Fuldaer Zeitung.
Montag, den 10. Dezember 1883.
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* Reflexionen.
Die Betrachtungen der Presse sind in Folge der Begnadigung des Hochw. Herrn Bischofs von Limburg und der Nachricht von der Absicht des Kronprinzen, auf der Rückreise von Spanien auch Rom und dem Papste einen Besuch abzustatten, fast ausschließlich der kirchenpolitischen Frage gewidmet. Sämmtliche Blätter betrachten die beiden Meldungen als ein günstiges Vorzeichen für die Weiterentwickelung des kirchenpolitischen Ausgleichs. Von den katholischen Zeitungen, soweit fie uns zu Gesicht gekommen sind, hat bisher nur die .Germania' den wichtigen Neuigkeiten eine längere Besprechung gewidmet. Ihre Auslastungen bewegen sich in denselben Gedanken, die auch wir am Sonnabend an die Nachrichten geknüpft haben. lieber die Modalitäten, unter denen die Begnadigung erfolgte, verlautet noch nichts Genaueres; die .Germania' erwähnt jedoch im Anschluß an die Nachricht die frühem Gerüchte über Bedingungen, welche die Rückkehr des Bischofs mit der Bestallung eines Koadjutors in Verbindung brachten, und die .Vosstsche Zeitung' nennt als die Bedingung die Ernennung des Domherrn Dr. Klein zum Coadjutor cum jure succedendi. —
Die allgemeine Genugthuung über den projektir- ten Besuch des Kronprinzen im Vatikan mußte bereits durch die ,Nordd. Allgem. Ztg.' eine Herab- stimmung erfahren, und zwar durch ein in dem bekannten brüsken Tone der Hintermänner dieses Blattes gehaltenes nicht ganz klares Dementi. Die ,Nordd.' brachte nämlich an der Spitze ihres vorgestrigen Abendblattes folgende Notiz: „Die Nachricht aus Madrid, wonach Se. kaiserl. und königl. Hoheit der Kronprinz beabsichtige, sich von Genua nach Rom zu begeben, um dem Papste einen Besuch ab- zustatten, ist aus der Luft gegriffen. Bei einer etwaigen Reise unseres Kronprinzen nach Rom könnte es sich selbstverständlich in erster Linie nur um einen Besuch bei dem-Könige von Italien handeln." Zum Verständniß dieses für den Vatikan fast beleidigend klingenden Dementis muß man auch den Wortlaut der neuesten Version des „Wolff'schen
£)> Den Frieden gefunden. 19
(Fortsetzung.)
Ich stimmte in das frivole Lachen ein, und glü- hende Freude durchzuckte mich, als Giovanni fort- fuhr: „Also Blanda hat einen solchen Eindruck auf Dich gemacht? Nun, nichts ist leichter, als Dich ihr nahe zu bringen. Sie verkehrt fast täg- lich in unserm Hause, und ich werde Dich, sobald Du willst, ihr vorstellen. Aber, Freund, Du darfst mir keine Vorwürfe machen, wenn Blanda kalt gegen Deine Huldigung bleibt. Denn sie vereint in sich die flammende Gluth, die im Innern des Aetna lodert, mit der Kälte des Schnee's, der auf seiner Höhe nie schmilzt. Du mußt misten, daß Du nicht der Erste sein würdest, der diese blendende Schönheit umfliegt wie die thörichte Mücke das hellbrennende, aber auch versengende Licht."
„Setze Du mir nur kein Hinderniß entgegen und bringe niich in Ihre Nähe!" rief ich. „Von den Strahlen dieser Sonne getroffen unterzugehen, muß bei aller Qual dennoch beneidenswerth sein!"
„Du siehst, Werner," wandte sich Walther lächelnd zu mir, „bis zu welcher Raserei der Mensch kommen kann, wenn die Leidenschaft ihn beherrscht. Jede Falte meines damaligen Zustandes will ich Dir aufdecken. Es wird nicht nur für Dich lehrreich sein, sondern auch mich wieder mit reuigem Tanke aufblicken lasten, daß ich aus jenen Abgründen gerettet wurde. Doch wieder zurück zu meiner Erzählung."
Telegr. Bur.' kennen, womit dieses seine erste Nachricht rektifizirt. Diese bezeichnender Weise auch von der .Nordd. Allgem. Ztg.' in der gestrigen Ausgabe, und zwar an ungewöhnlicher Stelle, als politisches Entrefilet wiedergegebene Wolff'sche Depesche lautet nämlich: „Die Madrider Zeitungsnachricht, wonach der Kronprinz auf einer Reise nach Rom dem Papste einen Besuch abstatteu werde, ist dahin zu vervollständigen, daß dieser Besuch erst in zweiter Linie nach dem Zusammentreffen mit König Humbert in Betracht kommen kann".
Man wird wohl in der Annahme nicht fehl gehen, daß die Instruktoren der ,Nordd. Allg. Ztg.', deren offiziöser Charakter seltsamer Weise noch vor wenigen Tagen von Herrn von Puttkamer ausdrücklich geläugnet wurde, nur durch die Form der ersten Wolff'schen Nachricht über den Besuch des Kronprinzen in Rom zu der scharfen Richtigstellung veranlaßt worden sind. Daß übrigens der Kronprinz nur allein zu dem Zwecke, den Papst zu besuchen, nach Italien und Rom reisen würde, haben wohl nur Wenige aus der Depesche herausgelesen. Was an der Nachricht vor Allem interessirte, war eben dieser unerwartete Besuch, und deßhalb wurde nur dieser in den Vordergrund geschoben. So schrieb z. B die .Köln. Ztg.' sofort am Sonnabend ans Anlaß der Wolff'schen Meldung, wie folgt: „Der Kronprinz des deutschen Reichs wird auf seiner Rückreise von Spanien von Genua nach Rom reisen und dort nicht nur dem König Humbert, sondern auch dem Papst seinen Besuch ab- statten, und da Wolffs telegraphisches Bureau, über welches das Auge der Negierung wacht, oiefe Nachricht meldet, wird sie nicht in Zweifel zu ziehen sein." Gestern bringt dasselbe Blatt nachstehende Mittheilung eines sonst stets wohlunterrichteten Berliner Korrespondenten, die wohl als eine mo- tivirte Erweiterung der obigen Berichtigungen anzusehen ist. — Die sonderbare Form der Motivir- ung des nationalliberalen Blattes darf bei seiner bekannten Freundschaft für das neue Italien nicht auffallen: — „Wenn aus Madrid gemeldet worden ist, daß der Kronprinz nach Italien zu reisen gedenke, um dem Papst einen Besuch abzustatten,
Giovanni lachte über meine leidenschaftliche Aeuße- rung. Ich drang in ihn, mir wo möglich sogleich den Weg zu Blanda zu bahnen, mich seinem Vater, seiner Tante und Blanda selbst vorzustellen. Davon wollte er jedoch in diesem Augenblicke nichts wissen. Am verflossenen Abend erst angekommen, habe er noch die nothwendigsten Besuche zu machen und müffe mich, so leid es ihm thue, sogleich wie- der verlaffen. Es war nur ein Vorwand, eine Koulisse, hinter welcher er so rasch als möglich das Spiel einrichten wollte, das mit mir getrieben werden sollte.
„Und wann treffen wir uns wieder?" fragte ich ungeduldig.
„Heute noch — bei Blanda," lachte er.
„Aber wie und wann?"
„Komm, nimm Deinen Hut und begleite mich ein wenig," sagte er, ausstehend; „ich werde Dir dann meinen Plan auseinandersetzen."
Wir verließen das Haus und in gespannter Erwartung sah ich der Mittheilung Giovannis entgegen. Unser Weg führte uns unter den Uffizien vorbei. Noch jedes Mal hatten ihre reichen Schätze mich in die Säle gezogen; heute dachte ich nicht an sie und war nur ärgerlich, daß Giovanni die Gelegenheit benutzte, um auf der hier befindlichen Post nachzufragen, ob Briefe für ihn angekommen seien. Endlich kehrte er zurück.
„Heute ist Korso in den Kaszinen. Meine Tante und Blanda pflegen mit meinem Vater hinauszn«
so ist diese Darstellung mindestens sehr ungenau. Unsere Beziehungen zu dem König und dem Volke von Italien sind, wie allgemein bekannt ist, der allerfreundlichsten Natur, und nichts kamt sicherlich der deutschen Politik ferner liegen, als eine beabsichtigte Kränkung jenes Monarchen und seines Volkes; beide würden aber das Recht gehabt haben, sich verletzt zu fühlen, wenn der erste und unzweideutig ausgesprochene Zweck einer Reise unseres Kronprinzen nach Rom ein anderer gewesen wäre, als der, dem König von Italien einen Besuch ab- zustatten. Die Frage, ob auch eine Zusammenkunft zwischen dem hohen Reisenden und dem Papst stattftnden werde, könnte unter allen Umständen erst in zweiter Linie erwogen werden und bleibt vorläufig noch eine offene, wennschon es nach den gewöhnlichsten Regeln der Etikette wohl für wahrscheinlich gelten darf, daß der Kronprinz Rom nicht wieder verlassen würde, ohne daß auch eine Zusammenkunft zwischen ihm und Leo XIII. stattgefunden hätte." ,
Nach alledem scheint es, daß der Besuch des Kronprinzen beim Papste trotz des sonderbaren Dementis der „Norddeutschen" dennoch bestimmt bevorsteht, und daß man an gewisser Stelle nur einer Verstimmung am Hofe des Königs Humbert hat vorbeugen wollen.
Die .Frankfurter Zeitung' ist auch dieser Ansicht. Ihr Berliner Korrespondent schreibt darüber Folgendes: „In die Aufregung, welche die beiden gleichzeitigen Nachrichten von der Begnadigung des Bischofs von Limburg und von der Reise des Kronprinzen nach Rom zum Papst in allen politischen Kreisen hervorgebracht haben, bringt das offiziöse Dementi, das die .Norddeutsche' bezüglich der letzteren Nachricht heute an der Spitze des Blattes veröffentlicht, eine erhebliche Abkühlung. Es ist aber um dieses Dementi eine eigene Sache. Im ersten Satz wird die Nachricht, daß der Kronprinz zu einem Besuche des Papstes nach Rom gehe, als aus der Lust gegriffen bezeichnet, im zweiten Satz wird aber die Möglichkeit eines solchen Besuchs zugegeben, und nur behauptet, daß er in erster Linie dein König von Italien, also fahren. Ich reite hinaus und Du begleitest mich, um sie dort zu treffen."
„Soll ich etwa neben Deinem Pferde hertraben?" fragte ich gereizt.
„Es wäre nicht die richtige Situation, Dich Blanda in günstigem Lichte zu zeigen," lachte Giovanni. „Nein, Du begleitest mich hoch zu Roß. Signore Caoazzo, dessen Adresse ich Dir gleich geben werde, hat eine schöne Auswahl sehr hübscher Pferde. Du verfügst Dich zu ihm hin, fuchst Dir das beste aus und miethest es sogleich auf längere Zeit zum täglichen Gebrauch. Willst Du, daß ich Euch stets zu Pferde zu Diensten stehen soll, so kannst Du sogleich eines für mich mit miethen. Punkt 6 Uhr läßt Du das Pferd an Deine Wohnung bringen, wo ich Dich abholen werde. Das Weitere findet sich."
Wir waren unterdessen über die Piazza Signo- ria geschritten und traten in eine der vielen ein« mündenden Straßen. Ein großes Haus, fast ein Palais zu nennen, fiel mir auf. Es trug vollständig mittelalterliches Gepräge. Finster, trotzig, aus starken Steinquadern gebaut, die unteren Fenster mit Eisenstäben geschützt, bot es den Anblick einer Festung, wie der Abel sie in damaliger Zeit baute, wo häufig blutige Bürgerzwiste das schöne Florenz durchtobten.
Giovanni zeigte auf das Gebäude und sagte mit eigenihümlichem Lächeln: „Hier wohnt Blanda Tooerci mit ihrer Mutter." (Forts, folgt.)