offiziösen Halb- Dementis hatten eben nur den Zweck, die Sen­sation , welche die Nachricht auch über Deutsch­lands Grenzen hinaus erregen m.ßte. abzuschwächen und wenigstens den offiziellen politischen Charakter des Besuches zu läugnen. Ob die Offiziösen diese Absicht erreicht haben, muß wenigstens sehr in Zweifel gezogen werden, denn schon die Thatiache eines Besu­ches des deutschen und preußischen Thronerben beim vielgeschmähten Oberhaupte der katholischen Welt hat unter den gegenwärtigen Umständen eine gewisse politische Tragweite. Den Leuten freilich, welche in ihrer politischen Naivität gleich meinen, „es läge auf der Hand, daß der Besuch nichts anderes als den Abschluß des Friedens mit dem Papste bedeuten kann", wird eine Enttäuschung nicht vor­behalten bleiben. Denn, wenn auch eine münd­liche Besprechung des Kronprinzen mit dem Papste einzelne Schwierigkeiten leichter und schneller be­seitigen könnte, als lange diplomatische Verhand­lungen durch Unterhändler, so darf man doch nicht vergeffen, daß der Differenzpunkte bisher noch gar zu viele sind, und eine kurze Unter­redung daher höchstens über allgemeine Gesichts­punkte, nicht aber über ein ganzes Friedenssystem eine Einigung anbahnen kann. — Die Offiziösen gefallen sich, wie bereits erwähnt, in dem umge­kehrten Extrem. Sie suchen den Besuch lediglich als einen Akt der Höflichkeit hinzustellen, dem die Krone sich nicht leicht entziehen könne, ohne auf das Aergste anzustoßen. Diese Auffaffung ist natür­lich auch den Umständen nicht entsprechend. Man wird mit Recht an den Brief erinnern, den der Kronprinz gleich bei Antritt seiner Stellvertretung des Kaisers nach dem Nobiling'schen Attentat an den Papst richtete, und welcher der Ausgangspunkt der diplomatischen Verhandlungen Preußens mit der Ku­rie geworden ist. Der Inhalt jenes Briefes bewies, daß dem Kronprinzen die Beseitigung des kirchenpo itischen

Konfliktes sehr am Herzen liegt. Es wird nicht unan­gebracht sein, denWortlaut dieses Briefes vom 10. Juni 1878, und zwar speziell den Schlußpaffus, heute in die Erinnerung zurückzurufen. Der Schluß lautete: „Wenn es daher nicht in Meiner und vielleicht auch nicht in Ew. Heiligkeit Macht steht, jetzt einen Prinzipienstreit zu schlichten, der seit einem Jahr­tausend in der Geschichte Deutschlands sich mehr als in der anderer Länder fühlbar gemacht hat, so bin Ich doch gern bereit, die Schwierigkeiten, welche sich aus diesem von den Vorfahren über­kommenen Konflikte für beide Theile ergeben, in dem Geiste der Liebe zum Frieden und der Ver­söhnlichkeit zu behandeln, welcher das Ergebniß Meiner christlichen Ueberzeugung ist. Unter der Voraussetzung, Mich mit Ew. Heiligkeit in solcher Geneigtheit zu begegnen, werde Ich die Hoffnung nicht aufgeben, daß da, wo eine grundsätzliche Ver­ständigung nicht erreichbar ist, doch versöhnliche Gesinnung beider Theile auch für Preußen den Weg zum Frieden eröffnen werde, der anderen Staaten niemals verschloffen war".

Seit jenem Briefe sind allerdings schon füns lange Jahre in's Land gegangen, und nur ganz allmählich, mit schleppendem Schritt hat der Staat den Weg zur Verständigung mit der Kirche be­treten. Jedoch berechtigen die bisher erfolgten Konzessionen zu der Annahme, daß es der Regier­ung mit der Aufgabe des Kulturkampfes inzwischen immer mehr Ernst wird. Und in diesem Sinne aufgefaßt, ist auch die freundschaftliche Begegnung des Kronprinzen mit dem Papste an und für sich schon ein neuer Schritt auf dem Wege zum kirch­lichen Frieden. Alle Bemäntelungsversuche der Offiziösen können an dieser logischen Konfequenz nichts ändern. Man wird sich übrigens auf demnächstige offiziöse Beschönigungs-Artikel schon jetzt gefaßt machen müssen. Der erste offiziöse Vorposten ist bereits in der .Köln. Ztg.' ausge­stellt, welcher Nachstehendes unter dem 9. er. aus Berlin gemeldet wird:

„Aus Hostreisen wird bekannt, daß man allerhöchsten Orts dem Besuche des Kronprinzen bei dem Papst nur die Bedeutung einer Höflichkeitsbezeigung beilege.

Eine Zusammenkunft mit dem König von Italien war bei den freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Fürsten in Aussicht genommen, als es feststand, daß der : Kronprinz von Genua aus zur See nach Spanien reisen würde, nur über den Ort der Zusammenkunft war ein Entschluß noch vorbehalten. Für Rom hatte man sich erst in allerletzter Zeit entschieden. Von einem Besuch des Papstes konnte also erst nach dieser Entscheidung die Rede sein. Daß ein solcher Besuch bei den durch die Korrespondenz zwischen dem Kaiser und dem Papst genug­sam bekundeten freundschaftlichen Beziehungen zwischen Preußen und der Kurie beliebt wurde, ist durchaus nicht auffallend, zumal da man hier nicht entfernt daran ge­dacht haben will, dem Schritt eine unmittelbare politische Bedeutung beizulegen. Man darf darauf gefaßt sein, daß offiziöse Stimmen fich in dieser Richtung über den Besuch des Kronprinzen bei Leo XIII. aussprechen werden".

Die ,Germ.' theilt folgendes Telegramm ihres römischen Korrespondenten mit: „Herr v. Schlözer ist von seiner Regierung benachrichtigt worden, daß der Kronprinz zum Besuche des hl. Vaters kommen werde. Die Initiative zu diesem Besuche wird von unterrichteter Seite auf den Kaiser selbst zurückgeführt. Die von uns bereits erwähnten for­mellen Schwierigkeiten eines gleichzeitigen Besuches beim König und beim Papste sollen auf diplo­matischem Wege erledigt sein. Jedoch schenkt man hier der Meldung des offiziösen Telegraphen aus Rom, daß für den Kronprinzen im Quirinal Zim­mer bereitet würden, keinen Glauben."

Veulsches Reich.

Fulda, 11. Dezember.

* Den verschiedenen Angaben der Tagesblätter gegenüber können wir zur Beruhigung inittheilen, daß die Begnadigung des Hochwürdigsten Herrn Bischofs von Limburg ganz be­dingungslos erfolgt ist, und sich irgend welche Modalitäten wegen einer Administration oder eines Coadjutors nicht daran schließen. Der hochwur- digste Herr übernimmt mit seiner Rückkehr wieder die Verwaltung seiner Diözese, und bleibt das Wei­tere seinem Ermeffen überlaffen.

* Die Berathung des Antrags Rei­chensperger wird, wie uns von zuverlässiger Seite aus Berlin gemeldet wird, zunächst auf­geschoben.

20

A> Den Frieden gefunden.

(Fortsetzung.)

Plötzlich schien mir das vorher so unfreundliche Haus licht, freundlich und einladend. Forschend ließ ich den Blick über die breite Front gleiten, ob ich vielleicht an einem der Fenster, die mit star­ken Gesimsen versehen waren, Blanda bemerke.

„Unsere Frauen pflegen selten Beobachtungen von den Fenstern aus anzustellen," sagte Giovanni, meine Absicht errathend. „Du wirst die Signora hier nicht sehen. Uebrigens ist es in der Geschichte meiner Vaterstadt mehrere Male höchst verhängniß- voll gewesen, wenn eine der jungen Damen zufäl­lig von der Straße aus am Fenster bemerkt wurde. Kennst Du die Geschichte derselben in ihren Ein­zelheiten?"

„Wenig," antwortete ich, nochmals zurückschauend.

„Nun, Herzog Ferdinand,von Toskana bemerkte auch bei einem Gang durch die Stadt in einer stillen Straße ein auffallend schönes Mädchen an einem Fenster. Er entbrannte in heißer Liebe zu der Unbekannten und ruhte nicht eher, bis sie in seiner ober besser er in ihrer Gewalt war. Jenes Mädchen war die bekannte Venetianerin Bianca Capello, später Herrscherin von Toskana, und der zufällige Blick des Herzogs wurde nicht nur für ihn und Florenz verhängnißvoll, sondern auch für Bianca's Verlobten, welchen man eines Morgens erdolcht auf der Straße fand. Tas ist ein Fall.

Weißt Du, woher der blutige Ausbruch des Haffes zwischen den zwei mächtigen historischen Parteien, der Guelfen und Ghibellinen entstand?"

„Nun, ich denke, durch politische Zwistigkeiten, denen auch heute noch solche Parteien ihr Dasein verdanken," erwiderte ich.

„Fehlgeschoffen, lieber Freund! Jener für die Geschichte der Bella Firenze, ja ganz Italiens so wichtige Kampf der Parteien hat seinen ersten Grund in einer Bagatelle gefunden, in dem Blick, welchen der junge Buondelmonte, ein Anhänger des Papstes, zufällig am Hause der Familie Do- nati emporwarf, wo er die wunderschöne Luzia Gualdrada bemerkte. Weißt Du, das florentinische Blut war von jeher heiß und ungestüm. Der rit­terliche Jüngling verliebte sich in die Raphael'sche blonde Schönheit, obgleich er eine Andere heim­führen sollte. Aber er setzte seinen Willen durch und heirathete die reizende Luzia. Als er kurz nachher eines Tages über den Ponte Vecchio ritt, wurde er von den Verwandten des Mädchens, mit dem er sich hätte verbinden sollen, erschlagen. Das gab böses Blut. Die Familie des Ermordeten rief Rache, sammelte ihre Freunde um sich, und aus dem leichtsinnigen Blick, welchen Buondel­monte zum Fenster hinaufgeworfen hatte, entsprang sein gewaltsamer Tod und ein dreiunddreißigjäh­riger blutiger Bürgerkrieg. Aber ich halte Dir da eine historische Vorlesung, als wäre ich Pro- feffor der Geschichte. Und doch ist meine Mit­

theilung schlecht am Platz; denn erstens intereffirft Du Dich jetzt durchaus nicht für die Vergangen­heit meiner Vaterstadt, und zweitens hast Du ja auch keinen Blick von irgend einer schönen Floren­tinerin aus unfern Palästen erhalten."

Es lag ein eigentümlicher Ton in der Sprache Giovanni's. War es Hohn, Spott, gar Drohung oder nur eine jener leichten Unterhaltungen, in denen er als Meister galt? Damals wußte ich es nicht und beachtete es kaum; später allerdings wurde es mir furchtbar klar.

Während er in dieser Weise plauderte, hatten wir mehrere kleine Straßen durchschritten. „Sieh' da," Hub er wieder an, „ich bin am Ziele. Hier muß ich Jemanden einen längere Besuch machen und Bericht über meine Vergnügungsreise nach Rom abstatten. Also vergiß nicht, Signor Ca- vazzo aufzusuchen und punkt sechs Uhr mich zu erwarten. Auf Wiedersehen!" Giovanni reichte mir die Hand. Sie war kalt und feucht wie eine Schlange.

Ich schritt denselben Weg, den wir gekommen zurück und suchte die Straße und das Haus wieder­zufinden, in dem, wie mir Giovanni gesagt, Blanda Tooerci wohnte. Richtig, das war die Straße, und mich Thoren durchzuckte es vom Scheitel bis zur Sohle, als ich jetzt vor dem finstern Hause stand, buffen Fenster düster auf mich heradschauten. Fast ohne es zu wollen, blickte ich hinauf, und wie ein elektrischer Schlag traf es mich, als ich