). Montag, den 19. November 1883.
Fuldrw 8B Jeitung.
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Die ,,Bilanz" der Lutherfeier.
In ihrer gestrigen Sonntagsnummer zieht die ,Nordd. Allg. Ztg.', wie sie sich in ihrem beliebten Handelsjargon ausdrückt, die „Bilanz" der nun verfloffenen Lutherfeier. Der an hervorragender Stelle prangende Artikel schlägt der Wahrheit so derb in's Gesicht, daß man bei aller Reserve und bei aller Rücksichtnahme auf die Gefühle einer anderen Konfession dazu nicht schweigen kann. Der Artikel des offiziösen Blattes ließe sich bis auf das letzte Wort schlagend widerlegen, jedoch wird eine Widerlegung angesichts der offen und vor aller Welt vorliegenden Thatsachen gar nicht erforderlich sein. Es genügt, diese wahrlich ekelhafte Manier, offenkundige Thatsachen hinweg- zuleugnen und dann die Lüge in passender Weise für gewisse Zwecke airSzubeuten, an den Pranger zu stellen. Wir heben aus den« fraglichen Artikel nur einige bezeichnende Stellen hervor. So heißt es u. a.:
„Zugleich aber können wir konstatircn, daß der Erfolg, welchen die evangelische Kirche zu verzeichnen hat, auch für das sittliche Leben der Nation einen hohen Gewinn eingetragen. In dieser Beziehung können wir unsere frühen schon angebeutete Auffassung: daß die Lutherfeier einer erfreulichen Beweis ebenso für die Möglichkeit, wie für die Bereitwilligkeit zu einem friedlichen Nebenein- anderleben derK onfessio nen geliefert, und statt eines verstimmenden und aufreizenden einen versöhnlichen Eindruck gemacht habe, nur wiederholen, da wir dieselbe in den Erscheinungen der Festwoche, wie in denen, welche ihr vorausgingen, positiv und negativ vollauf bestätigt finden. Bewies sch»« der Umstand, daß die von einzelnen Heißspornen «>erfud)tc 9t«frei)ung gu ®«nonffratio; neu, durch welche die Lutherfeier in gehässiger Weise durchkreuzt werden sollte, von der katholischen Bevölkerung abgelehnt wurde, wie unwürdig man es fand, die eigene Glaubenstreue durch Haß und Beleidigung des Andersgläubigen zu bethätigen, so haben alle großartigeren Kundgebungen der Festfeier diesem zugleich humanen und christliche» Geisteszuge fast aller Otten in würdiger und imponirender Weise entsprochen, so daß jede Kränkung einer anderen Ueberzeugung ausgeschloffen blieb. Die Lutherfeier hat nicht gespalten, und wie wir mit großer Genugthuung bezeugen können: die große Presse Deutschlands hat in würdigster Haltung Alles vermieden, was zur Störung des konfessionellen Friedens hätte führen können, und hat eben deshalb die gehässigen Provokationen ignorirt, welche es darauf angelegt hatten, den Frieden zu stören."
Wenn die Sache nicht gar so ernst wäre, so könnte man über diese salbungsvolle „Bilanz" der »Norddeutschen' beinahe lachen. Jeder objektiv denkende Mensch hat in der Lutherwoche aus den Zeitungsberichten über die allenthalben gehaltenen Reden und nicht minder aus den Festartikeln der protestantischen Blätter die volle Ueberzeugung gewinnen müssen, daß die Lutherfeier fast in allen größeren und kleineren Städten, einige rühmliche Ausnahmen ab gerechnet, keinem andern Zwecke gedient hat, als der Verhetzung gegen die Katho- liken und der rohen Beschimpfung und Verhöhnung der katholischen Kirche und ihres Oberhauptes.
Das Fest war in der That nichts mehr und nichts weniger als ein Denionstcationsfest gegen die katholische Kirche oder gegen den VatikaniS- mus und Nltramontanismus, wie die Protestanten sich auszudrücken pstegen, es war eine geräuschvolle Kundgebung des deutsch-protestantischen Chauvinismus, des Furor protestanticus. Die Akteure des Festes waren die Prediger, orthodoxe sowohl wie freigläubige, aber fast mehr noch waren es liberale Profefforen. Das protestantische und theilweise ungläubige Profefforenthum hat sich bei dieser Gelegenheit ivieder einmal in der ganzen Größe seiner Verbiffenheit gegen die katholische Kirche gezeigt. — Ein bremischer Prediger rief in Hamburg aus: „Wir haben zu kämpfen, bis der letzte Papist unsere Gauen verlaffen hat. Die Raben zu vertreiben ist unsere Sache". Und Profesior Bender in Bonn sagte: „Auf kirchlichem
Gebiete sei viel erreicht, aber noch vieles zu erreichen. Die nationale Einheit sei fertig, jetzt müsse man an die Arbeit gehen, die religiöse Einheit zu schaffen". Professor Maurenbrecher in Bonn erklärte ohne langes Besinnen mit der größten Unverfrorenheit, die Katholiken für Feinde des aus dem Lutherthum geborenen neudeutschen Reiches und proklamirte als deutsche Aufgabe die Vernichtung des Vatikanismus oder was ganz dasselbe ist, der katholischen Kirche. Wollte man alle beim Lutherfeste losgelassenen Schmähungen und Hetzreden gegen die Katholiken zusammentragen, so würde man viele Bände nöthig haben. So gestaltete sich das Lutherfest zum großartigsten Hetzfeste gegen die katholische Kirche und den Papst, und mit wahrem Fanatismus ertönte überall der Schlachtruf: „Große Macht und viel Lift sein grausam Rüstzeug ist" und „Gotteswort, Lutheri Lehr' vergehen nun und nimmermehr".
Und da faselt die .Norddeutsche' davon, es sei „Alles vermieden worden, was zur Störung des konfessionellen Friedens hätte führen können", ja sie versucht sogar, die Sache so darzustellen, als ob von katholischer ©eite eine Störung beabsichtigt worden sei, und die katholische Bevölkerung sich demgegenüber ablehnend verhalten habe. Eine größere Unverfrorenheit ist denn doch kaum denkbar. Uebrigens läßt auch die offiziöse „Bilanz" durchblicken, daß es verschiedentlich bunt hergegangen ist, sie spricht nicht von allen, sondern mir von den „großartigeren" Kundgebungen und meint, bafj ,;fhör anderen Ueberzeugung ausgeschlossen gewesen [ei, auch hat nach ihr nur die „große" Presse in würdigster Haltung jede Störung des konfessionellen Friedens vermieden. Leider war aber die Katho- tikenhetze nicht die Ausnahme, sondern die Regel, wie alle Zeitungsberichte nur zu klar beweisen.
Selten mag wohl bei einer großartigen Feier mehr gelogen und geflunkert worden sein, als beim Lutherfeste. Sehen wir selbst einmal von dem wichtigsten religiösen Momente ganz ab, so hat man bekanntlich versucht, alle Deutschen zur Feier des großen Gottesmannes zu bewegen, indem man ihn als den „echt deutschen Mann", als den „deutschen Patrioten", wenn nicht gar als den eigentlichen Begründer des neuen deutschen Reiches feierte. „Luther, der deutsche Mann" ist bei der Festfeier zum Schlagwort und Feldgeschrei geworden, man hat es versucht, das Fest zu einem national-patriotischen zu stempeln. Und das „Volk" hat in biefen Ruf eingestimmt und hält natürlich jetzt Luther für das glänzendste Vorbild eines „patriotischen Deutschen". Wüßten die Verblendeten nur, rote Luther nach dieser Seite hin gewirkt hat. Wohl nie hat ein Mensch schimpflichere Reden gegen die Deutschen geführt als Luther, wohl selten mag einer gröblicher die schuldige Achtung gegen die weltliche Obrigkeit verletzt haben, als gerade Doktor Mar- tinus. Einige kleine Beispiele aus Lnther'S Schriften werden das am besten beweisen.
Er schreibt (Luthers Werke F. 1538): „Schändliche Säue sind wir heillose Deutschen das mehr- Theil, daß wir weder Zucht noch Vernunft haben, und wenn wir von Golt hören, achten wir's gleich fo viel, als wäre es der Mährlein." „Unser deutsch Volk ist ein wüst wild Volk, ja schier halb Teufel, halb Mensch. Ich kenne recht meine lieben Deutschen die vollen Säue." In seinen Tischreden L. (1577) Fol. 397 sagt Luther: „So sind wir (Deutsche) gute Gesellen, Sauffen. freßen, schlagen die Fenster aus, reißen die Ofen ein." Fol. 394 heißt es: „Wider des Türken Gewalt und Macht sind wir vollen Deutschen faulfressige Säue."
Hören wir ferner, was Luther zu den Reichsge- setzen von 1521 und 1524 sagt! Er gab beide Gesetze (Luth. Werke Tom. IX Witt. pag. 190 u. ff.) im Druck heraus und begleitete sie in der Vorrede mit folgenden Bemerkungen: „er gebe diese Edikte (Gesetze) heraus, ob vielleicht einige Fürsten aus denselben nicht sehen (denn dies können sogar Säue und Esel), sondern mit Händen greifen und fühlen dürsten, wie blind und halsstaarig sie wären. Es sei schändlich zu hören, daß der Kaiser und die Fürsten öffentlich lügen. Diese Fürsten seien gewiß besoffen und rasend". Am Schluß ereifert er sich heftig und schreibt: „ich bitte alle Christen, daß sie insgesamint beten für so elende und verblendete Fürsten, durch die Gott uns heim sucht, in großem Zorne. Folgen wir ihnen unter keiner Rücksicht, sei es zum Streite oder zur Beisteuer gegen die Türken, indem der Türke zehnmal verständiger und gerechter ist als unsere Fürsten. Was sollte diesen Stocknarren gegen den Türken gut gelingen, die Gott so ungeheuer versuchen und lästern? Denn hier siehst Du, wie der arme und dem Tod unterworfene Wurmsack, der Kaiser (Karl V), der seines Lebens keinen Augenblick sicher ift,_ sich unverschämt rühmt, er sei der wahre und höchste Vettheidiger des christlichen Glaubens. Hierüber klage ich bei allen Christen aus tiefer Brust, damit sie sich mit mir gegen so unsinnige, dumme, abgeschmackte, wahnsinnige und rasende KfrvfrMrrun inr ISrhnrmitm fvnvoi'n [nifpp V>n tt wolle uns von ihnen befreien und uns aus Gnib en andere Regenten geben. Amen".
Das wäre Luthers Deutschthum und seine h r- furcht gegen die deutschen Fürsten und den Kus er. Nicht wahr, lieber Leser, ein rechtes Vorbild für unsere modernen Sozialdemokraten! Behüte uns Gott davor, daß unser Volk diese Lehren des „deutschen Mannes" jemals in die Thal übersetzt. Leider hält man das „Volk" über diese Dinge ganz „dumm", deßhalb veranstaltet man auch heutzutage nur „ausgewählte" Lutherausgaben.
Wir haben gerade diese vielgepriesene Seite Luthers, seine Verdienste um das Deutschthum und und den nationalen Patriotismus herausgegriffen, weil vielleicht laue und schlecht unterrichtete Katholiken schließlich glauben könnten, Luther sei, abgesehen von aller konfessionellen Rücksicht, als ein „deutsch-nationaler" Heros zu feiern. Was sodann Luthers Verdienste um die deutsche Bibelübersetzung anbelangt, so werden wir an dieser Stelle kaum zu wiederholen brauchen, daß der Luther'schenBibelübersetzung schon ganze vierzeh n im Druck erschienene deutsche Bibelübersetzungen vorausgegangen waren.
Deutsches Reich.
Fulda, 19. November.
□ Morgen, den 20. Nov. findet im Reichstagswahlkreise Marburg-Kirchhain-Frankenberg die durch den Tod des seitherigen DeputirtenDr. Arnold noch- wendig gewordene Ersatzwahl statt. Als Kandidaten sind aufgestellt von konservativer Seite: Justizrath vr. Grimm in Marburg, von liberaler Seite: Profesior vr. Westerkamp in Marburg. Die Katholiken, welche bei den seitherigen Wahlen mit ihren circa 1500 Stimmen den Ausschlag gaben, werden einmütig für Grimm ihre Stimme abgeben. Es find in früherer Zeit vielfach Klagen über die Haltung Grimm's bei verschiedenen Anlässen, z> B. bei der Abstimmung über das Jesuitengesetz, bei den Anträgen Windthorsts über Abänderung der Maigesetze refp. Freigedung des