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279. Mittwoch, den 5. Dezember 1883.

Fuldser Jeilung.

Die »Fuldaer Reituna' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

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Der kirchenpolitische Antrag des Centrnms.

Das Ereigniß des Tages, welches bestimmt scheint, die politische Stagnation, die den Beginn dieser Parlamentssaison kennzeichnet, wirksam und andauernd zu durchbrechen, ist der bereits kurz gemeldete Antrag des Centrums auf Wieder­herstellung der aufgehobenen Artikel der Verfassung. Der Antrag ist gestern vom Centrum einstimmig gefaßt und heute bereits dem Präsidenten übergeben worden. Er soll am Schwe­rinstage der nächsten Woche bestimmt zur Ver­handlung kommen. Unterschrieben ist der Antrag außer von der gesainmten Centrumsfraktion von den Polen und dem welfiischen Hospitanten Herrn Brüel, und lautet:

„Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen, dem folgenden Gesetzentwurf seine Zustimmung zu geben: Wir Wilhelm rc. verordnen mit Zustimmung beider Häuser des Landtags unserer Monarchie, was folgt: Einziger Ar­tikel. Die Art. 15, 16, 18, der Verfassungsurkunde vom 31. Januar 1850 sind in folgendem Wortlaut wiederher­gestellt: Art. 15. Die evangelische und die römisch-katholische Kirche, sowie jede andere Religions-Gesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig und bleibt im Besitz und Genuß der für ihre Kultus-, Unterrichts- und Wohlthätigkeits-Anstalten, Stiftungen und Fonds. Art. 16. Der Verkehr der Religionsgesellschaften mit ihren Oberen ist ungehindert. Die Bekanntmachung kirchlicher Anordnungen ist nur denjenigen Beschränkungen unter­worfen, denen alle übrigen Veröffentlichungen unterliegen. Art. 18. Das Ernennungs-, Vorschlags-, Wahl- und Be­stätigungsrecht der Besetzung kirchlicher Stellen ist, soweit cs dem Staate zusteht und nicht auf dem Patronat oder besonderen Rechtstiteln beruht, aufgehoben. Auf die An­stellung von Geistlichen bei Militär- undjan öffentlichen An­stalten findet diese Bestimmung keine Anwendung".

Die von der ,Germ.' dem Antrag beigegebene treffliche Motivirung hat folgenden Wortlaut:

„Der Antrag trägt zuerst die Unterschrift des Abg. Reichensperger (Olpe), des alten verdienten Vorkämpfers für die verfasiungsmäßigen Rechte derK irche. Dann folgen die Unterschriften särnint- licher Mitglieder der Centrumsfraktion und des Hospi­tanten vr. Brüel, sowie der polnischen Abgeordneten.

Die Katholiken und alle aufrichtigen Freunde des kirchlichen Friedens werden mit Freuden Kennt- niß nehmen von diesem Schritt der Centrumsfraktion,

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<0, Den Friede« gefunden.

(Fortsetzung.)

Giovanni Brunello war etwa 25 Jahre alt, nicht gerade fchön, aber von bestrickender Liebens­würdigkeit, dabei ein geistreicher, sehr talentvoller Mensch. Aber alle diese hervorragenden Eigenschaf, ten standen im Dienste eines mit unglaublichem Haß und Ingrimm gegen jede Autorität erfüllten Geistes. Der Sohn eines jener Italiener, denen Verschwörungen zum Lebensbedürfniß geworden zu sein schienen, war er in unversöhnlicher Feindschaft gegen Thron und Altar großgezogen. Seine religiösen Begriffe waren fast Rull; selbst die Mutter hatte nicht einmal in der zartesten Jugend das arme Kinderherz mit einem frommen Gedanken zu be­leben gewußt. Bei allen Revolutionen, welche die geheimen Gesellschaften Italiens in's Werk setzten, hatte Giovanni's Vater eine Rolle gespielt. Seine Theilnahme an dem Mailänder Aufstande von 1848 war sein erstes öffentliches Auftreten im Dienste der Revolution. Rach der Schlacht von Novara zog er sich in seine Heimath zurück und konspirirte fortwährend mit den Häuptern der revolutionären Partei. Das Jahr 1860 sah ihn sogar im Par­lament. Dann nahm er als Hauptmann an der Expedition der „Tausend" Theil, welche Garibaldi ausrüstete, und wurde in dem Treffen bei Cala- tasimi schwer verwundet. Seine kriegerische Thä- tigkeit hatte hierdurch ihr Ende erreicht. Mit

welcher zur Klärung der Situation auf dem kir­chenpolitischen Gebiete nothwendig erschien. Die diplomatisirende Aera des Kulturkampfes, in welche wir nach dem Scheitern der mehr ener­gischen als klugen Aktion des Herrn Dr. Falk ein­traten, hat in dm 3 Novellen von 1880, 82 und 83, deren Erleichterungen nicht einmal zur Beseitigung des geistlichen Nothstandes, geschweige denn zur Begründung eines soliden Friedens genügend waren und obendrein durch die beschränkte Ausführung an Wirksamkeit verloren, sowie in den Depeschen, den Reden und sonstigen offiziellen und offiziösen Aktenstücken eine Menge verwirrendes Material zu Wege gebracht, welches die Gefahr herbeiführen könnte, daß man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Dem gegenüber muß wieder einmal der Forderung des katholischen Volkes nach Wiederherstellung der Garantien seiner Religions­freiheit feierlich Ausdruck gegeben werden. Wie das katholische Volk die Entscheidung über die Frage der kirchlichen Zulässigkeit staatlicher For­derungen rückhaltlos dem Oberhaupte der Kirche überläßt, so hat und übt es das politische Recht, eine verfassungmäßige Grundlage für den kirchlichen Frieden und die religiöse Freiheit zu fordern und als preußische Staatsbürger die Beseitigung der unglücklichen Gesetze zu verlangen, welche die'Verfassungsparagraphen im Jahre 1873 verstümmelten, im Jahre 1875 gänzlich beseitigten.

Die Gefahr der Versumpfung des Kultur­kampfs, welche die zur Rettung des selbst von der .Köln. Ztg.' bereits preisgegebenen Werkes der Maigesetze aufgebotenen Staatskünste durch ihren langsamen und verzwickten Lauf herbeizuführen drohen, muß rechtzeitig abgeweudet werden, und als das geeignetste Mittel dazu erscheint die Stel- lung der Hauptfrage, welche der obige Antrag formulirt, ob man den Katholiken eine garantirte religiöse Freiheit zurückgeben oder sie in ihren hei­ligsten Jntereffen ä la merci der jeweiligen Re­gierung halten will, wie es die Vollmachtspolitik unter Aufrechthaltung aller wesentlichen Mittel der Maigesetzgebung erstrebt.

Das katholische Volk und seine Vertreter sind desto größerem Eifer warf er sich nunmehr auf die geheime Konspiration und die entsprechende Erziehung seines Sohnes, in welchem er einen „Todfeind der Tyrannen und der Pfaffen" heran­bilden wollte. Diese Aufgabe löste er mit er­schreckender Vollkommenheit. Giovanni trat, mit einer Zähigkeit, mit einer Fülle von Gewissens­und Rücksichtslosigkeit in die Fußstapfen seines Vaters, welche das Höchste oder vielmehr das Trau­rigste von seiner revolutionären Zukunft erwarten ließen. Als ich ihn in seiner Wohnung besuchte, fiel mir sofort die Ausschmückung seines Zimmers auf. lieber dem Schreibtische hing das Bild des „Helden von Caprera", der den Beweis liefert, daß die roman­tische Schwärmerei für eine Art von Räuber­hauptleuten, mit denen eine monarchische Regierung nothgedrungen in Liebe und Freundschaft leben muß, aus unferm nüchternen Zeitalter noch nicht verschwunden ist. Rechts und links von Garibaldi hingen die Bilder von Giovanni's Vater und das des ruhelosen Verschwörers Mazzini, den ein verdrehter Kopf in einer öffentlichen Versammlung noch einige Stufen höher stellte als den „Revolutionär Chri­stus" — ein Beweis, daß nicht alle Narren in Irren-Anstalten sich befinden. An der entgegen­gesetzten Wand hing eine schändliche Karrikatur des Papstes Pius IX. und daneben eine eben so schnöde Verhöhnung des Königs Viktor Emmanuel Galantuomo. Bilder von berüchtigten Verschwö­rern, von „Helden", welche für die Revolution

bereit, gern und ohne Rückhalt jeden Ausgleich der streitenden Forderungen zu aceeptireu, welchen der h. Stuhl mit den heiligen Interessen der Kirche für verträglich hält; aber in Uebereinstim- mutig mit dem h. Stuhle streben sie nichts An­deres an, als einen wahren, soliden und dauerhaften Frieden, und ein solcher ist nicht zu erreichen durch die Halbheiten der letzten Novellen, welche höchstens transitorische Bedeutung haben, sondern nur durch die Rückkehr zu den Grundsätzen und zu den Rechtsformen, welche ein Vierteljahrhnndert hindurch den kirchlichen Ver­hältnissen in Preußen eine Ordnung gaben, die S e. Majestät selbst bei Gelegenheit der Eides­leistung der. beiden Erzbischöfe von Köln und Po­sen als eine „wohlgeordnete" feierlich bezeich­net hat."

Hoffen wir, daß dieser Antrag, dem, wie wir vernehmen, noch weitere kirchenpolitische Anträge des Centrums folgen werden, seinen nächsten Zweck, die Klärung der Lage und die Beschleunigung des schleppenden Ganges der kirchenpolitischen Verhand­lungen von Fall zu Fall, voll und ganz erreichen wird. Die Lust am Kulturkampf nimmt ja zu­sehends allenthalben mehr und mehr ab, es kann daher nur heilsam werden, wenn der drohenden Versumpfung der unseligen Zustände energisch vor­gebeugt wird.

Deutsches Reich.

Fulda, 5. Dezember.

* (Die Rede des Abg. v. Schorlemer- A l st) gelegentlich der zweiten Berathung des land- wirthschaftlichen Etats, war, trotzdem sie ganz un­erwartet erfolgte, sehr intereffant und packend. Redner überschüttete den neuen „liberalen" deutschen Bauern-Verein und sein Programm mit einer ver­nichtenden Kritik. In Ergänzung unseres gestrigen kurzen Auszuges wollen wir wenigstens den Schluß­passus im Wortlaut wtedergeben:

„Der Herr Aba. Rickert hat in seiner Rede vom 26, November gesagt, es wäre ein sehr verderblicher Grund! satz, daß die Landwirthschaft ein besonderes @eroetbc sein solle, welches in Gegensatz stehe zu anderen Berufs, gefallen waren, vollendeten die Ausschmückung der Wände.

Hatte Giovanni Brunello von vornherein be­stimmte Absichten bezüglich meiner Person, oder zog etwas anderes ihn zu mir: kurz, er wußte mit der ihm im reichsten Maße gegebenen Liebens­würdigkeit mich bald an sich zu fesseln. Wir schlossen enge Freundschaft. Ich theilte seine Freu­den, lauschte seinen mit wilder Begeisterung vor­gebrachten Ideen und Plänen und athmete das Gift des Hasses, der ihn erfüllte, immer mehr ein.

Nachdem er sich versichert, daß mir zu trauen sei, that er einen Schritt weiter. Er führte mich in eine geheime Gesellschaft ein. Mein Ehrenwort versprach Schweigen, bis ein Schwur mich noch fester binden würde. Die Gesellschaft bestand zum größten Theil ans jungen Leuten der verschieden­sten Stände. Alle aber waren einig im Haß gegen die Religion und in Verachtung der monarchischen Einrichtungen. Damals glaubte ich, man halte mich für eine besonders wünschenswertste Kraft und lege nicht gewöhnlichen Werth auf mich; denn Brunello wie seine Genossen erwiesen mir viele Aufmerksamkeit. Später erkannte ich, daß die Wich­tigkeit meiner Person nur in der freien Verfügung über mein nicht unbedeutendes Vermögen und in meiner physischen Kraft und Gewandtheit lag, die mich als einen brauchbaren Kämpfer erscheinen ließen. Ich sage ausdrücklich, meine physische Kraft; denn von meiner geistigen wurde wenig oder gar