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M 261. Mittwoch, den 14 November 1883.

Jfulöarr Teilung.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50 Pfg., — minder belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blume»' in Fulda 1 M. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

-Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

militärischen Zeitschrift Frankreichs, der .Armee francaise' eben erst erschienene Studie mit der Ueberichrift: „Der nächste Krieg 188 .". Schon der Umstand, daß eine hochstehende Militärperson — denn eine solche gilt als der Verfasser — cs in Frankreich wagen darf, in einem hervor­ragenden Fachblatte den nächsten französisch-deut­schen Krieg, oder vielmehr den Krieg Frankreichs-Ruß­lands gegen Deutschland-Oesterreich bis in's Detail zu erörtern, wirft ein unzweideutiges Licht auf die Wünsche und Handlungen, welche auch das offi­zielle Frankreich an die nächste Zukunft knüpft. Der Artikel ist allerdings, — und will auch seiner ganzen Anlage nach — nichts Anderes fein, als ein Phantasiebild, aus dem jedoch der reelle Hintergrund und die festen Einzelzüge klar genug hervortreten. Wie der unten in gedrängter Kürze auszugsweise mitgetheilte Abschnitt beweist, enthält der Artikel u. A. eine detaillirte Darstellung des Verlaufes des den Wünschen des Verfasiers ent­sprechenden Krieges. Der Artikel zerfällt in mehrere Abschnitte, deren erster die europäische Lage am Vorabend des erhofften Krieges schildert. Die un­mittelbare Veranlassung zu demselben bilden Un­ruhen in Polen. Das Volk erhob sich dort gegen die Deutschen und mehrere derselben wurden nie­dergemacht. Da die geforderten Genugthuungen sehr übel ausgenommen wurden, so entschloß sich Deutschland, in brüsker Weise am 28. April den Krieg zu erklären. Demnächst wird prophezeit, wie Deutschland erst von Rußland, dann von Frank­reich geschlagen werden wird.

Wir geben dem verehrten Leser selbst Gelegen­heit, einen Blick in die schönen Träume des Kriegs­berichterstatters von anno 188. zu werfen:

„Zwei deutsche Armeen, jede von 4 Armeekorps, die eine bei Graudenz, die andere bei Wehlau konzentrirt, überschreiten am 30. April die russische Grenze und marschiren in der Richtung auf Bialistock zu, wo eine russische Armee von fünf Korps steht. Eine zweite russische Armee ist von Minsk her im Anzuge. Eine dritte bildet sich bei Petersburg und Moskau, und eine vierte bei Kiew und j Odessa, um den Ungarn, die sich mit Rußland verständigt j haben, gegen Oesterreich die Hand zu bieten. Bereits am ! 3. Mai greifen die Deutschen an; doch es gelingt ihnen ! nur, unter eigenen großen Verlusten die Russen langsam zuriickzudrängen, die unter dem Schutz der Kanonen der Festung Bialistock feste Stellung nehmen Während drei Tagen (8., 9. und 10. Mai) sturmen die Deutschen ver­geblich die russischen Linien bei Bialistock, und, da die russische Armee von Minsk herannaht, so gehen die Deut­schen am 13. zurück bis auf die Höhen von Czervoni-Bor. Am 21. Mai gehen die vereinigten beiden russischen Armeen zur Offensive über, mit der Absicht, über Warschau

nach Schlesien einzubrechen. Am 23. Mai Schlacht be Czervoni-Bor, die Deutschen werden zurückgetrieben un nehmen Stellung bei Kutno. Doch bereits am 16. Jun schlagen die Deutschen, beünruhigt über die Wendung, welche die Operationen mit den Franzosen nehmen, einen Waffenstillstand vor, der angenommen wird. Inzwischen haben auch im Süden die Russen und Ungarn sich ver­einigt und die österreichische Armee zum Rückzug genöthigt. Während dies im Osten vorgeht, bereitete sich Frankreich zum Kampfe vor. In den letzten Tagen des April wur­den vier Kavallerie Divisionen zwischen Lunevill« und Nancy zusanimengezogen. Am 28. April erhielt die fran­zösische Regierung ein Ultimatum vom Kaiser von Deutsch­land mit der Erklärung, daß er diese Konzentrirung von Streitkräften als eine Drohung betrachte und das Zurück­ziehen dieser Kavalleriemaffen, sowie die Schleifung von Nancy verlange. Die französische Regierung antwortete mit einer Weigerung und gab noch denselben Abend Be­fehl zur Mobilisirung. Am 2. Mai war dieselbe beendet, und einige Tage später standen drei französische Armeen an der Grenze aufmarschirt, die erste bei Vesoul, die zweite bei Langres und Chaumont, die dritte bei Bar-le-Dux, dahinter noch zwei Reserve-Armeen. Der Operationsplan der Franzosen geht dahin, auf dem Höhenplateau von Lothringen den Deutschen eine Schlacht zu liefern, Metz und Straßburg zublokiren, aufKaiserslautern zu vorzugehen, den Rhein zwischen Straßburg und Mainz zu überschreiten und dann gegenWürzburg hinzu marschiren. Am 7. Mai begin­nen die Feindseligkeiten. Die Deutschen werden langsam zurück­geworfen, und es kommt am 20. zu der Schlacht bei Baron- ville, die von 6 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags unent­schieden schwankt, bis dann vor dem siegreichen Vordringen des rechten Flügels der Franzosen die Deutschen, welche schwere Verluste erlitten haben, aufKaiserslautern zurück- gehen. Am 30. und 31. Mai Schlacht bei Kaiserslautern, die wieder mit dem Zurückwerfen der Deutschen endet. Die Franzosen gehen am 5. Juni über den Rhein, besetzen Mannheim und rücken über Darmstadt gegen Würzburg. — Währenddem die militärischen Operationen ihren Lauf nahmen, waren Verhandlungen mit Bayern, Württemberg und Baden angeknüpft worden. Frankreich schlug diesen vrei Mächten die Neutralität vor und verpflichtete sich, Preußen die Wiederherstellung des Deutschen Bundes auf­zuerlegen. Der Uebergang über den Rhein war entschei­dend gewesen; ein Vertrag wurde auf der obigen Grund­lage abgeschlossen, und geheime Instruktionen an die kom- mandirenden Generale der Korps dieser drei Staaten gesandt. Die Schlacht vom 18. Juni gab die Gelegenheit, die ersten Bedingungen der Verträge auszuführen. Der Angriff der deutschen Stellungen geschah auf der Front der ganzen Linie, während die Mosel-Ärmee den feind­lichen linken Flügel zu umgehen suchte. Auf dem andern Flügel hatte die Reserve-Armee Tags zuvor eine große Anzahl Brücken über den Mainsgeschlagen und zwei ihrer Korps auf das rechte Ufer geworfen. Als die Schlacht begann, wichen die Bayetn zurück und übergaben Mergentheim den Franzosen; ihr Beispiel wurde bald befolgt von den Würt­tembergern und Badensern. Die Preußen gingen gegen 1 Uhr in großer Unordnung auf Würzburg zurück und überschritten in der Nacht vom 18. zuin 19. den Main. Am folgende» Tage, den 19. Juni, empfing der franzö­sische Oberbesehlshaber in Würzburg von Seiten des Königs von Preußen das Anerbieten eines Waffenstillstandes und

S Zwei zeitgemäße Kapitel.

1. Frankreichs Kriegsgelüste.

Die Idee der Revanche für Sedan und den Verlust von Elsaß-Lothringen ist in Frankreich so alt, wie die französischen Niederlagen von 1870/71 selbst. Wenn das.Gefühl der Scham, der Schwäche und Ohnmacht die Rachegedanken bei einem gro­ßen Theile der französischen Nation lange Zeit in den stillen Busen zurückdrängte, so brechen die­selben in Folge des reizbaren Naturells nun, wo das gedemüthigte Land sich wieder einiger­maßen erholt hat, um so schroffer und unvorsich­tiger hervor. Man glaube nicht, daß äußere Er­eignisse, wie etwa der freundliche Anschluß Spa­niens und feines Königs an Deutschland, die Re­vanche-Absichten lebhafter angefacht hätten. Solche Anlässe werden von den Machern in Paris nur miß­braucht, um ihre Ideen mit einem Scheine berech­tigter sittlicher Entrüstung zu umgeben und die öffentliche Meinung Europas allmählich auf das vorzubereiten, was längst von allen Vollblutfran­zosen auf das Sehnlichste herbeigewünschl wird. Die zielbewußte und vorbauende Politik des deutschen Reiches, einen festen Bund aller der Staaten zu­sammenzufügen, in deren Interesse es liegt, daß Frankreich und Rußland im Schach gehalten wer­den, diese besonnene Friedenspolitik mag freilich auch das ihrige dazu beigetragen haben, den inne­ren Groll der Franzosen auf's Höchste zu steigern. Und dieser Groll sucht sich naturgemäß in der im republikanischen Frankreich mehr noch als anders­wo großmächtigen Presse Luft zu verschaffen durch eine wüste, unter äußerlich friedlich verkehrenden Völkern kaum mehr statthafte Sprache des Haffes gegen alles Deutsche. Diese Großprahlerei auf dem Papier wird in den maßgebenden deutschen Kreisen erfahrungsmüßig nicht sehr hoch angeschla­gen, insbesondere da die m nisteriellen Blätter sich mit einer linkischen Unbeholfenheit bestrebt zeigen, den üblen Eindruck im Auslande zu verwischen durch den Hinweis auf die Unverantwortlichkeit der Regierung für diese Ausbrüche der Volks­meinung. Diese „Stimmen aus dem Volke" sind aber immerhin beachtenswerth, sie sagen das ohne Umschweife und gerade heraus, was die Herren vom Ministerium aus diplomatischer Rücksicht und Vorsicht und aus Furcht vor einem allzu schnellen „Rückschlag" noch nicht zu sagen wagen.

Weit mehr Beachtung verdient aber gerade im gegenwärtigen Augenblicke eine in der angesehensten

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

Die heil. Feier war beendigt. Erwin geleitete seine junge Gattin zum Wagen, und unter einem Blumenregen, mit welchem die am Eingänge auf- gestellten Jungfrauen des Ortes die Neuvermähl­ten überschütteten, führten die stinken Roffe die Glücklichen der neuen Heimalh zu.

Seit Menschengedenken war in den Hallen des alten Edelsitzes kein Fest, wie das heutige, gefeiert worden. Bis in die späte Nacht loderten die Freu­denfeuer, und zwischen den Jubelrufen der festlich bewirtheten Dienerschaft dröhnte der Donner der Böller und das Geknatter der Flintemchüffe.

Die stille Seligkeit unv die innige Befriedigung, die aus den bleichen Zügen des Grasen sprach, ließ die Festgeuoffen vergessen wie leidend er war. Nur in hem Augenblicke, wo die Neuvermählten am Nachmittage kurzen Abschied von den nächsten Fa­miliengliedern nahiuen, drohte seine Kraft ihn zu verlassen. Tie Schwäche war aber so schnell vor­übergehend, daß es den Scheidenden bei dem herz­

lichen Abschiede verborgen blieb, wie nur die äußerste Willenskraft den Vater aufrecht erhielt.

Für jeden Betheiligten wurde es nachher klar, daß der Graf nur, weil er sein Ende nahe fühlte, auf Beschleunigung der Vermählung gedrungen hatte. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich in weni­gen Wochen so, daß die Gräfin sich verpflichtet fühlte, die Neuvermählten durch den Telegraphen zurück zu rufen.

Vom tiefsten Schmerze durchdrungen kniete Erwin und feine junge Gattin an dem Lager des Ster­bende», an dem Sterbebette des Vaters, der nur so kurze Zeit ihm ein liebevoller Vater gewesen war. Ergeben, versöhnt mit Golt, ein seliges Lächeln auf den Zügen legte der Kranke znrn letz­ten Male feine Hände segnend auf die Häupter feiner Kinder und übergab bann vertrauensvoll feine reuige Seele den Händen s-ines Schöpfers.

* ♦ *

Das Geschlecht der Grafen Westerberg — Rinteln blüht auf zu neuem Glanze. Die edle Gräfin Ooerham und der biedere Schulte erlebten noch das Glück den Erstgeborenen aus der Taufe zu heben, welcher nach dem ausdrücklichen Wunsche

der ganzen Familie den Namen seines Pathen erhielt.

Die brave Frau Wisting waltet nun in der dritten Generation ihres Amtes als sorgsame Pfle­gerin der he: anwachsenden Sprößlinge. Frau Ulrich ist der Mittelpunkt des glücklichen Kreises, die Sonne, die nach allen Seiten ihre belebenden Strahlen verbreitet, geliebt und verehrt von allen Bewohnern des Schlosses.

Jedes Jahr macht die Familie eine Rheintour, die aber weniger den schönen Punkten des herr­lichen Stromes gilt, sondern zu dem Zwecke un­ternommen wird, einen Besuch an dem Laacher- See und auf dem Schlößchen zu machen. Diese Reise wurde auch noch dann unternommen, als die edle Besitzerin des letzteren zwei Jahre nach der Vermählung Erivin'S mit Tode abging.

Cousine Hedwig, welche nach feiner Verheirath- ung die Stelle feiner geliebten Johanna bei der Freifrau einnahm, lebt jetzt dort als glückliche Gattin eines feiner Studiengenoffen und freut sich stets auf die Ankunft der theuren Freunde aus Westerberg.

(Fortsetzung folgt.)