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Sonnabend, den 17. November

1883

Jfulbarr Wß Jritung.

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Zweites Blatt.

efc Zwei zeitgemäße Kapitel.

2. Frankreichs Kriegsbereitschaft.

Wir glauben in dem ersten Artikel den „guten Willen" der Franzosen, Deutschland auf's Neue in einen Krieg zu verwickeln und die Niederlage von 1870/71 wett zu machen, hinlänglich nachgewiesen zu haben. Wie verhält sich aber gegenüber diesem „Wollen" das „Können", gegenüber den Kriegs­gelüsten die Kriegsbereitschaft?

Daß die französ. Armee sich seit 1871 einiger­maßen erholt hat, und verschiedene dem deutschen Heere nachgeahmte und entlehnte Verbesserungen in Auf­nahme gekommen sind, ist oftmals in der deutschen Presie anerkannt worden. Dennoch ist die Kriegs­bereitschaft Fraukreichs heute noch nicht in dem Maße vorhanden, wie französische Blätter glauben machen wollen, und wie manche Franzosen in ihrem Größen­wahnsinn es für fast selbstredend halten. Wir wollen dem kriegerischen Geiste der Franzosen volle Gerechtigkeit widerfahren lasten, auch stillschweigend annehmen, daß ein gut bewaffneter und gut exer- zirter Franzose im Felde ebenso viel werth ist, wie ein deutscher Soldat. Aber das steht unbestreit­bar fest, daß die deutschen Offiziere fast in jeder Hinsicht den französischen weit überlegen sind. Ins­besondere gilt dies von den höheren Offizieren. Der häufige Wechsel im politischen Parteiregime hat in Frankreich stets zugleich eine durchgreifende Ver­änderung in den höheren militärischen Chargen zur Folge, wie dies oft genug gemeldet worden ist. Frankreich hatte nach 1871 noch viele sehr tüch­tige Generäle, heute ist von diesen fast kein ein­ziger mehr im aktiven Dienst: sie sind einer nach dem andern den erbärmlichsten Parteirücksichten geopfert worden. So ist es denn dahin gekonimen, daß die Re­publik heute nur noch einige wenige Generäle besitzt, die in dieser Eigenschaft einen Krieg mitgemacht und geleitet haben. Auch ist es eine unbestrittene Thatsache, daß trotz aller Pensionirungen und Zurdispositionstellungen die Republik auch heute

noch in höheren Offizierskreisen spottwenig Spm- pathieen hat, daß die höheren Offiziere vielmehr meistens treue Anhänger der Monarchie sind. Dieser Umstand ist um so wichtiger, und der Einfluß und die Stellung dieser Offiziere für die Republik um so gefährlicher, als die höheren Militärs ihre wahre Gesinnung scheu vor der Oeffentlichkeit ver­bergen müssen und deshalb auf Klub-Geheimnisse und auf alle dunklen Jntriguen und Ränke ange­wiesen sind. In Folge dessen fehlt dem Heere den Republik der eigentliche rechte Korpsgeist, und dem Offizierkorps fehlt das, was bei dem unsrigen der festen gemeinsamen Rückhalt bildet, die Liebe und Verehrung für einen obersten Kriegsherrn und Monarchen.

Alle diese gewiß auch in den leitenden militäri­schen Kreisen Frankreichs erkannten, aber keines­wegs genug gewürdigten Schwächen des französi­schen Militarismus glaubt man durch die vermeint­lich größere Truppenzahl, durch das er­drückende Gewicht der Soldatenmassen und der Kanonen ausgleichen oder sogar überbieten zu können. Ein preußischer Offizier hat in einer jüngst erschienenen Studie „Frankreichs Kriegsbe­reitschaft seit 1881" die französischen Großprah- lereien bezüglich der Größe der Armee auf ihr richtiges Maß zurück geführt und den Beweis geliefert, daß diese Zahlen-Berechnungen und Vergleichungen auf Illusionen beruhen. Das stehende Heer der Franzosen beläuft sich auf 620,000 Mann Infanterie, welche in 24 Armee­korps formirt sind: ferner aus 42,500 Reitern und 79,600 Mann Artillerie mit 2622 Geschützen; rechnet man nun noch Genietruppen, Pontonniers und Marinesoldaten hinzu, so ergibt sich Alles in Allem 754,000 Mann. Das deutsche Feldheer besteht aus 18 Armeekorps mit 675,000 Mann und über 2000 Geschützen, wobei sich ein Mehr an Infanterie für Frankreich von etwa 100,000 Mann ergibt. Dazu hat Frankreich 582 Feld­kanonen mehr, während die Kavallerie Deutschlands viel zahlreicher ist, als die französische. Bei Hin­zuziehung der Ersatztruppen verschwindet jedoch die numerische Ueberlegenheit der französischen

Armee vollständig. Durch die langjährige straffe militärische Organisation verfügt Deutschland zu­nächst über vollständig ausgebildete 246,000 Mann Ersatztruppen mit 444 Geschützen; rechnet man dazu noch die Landwehr, deren Organisation sich als vorzüglich kriegstüchtig erwiesen hat, so kann mit deren Aufgebot Alles in Allem ein gleich- niäßig ausgebildetes Heer von 1,287,000 Mann mit 2892 Geschützen sofort in's Feld geschickt werden; dabei ist der Landsturm, welchem nach dem Reichsgesetze alle Deutschen vom 18. bis 40. Lebensjahre angehören, und unter welchem sich eine enorme Anzahl Krieger und gedienter Sol­daten befindet, gar nicht in Betracht gezogen. Diesen letzteren Zahlen können die Franzosen wenig oder gar nichts gegenüberstellen. Der Verfasser der erwähnten Studie weist nach, daß die ersten Ersatztruppen Frankreichs sich auf nur ca. 100,000 Mann belaufen. Statt unserer Landwehr besitzt die französische Armee die sogenannte Territorial- Armee, oder möchte sie besitzen, und zwar, wie es auf dem Papier steht, in Höhe von 6—700,000 Mann. Der Verfasser erläutert, daß zu einer Organisation dieser Massen noch kaum der An­fang gemacht ist, und daß es deshalb Unverstand ist, wenn die Franzosen behaupten, sie könnten Alles in Wem 2*/^ Millionen „Truppen" ins Feld stellen — freilich wohl undisziplinirte Schaa- ren, wie die Franktireurs im letzten Kriege, aber keine geschntten Soldaten. Welche enormen, ja unüberwindlichen Schwierigkeiten eine Mobilisir- ung des ganzen Volkes, wie es Frankreich anzu­streben versucht, allein schon im Geldpunkte bietet, ist klar. Das reiche Frankreich seufzt sckon jetzt über seine Militärlast von jährlich über 600 Mill. Franks, und doch würde diese Summe dann künf­tig nur ein Bruchtheil des Budgets ausmachen. Aber auch in technischer Hinsicht ist an einen sol­chen Plan gar nicht zu denken, da Frankreich weder Offiziere noch Unteroffiziere für diese Trup­pen besitzen wird.

Alle diese Thatsachefl sind wohl geeignet, unsere friedliebende Bevölkerung über die französischen Kriegs- und Eroberungsgelüste zu beruhigen. Frank-

* Zur Geschichte der Gans.

Um Martini beginnt für die Küche „die Saison der Gans", wie denn in vielen Gegenden zu Martini Gans­essen ebenso an der Tagesordnung sind, wie zu St. Hu­bertus Hasenessen. Es sei daher diesem sehr prosaischen, von Vielen wenig respektirten und doch so nützlichen Thiere ein Kapitel der Rechtfertigung gewidmet.

Während von den gelehrten Forschern nachgewiesen ist, daß unsere meisten Hausthiere aus den fernen Län­dern Asiens stammen, hat sich bei der Untersuchung der ursprünglichen Heimath der Gans ergeben, daß dieser Vogel „nicht weit her ist". Er kommt nicht her aus Persien noch aus China, noch wo man indisch spricht, er hat seinen Urahnen in der wilden Gans, die, obgleich ein Zugvogel, doch auf europäischem Gebiete bleibt und dem nach ganz und gar im alten Europa heimisch ist. Denn wenn wie alljährlich im Herbst die wilden Gänse ihre Reisen vom Norden nach dem Süden machen, so fliegen sie nicht weiter, als in die europäischen Länder des Mit­telmeeres, und das Abschiedslied, welches die in Form eines Dreiecks durch den grauen Aether einherziehenden Wanderer aus hoher Luft herabsenden, klingt eher lustig als melancholisch, weil es auf baldiges Wiedersehen Bezug nimmt.

Die wilde Gans war schon in der ältesten Zeit ein gesuchtes Jagdthier an den europäischen Seen, Strömen und wasserreichen Niederungen. Da sie nicht schwer zu erlegen war, und man noch leichter ihrer Brut Habhast werden konnte, so gaben sich die Menschen lang- Zeit hindurch keine Mühe, den Vogel zu zähmen. Denn bei

dem Wanderleben, welches die alten Hirtenvölker führten, blieben sie oft nicht lange genug an einer Stelle, um die Zeit des Brütens und der Aufzucht der Jungen abzuwar­ten. Es war einfacher, junge Wildgänse aus den Nestern zu holen und sie, wenn sie heranwuchsen, am Entfliegen zu verhindern, als die Thiere in sehr langsamer Erziehung zu zähmen und allmählich zu Hausgenossen auszubilden.

Man darf also, sagen die Gelehrten, annehmen, daß die Zähmung der Gans erst begann, als die Menschen seßhaft wurden. Freilich ist dieser Zeitpunkt auch schon sehr lange her. Wir wisien aus der Geschichte Roms, daß gezähmte Gänse schon im Jahre 390 vor Christus das Kapitol retteten, als sie durch ihr Geschrei den nächtlichen Ueberfall der Gallier anzeigten und die Wächter der Burg weckten, die dann noch rechtzeitig zur Abwehr der tückischen Feinde bereit waren. Roch viel älter ist das klassische Zeugniß des Homer in seiner Odysse. Penelope, die Ge­mahlin des Königs von Ithaka, besaß eine kleine Heerde von zwanzig Gänsen, die sie hegte und pflegte, weil sie an den Thieren ihr Wohlgefallen hatte. Der alte grie­chische Dichter charakterisirt die Vögel schon als wachsame Hüter des Hauses, er erblickt in den Gänsen ein Symbol der Häuslichkeit. Wir erfahren aus einem anderen alten griechischen Schriftsteller, daß man auf dem Grabe einer guten Hausfrau eine Gans abbildete, um anzudeuten, die Verstorben« sei sehr wachsam, sehr pflichttreu gewesen. Was würde man heut' zu Tage sagen, wenn der Leichen­stein einer Frau mit dem Bilde einer Gans geschmückt wär« ?

Im alten Rom züchtete man mit Vorliebe weiße Gänse, kannte aber schon die Methode, durch besondere Art der

Fütterung große Lebern bei den Thieren zu erzeugen, um für die Gutschmecker eine Delikatesse zu erzielen. Da die Gänseleber nur durch eine grausame Behandlung der Gans zu einer fetten Ausbildung gelangen kann, so war es ein schlechter Dank, wenn die Nachkommen der Römer die Thiere quälten, die einst ihre Freiheit und den Bestand ihres Staates gerettet hatten.

Die Benutzung der Gänsefedern zu Kissen war im Al- terthum noch nicht bekannt. Man faßte noch zu Plinius Zeiten die Federbetten als eine Verweichlichung auf. Der genannte Schriftsteller rügt in seinen Werken, es wollten sogar Männer ohne eine solche Vorrichtung ihr Haupt nicht niederlegen. Bis auf den heutigen Tag sind Federbetten eine mehr nordische Sitte geblieben, die dem wärmeren Süden nicht zusagt.

Auch die Benutzung der Gänsekiele zu Schreibsedern kannte man im Alterthum nicht. Erst bei Beginn des eigentlichen Mittelalters wurde der Gans die Ehre zu Theil, für die Wissenschaft dienstbar zu werden, man gebrauchte früher nur das gespaltene Rohr zum Schreiben. Tacitus und Thucydides erwähnen ausdrücklich, daß sie mit Rohrsedern geschrieben haben.

Die Gans wurde also im alten Italien lediglich zum Verspeisen gezüchtet, und neben ihr hatte man zu gleichem Zweck noch anderes Hausgeflügel, das heute Niemand mehr auf den Tisch bringt: Schwäne, Störche und Kraniche. Man scheint besonders die Störche gern ver­speist zu haben, denn man kennt noch aus dem achten Jahrhunderte Verbote, die im Interesse der Einfachheit gegen das Essen von Störchen erlassen wurde. Heutzutage