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M 274.

Donnerstag, den 29. November

1883

Zeitung

Fuldaer

mögliche wie das unbewegliche Vermögen umfasse. Solche Spiegelfechtereien sind nur bestimmt, im Publikum Verwirrung anzustiften, jedoch wird die­ser edle Versuch wohl kaum einen großen Erfolg haben, da ja doch die Spatzen auf den Dächern das alte Klagelied singen, wie der Grundbesitz fak­tisch einer doppelten Besteuerung unterworfen ist, während der Kapitalbesitz ohne Druck und un­gezwungen sich des Lebens freut. Man erkennt übrigens wieder einmal so recht das große „Interesse" der Liberalen für den Aufschwung und das Gedeihen der Landwirthschaft an dem frommen Wunsche, daß der Grundbesitz nun so­gar dreifach belastet werde. Aber alle diese Ma­növer werden hoffentlich an dem gesunden Sinne des Volkes und der Parlamentsmehrheit scheitern, es wird diesmal dem Kapital nicht ge­lingen, die sich mehrenden Stimmen für eine Mehrbelastung des Geldsacks zum Schweigen zu bringen. Die Jnterpretationsversuche der ,Nat.- Ztg.' und Genossen können ja auch den Abgeord­neten, welche im Februar die Regierung zur Aus­arbeitung eines Kapitalrentensteuer-Systems auffor­derten, über die unzweifelhafte Intention des Be­schlusses keine andere Meinung eintrichtern, als sie damals nachweislich bestanden hat. Auch die ge­lehrten Unterhaltungen der Blätter über die Frage, ob die Grundsteuer eine wirkliche Steuer, oder ob sie eine Reallast sei, kann daran nichts ändern.

Die Kapitalrentensteuer im wahren Sinne soll sich selbstredend nicht gegen die kleinen Rentner und Kapitalisten richten, wie liberale Muernfänger es darzustellen belieben, um große Kinder zu schrecken. Wenn man der liberalen Kapitalisten­presse glauben wollte, so handelte es sich gradezu um die „Ersparnisse der armen Wittwe", und wie ähnliche Phrasen lauten. In Wirklichkeit soll aber die besondere Steuer auf Kapitalvermögen erst in ziemlicher Höhe des Vermögens und auch da nur in kleinen Sätzen beginnen und dann steigend die größeren Kapital­vermögen stärker treffen. Ob es dem Finanz­minister Herrn von Scholz gelungen ist, einen Veranlagungsmodus zu finden, welcher wirklich nur

die Kapitalrenten und diese auch möglichst voll­ständig und richtig trifft, muß abgewartet werden. Ueberhaupt läßt sich ein Urtheil über die von der Regierung augenblicklich vorzuschlagende Kapital­rentensteuer erst dann fällen, wenn der Entwurf mit seinen Paragraphen vorliegt. Vorerst han­delt es sich nur um die prinzipielle Frage der Berechtigung einer solchen Steuer. Man kann demnach ein Freund der Kapitalrentensteuer sein und trotzdem bei der demnächst zu erwartenden Vorlage der Gesetzesvorschläge gegen das Projekt seine Stimme erheben müssen.

Ueberhaupt ist immer wieder zu betonen, daß neben dieser gerechteren Vertheilung der direkten Steuern in Preußen der Plan eines deutschen Börsensteuergesetzes im Vordergrund des politischen Operationsplanes bleiben muß. Das an der Börse spielende und spekulirende Kapital kann eine weit stärkere Belastung vertragen, als das ruhig angelegte und verzinste Kapital. Leider ist es bisher den Anstrengungen der übergroßen Börsenmacht ge­glückt, jedeirgendwie erhebliche Heranziehung der Bör­sengeschäfte zu Hintertreiben. Der Abg. v. Schor- lemer-Alst rief daher mit Recht den Parteien zu: Es ist hohe Zeit für die Börsensteuererhöhung, damit die Börsenmacht nicht allzusehr anwächst, und nicht näch­stens, wie in Frankreich, auch beiuns die Finanzminister ernennt und bestimmend in die Geschicke des Landes eingreift. — Daß die Börse bei der kolossalen Höhe des täglichen Umschlages und bei dem ohnehin be­stehenden nach Tausenden und Hunderttausenden zählenden Risiko eine einträgliche Steuer leisten und auch ohne Druck ertragen kann, wird im Ernste Niemand bestreiten wollen.

Zum Schlüsse kommen wir nochmals auf die in früheren Artikeln oft genug betonte Forde­rung zurück, daß alle diese neuen Steuern zunächst keinem andern Zwecke dienen dürfen, als der Er­leichterung der Steuerlast der Minderbegüterten, und vor Allem der Verminderung der in vielen Gegenden der preußischen Monarchie allmählich bis in’s Unerträgliche anwachsenden Kommunal­steuerlasten, denen wir in nächster Zeit einen besondern Artikel widmen wollen.

Mit dem 1. Dezember eröffnen wir ein Abonnement auf einen Monat zum Preise von 50 Pfg. ohne Bestellgeld. Bestellungen werden durch die Expe­dition, die Poftanstalten und auch durch die Landbriefträger entgegengenommen.

O Zur Frage der Kapitalrentenfteuer.

II.

Die kapitalistische Presse macht heute, wie ge­legentlich der Börsensteuerdebatte, vergebliche An­strengungen, um die Kapitalrentensteuer zu Fall zu bringen. Dabei werden die sonderbarsten Ein­wendungen laut, da heißt es z. B.: „Jede einseitige Belastung einer Kapitalform wird alsbald von den Gläubigern auf die Schuldner abgewälzt. Nicht die Gläubiger, sondern die Schuldner, nicht die Neichen, sondern die Armen würden auch hier am letzten Ende die Wirkungen der neuen Steuer- belastung verspüren!" Da haben wir's! Kaum soll den Geldsäcken auch nur um ein Weniges am Zeuge geflickt werden, da jammern sie, natür­lich bei Leibe nicht über den ihnen drohenden Ver­lust, — nein, es ist wirklich rührend, — nur wegen der armen unbemittelten Schuldner, denen die Höherbelastung des Kapitals schaden könnte. Diese pharisäische, heuchlerische Redeweise ist doch gar zu durchsichtig. Als ob der im Großen und Gan­zen doch immer relativ sehr geringe Steuerpro­zentsatz eine Verteuerung des Geldes herbeifüh­ren könnteF Gottlob ist die Konkurrenz auf dem Geldmarkt so groß, daß eine den Kapitalisten kaum oder gar nicht fühlbare Kapitalrentensteuer unmöglich auf die Höhe des Zinsfußes für den Hypotheken- und Personalkredit einwirken kann.

Um eine Ausdehnung der Kapitalrentensteuer auch auf den G r u n d b e s i tz zu rechtfertigen, greifen die liberalen Blätter, an der Spitze die ,Nat. Z/, zu dem sonderbaren Mittel, die bekannte Februar- Resolution des Abgeordnetenhauses betreffend die höhere Besteuerung des Kapitalvermögens „wis­se n s ch a f t l i ch" dahin auszulegen, daß der Ausdruck „Kapital", wie es ja in der akademischen Termino­logie der Nationalökonomie richtig sein mag, das be-

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(Q> Den Frieden gefunden.

(Fortsetzung.)

„Es rief anfangs meinen Widerwillen hervor, wenn Alfred im Kreise Gleichgesinnter den ihm eigenen Ton anschlug, wenn er fade Witze riß über ehrwürdige Gegenstände, wenn er Dinge verunglimpfte, von denen ich bis dahin mit ge­ziemender Achtung gesprochen, wenn er Verhältnisse berührte, deren Erwähnung mich damals noch er« röthen ließ. Der allgemeine Beifall seiner Zu­hörer war aber die Hauptursache, daß mir, wie hundert andern in gleicher Lage, der moralische Muth fehlte, mir solche Gespräche zu verbitten oder doch mein längeres Bleiben davon abhüng'g zu machen. Ich schwieg, und nur zu bald trat an Stelle des Schweigens ein verlegenes Lächeln. Das war der gefährliche Punkt.

„Das Gefühl der Abneigung zwischen Alfred und mir war anfangs durchaus gegenseitig. Meine sittlichen Anschauungen waren ihm verächtlich, und nur mit Mühe verbarg er ein höhnisches Lächeln über den Tyroler Bauer, wie er mich bei seinen Freunden nannte. Unter diesen Umständen würde ich meinen Aufenthalt auf Waldau nach Möglich­keit abgekürzt haben, wenn nicht der alte Freiherr mich auf jede Weise bevorzugt und gefesselt hätte. Des alten Herrn biedere Freundschaft, seine liebens­würdige Aufmerksamkeit, die schönen Pferde, welche ich fleißig benutzte, der Reiz des gesellschaftlichen

Lebens, das sich mir auf Waldau und mehr noch auf den umliegenden Edelhöfen, sowie in der nahen Stadt erschloß; alles das hielt mich immer wieder von der Abreise zurück. Nach und nach schliffen sich auch die Gegensätze zwischen Alfred und mir einigermaßen ab. Der alte Freiherr hegte den Wunsch, Alfred möchte sich mir näher anschließen, und er wußte es so geschickt einzurichten, daß er seinen Zweck nach und nach immer mehr erreichte.

Er hoffte, sein Sohn werde durch meinen Um­gang gewinnen, und ahnte nicht, daß umgekehrt der Einfluß Alfred's auf mich der stärkere sein würde. Alfred kam dem Wunsche seines Vaters sogar entgegen; er wurde aufmerksamer und lie­benswürdiger gegen mich, und so nahm unser Ver- hältniß einen freundschaftlichen Charakter an, wie ich ihn nicht für möglich gehalten hätte. Später verrieth Alfred mir den Zweck dieses veränderten Benehmens. Er hatte gemerkt, daß er sich die Gunst seines Vaters dadurch erwerbe, und außer­dem hegte er schon damals die Absicht, mich für die Korporation zu gewinnen, der er auf der Uni­versität angehörte.

IV.

„Die Ferien gingen vorüber; studirt hatte ich nichts; gelernt aber schon erschreckend viel. Alfred und ich zogen zur Universität. Ein kurzes Schrei­ben zeigte Dir meinen Aufenthalt an. Nach eini­ger Zeit, die ich fast nur in Gesellschaft Alfred's und seiner Freunde verbrachte, traf ein Brief von

Dir ein. Wiewohl mich die Nachricht erfreute, so empfand ich doch nicht mehr jene Sehnsucht nach Dir und den frühem Verhältnissen wie bei meiner Abreise von Hoheneck. In München hatte ich gewissenhaft meinen Studien obgelegen. Das war jetzt anders geworden. Wohl belegte ich mehrere Vorlesungen und besuchte sie Anfangs auch. Doch von selbstständigem Studium war keine Rede mehr. Ich war schwach genug geworden, lieber dem Vergnügen nachzugehen, als meiner Pflicht obzuliegen. Ab und zu verhinderten mich längere Ausflüge in die reizende Umgebung der Universi­tätsstadt sogar am Besuch der Vorlesungen. Anfangs suchte ich die Lücken durch Nach- und Abschreiben auszusüllen. Bald jedoch wurden sie zu groß, und bevor noch das Semester zur Hälfte verflossen war, besuchte ich kaum noch eine einzige Vorlesung regel­mäßig. Ich fand immer mehr Geschmack an der Lebensweise Alfred's und seiner Genossen. Seine Bekannten waren die meinigen geworden, und schon im zweiten Monat hatte Rauchfeld seine Absicht erreicht; ich war Mitglied der Korporation, welcher er angehörte. Jetzt war es für mich mit dem Ar­beiten ganz vorbei. Gelage, Ausflüge und Fecht­boden nahmen meine Zeit vollständig in Anspruch. Zuweilen drängte sich wohl die Erinnerung an die Vergangenheit mahnend wieder auf; aber ich wußte sie zu verscheuchen. Alfred spottete nicht mehr über den unerfahrenen Tyroler Bauer; er war recht zu­frieden mit seinem Zögling.