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Jfä 266. Dienstag, den 20. November

Fuldaer fill Zeitung.

1883.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Fulda, 20. November.

* (Neugestaltung der preußischen Klas­senlotterie.) Die schon lange schwebende An­gelegenheit wegen Neugestaltung des Plans der preußischen Klassenlotterie soll in der bevorstehen­den Session des Hauses der Abgeordneten zur Sprache kommen, und es wird eine Erklärung der Staatsregierung erwartet. Der vorige Finanz­minister Bitter hatte erklärt, die Regierung werde den aus dem Hause der Abgeordneten kommenden Anträgen auf Vermehrung der Lotterieloose nicht entgegen sein. Zu dem Zwecke hatte der bis vor kurzen! als solcher thätig gewesene Vorgesetzte der General-Lotteriedirektion, Geh. Oberfinanzrath Frhr. v. Lentz, mit den Berliner bestallten Einnehmern einen Plan berathen, wonach die Zahl der Loose ganz bedeutend vermehrt werden sollte. Der Plan ordneten keine bezüglichen Anträge eingebracht hatten, ist fertig gestellt, blieb aber liegen, weil die Abge-

* (Nachtrags-Etat.) Die ,Nordd. Allg. Ztg.' konstatirt, daß in kompetenten Kreisen von einem neuen Nachtrags-Etat zum Neichshaushalts- etat pro 1884/85, wie er in voriger Session an­genommen wurde, nichts bekannt ist.

Berlin, 19. November.

* (Die Eröffnung des Landtages) im Weißen Saale des königlichen Schlostes, welche, wie schon erwähnt würde, morgen Mittag um 12 Uhr statlfindet, wird durch den Vizepräsidenten des Staatsministeriums v. Puttkamer erfolgen." Ueber den beabsichtigten Inhalt der Eröffnungs­rede verlautet, daß dieselbe auch einen Seitenblick auf die internationale Politik werfen soll, indein sie zum Schluffe die Abgeordneten einladet, ihre Arbeiten unter dem Schune gesicherter friedlicher Verhältnisse wieder aufzunehmen.

* (Eine Versammlung der Landesdi­rektoren) zur Berathung verschiedener Anliegen der Prooinzialverwaltung, Irren-, Taubstummen-, Korrektionsanstalten, Armenpflege und dergl. fand dieser Tage in Berlin statt.

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<Q. Den Frieden gefunden. *)

Eine schöne Menschenfcele finden,

Ist Gewinn; ein schönerer Gewinn ist. Sie erhalten; doch der schönst' und schwerste. Sie, die schon verloren war, zu retten.

I Herder.

„Gondola! Signore! Gondola!" schrieen zwan­zig, dreißig sonnenverbrannte Gondoliere zugleich, als meine Mitreisenden und ich gegen Ende Mai des Jahres 1877 den Bahnhof-Quai zu Venedig betraten.

Wie alte Bekannte nickten mir die lang gestreck­ten, silberglänzenden Schnäbel der schwarzen Gon­deln zu, und — richtig, da stand wahrhaftig der biedere Filippo, welcher mich vor wenig Jahren so manche Stunde durch das traurig schöne Vene­dig gerudert.

„He, Filippo, hierher mit Deiner Gondel!" rief ich dem verwundert aufblickenden Burschen zu und sprang behende in das heftig schaukelnde Fahrzeug. Prüfend schaute der Gondolier mir in die Augen; dann schnalzte er mit den Fingern, und das son­nenverbrannte, mächtig bebartete Gesicht leuchtete freudig auf.

„Santa Maria! Signore sind der deutsche Herr, welcher vor drei Jahren hier war und so viel mit Filippo fuhr!" Dann erzählte er mit italienischer

*) Der Nachdruck ist nicht gestattet.

* München, 17. Noo. (Professor Jans- j se n.) Die Katholiken Bayerns würden es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn der berühmte kath. Geschichtsforscher Professor Janffen, der mit seinen gründlichen Quellenstudien die Nebel modern-libe­raler Geschichtsbaumeisterei zerstreute und die Ge­schichte des Mittelalters in ihrer wahren Gestalt dem deutschen Volke darlegte, für Bayern gewon­nen werden würde. Hiezu soll Aussicht da sein. Der hiesige Profeffor Giesebrecht will nicht mehr länger die Leitung des historischen Seminars an hiesiger Universität fortführen und hat nun die kgl. Staatsregierung für die Berufung einer tüch­tigen Gelehrtenkraft 7000 Mk. als Jahresgehalt in's Kultusbudget eingesetzt. Man hat nun den Minister auf Prof. Janssen, der bekanntlich beim vorjährigen Jubiläum der Universität Würzburg in Anbetracht se-ner hervorragenden wissenschaftli­chen Leistungen und seiner großen Verdienste um den Katholizismus von der theologischen Fakultät zum Ehrendoktor promovirt wurde, aufmerksam gemacht und soll Lutz zugesagt haben, für den Fall, als die Kammer obige Position genehmigt, Janffen mit der Stelle zu betrauen. Prof.. Giesebrecht soll sich über diese Berufung, welche der hiesigen Universität zur Zierde gereicht, günstig ausgespro­chen haben. Wir könnten der Universität zur Ge­winnung dieser Kraft nur gratuliren, und wäre es erfreulich, wenn ein Mann wie Janssen auch einen seiner wiffenschaftlichen Größe halbwegs ent­sprechenden Wirkungskreis erhält.

Oesterreich - Ungarn.

* St. Anton (Tyrol), 19. Nov. (Anläß­lich der heutigen Eröffnung des Arl­bergtunnels) herrscht das regste Leben. Es ist ein kalter reiner Wintertag. Fortwährend langen neue Gäste an. Arbeitergruppen füllen den Ort und umstehen den langen, mit Laternen versehenen, reich geschmückten, zur Einfahrt bereit stehenden Zug. Um 9 Uhr fand eine Messe unter freiem Himmel an dem geschmackvoll verzierten Triumphbogen vor dem Portal des Tunnels statt, alsdann bewegte sich der Zug vom Portal 4100

Lebhaftigkeit sofort verschiedene Einzelheiten von meinem damaligen Aufenthalt.

„Ganz derselbe!" unterbrach ich lachend Filippo's Redestrom, der jetzt, stolz darauf, daß ich ihn im Gedächtniß behalten und wieder, wie damals, zu meinem Leibgondolier machte, das schmale Ruder in's Wasser tauchte und mit graziöser Geschick-, lichkeit die Gondel aus dein Gewirr, das uns umgab, herauslenkte. Zurückgelehnt auf den weichen Sitz, wo ich so manche Stunde geschwärmt hatte, betrachtete ich die Paläste zu beiden Seiten des Kanals, welche diese Wasserstraße zu einein könig­lichen Wege machen.

„Die Seufzerbrücke, Signore," rief nach einiger Zeit Filippo, den mein Schweigen langweilen mochte.

Ich schaute auf. Gerade fuhren wir unter der Seufzerbrücke daher, dem Wahrzeichen der eisernen Härte der stets argwöhnenden Republik. Noch einige kräftige Nuderschläge, und vor uns lag das bunte, lebendige Treiben des Hafens vor der reizenden Piazzetta. Aus dem Portal des Dogen-Palastes trat ein Herr in Begleitung einer Dame. Mit raschen, elastischen Schritten näherten sich Beide dem Quai, empfangen von den ihre Gondeln anpreifenben Gondolieren. Ehe ich jedoch Filippo anroeifen konnte, in ihre Nähe zu steuern, verlor ich sie im Gewirr bet zahlreichen Fahrzeuge.

Es war am 17. Mai gewesen, als ich das schöne Paar zuerst gesehen bei ber Aubienz im

Meter einwärts, von wo aus bie Wagen bis 5400 Meter vorgeschoben würben. Von bort aus gingen ber Handelsminister, die übrigen Vertreter der Behörden, die Bauleiter, die Festgäste zu Fuß zur Trennungswand und kehrten nach deren Be­sichtigung wieder in die Nähe des Zuges zurück. Alsdann erfolgte das Abfeuern der Durchschlags­minen durch den Handelsminister, welcher während des nun beginnenden Schuttabräumens und Ge­leiselegens Medaillen vertheilte und Ansprachen an Arbeiter und Werkmeister richtete. Nach Fertig­stellung der Geleise erfolgte die Fahrt durch bie Durchschlagsstelle nach bem westlichen Theile bes Tunnels, wo gegenseitige Begrüßung ber von West unb Ost zusammentreffenben Festgäste statt- fanb. Dann fuhr ber Zug nach Langen weiter, wo ein Dejeuner eingenommen unb von wo später Rückfahrt burch den Tunnel nach St. Anton an­getreten würbe.

Frankreich.

* Paris, 19. Nov. (Krebitvorlage für Tongking.) In der Kommission ber Deputir- tenkammer für die Vorberathung der Kreditvor­lage für Tongking gaben Ferry unb Peyron Er­klärungen ausschließlich bezüglich der militärischen Sage. Daraus geht hervor, baß bie militärischen Operationen unmittelbar bevorstehen, wenn sie nicht etwa schon begonnen Haber. Die Erklärungen über bie biplomatische unb finanzielle Seite ber Tongkingfrage finb für später Vorbehalten. Ferry versprach in ber heutigen Kammersitzung alle be­züglichen biplomatischen Aktenstücke mitzutheilen. Die Kommission vertagte sich schließlich auf > ,argen.

England.

* (Stöcker in Lonbon.) Herr Hofprebiger Stöcker beabsichtigt nunmehr seine Jbeen über bie soziale Frage in Deutschland in einer privaten Versammlung auseinanderzusetzen.

Italien.

* Rom, 19. Nov^ (Zur Münzfrage.) Ein königliches Dekret setzt eine Kommission zur Prüfung der Frage ein, wie Italien sich bei Ab«

Vatikan, die Papst Pius uns Deutschen gewährt hatte. Damals fuhr es mir plötzlich durch den Sinn, als tännte ich den hochgewachsenen Herrn. Doch der Eintritt des hl. Vaters lenkte die Auf­merksamkeit ab, und als ich später die Fremden suchte, waren sie verschwunden. Die Dame war mir vollständig fremd; aber das männlich schöne Gesicht des Herrn rief dunkele Erinnerungen in mir wach.

Die Nacht senkte sich herab. Alle Gäßchen und Gaffen Venedig's führten in dichtem Gedränge Ein­heimische und Fremde dem herrlichen Markusplatze zu. Es mochte gegen 10 Uhr sein. In vollen Zügen hatte ich den Reiz des bezaubernden Schau­spiels eingesogen, welches hier sich darbietet und war mitgezogen im dichten Menschenstrome, der unaufhörlich in doppelten Reihen auf und ab wallt. Ich fühlte das Bedürfniß, allein zu fein. Langsam schritt ich Piazetta zu, als an mein Ohr ber Klang einer weichen, melobischen Stimme mit unverkennbarem Tiroler-Accent drang: „O, wie rounberbar schön ist es hier! Wie bankbar bin ich Dir, baß Du mich hierher geführt, Du lieber Mann!"

Ich schaute auf. Dicht an mir vorbei schritt roieber jenes Paar. Die Antwort bes Gatten ver­nahm ich nicht mehr; aber ich war entschlossen, ihn nicht noch einmal aus ben Augen zu verlieren, und langsani folgte ich den Beiden. Sie schrit­ten dem Markusplatz zu, suchten ein Kasee auf unb nahmen in ber Nähe ber Musik Platz, welche