M 28t.
Freitag, den 7. Dezember
1883.
Fuldaer W8 Zeitung.
*■ Die geheime Abstimmung und die wahren Vertreter der Bolksrechte.
Die zweitägige Berathung des Antrags Dr. Stern hat mit einer Niederlage derjenigen geendet, welche für die wohlverstandenen Interessen der großen Masse des in dieser oder jener Hinsicht abhängigen Volkes einzutreten für ihre Pflicht hielten. Der freisinnige Antrag, welcher das bewährte Neichsrecht der geheimen Stimmabgabe bei der politischen Wahl auch als Grundsatz des Wahlrechtes bei den Landtags- und Kommunalwahlen im preußischen Staate einführen wollte, ist einer Vereinigung von Parteien unterlegen, von der die Konservativen und Freikonservativen allerdings nichts Besseres vermuthen ließen, während hingegen die Nationalliberalen wieder einmal eine Thal gesetzt haben, welche nicht nur ihren „liberalen" (freisinnigen) Namen schändet, sondern auch beweist, daß sie, um die Fühlung mit der Regierung nicht zu verlieren, zu jeder Verleugnung ihres Programms bereit sind. Nachdem der Minister von Putlkamer rund heraus er- klärt hatte, daß die preußische Regierung nicht nur den Antrag Stern energisch bekämpfe, sondern daß sogar im Schooße des Ministeriums der Ge- danke erwogen werde, ob nicht auch für das Reich eine Aenderung des bestehenden geheimen Stimmrechts anzuregen sei, hätten die Herren Nationalliberalen doch wahrlich Grund gehabt, in der Bedenkzeit von Mittwoch auf Donnerstag ihre Stellung zum An- trag Stern zu ändern und der Negierung frei und offen in's Gesicht zu sagen, daß sie nicht dazu Mitwirken würden, um solchen frommen Wünschen
bezüglich der Reichsverfassungs - Aenderung noch weitere Nahrung zu geben. Nach jener sensationellen Erklärung des Ministers von Putlkamer erlangte der Antrag Stern ganz von selbst eine weit höhere Bedeutung, als sein Wortlaut es ahnen ließ. Der Kampf um das geheime Stimmrecht im preußischen Landtage wurde unversehens gleichsam ein Vorspiel zu einem weit wichtigeren und folgenschwereren Kampfe, den die Regi.rung in diplomatischen Wendungen für den deutschen Reichstag vorhersagte. Zwar war die Puttkamer'sche Erklärung, wie gesagt, recht diplomatisch gewunden, — was soviel sagen will, wie vieldeutig und unklar —, aber selbst wenn auch der Herr Minister, offenbar unter dem Eindrücke der Erregung, die seine Mittheilung hervorgerufen, die ernsthafte Drohung zu einer bloß erwägenswerthen, noch unentschiedenen Idee, also zu einer Art Schreckschuß herabzustimmen versuchte, so hat er doch nicht nur dem Lande, sondern zugleich auch dem Reiche einen Einblick in gewisse schöne Pläne gegönnt, die keinesfalls die Sympathien zu der preußischen Bundesregierung vermehren werden. Auch die Bayern,Sachsen, Württemberger, Badenser, Hessen u. s. w. werden diesen Schlachtruf der wirklichen rückschreitenden „Reaktion" nach seinem wahren Werthe zu schätzen wissen, und den frommen Wunsch nicht mißverstehen, ihnen einen Theil des nach den herrlichsten Beweisen res einigen deutschen Patriotismus verliehenen Geschenkes, das geheime Stimmrecht, wieder zu entreißen.
Die Centrumspartei des preußischen Abgeordnetenhauses darf mit Recht stolz darauf sein, daß sie bei diesem Anlaß, wo es galt, die politische Unabhängigkeit und Freiheit der Staatsbürger vor ungerechter Beeinflussung, vor Beamtenwillkür und Bedrückung der Vorgesetzten und Arbeitgeber zu schützen, mit der ihr m sozial- und steuerpolitischen Dingen feindlich gegenüberstehenden Koalition der äußersten Linken Schulter an Schulter gestanden hat. Wenn jemals, so hat die Centrumspariei diesmal bewiesen, daß sie keine Handelspolitik treibt, sondern stets nur nach ihren unveränderlichen Prinzipien handelt. In Sachen des Kulturkampfes war die Partei bisher fast allein auf die Hülfe der Konservativen an-
„Er schreibt mir, vag er tagtäglich mit Kairoli, Montecchi, und Dellaverde zusammen komme, die ihn als meinen Sohn mit väterlicher Liebe aufgenommen haben".
Jetzt wurde mir die Aehnlichkeit im Gesichte des Italieners kar: Glooanni's Vater stand vor mir. Doch wer mochten Die Damen lein? Ich hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Der alte Brunello zog eine wohlgefüllte Brieftasche hervor, blätterte einige Augenblicke in den verschiedenen Papieren umher und überreichte dann mit unangenehmem Lachen den beiden Damen ein kleines Bild, wie es schien, eine Photographie.
„Ecco, Pio nono!“ sagte er. „Es lag dem Briefe bei, den ich heute Morgen von Giovanni erhielt. Unsere Freunde haoen mehrere Tausend davon anfettigen lassen und wissen sie auf die schlaueste Weise an Den Mann zu bringen".
Die Damen betrachleten das Bild, welches, wie ich später erfuhr, eine freche Carricatur des hl. Vaters darstellte. Die jüngere lachte fpötiisch auf. Es klang hell dieses Lachen, aber so hart wie das Springen einer Stahlklinge. D^e Dame schien das Bild mit Interesse zu betrachten, dann reichte sie es ihrem Begleiter zurück. Wahrend dieser beschäftigt war, das Machwerk w eder au seine Stelle zu bringen, fuhr er in demselben Tone fort: „Einen Kapitaispaß muß ich Euch doch erzählen, den Giovanni mir in seinem Schreiben mtttyeilt. Vor einigen Tagen sitzt er mit verschiedenen Freun-
gewiesen, auch in den wichtigen Fragen der christlichen Sozialpolitik findet sie nur in den konservativen Elementen die uöthigen Bundesgenossen, aber trotzdem hat die sogenannte und vielgeschmähte „konservativ-klerikale" Koalition nicht gezogen, sobald es sich um ein Volks recht handelte, für welches eben nur diejenigen ein Verständniß haben können, welche die unbeschreiblichen Folgen einer mit allen Chikanen geführten Wahlbeeinflussung an sich selbst erfahren haben.
Die Gründe, welche die Vertheidiger des geheimen Stimmrechts für ihre Forderung vorbrachten, waren schlagend und moralisch vernichtend, sie liegen eben aus den Erfahrungen einer jeden Wahlschlacht vor und Haden sich in den Wahlprüfungskommissionen, wie in den verschiedensten Petitionen und durch die stets mit Sorgfalt gesammelten Beobachtungen in der Presse mit überzeugender Gewalt Bahn gebrochen. Hier gilt die akademische Phrase und die gelehrte Theorie nichts, hier gilt nur die praktische Erfahrung. Es gibt nur wenige Gegenden, welche die Wahltyrannei kleiner und großer Paschas, meß' Namens und Standes sie auch fein mögen, nicht selbst praktisch durchgekostet haben. Von der Tribüne des Abgeordnetenhauses ist dieser dunkle Punkt unseres politischen Lebens in einer so drastischen Weise aufgehellt worden, wie eine Zeitung es mit Rücksicht auf das Gesetz kaum wird wagen dürfen.
Den unabhängigen und reichen Klassen kann der Wahlmodus gleichgültig fein; der von fremdem Beutel und fremdem Wink abhängenden großen Masse des Volkes dagegen nickt. Wenn die Wähler ihre wahre innere politische Ueberzeng- ung frei zum Ausdruck bringen sollen, so muß dafür gesorgt fein, daß ihnen um dieser freien Meinungsäußerung willen auch nicht ein Haar gekrümmt werde, geschweige denn, daß sie, wie hunderte Beispiele beweisen, in ihrem Broderwerb, ihrer Kundschaft, ihrem Avancement, überhaupt in ihrer bürgerlichen Stellung direkt geschädigt werden. f,
Wenn die Gegner des geheimen Stimmrechts in Ermangelung anderer Gründe immerfort die „Man-
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St. Majestät der Kaiser and König haben mittelst Allerhöchster Ordre vom 3. d. M. ans Antrag des königlichen Staatsmivisterivms den Aochwnrdigsten Herrn Kischos von Limburg Dr. Klum begnadigt.
eine Schande für Italien, eine Schmach für diese elende Regierung und diesen — ein rohes Wort galt als Bezeichnung für den König —, daß Garibaldi wie ein Verbrecher festgehalten werden soll. Die Nation muß diese elenben Ketten zerreißen, die den größten Mann unserer Zeit in einer für ihn tödllichen Ruhe niederhalten. Ader wir werden auch ohne diese Puppen dort unten — er zeigte auf den Palazzo Vccchio, damals Sitz der Regierung — schon zu hanDeln wissen. Ha, ha," fügte er höhnisch lachend hinzu, „wenn wir handeln wollten, haben wir nie die R gierungen gefragt , ob es ihnen genehm sei ober nicht." Er schwieg und blickte nachdenkend auf Die Stadt hinunter.
„Hast Du keine Nachrichten von Giovanni?" fragte jetzt eine Der Damen.
Ah! Das habe ich ganz über diese fatale Nachricht vergessen. Natürlich hat er mir geschrieben. Heute erhielt ich den Brief; er läßt euch Beide grüßen. Vorläufig ist er in Rom und macht seine tollen Streiche. Fast fürchte ich, daß seine allzugroße Kühnheit ihn noch in die Hänoe der päpstlichen Sckergen liefert. Allerdings, er müßte kein Brunello fein, wenn er diese elende Brut fürchtete", fügte der Herr stolz hinzu.
Giovanni Brunello konnte doch Niemand anders sein als mein Freund. Das Gespräch begann mich immer mehr zu intereffiren und die Personen, die es führten, nicht weniger.
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<Q) Den Frieden gefunden.
(Fortsetzung.)
Ich wußte nicht, wie lange ich so gelegen und geschaut, als in nächster Nähe Stimmen an mein Ohr schlugen und mich aus meinen Träumen weckten. Meine etwas nachlässige Stellung ändernd, blickte ich zu Den Fremden auf. Ein Herr und zwei Damen standen beinahe dicht neben mir, drehten aber auffallender Weise dem unvergleichlichen BilDe dort unten den Rücken. Der Herr, der fein Gesicht mir zuwantte, sprach heftig gesti- kulirend mit Den Damen, Deren hohen Wuchs ich bewunderte, ohne ihre Gesichtszüge sehen zu können. In den Augen des alten Herrn brannte ein wildes Feuer; leidenschaftlich funkelten sie unter den dichten, buschigen Brannen hervor, und seine rauh herausgestoßenen Worte klangen fast wie Verwünschungen. Die starke knochige Stirne, die unheimlich brennenoen Augen, der häßlich geschwungene Mund unD bas nach vorn weit entwickelte Kinn gaben dem Gesicht einen verbissenen Ausdruck. War es Dieser Zug oder überhaupt die ganze Erscheinung des Mannes, was mir so bekannt vorkam? Ich hatte nicht nöthig zu horchen; denn obschon der vielleicht in Mitte der fünfziger Jahre stehende Herr mick bemerkt zu Haven fchien, dämpfte er seine Stimme nicht im Geringsten. Er hatte den Damen aus einem Briefe vorgelesen, den er eben jufammenfaltete, während er rief: „Es ist