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Jä 270.

Sonnabend, den 24. November

1883.

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Erst es Blatt.

*** Fortschritte des Handfertigkeits- nnterrichts.

In der Handferligkeitssache geht es immer rüstiger vorwärts. Der Vorstand der Leipziger Schüler­werkstatt hat ein hübsch illustrirtes Blatt „An Leip­zigs Schüler" mit dem Motto:

„Bilde das Auge, übe die Hand, Fest wird der Wille, scharf der Verstand", herausgegeben. Der frisch-frei-fröhliche, turnerische Geist, der in der bildlichen Darstellung, wie in den Worten athinet, konnte nicht verfehlen, in dem jungen Volke die Freudigkeit an ernsterer Arbeit zu wecken und dafür zrl stärken. Es haben sich in Folge des Aufrufs gegen 550 Schüler gemel­det, welche in 25 Abteilungen unterrichtet werden sollen. Da es bald an Lehrern für die Leitung der Schülerkurse fehlen wird, so ladet der Leipziger Vorstand zugleich die Lehrer ein, sich an den Lehrer­kursen der Schülerwerkstatt zu betheiligen. Diese Lehrerkurse umfassen Papparbeiten, Tischlerei, Holz­schnitzen, Metallarbeilen und Modelliren.

Die für die gute Sache eintretenden Kräfte wollen alle verwandten Bestrebungen, die auf Herstellung eines besseren Gleichgewichtes zwischen Geist und Körper und harmonische Ausbildung unseres Nach­wuchses zielen, die Agitation für Körperflege, Er- ncheunz von Spielplätzen für Schüler. Ferien­kolonien, Schwimm-, Turnanstalten rc. unterstützen. Bravo! Daß einige großstädtische Seminare den Handfertigkeitsunterricht einführen wollen, läßt hoffen, daß bald auch Schulen sich ihm öffnen werden. Die königl. sächsische Regierung hat im Dresden-Friedrichstädtischen Seminar damit einen Anfang gemacht, der gewiß nicht ohne Nachfolge bleiben wird. Herr v. Klauson-KaaS leitet den Kursus unter Mitwirkung von Handwerksmeistern. Demnächst wird tu Leipzig eine Anzahl Hefte er­scheinen, ivelche den Schülerwerkstätten als päda­gogisch-technisches Material dienen können.

Der bekannte, rührige Förderer des Handfertig- keitsunterrtchts, Abg. v. Schenckendorff-Görlitz, hat am 3. November in Reichenberg in Böhmen einen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über Bedeutung und Ziele des Handfertigkeitsrtnterrichts gehalten. Die Versammlung erklärte sich einstimmig mit den von Herrn v. Schenckendorff dargelegten Anschauungen einverstanden, und sprach Die zuver­sichtliche Erwartung aus, daß die Einführung des Handfertigkeitsunterrichts in Oesterreich, zunächst in Reichenberg, mit aller Energie in Angriff ge­nommen werde. Somit ist die Bewegung auch nach Oesterreich getragen. Der Abg. v. Schencken­dorff hat übrigens die Absicht, diesen Gegenstand in der bevorstehenden Session anzuregen, und zu­nächst eine Ausstellung von Schülerardeiten der Görlitzer Handfertigkeitsschule in Berlin für die Abgeordneten zn veranstalten.

iry Der Krefseu-Tee.

Eine hessische Sage, erzählt von Emilie lvepler.

(Schluß.)

So schwer es auch Tello wurde, das zu verheimlichen, was er so gerne laut bekannt hätte, er mußte sich eingestehen, wie zweckmäßig der Rath des erfahrenen Freundes sei, und er versprach diesem bis $u dessen Ankunft zu schweigen. Mit Un­geduld erwartete er Hilarius, denn er fühlte, daß er sein Ge- heimniß nicht länger mehr werde bewahren können Ost schon hotten bei Wigiberts Wuthausbrüchen, dessen Haß noch grimniiger geworden war, seit auch Wido sein Leben unter den Schwertern der Christen ausgehaucht, die Worte auf feinen Lippen geschwebt: „auch ich bin ein Christ und ver­

abscheue Deine Götter, die nur Gefallen an blutigen Opfern haben" und nur sein gegebenes Versprechen hielt ihn zurück, sie furchtlos auszusprechen. Um so drücken­der wurde für ihn dieses Schweigen, da er viel mit Wigi- bert zusammen sein mußte; er begleitete ihn auf die Jagd oder zu den bedeutenden Heerde», half ihm auch sein Feld bestellen und den Abend verbrachte er bei seiner geliebten Gresia. Unter solchen Umständen blieb ihn: and) zu sei­nen Religionsübnngen wenig Zeit; doch Nachts, wenn er einsam in seiner Hütte weilte, lag er oft Stunden vor dem Bild des Gekreuzigten, oder sang mit seiner schönen, klangvollen Stimme die heiligen Gesänge, die ihn Hilarius gelehrt, unbesorgt, daß ihn Jentand belauschen könnte. Doch der Verrath schläft nie, auch dem unbesorgten Jüng­ling schlich er nach und stürzte ihn hohnlachend in den tiefsten Abgrund hinab.

Dem finstern Wigibert war die Veründernng nicht ent­gangen, die mit Tello vorgegangen, und er betrachtete den­selben oft mit mißtrauischen Blicken, ob ihm gleich die Gewißheit fehlte, sagte ihm eine immer wiederkehrende Ahnung, daß der, den er sich zn seinem Eidam erkoren, eht Christ sei. Diese Ahnung sollte nur zu bald Bestä­tigung finden.

Eines Abends, als man sich wie gewöhnlich in dem kleinen, traulichen Gemach versammelt hatte, trat ein initiier, verirrter Wanderer in die Hütte und wurde gast­freundlich aufgenommen, sein Weg hatte ihn durch die Gegend geführt, in welcher Hilarius weilte und lehrte. Er erzählte, wie ganze Schaaren demselben zueilten, um von ihm die heiligen Lehren zu vernehmen und die Taufe zu empfangen. Wecker berichtete er, wie der fromme Prie­ster geliebt und verehrt werde von seinen Schülern, die ihn flehentlich gebeten, doch bei ihnen zu bleiben und sein Leben ihn Frieden zu beschließen, et aber habe erwidert, wie noch ein heiliges Versprechen ihn tiefer in das Land ziehe, wo ein Jüngling harre, der seiner Hülfe zur Be­kehrung einiger ihm theuer gewordenen Menschen bedürfe. Bei diesen Worten sprang Tello mit blitzenden Augen von seinem Sitz empor, trat mit auf der Brust gefalteten Hän­den dem Fremdling näher und lauschte mit sichtlichem Antheil auf dessen Worte. Bald jedoch faßte er sich wie­der und nahm lautlos seinen Platz an Gressas Seite wie­der ein; aber er war zerstreut und unaufmerksam und nahm früher als sonst Abschied von der Geliebten.

Der Fremde suchte ebenfalls sein ihm angewiesenes Lager auf, und als auch Gresia sich zur Ruhe begeben hatte, da trat Wigibert in die stille, sternenhelle Nacht hinaus, um seinen finsteren Gedanken ungestört nachhängen zu können. Ja, ja, seine Ahnung war nun Gewißheit geworden, der Jüngling, der ihm seine beiden gefallenen Söhne ersetzen sollte, war ein Verräther an seinem Glau­ben, an den Göttern seiner Väter. Was sollte er nun beginnen, sollte er mit Strenge richten, oder durch Sanft- muth versuchen, den Verirrten wieder auf den rechten Weg zu führen. Haß und Liebe {(impften einen schweren Kampf in der Brust bei Mannes, endlich schien die letz­tere den Sieg davon tragen zu wollen. „Ja, ich will vergeben", tief er, und sein flammendes Auge schaute em­por zum Firmament, an dem eben einzelne Sterne erschie­nen. „Der Priester kann entsündigen", fuhr er fort, „und ein großes Opfer wird die Götter versöhnen, der erste Christ, welcher sich hier zeigt, soll an ihrem Altar fallen; doch schnell muß gehandelt werden, ehe derverruchte Christen­priester erscheint und meinen Plan vereitelt! Als er so feinen Gedanken Worte gab, schaute er nach Tellos Hütte, in welcher er noch Licht bemerkte. Rasch war nun sein Entschluß gefaßt, noch in dieser Nacht wollte er mit dem Jüngling reden, er eilte der Hütte zu und hörte, bevor er die Thüre noch geöffnet hatte, voll Verwunderung Tel­los Stimme, welcher zu beten schien. Leise trat er ein, Tello lag vor einem Kruzisir auf den Knien und betete laut um Kraft und Beistand für das große Werk, das er so gerne vollbringen uiächte, seine theure Gresia und ihren Vater in die wahre Kirche einzuführen und ihre Seelen zu retten, wenn es ihm aber nicht gelingen sollte, so möge Gott ihn bald auinehmen in die ewige Heimath, damit

fein Ange nicht mehr entweiht würde durch die Frevel, welche die Götzendiener verübten. — So schloß der Jüng­ling sein Gebet und blieb noch einige Minuten in stiller Andacht auf den Knien liegen, wodurch Wigibert Zeit gewann, unentdeckt die Hütte zu verlassen. —

Am andern Morgen trat Tello in Wigiberts Wohnung und fand Gresia allein, er forderte sie auf, mit ihm zu der heiligen Eiche zu gehen, um an Freyas Altar ihr Gebet zu verrichten. Gern nahm die Jungfrau den Vor­schlag an, und beide eilten hinaus in den schönen, thau- frischen Morgen. Die Sonne stieg strahlend über die dü­ster» Wälder empor und trank durstig die schimmernden Thautropsen, bunte Schmetterlinge gaukelten von Blüthe zn Blüthe und die Lerche sang jubelnd ihr Morgenlied. Tellos Herz öffnete sich weit und groß, ihm wurde so un­aussprechlich selig zu Muthe und er fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, die Geliebte in fein Geheimniß einzuweihen. Jetzt hatten sie den Altar erreicht und das schöne Mädchen sank nieder zum Gebet, bet Jüngling aber, Begeisterung in den Blicken, stand hochaufgerichtet neben ihr. Auch Gresia erhob sich wieder und fragte erstaunt, warum Tello fein Gebet nicht mit dem ihrigen vereint habe, um den Göttern für diesen schönen Morgen zu danken? Da faßte dieser sanft ihre Hand, blickte fest in ihre treuen, blauen Augen und sprach bittend:

„Beantworte mir einige Fragen, meine Geliebte, und vernimm auch meine Antwort."

„Gern mein Tello", erwiderte liebevoll di« Jungfrau.

„Würdest Du den Muth haben, Gresia, Deine heitere, ebene Lebensbahn zu verlassen, um mich auf der meinigen, die wahrscheinlich dornenvoll und steil, die viele Beschwerden bieten wird, zu begleiten?"

„Wozu diese Frage", sprach Gresia befremdet, „würdest Du mich lieben können, wenn Du denken müßtest, ich : könnte Dich je verlassen? Stein, mein Freund, der Pfad den Du wandelst, wird stets der rechte fein, und wo Du bist, will ich auch bleiben!"

„Nun denn, so folge mir, meine geliebte Gresia', rief Tello mit fester Stimme, folge mir in den Sturm, dein ich entgegen gehe, erfahre, was ich Dir schon lange ver­barg, ich bin ein Christ!"

Kaum hatte Tello das Gestündniß über seine Lippen gebracht, und Gresia iii scheuern Zweifel und mit sich selbst kämpfend seinen Arm fahren gelassen, da drangen schnelle Schritte und laute Stufe an ihr Ohr.

„Abtrünnig, Verräther!" es war Wigibert, welcher mit vor Zorn bebender Stimme aus einem nahen Gebüsch hervorstürzte, eine schwere Keule über dem unbedeckten, blonden Haupte des Jünglings schwingend.

„Empfange von meiner Hand den verdienten Lohn!" Mit zerschmetterteni Haupt sank Tello zu Boden, und die brechenden Augen auf Wigibert gerichtet, stammelte er leise : „Vergib ihm, o Gott, um Deines Sohnes willen" und verschied. Wie erstarrt stand Gresia bei dem schauerlichen Vorgang, doch als sich die Augen des Geliebten schlossen, sank sie laut jammernd auf die theure Leiche nieder, die blutende Stirn mit Thronen und Küßen bedeckend.

Plötzlich wurden Stimmen laut, und auf den verschie­denen Pfaden des Waldes erbliche man eine Menge frem­der Männer, Weiber und Kinder, an ihrer Spitze einen ehrwürdigen Greis in christlicher Priestertracht es war Hilarius. Ach, er kam zu spät, um den Jüngling, den er wie seinen Sohn geliebt, zu retten. Da lag er vor ihm, den er zu umarmen gehofft, fast unkenntlich, in seinem Blute schwimmend und über den Leichnam gebeugt ein jammerndes Mädchen. Erschüttert kniete er in einiger Ent­fernung von dem unglücklichen Paare nieder. Da mit einem Male erhob sieh die Jungfrau in ihrer ganzen stol­zen Gestalt, und zum Himmel blickend rief sie mit erhobe­nen Händen: „O Du mächtiger Gott der Christen, nimm' auch mich hinweg von dieser Erde und vereinige mich mit dem edelsten aller Jünglinge". Und wie vom Bi tz getroffen, sank das Mädchen, ein seliges Lächeln auf dem verklärten Angesicht neben tec Leiche des Jünglings nieder. Gott hatte ihr Gebet erhört. Und ein Wunder begab sich vor den Blicken der staunenden Menge, der sonst so stille See