M 278. Dienstag, den 4. Dezember 1883.
Fuldaer fil Leitung.
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Deutsches Reich.
Fulda, L. Dezember.
* (Centrums-Antrag.) Die Centrumspartei hat beschlossen, durch den Abg. P. Reichensperger den Antrag auf Wiederherstellung der Artikel 15, 16 und 18 der preußischen Verfassung einzubringen. Der Antrag soll wo möglich am Schwerinstage nächster Woche, Mittwoch, zur Diskussion gestellt werden.
* (Jnnu ngsstatistik.) Damit die Minister einen Ueberblick gewinnen, ob das Gesetz vom 18. Juli 1881 betreffs der Umgestaltung des Jnnungswesens in den betheiligten Kreisen die gewünschte Anerkennung gefunden hat, soll eine Uebersicht und zwar nach dem Stande vom 1. Dezember d. I. aufgestellt werden. Diese hat zu ergeben, die Anzahl der Innungen, welche in jeder Gemeinde bis 1. dieses Monats neu errichtet und umgestaltet worden sind, ob 'sie ihre Statuten zur Genehmigung an die zuständige Behörde eingereicht haben, ohne daß solche bis dahin erfolgt wäre, und zwar zum Zweck der Neuerrichtung oder Umgestaltung, die Anzahl der Fälle, in welchen bis zum 1. d. M. Verhandlungen über die Neuerrichtung oder Umgestaltung von Innungen eingeleitet worden sind, ohne daß dieselbe bis dahin zur Einreichung der Statuten gelangt wäre. Ferner: in welchen Handwerken ist die Neuerrichtung oder Umgestaltung von Innungen vorzugsweise gefördert, Anzahl der überhaupt vorhandenen, noch nicht umgestalteten Innungen, endlich auf die Umgestaltung bezügliche Bemerkungen.
Berlin, 3.Dezember.
* (Cholera in China.) Der .Reichsanzeiger' meldet: Nach einer Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 2. Dezember ist der Hafenplatz Futschan (China) als choleraverdächtig anzusehen.
* (Abschied des Generals von Tümpling.) In der kaiserlichen Kabinetsordre, durch welche der Abschied des Generals von Tümpling genehmigt wird, heißt es: Es ist eine lange und besonders ehrenvolle Dienstlaufbahn, die Ich hiermit beendige.
13 A, Den Frieden gefunden.
(Fortsetzung.)
V.
„Die Verweisung von der Universität", fuhr Walther dann in der Mittheilung seiner Lebensgeschichte fort, „machte auch nicht den geringsten Eindruck auf mich, wenigstens nicht den, welchen die Behörde hatte erzielen wollen. Mein Onkel durfte von der Relegation nichts erfahren, und so ließ ich mir, wie bisher, Geld und Briefe nach der Universität senden, von wo mir alles nachgeschickt wurde.
Ich begab mich nach Berlin. Rasch hatte ich mir verschiedene Bekannte erworben, deren Lebensart mir nur zu gut gefiel. Es waren junge Leute, die mit viel größerer Leichtigkeit stundenlang über Pferde, luxuriöse Soupers und die pas gracieux der ersten Tänzerinnen sprechen konnten als über irgend ein ernstes Thema.
Dieser neue Umgang war noch schädlicher als der, dem ich gegen meinen Willen entzogen worden. In dem übermüthigen studentischen Leben war bei aller Verkehrtheit doch noch eine gewiffe Frische zu finden; hier aber spielten Frivolität, Genußsucht und seichteste Oberflächlichkeit die Hauptrolle.
Ich machte traurige Fortschritte. Zuerst war ich gleichgültig geworden gegen Religion und Glauben; jetzt begann ich meinen Glauben zu verachten, ja zu hassen. Es dauerte nicht lange, bis
• (Der russische Botschafter v.Schwei« nitz) begab fich zuFürst Bismarck nachUriedrichsruh.
* (Der bayerische Kriegsminister,) General von Mallinger, ist heute Vormittag hier angekommen.
* (Rheinkorrektion Mainz-Bingen.) Nach Information des Auswärtigen Amtes und Mittheilungen in der Budgetkommission gedenkt die Regierung noch in dieser Session dem Landtag einen Vertrag zwischen Preußen und Hessen bezüglich der Korrektion der Rheinstrecke Mainz- Bingen auf der Basis der im Oktober in Nüdes- heim erzielten Vereinbarung vorzulegen und wird die erforderliche Summe durch einen Nachtragsetat verlangen.
* (In der letzten Sitzung der Budget-Kommission) des Abgeordnetenhauses am verfloffenen Sonnabend gab namentlich der Etat der Bauverwaltung zu einer längern Verhandlung Anlaß. Neben mehrern wichtigern einzelne Wasserbauten betreffenden Punkten (z. B. der Weichsel-Regulirung, der Anlage des Rhein- Maas-Kanals) kam auch die Stellung zur Sprache, welche die Staatsregierung grundsätzlich in der neuerdings wieder lebhaft hervorgetretenen Streitfrage, ob künstliche Waffer- straßen außer den Eisenbahnen in unserm Zeitalter noch rationell seien, einnehme. Die mit Bezug hierauf abgegebenen Erklärungen ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sie gingen dahin, daß die Staatsregierung an ihrem Standpunkte festhalte, der sie in der vorigen Landtags-Session zur Vorlegung des Rhein-Weser-Elbe-Kanal-Gesetzes veranlaßt habe. Der Regierungs-Kommiffar fügte ausdrücklich hinzu, daß die Regierung in ihrer Kanal- politik auch durch die aus den Interessentenkreisen hervorgetretene Agitatio. gegen Kanäle und zu Gunsten der ausschließlichen Förderung des Eisenbahnbaues nicht wankend geworden sei. Die Nat.-Lib. Korr. bemerkt dazu: „Es scheint nunmehr festzustehen, daß die Regierung entschlossen ist, die in der vorigen Session durch das Herrenhaus zu Fall gebrachte Vorlage eines Rhein-Ems-Kanals dem jetzt versammelten Landtage nicht wieder vorzulegen. Sind wir gut unterrichtet, so geht der Regierungsplan dahin, zunächst die Pläne sür den Kanal bis zum Rhein (anstatt bis Dortmund) und für die Korrektion der Wafferverbin- dungen Schlesiens mit Berlin (Fü^tenberg-Berlin) festzustellen und demnächst — voraussichtlich also im Winter 1884 — den Landtag um die Bewilligung der für die Ausführung aller dieser Bauten erforderlichen Kredite anzugehen. Vielleicht werden die schlesischen Magnaten die Kanalpolitik der Regierung mit andern Augen ansehen, ich unter meinen Bekannten eine hervorragende Rolle spielte, was allerdings ungemein leicht ist bei hochgradigem Leichtsinn und gefüllter Börse. Eine thörichte, künstlich genährte Leidenschaft ließ schon das Gerücht entstehen, daß ein Mitglied des Ballets Frau von Hoheneck werden würde.
Ein Unglück wurde mir unter diesen Verhält- niffen zum Glück. Mitten in dem Taumel leichtfertigen Genuffes traf mich urplötzlich die Nachricht von dem Tode meines wackern Onkels. Der ehrenhafte Mann hatte keine Ahnung von den Verir- rungen seines Neffen. Vielleicht, daß er sich sonst zu einer mehr energischen Haltung gegen mich aufgerafft hätte. Heute sage ich nur: es ist für ihn bester gewesen, im Glauben an die Unverdorbenheit des Sohnes seiner so hochverehrten Schwägerin zu sterben.
Der Todesfall machte meine sofortige Abreise nothwendig. Es fiel mir nicht schwer, die lockern Bande zu löse n, welche mich bis ahin an Berlin gefistelt hatten. Wie viel schmerzlicher hatte mich ein Jahr vorher der Abschied von dir berührt, an den ich nicht ein Mal mehr dachte! Wie leichsinnig ich auch geworden sein mochte, der Tod des guten Onkels traf mich dennoch schwer: ein Beweis, daß es in meinem Herzen noch nicht ganz öde geworden war. Ich reiste Tag und Nacht, um dem theuern Verstorbenen die letzte Ehre erweisen zu können.
Nach langer Abwesenheit weilte ich wieder in
wenn sie erkennen, daß neben den westlichen Provinzen auch Schlesiens Jntereffen durch den Bau künstlicher Waffer- straßen gefördert werden sollen." Im übrigen wurde der Justizetat erledigt, die Forderung für den Neubau des Landgerichts Aachen einstimmig genehmigt; ferner wurden die Extraordinarien der Staatsarchive und der Oberrechnungskammer erledigt. Beim landwirthschaftlichen Etat wurde ein Antrag, die zur Förderung der Land- und Forstwirthschaft im Eifelgebiet verlangten 200 000 Mark zu verdoppeln, abgelehnt. Im Etat des Kriegsministeriums wurde die^Forderung von 467 500 Mark für Erwerbung der SBaffenfanttnhmg des Prinzen Karl gegen drei Stimmen (Secession, Fortschritt, Pole) bewilligt.
Weimar, 1. Dez. (Der Landtag) ist in die Berathung der Ausgaben-Etats eingetreten und zwar derjenigen Kapitel, in denen die Frage der Besoldungs-Erhöhungen zur Diskussion steht. Der Ausschuß hat anerkannt, daß das Bedürfniß eines Ausgleichs der Besoldungen der Verwaltungsbeamten mit den Gerichtsbeamten und eines Ausgleichs in den Besoldungen der Vermaltungsbeamten unter sich unabweislich sei, ist aber in seinen Anträgen an den Landtag über das Maß, in welchem dieser Ausgleich zu erfolgen hat, von den Ansätzen im Etats-Entwurf vielfach abgewichen. Seine Vorschläge für die Besoldungs-Erhöhungen laufen auf das Drittel, die Hälfte, höchstens drei Viertel der Regierungsanträge hinaus. In diesem Sinne hat auch der Landtag bis jetzt wesentlich seine Beschlüffe gefaßt.
— (Steuerstatistik.) Einer auf amtlichen Quellen beruhenden Steuerstatistik des Großherzogthums Sachsen find einige Daten sür die Entwickelung der Steuerverhältnisse in den letzten zwanzig Jahren zu entnehmen, die auch für weitere Kreise Interesse haben dürsten. Während die Bevölkerung um 13,3 o/o zugenommen Hais, ist das Einkommensteuerkapital um 90,38 °/o, von 331/2 Millionen Mark auf 531/2 Millionen Mark gestiegen. Das Grundeinkommensteuerkapital hat an dieser Steigerung nur geringen Theil; es betrug vor zwanzig Jahren 11, heute 16 Millionen, ist also um 37 «/» gestiegen. Davon entfällt aber ein wesentlicher Theil auf die größeren Städte wegen Anbaues neuer Häuser. In diesen ist dies Grundeinkommensteuerkapital gestiegen, u. A. in Weimar um 128,7 0/0, in Apolda um 119,7, in Jena um 119,5, in Eisenach um 84",8 o/o. Ohne diese Städte würde die Steigerung nur 28,9 »/, betragen. Dagegen hat das Einkommensteuerkapital aus Gehalten, Pensionen, Zinsen, überhaupt Kapitalbefitz, bedeutend zugenommen; es ist von 7 Millionen auf fast 17 Millionen, um 141,8 0/0 gestiegen.
der Heimath; doch wie ganz anders erschien sie mir gegen damals, wo ich sie verlassen! Das treuherzig, einfache Wesen des Tyrolers galt mir jetzt als Schwerfälligkeit, die Festigkeit, mit der er am Althergebrachten hielt, und seine Frömmigkeit als Verdummung und Aberglauben. Altehrwürdige Einrichtungen, die das Volk Jahrhunderte lang beglückt und als kräftigen Volksstamm erhalten haben, hielt ich für überlebt. Aus der gangen Umgegend strömte das Landvolk zusammen, um dem weit und breit geachteten Manne das letzte Geleit zu geben. Die stattliche Schützenschaar trug auf den kräftigen Schultern ihren langjährigen Hauptmann von Hoheneck in's Thal hinab. Mich langweilte die Zutraulichkeit der guten Menschen, welche es für ihre Pflicht hielten, mir persönlich ihr Mitleid auszusprechen. Mich langweilte nicht weniger die ceremonienreiche kirchliche Feier; denn ich stand kühl bis in's Herz hinein dem hl. Opfer gegenüber. Wohl trauerte ich um den Dahingeschiedenen; aber kern frommes Gebet stieg von meinen Lippen für ihn zum Himmel auf, während alle die fremden Menschen, welche die Kirche bis in den letzten Winkel füllten, in herzlicher Andacht seiner gedachten. Ich Armer konnte ja nicht mehr beten!
Als das Testament eröffnet wurde, erkannte ich wieder die Liebe meines guten Onkels. L-enl bedeutendes Vermögen fiel, mit Ausnahme einiger milden Stiftungen für die Schule uno die Armen, an mich, und damit auch das mir heute so lieb