Altung.
Ihe .Fuldaer Zeitun'g' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — mit der * belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.
Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Erstes Blatt.
tQj Der Kreffen-See.
Eine hessische Sage, erzählt von Emilie Wepler.
(Fortsetzung.)
Als Gressa ihre Hütte wieder betrat, fand sie den Vater schon zurückgekehrt, neben ihm saß Tello. Wigibert hatte seinen Arm auf die Schulter des Jünglings gelegt und redete eifrig mit ihm, bei Gressa's Eintritt stand er auf und ging der Tochter entgegen.
„Ich kenne jetzt Tello's Kummer", sprach er milde zu ihr, „er liebt Dich und glaubt nicht an Deine Gegenliebe. Sage Gressa, bist Du ihm gut, willst Du sein Weib werden?" Diese erwiederte kein Wort, aber die hohe Rothe auf ihrem lieblichen Angesicht und der Blick hingebender Zärtlichkeit, den sie auf den Gespielen ihrer Kindheit richtete, bekundete hinlänglich die Gefühle ihres Herzens. Da legte Wigibert das Mädchen in Tello's Arme und dieser drückte die Geliebte mit heißer Inbrunst an sein Herz. „Gressa, meine Gressa", flüsterte er selig, wirst Du mir auch überall folgen, immer mein bleiben?"
„Und ging es in den Tod", erwiederte sie leise, „ich folge Dir". Gedachte sie schon jetzt nicht mehr der Warnung der weisen Frau? Ach nein, wie Nebelgebilde vor dem Strahl der Sonne erbleichen, so erblich vor der Sonne der Liebe auch jene Stimme. — Gressa's Briider kamen herbei, jubelten über das frohe Ereigniß und umarmten das glückliche Paar.
„Run aber, meine geliebten Kinder," mahnte Wtgrbert mit Würde, „laßt uns zu der heiligen Eiche die Schritte lenken, dort an Freyas Altar opfern und die Göttin um Segen anflehen für Euer» Bund."
Die heilige Eiche stand an einem tiefblauen See, und die dichtbelaubten Aeste der mehr als hundertjährigen Wäl- derkönigin spiegelten sich in der krystallhellen Fluth. Der einfache Altar im Schutz der Eiche war gegen Osten errichtet, so daß er an jedem Morgen von dem ersten Strahl der ausgehenden Sonne verklärt wurde, dadurch sollte die erste, reine Liebe bezeichnet werden. Aus seiner nahe gelegenen Wohnung trat der Priester der glücklichen Familie entgegen, begrüßte Alle, besonders den ihm längst befreundeten Wigibert auf das herzlichste und zündete das Feuer auf dem Altäre an. Gressa reichte dem Priester mit Thränen ihre beiden zahmen Tauben hin, und Tello legte ein junges Rehkalb am Fuße des Altares nieder.
Das Opfer begann, das Blut floß, und höher loderten die Flammen, als sie die zuckenden Opferthiere verzehrten. Da brach die Sonne glänzend aus dunkler Wolkennacht und beleuchtete die blutige Szene.
„Ihr seid erhört!" rief der Priester, „die Göttin blickt wohlgefällig auf Euern Bund herab und wird Euch ihren Schutz nicht versagen, wenn Ihr treu bleibt in ihrem Dienst. Darum schwört noch einmal Treue den Göttern, und Fluch, ewiger Fluch treffe den Meineidigen!"
„Wir schwören!" rief das glückliche Paar, und laut und vernehmlich sprachen Wigibert und seine Söhne es nach.
Das Opfer war vollbracht, schweigend entfernte sich der Priester, da nahm Wigibert das Wort: „noch ist der Zweck unseres Hierseins nicht ganz erfüllt, meine Söhne, eine andere Pflicht bleibt noch zu erfüllen. Wendet Euch gegen Westen, sinkt nieder an Tyrs Altar, zu ihm wollen wir nun beten. Der Feind unseres Vaterlandes und unseres Glaubens, der Zerstörer unserer Altäre und Götterbilder, der Frankenkönig ist uns nahe. Mit einem großen Heere hat er bald unsere Grenzen erreicht, doch nicht unvorbereitet soll er uns finden, auch Wittekind, unser großer Herzog, führt eine tapfere Schaar, die vor Verlangen brennt ihr Vaterland und ihre Götter zu ver- theidigen. Und nun, meine Söhne, ist der Augenblick gekommen, den Ihr längst ersehnt habt; macht Euch bereit, morgen führe ich Euch in Wittekinds Lager, auch Du Tello wirst uns hoffentlich begleiten?"
„Ich werde Euch folgen," sagte ernstderJüngling, „Freya wird mit mir sein und zum glücklichen Siege verhelfen".
„Ja," riefen Wido und Hungest, welche an Tyrs Altar um Segen für ihr Vorhaben gefleht hatten, „führe uns in dieser Stunde noch in Wittekinds Lager, Vater, die Herzen glühen vor Verlangen, unter den Augen unseres Herzogs ruhmvolle Thaten zu vollbringen!"
„Ha," rief Wigibert, „so hatte ich gehofft, meine Söhne zu finden, aber bei meinem Ausspruch bleibt es, morgen mit dem ersten Sonnenstrahl treten wir unsere Wanderung an."
Gressa hatte stumm diese Verhandlungen mit angehört, dann aber rief sie, in hoher Begeisterung den Arm um den Nacken des Verlobten schlagend, „ich weihe Dich den Göttern, mein Tello, und sollte ich Dich selbst hienieden nicht mehr wiedersehen, so wird in Walhalla Freya unfern Bund segnen und Du mir ewig angehören."
Dieses waren auch die letzten Worte, die sie in der Frühe des folgenden Morgens ihrem Tello abermals zurief, als die Männer mit dem ersten Tagesgrauen sich anschickten, ihre Wanderung zu beginnen. Gressa geleitete sie eine große Strecke, bis der Vater ihr endlich gebot, zurückzukehren und der düstere Wald sie nun von allen ihren Lieben trennte.
Mit biederer Herzlichkeit empfing Herzog Wittekind den alten Wigibert, der ihm noch von früher als tapferer Streiter bekannt war, mit seinen Begleitern, welche auch unverzüglich unter das Heer ausgenommen wurden. In eine Versammlung, welche der Herzog berufen, um sich mit seinen erfahrenen Kriegern zu berathen, mußte Wigibert ihn begleiten, und viele Vorschläge des alten int Kriege ergrauten Heldert„ der mtt.Aegeifteruug seine Ansichten vartrug, wurden als vortrefflich anerkannt und berücksichtigt. Tello wurde zum Führer einer kleinen, muthigen Schaar ernannt und schon den folgenden Tag mit derselben dem Heere vorausgeschickt, welches ihm 12 Stunden später folgen sollte. Wido und Hungest aber wurden der Schaar des tapferen Bruno, eines der größten Herrführer seiner Zeit eing?reiht. Wigibert wohnte nur noch dem großen Opferfest bei, das man den gesammten Göttern feierte, dann kehrte er in die Hei- math zu seiner einsam trauernden Tochter zurück.
Monde waren vergangen, und noch war keine zuverlässige Nachricht von den drei Jünglingen in Wigiberts Hütte gelangt. Schon verschiedene Male hatten sich die Heere im blutigen Kampf gegenübergestanden, ohne daß das Glück sich entschieden auf die eine oder die andere Seite geneigt hätte. Mehrere Waffenstillstände, durch die Sachsen veranlaßt und von diesen wieder treulos gebrochen, waren Veranlassung, daß Karls Herz sich mehr und mehr mit Wuth und Rache erfüllte, und auf's Neue rüstete er sich zu einer großen Schlacht, die endlich in diesem Kriege die Entscheidung herbeiführen sollte. Wittekind stand ihm gegenüber mit einer Ungeheuern Streitmacht. Die Franken zagten bei dem Anblick, doch der Muth ihres Königs verscheuchte bald alle Furcht aus den Herzen der Krieger, und mit der festen Zuversicht auf die Hilfe ihres einzigen, wahren Gottes, stürzten sie dem Feind entgegen. Lange schien der Sieg zweifelhaft, von beiden Seiten wurde mit Wuth und Verzweiflung gekämpft, doch endlich neigte sich das Glück auf die Seite des fränkischen Heeres; bessere Kriegskunst, Mannszucht und zweckmäßigere Waffen überwogen die größere Macht. Die Sachsen wurden gänzlich geschlagen und viele Hunderte zu Gefangenen gemacht. Knirschend über die erlittene Schmach zog sich Wittekind mit dem Nest seines Heeres zurück, sandte die Verwundeten in ihre Hei- math, damit sie dort gepflegt und geheilt würden, um sich dann noch einmal mit dem stolzen Feinde zu messen und mit Hilfe der Götter ihn zu demüthigen.
So trat auch Wido eines Tages in die väterliche Hütte, düster und bleich, und der zur Erde gesenkte Blick bestätigte früher noch als Worte die traurige Kunde, die auch in die einsame Hütte gedrungen war. Finster maß Wigibert den Jüngling und fragte ernst und kurz:
„Wo ist Hungest?"
„Tyr hat ihn zu sich nach Walhalla gerufen", erwiderte bebend der Jüngling.
„Gepriesen sei Tyr, der doch einen meiner Söhne für
würdig hielt, nach Wallhalla einzugehen", rief Wigibert und schlug das feuchte Auge zu den Wolken auf.
„Und was weißt Du von Tello", fragte Gressa und drückte die gefalteten Hände auf das heftig schlagende Herz, Da erbleichte der Bruder, doch sich schnell ermannend umfaßte er die Schwester und sprach sanft und tröstend:
„Nicht um seinen Tod brauchst Du zu weinen, aber wohl um die Freiheit des Verlobten, er befindet sich in den Händen der Christen."
„O Ihr Götter", rief Gressa verzweiflungsvoll, „o rettet ihn, den freiheitliebenden Jüngling aus den Händen jener Barbaren."
Von diesem Tage an war Gressa ganz verändert, das lebhafte, fröhliche Wesen war nicht mehr zu erkennen, sie blieb still und traurig, die Heiterkeit, welche sonst die lieblichen Züge belebte, hatte einer tiefen Schwermuth Platz gemacht. Sie erfüllte nach wie vor ihre häuslichen Pflichten, aber ohne jede Freudigkeit, auch an den Angelegenheiten des Vaterlandes, die ihr sonst so sehr am Herzen lagen, nahm sie keinen Antheil mehr. Selbst die schreckliche Nachricht, die sich verbreitete, König Karl hätte, um sich für die Treulosigkeit der Sachsen zu rächen, eine große Anzahl Gefangener niederhauen lassen, schien keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen, ja der Gedanke, Tello werde wohl unter den Getödteten gewesen und nun durch den Tod aus der schmählichen Gefangenschaft befreit worden fein, gab ihr eine heitere Ruhe zurück, denn nun hoffte sie, bald auf ewig mit dem so heiß Geliebten in Walhalla vereinigt zu sein.
Herbst und Winter waren langsam vorübergezogen und hätten" endlich dem heiteren Frühling wieder Platz gemacht, der mit seiner bunten, duftenden Blüthenpracht auf's Neue die Erde schmückte, die Wälder frisch belaubte und die kleinen gefiederten Sänger aus dem Süden herbei lockte. In stiller Abgeschiedenheit sah Wigibert die Tage kommen und gehen, von denen kein einziger ihnen eine Freude brachte. Wido war wieder fort, Wittekind hatte ein neues Heer gegen die Franken geführt, doch wieder ohne Erfolg. Karl an der Spitze seiner siegreichen Truppen war weiter und weiter vorgedrungen, hatte die Götterbilder und Altäre der ganzen Umgegend zerstört und die Priester, die in ihrem Eifer ihr Heiligstes zu schützen suchten, niedergestoßen. Ein Wunder schien es, daß die heilige Eiche bei Wigiberts Wohnung noch stehen geblieben war, daß die Altäre und Götterbilder an den gewohnten Stellen sich noch befanden. — Wigibert lenkte täglich feine Schritte zu diesen hin und flehte zu den Göttern, daß sie die Feinde des Vaterlandes verderben möchten, unb während seine Gebete Rache und Verderben erflehten, betete Gressa neben ihm um baldige Erlösung von irdischen Leiden und um selige Vereinigung mit dem Geliebten in Walhalla.
Einst, als Beide von ihrer täglichen Wanderung zurück- kehrten und sich ermüdet auf der Bank vor ihrer Hütte niedersetzten, um den prachtvollen Sonnenuntergang zu schauen, da trat eine hohe Jünglingsgestalt aus dem Walde hervor und lenkte die zögernden Schritte Wigibert's Hütte zu. Ein unbeschreiblich süßes Wohlgefühl machte Greffa's Brust erbeben, näher und näher kam der Fremde. „Gressa," tönte es jetzt von seinen Lippen, indem er die Arme ausbreitete, und Gressa lag vor Entzücken weinend an Tello's Brust. Ja, es war Tello, der nach langer Trennung noch ebenso treu und heiß liebend in Gressa's Arme zurückge- kehrt war. Aber das ganze Wesen des Jünglings, selbst seine Liebe war anders geworden, sie hatte sich gleichsam veredelt und vergeistigt. War er doch als Götzenanbeter von seiner Verlobten geschieden und als eifriger Bekenner der neuen Lehre unb ihres heiligen Stifters wiedergekom- men. Wohl wußte er, baß er noch schwere Kämpfe zu bestehen hätte, wenn feine Bekehrung zum Christenthum Wigibert bekannt würbe, aber sein Herz hing on ber beseligenden Hoffnung, auch Gressa uuv ihren Vater ber neuen Heilslehre zu gewinnen. Dieses Werk allein zu vollbringen, dazu sühlte freilich Tello sich zu schwach, baher hatte er einen frommen christlichen Priester, Hilarius, ber auch ihn auf ben Pfad des Lichtes geführt, um seinen Beistand 9c6etcn- (Fortsetzung folgt.)