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Mittwoch, den 21. November

1883.

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Fuldaer W8 Altung.

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Plötzlich tauchte das Bild eines jungen Tyrolers vor meinem geistigen Auge auf, mit'dem ich vor vielleicht fünfzehn Jahren zu München die erste und schönste Zeit des akademischen Lebens zuge» bracht hatte. Er war mir gar lieb und theuer gewesen, der biedere, unverdorbene Sohn der Berge. Wir hatten Freundschaft geschlossen, und wer hätte wagen dürfen zu zweifeln, daß sie nicht für das ganze Leben Bestand haben würde! Dann aber kam es, wie es leider so häufig kommt. Die Ver­hältnisse trennten uns, und die Freundschaft siechte dahin. Ein paar Mal schrieben wir uns; doch der stille, ernste Alpensohn war anders geworden. Unsere Wege theilten sich. Meine Briefe blieben zuletzt ohne Antwort, und schmerzlich berührte mich der Verlust eines Freundes, dessen Anlagen so vortrefflich gewesen. Ich aber hatte ihn lieb behalten, und als jetzt Walther von Hoheneck, ein gereifter Mann, vor mir saß, da dachte ich nicht daran, daß er mich vergessen. Ich sah den biedern Jüngling wieder vor mir, mit dem ich oft Hand in Hand gesessen, und mein Herz pochte freudig, -flasch wollte ich mich erheben und zu ihm hineilen, die Hand ihm entgegen strecken und laut den Namen Walther rufen; doch da flüsterte mir die super- fluge Welt- und Menschen-Kenntniß warnend zu: «Und wenn nun Herr von Hoheneck dich nicht

sentlich geringeren Matrikular-Beitrag zu entrich­ten und wiederum höhere Herauszahlungen aus dem Ertrage der Zölle und der Tabakssteuer zu erwarten haben, bei strenger Prüfung und Be­schränkung jedes neuen oder vermehrten Ansgabe- bedarfs so aufstellen lassen, daß die Einnahmen und Ausgaben ohne eine ergänzende Inanspruch­nahme des Staatskredits das Gleichgewicht halten.

Hierin kann indessen selbst nur dafür, daß bei 'weiterem Verzicht auf die Befriedigung vieler an sich anzuerkennender Bedürfnisse die Etats der fol­genden Jahre sich ebenso gestalten lassen werden, ein genügender Anhalt nicht schon gesunden werden. Dagegen ist es gewiß, daß das seit Jahren her- öorgetretene und von der Staatsregierung geltend gemachte Mißverhältnis zwischen den Mitteln des Staates und den Aufgaben, die ihm namentlich aus dem immer härter empfundenen Drucke der Kommunal- und Schullasten und aus der Unzu­länglichkeit der Beamten-Besoldungen erwachsen, unvermindert fortbesteht.

Die in dieser Richtung Ihnen bereits ange- kündigten speziellen Gesetzentwürfe sind inzwischen vorbereitet und zum Theil auch soweit gefördert worden, daß Ihnen entsprechende Vorlagen werden gemacht werden können. Soweit es an der Hand derselben gelingt, jene Bedürfnisse des Landes, welche über die Preußen allein zur Verfügung gebliebenen Mittel hinausgehen, zu förmlicher An­erkennung zu bringen und' im Einverständnisse mit Ihnen gesetzlich festzustellen, .wird auch die Mit­wirkung des Reichstages zur endlichen Eröffnung der nothwendigen neuen Hilfsquellen auf dem Gebiete der indirekten Steuern, zu welchen die verbündeten Regierungen ihre einmüthige Bereit­willigkeit bereits wiederholt ausgesprochen haben, nicht dauernd vergeblich in Anspruch genommen norden. Darauf rechnet die Staatsregierung mit derjenigen Zuversicht, mit welcher sie von Anfang an jene großen Ziele nur hat in'S Auge fassen können, und ohne welche sie auf deren weitere Verfolgung zu ihrem tiefen Bedauern würde ver­zichten müssen.

Die zur besonderen Freude Sr. Majestät in der

Gott, Du lieber, alter treuer Geselle! Und Du hast mich nicht vergessen, wie ich Deiner vergaß?"

„Nein, Walther, das habe ich nicht. Ost dachte ich an Dich, und manches Mal fragte mein Herz: was mag wohl aus meinem lieben Walther gewor­den fein?"

Mir war es, als lege sich ein tiefer Schatten auf das Antlitz Walther's. Doch rasch, wie die Wolke gekommen, verschwand sie auch wieder. Er faßte meine Hand und sagte zur Gattin gewandt: „Hier Herr Weiner Baumann, mein bester und liebster Freund aus der schönsten Zeit meines aka­demischen Lebens, und hier meine Frau."

Frau von Hoheneck reichte mir mit liebenswür- biger Freundlichkeit die Hand und lud mich ein, bei ihnen Platz zu nehmen. Ich beeilte mid)' ihrer Aufforderung nachzukommen.

Walther streckte mir abermals seine Hand hin, und an dem Ton, in dem er sprach, fühlte ich, daß ein lieber, treuer Freund mir wredergeschenkt worden.

„Du glaubst nicht, Werner, rote mich dieses überaus glückliche Zusammentreffen freut. Ost habe ich den heißen Wunsch gehegt, Dich ein Mal, nur ein einziges Mal wieder zu sehen, um Dir sagen zu können, daß die alte Siebe zu Dir wieder neu aufgelebt sei. Doch wo kommst Du her? Und welch' glücklicher Stern führt Dich gerade jetzt nach Venedig?"

„Von dort, wo auch Ihr herkommt, von Rom", erwiderte ich.

Die Eröffnung des preußischen Landtages.

Berlin, 20. November.

Die II. Session der 15. Legislatur- Periode des Landtags wurde heute Mittag 12 Uhr im Weißen Saale des königl. Schlosses eröffnet. Dem feierlichen Akte ging für die ka­tholischen Mitglieder eine heilige Messe in der St. Hedwigskirche, für die evangelischen ein Gottesdienst in der Hoff und Domkirche voran. Nachdem die Mitglieder beider Häuser des Landtags sich ziemlich zahlreich versammelt hatten, erschienen auf geschehene Meldung sämmtliche Mitglieder des Staatsministeriums — mit Ausnahme des Mi­nisterpräsidenten — und nahmen nach ihrer An- ciennetät links vom Throne Aufstellung. Ihnen schloß sich der Unterstaatssekretär im königlichen Staatsministerium an. Alsbald verlas der Vize­präsident des Staatsministeriums, Minister des Innern v. P u 111 a m e r, nachdem er sich vor der Versammlung verneigt, nachfolgende Eröffnungs­rede:

„Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtages!

Seine Majestät der Kaiser und König haben mich mit der Eröffnung des Landtages der Mo­narchie zu beauftragen geruht.

Die Finanzlage des Staates hat sich günstiger gestaltet.

Das letzte abgeschlossene Rechnungsjahr hat, Dank den erfreulichen Ergebnissen der StaatSeisen- bahn- Verwaltung einen verfügbaren Ueberschuß von erheblichem Betrage hinterlassen. Das lau­sende Jahr zeigt ungeachtet des nur teilweise be­friedigenden Ausfalls der Ernte keinen Rückgang in der bisherigen allmäligen Besserung der Ver­hältnisse und läßt auf wachsende Erträgnisse der meisten eigenen Einnahmequellen des Staates auch für das nächste Jahr hoffen.

Der Staatshaushalts - Etat für 1884/85, der Ihnen alsbald vorgelegt werden wird, hat sich unter diesen Umständen, und da wir nach dem be­reits festgestellten Reichshaushalts-Etat einen roe«

<Q> Den Frieden gefunden.

(Fortsetzung.)

mehr kennen will? Wenn er ein stolzer Aristokrat geworden ist?" Einen Augenblick zauderte ich, aber nicht lange. Das Auge Walther's blickte wieder so treuherzig wie vor vielen Jahren. Und hatte er nicht mit mir zu den Füßen des ehrwür- . Ingen Greises dort im Vatikan gefnieet? Stolz soll der Mann sein, hochmüthig aber nicht; und wer sich in wahrer Demuth beugt, ist nicht hoch- müthig.

Ich trat zu den Beiden hin. Die Dame blickte auf und machte mit einer leisen Bewegung ihren Gatten, der mit Interesse den Klängen der Musik lauschte, auf mich aufmerksam. Er stand auf und nach vieljähriger Trennung blickten wir uns zum ersten Male wieder Äug' in Auge. Die gezirkelte Anrede: „Verzeihen Sie, wein Herr", u.s.w. blieb ungesprochen stecken, und statt dessen rief ich fra­gend: „Walther, Walther von Hoheneck, bist Du's? Ich kann mich nicht täuschen, Du mußt es sein!"

Gespannt schaute ich in das mir jetzt wieder wohlbekannte Gesicht. Da glänzte sein Auge auf. Ich sah, wie er in meinen Zügen forschte, und dann rief er: „Walther von Hoheneck bin ich — und ifl's denn möglich, daß Werner Baumann vor mir steht?"

Wie mir das Sprechen so schwer wurde! Ich mußte die Worte herausstoßen: „Freilich bin ich's Werner Baumann, wie er leibt und lebt."

Da streckte er mir beide Hände entgegen, und mit ausbrechender Freude rief er: „So grüß' Dich

letzten Session von Ihnen angenommene Befreiung wenigstens der zu den beiden untersten Stufen der Klassensteuer eingeschätzten Bevölkerung von dem Drucke dieser Steuer und der Heimsuchung mit Steuerexekution kann nach übereinstimmender Auffassung der Staatsregierung und des Land­tages nicht als Abschluß einer Reform der direkten persönlichen Staatssteuern gelten, sondern nur als ber erste dringlichste Schritt zu einer solchen.

Dem unveränderten Königlichen Willen folgend, der auf baldige weitergehende Befreiungen der nur geringes Einkommen habenden Bevölkerungs­klaffen gerichtet ist zugleich den bei den Verhand- lungen des Landtages in weitgehender lieberem» stimmung geäußerten Ansichten über die sonstigen steuerpolitischen Ziele gern entgegenkommend, hat bie Staatsregierung sich die Ausarbeitung eines weiteren Gesetzentwurfs zur Umgestaltung der direkten persönlichen Steuern und Einführung einer Kapckalrentensteuer angelegen sein lassen, ber Ihnen binnen Kurzem unterbreitet werben wirb.

Mit ber Uebersührnng der meisten größeren Pri­vat-Eisenbahn-Unternehmungen in die Hände des Staates und ber gleichzeitigen Erweiterung des Staatseisenbahnnetzes durch Herstellung neuer wich­tiger Schienenverbindungen ist das Staatseisenbahn- System in dem größten Theile der Monarchie mit steigendem Erfolge zur Durchführung gelangt. Um oie bedeutungsvolle Reform zum weitern Abschluß zu fördern und die Vortheile derselben auch den­jenigen Landestheilen zuzuwenden, welche der Staats- bahnen bisher zum Theil noch gänzlich entbehrten, wird Ihnen die Staatsregierung den Erwerb einer weitern Reihe wichtiger Privateisenbahnen in Vor­schlag bringen.

Die mit den Gesellschaften vereinbarten Vertrüge bieten wiederum zugleich die Mittel für eine der Landeswohlfahrt dienende Erweiterung und Ver­vollständigung des Staatseisenbahnnetzes in den ver­schiedensten Theilen des Landes; über die Verwen­dung dieser Mittel wird Ihnen eine Vorlage zu- gehen.

Von der angelegentlichen und unverminderten Fürsorge, welche die Staatsregierung der Entwicke-

D.e ,Fuldaer Zertung erscheint "glich Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestcllaeld- 1 Mk 50 Vf- - mit belletristischen Wochenbeilag- ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg, auswärts IM 75 Ma ***

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