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M 276.

Sonnabend, den 1. Dezember

1883.

FuldaerIgB Jeitung.

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher ^bonnementsprelsohneBringerlohnundBestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' m Fulda 1 Mk. 70 PsS-, auswärts 1 M. 75 Pfg.

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Erst es Blatt.

Zur Frage der Vorbildung der Geistlichen.

Unter den Punkten, welche die Beilegung des Kul­turkampfes in Preußen bis jetzt aufhalten, nimmt eine hervorragende Stelle ein die Erziehung des Klerus. Die Gegner der Kirche stellen sich bei Be­sprechung dieses Gegenstandes, als ob sie nich wüßten, daß alle Geistlichen in Preußen, ehe sie von den Bischöfen zu den Weihen zugelassen wur­den, Letztern den Nachweis erbringen mußten über die Ablegung des Abiturienten-Examens bei einem Gymnasium, sowie des dreijährigen Besuches einer Universität oder Akademie. Ganz dieselbe Vor­bildung, welche der Staat von den Juristen, Aerz- ten und Philologen fordert, forderten seit der Widererrichtung der Bisthümer in Preußen durch die Bulle de salute vom Jahre 1821 die Bischöfe von den zu ordinirenden Geistlichen. Wozu also noch ein Mai-Gesetz über die Vorbildung der Geist­lichen? Dazu kommt, daß erfahrungsgemäß vor dem Ausbruch des Kulturkampfes gerade die Theo- logie-Studirenden mehr wie die Studirenden der anderen Fakultäten, neben ihren Fachstudien Vor­lesungen über Geschichte, Philosophie, Literatur und andere Disziplinen freiwillig zu hören pfleg­ten. Was nun die bischöflichen Seminarien be­trifft, so dürfte es auch weitere Kreise interessiren, zu erfahren, welche Stellung nach amtlichen Akten­stücken die preußische Staatsregierung allzeit zu diesen Anstalten eingenommen hat. In dem Pro- memoria, welches der Kultusminister Eichhorn am 8. Januar 1842 dem für Köln ernannten Koad­jutor Johannes von Geissel zustellte, heißt es wört­lich: „Die bischöflichen Klerikal-Seminarien sind in Preußen von jeher, sowohl vor als nach Emana­tion der Bulle De salute animarum, als reine Diözesan-Jnstitute betrachtet worden, deren Zweck darin besteht, die Kandidaten des Priesteramtes zur praktischen Ausübung der Seelsorge auszubilden. Sie stehen demnach ihrem ganzen Umfange nach unter der unmittelbaren und freien Leitung des Diözesan-Bischofs, welcher über die Aufnahme der Kandidaten, über die Anordnung und die Diszi­plin des häuslichen Lebens, über die Gegenstände und die Behandlung des Unterrichtes, sowie über die Qualifikation und die Zulaffung der Alumnen zu den heiligen Weihen allein zu bestimmen hat. Sowohl der Vorsteher (Regens) der Anstalt, als die Lehrer, Verwalter und Repetenten werden vom Bischof berufen und angestellt, jedoch nicht eher, als bis derselbe der landesherrlichen Ge­nehmigung sich versichert hat, welche durch Ver­mittelung des Ober-Präfidenten bei dem Minister der geistlichen Angelegenheiten eingeholt wird. Die-. selben sind in Bezug auf Lehre, Wandel und" Amtsführung der unmittelbaren Beaufsichtigung des Bischofs unterworfen, dem es nach gewissen- haftem Ermessen freisteht, die Angestellten ihrer Funktionen zu entheben. Die Staatsbehörde sieht jedoch in dem letztern Falle stets einer Mittheilung entgegen". (Dumont, Diplomat. Korrespondenz.) „Sie werden", heißt es in dem Begleitschreiben des Ministers an den Koadjutor, „wie ich hoffe, nichts in dem Promemoria finden, was die Rechte der katholischen Kirche und die freie Ausübung der Episkopalgewalt gefährden und Ihnen daher Sorge für die Zukunft erwecken könnte. Grund­sätze sind im Allgemeinen etwas Abstraktes; Leben gewinnen sie erst durch die Art der Anwendung. Daß es eben so wenig in den Absichten des Kö­nigs oder seines Ministers liegt, bei der Anwend­ung einzig und allein die Logik zu hören, ohne

alle Rücksicht auf besondere Umstände und Ver- hältniffe, davon können Euere bischöflichen Hoch­würden nicht minder überzeugt sein, als auch wir unserseits das Vertrauen hegen, einer gleichen Maxime auf Ihrer Seite M begegnen. Rur auf diese Weise werden Konflikte umgangen, welche für Staat und Kirche gleiche Verlegenheiten herbei­führen könnten, und die es besonders unter den Zuständen unseres deutschen Vaterlandes für uns Alle heilige Pflicht ist, auf das Sorgfältigste zu vermeiden. Die Logik des Lebens ist eine andere, als die der Systeme." Wohlthuend muthen den Leser, in unseren Tagen, wo die sämmtlichen bi­schöflichen Seminare in ganz Preußen geschloffen sind und verödet dastehen, diese wahrhaft staats­männischen Worte eines preußischen Kultusministers an. Staat und Kirche lebten bei der Handhabung der vom Minister Eichhorn ausgesprochenen Grund­sätze im Frieden und erfüllten in ihren Kreisen ihre wohlthätige Mission. Diese so vorbezeichneten Bahnen hat man verlaffen, ohne Roth die Kon­flikte mit den Katholiken plötzlich und gewaltsam herbeigeführt und Ausnahme-Gesetze für die ka­tholische Kirche geschmiedet, bei denen von Glaubens­und Gewiffens-Freiheit nicht mehr die Rede sein kann. Sollte es, angesichts der Zustände in un- ferm deutschen Vaterlande, nicht auch heute für Alle eine heilige Pflicht sein, der heillosen, Staat und Kirche verwüstenden Kulturkampfs-Gesetzgebung ein Ende zu machen? (Köln. Vol^sztg.)

* Eine Oper durch's Telephon.

Die Wiener ,Neue Fr. Pr.' bringt folgend-, etwas bösartige, aber amüsante Beschreibung aus der Feder eines „Laien" von dem Genufle, den das Anhören einer Oper durchs Telephon auf der Wiener elektrischen Ausstellung ihm bereitet hat. Er erzählt: Es war im Moment der Eröffnung der Rotunde für die zweite Abendbeleuch­tung. Die Signalapparate der Eisenbahnen gaben ihre vielstimmigen Glockenzeichen, auf den Galerien der Ro­tunde flammten die ersten Bogenlichter auf, und die Tourni- quets begannen sich zu drehen, um die ersten Besucher aus der dichtgedrängten Masse, die sich vor dem Portal an­gesammelt hatte einzulaffen. Da begab sich ein seltsames Schauspiel. Wie von unsichtbaren Furien gepeitscht, kam etwa ein Dutzend Leute in waghalsigen Sprüngen durch die finsteren Verhaue des Südtranseptes hereingestürzt. Es war die Vorhut des Jnvasionskorps. Aber sie nehmen ihren Weg in die Rotunde, der Feuerzauber derselben hat keine Anziehungskraft für sie, sie stürmen vielmehr seit­wärts durch die Halbgallerie, suchen einander wie in einem tollen Wettrennen zwischen den Hindernissen der verschie­denen Objekte zuvorzukommen und sind endlich in der finster gähnenden Schlucht der Westgallerie verschwunden. Kein Laut, kein Lebenszeichen verräth, was dort aus ihnen geworden. Nachdem ich mich von meinem Erstaunen über diese wilde Jagd erholt, fragte ich nach dem Grunde der­selben. Wozu diese elektrische Rapidität, wenn uns die Ausstellung selbst mit einem so löblichen Beispiele von Langsamkeit vorangeht, daß man sich wirklich nicht zu fürch­ten braucht, in derselben von dem jetzt so ost citirten „Kulturfortschritte" überholt zu werden?

Es waren die Enthusiasten des Telephons — lautet die Aufklärung — , die Gläubigen, welche von den Wun­dern des musikalischen Kunstgenuffes par diatance schon so viel gelesen haben, daß sie es nun nicht versäumen wollen, die Ersten zu sein, um zehn Minuten „Afrikanerin" durch's Telephon profitiren zu können. Da ich bisher auch noch nicht Gelegenheit gehabt hatte, das Telephon musikalisch an mir zu erproben, schlug ich gleichfalls einen kleinen Dauerlauf an, der mich bald an den Eingang der Westgallerie brachte. Daselbst furchtbare Finsterniß, aus der mir in weiter Ferne der matte Schimmer eines Irr­lichtes oder Grubenlichtes entgegenschimmert. Muthig schreite ich auf daffelbe zu. Es ist kein Gnome, der mich äffte, sondern der Telephonkassierer, der beim Scheine einer Millykerze die Eintrittskarten in die Telephonzellen ver­kauft. Nach und nach gewöhnt sich mein Auge an die Dunkelheit, und ich sehe innerhalb der Barriere fünfzehn Personen, denen ich mich als Sechszehnter anschließe. Ich hatte Glück — gerade so Viele werden beim ersten „Schub" in die Zelle eingelaffen. Ein feierlich düsterer Raum — wie ein Gruftgewölbe. Wahrscheinlich, um die Aufmerk­samkeit von der Musik durch äußere Eindrücke nicht abzu­lenken, hat man von dem vielbesprochenen Meer des Lichtes nur einige spärliche Tropfen in die Telephonzelle

sickern laffen, welche in Gestalt zweier Kerzenflammen sich bescheiden zu schämen scheinen. Sie sind sichtlich trüb ge­stimmt. Auf einer Etagöre längs den Wanden sind die Bestecke für den zu servirenden Ohrenschmaus bereitgestellt — je zwei telephonische Hörrohre für die Person. Man vertheilt sich an den Etageren, ergreift die Ohren­trichter, setzt sie an — feierliche Stille, erwartungsvolles Schweigen!

Die Gesellschaft bietet einen merkwürdigen Anblick; Damen und Herren, mit den Gesichtern der Wand zuge­kehrt, mit beiden Händen die Hörrohre an die Ohren drückend, zumeist in gebückter Stellung lauschend. Die Phrase „Ganz Ohr" ist verkörpert. Der innere Mensch konzentrirt sich in seinem Gehörgange und wird für die Außenwelt tbeilnahmslos wie ein Fakir. Man glaubt fast zu bemerken, wie die Ohrmuscheln sich krampfhaft zu krüm­men suchen, um die Schallöffnung des Hörrohres umfassen und an sich drücken zu können. Vielleicht erwirbt von nun das Menschengeschlecht beim häufigen Gebrauche des Tele­phons auf dem Wege der „Anpassung" wieder die Fähig­keit, die „Ohrwaschelu" als Schallfänger selbstthätig be­wegen zu können, welchen Vorzug unsere prähistorischen Vorfahren einst beseffen, aber durch die zunehmende Kultur verloren haben sollen. Doch verirren wir uns nicht auf solche Abwege der Phantasie! Horchen wir! Die Ge­sellschaft scheint aus Mitgliedern einer neuen Sekte zu be­stehen, die hier im Geheimen und Dunkeln ihren mystischen Gottesdienst halten und auf „Offenbarung harren, Es ist offenbar die Sekte der „Horcher". Alles ist geeignet, diese Vorstellung zu bekräftigen. Man horcht und — wartet.

Wer kennt nicht das drollige Grimm'sche Märchen vom Könige, dem zwei Hexenmeister vorspiegelten, sie würden ihm prachtvolle Kleider machen, die aber kein Mensch sehen könne, der für sein Amt nicht tauge. Die Hexenmeister ließen sich die kostbarsten Stoffe geben, schlossen sich wochen­lang ein, schnitten und schneiderten mit den: größten Eifer und brachten endlich dem Könige die angeblichen Kleider, die kein Mensch sehen konnte, der für fein Amt nicht taugte. Dem Könige und allen seinen Ministern und Hofleuten gefielen die Kleider außerordentlich, sie wurden nicht müde, ihre Pracht und Schönheit zu loben, und als der König in feierlichem Aufzuge durch die Straßen schritt, lief alles Volk zusammen und bewunderte die königlichen Gewänder, bis endlich auf einmal ein kleines Kind aus­rief: „Aber der König hat ja gar keine Kleider an!" Eine solche Idee tauchte plötzlich wie ein Lichtblick auch in dem Kopfe eines der Mitglieder des internirten Tele­phon-Auditoriums auf; wie auf eine Inspiration tief er aus: „Aber ich höre ja gar nichts!" Das wirkte geradezu befreiend in der bisherigen ängstl'chen Spannung. „Wir hören auch nichts", antwortete es von allen Seiten. — „Warten Sie einen Augenblick, meine Herrschaften", be­schwichtigte der dienende Bruder der telephonischen Loge, die enttäuschten Gemüther, „es ist noch nicht eingeschaltet". Ach so I Also horchen wir weiter. Da — auf einmal ein leises Knattern und Knistern in den Hörrohren, ein leichter Knqll - .aha, der elektrische Strom und — ein sanft zirpendes Sümmchen wird in reizenden Passagen und Rouladen wie aus weiter Ferne vernehmbar. „Ein' Stimm' ich sehen thu", spreche ich zu mir selbst gleich Zettel-Pyramus im Rüpelspiel des „Sommernachtstraumes", als er seine Thisbe jenseits der Wand hörte. Wie Py- ramus sein Auge an die Mauerspalte legt, drücke ich mein Ohr fester an das Telephon, um das Sümmchen endlich auch wirklich zu hören „Die Lehmann!" ruft entzückt eine junge Dame, meine Nachbarin zur Rechten aus. „Ruhig, still", murmelt es unwillig aus den Wänden, „man hört ja sonst gar nichts!" Richtig, es ist Lehmann- Jnes, welche soeben ihre Entree-Arie singt und um ihren verschollenen Geliebten Vasco de Garna klagt. Dazu hört man auch ab und zu das Einfallen eines Ensembles von Instrumenten — das ist wahrscheinlich das Orchester. Nun, die „Afrikanerin" ist ja bekannt genug, so daß man dem Gange der Handlung folgen kann, auch wenn man nichts hört. Das Ohr muß sich an das Telephon erst gewöh­nen — leider hat es nur zehn Minuten Zeit dazu, kaum so viel, wie der Magen zu einem Frühstück auf einer Eisen­bahnstation. Auch knistert neben der Musik etwas Fremd- artiges ins Ohr — das muß wohl so fein beim Telephon, das sind die „Jnduktionsströme", die man gratis mitbe­kommt. Jetzt höxt man wieder deutlicher. Präsident Don Petro und Admiral Don Diego sind auf die Bühne ge­treten, ihre Stimmen geben mehr aus. Ines erkundigt sich mit unhörbarer Zaghaftigkeit nach dem Schicksal Vas- co's. „Wer fragt nach den Leuten, die ganz unbekannt?" klingt es mit dem sonoren Organ des Lay an mein Ohr. Diese Probe schwangvoller Operntexte ist es, was ich wäh­rend der paar Minuten „Afrikanerin" wirklich deutlich ge­hört habe. Dann schwemmte das Gewoge des Einzugs­marsches und des Chors der Rathsversammlung einige Tonwellen an mein Ohr, der Schluß des Chors schlug fortissirno durch, das Ohr begann sich an den Genuß zu gewöhnen. Da — auf einmal wieder der leichte Knall