JVs. 260» Dienstag, den 13. November 1883.
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Deutsches Reich.
Fulda, 13. November.
•Sfr (Die Lutherfeier in Kassel) hat natürlicherweise nicht vorübergehen können, ohne daß selbst die von Herrn Pfarrer Ahlfeld auf dem Festplatze gehaltene Festrede einen unzweideutigen Beweis lieferte von dem Geiste der sogen, „wahren Toleranz" gegen die Katholiken. Der Herr Pfarrer konnte sich so weit vergesien, die schwarzen „Raben" , die Römlinge, als Feinde Deutschlands auf gleiche Stufe zu stellen mit Rusten und Franzosen. Da wir für diese Kühnheit keinen geeigneten parlamentarischen Ausdruck kennen, so begnügen wir uns mit der Wiedergabe des Textes der betreffenden Stelle der mit „tiefer Ergriffenheit" aufgenommenen Festrede. Die Verantwortung für die getreue Wiedergabe muffen wir der ,Hest. M. Ztg.' überlassen, der mir diese Musterstelle entnommen haben.
„Hochgeehrte Versammlung! Im Jahre 1838 sang Emanuel Geibel:
Hört ihr's tief im Osten klingen? Er macht' euch gar zu gern verschlingen, Der Geier, der nach Beute kreist. Hört im Westen ihr die Schlange? Sie möchte mit Sirenensange Vergiften euch den frommen Geist. Schon naht des Geiers Flug, Schon biegt die Schlange klug Sich zum Sprunge.
Drum haltet Wacht Um Mitternacht Und wetzt die Schwerter für die Schlacht.
Das Wort galt nicht nur 1838, es gilt auch 1883. Und zwischen Osten und Westen, zwischen Geier und Schlange lauern im Süden die Raben, um zur rechten Zeit ihren Antheil zu erhaschen."
Wir danken schön für diese Ahlfeld'sche Korrektur des Geibel'schen Gedichtes. Wir rechnen uns auch mit Stolz zu den „Schwarzen", geben aber wahrlich dem Patriotismus und dem „Deutsch- thum" des Lutherfestredners nichts nach. Sehr charakteristisch ist es jedoch für gewisse Leute, daß ste solche offene Beleidigungen der beinahe 16 Millionen deutscher Katholiken und ihres Oberhauptes nur wagen, wenn sie „unter sich" sind.
In Gegenwart des Kaisers und Kronprinzen sind solche Anspielungen nachweislich vermieden worden, wahrscheinlich mit Rücksicht auf den kultuSministeriel« len Erlaß, welcher bei der Feier jede Verletzung einer anderen Konfession vermieden wissen wollte. — Zum Schluß erlauben wir uns aus dem Festarrangement eine Kleinigkeit herauszngreifen, welche geeignet ist, das Mißfallen jedes einigermaßen taktvollen Menschen, welcher Konfession er auch angehören möge, herauszufordern. In einem Bericht heißt es wörtlich: „Die Ehrenpforte am Druselplatz war besonders reich ausgestattet und trug ein Transparent mit der Inschrift: Moses: „Ich legte den Grundstein für die Völker der Erde". Christus: „Ich habe das Wort frei gemacht." Luther: „Ich habe Fürsten und Völker befreit." Kaiser Wilhelm: „Ich beschütze das Recht." Wir haben selten eine größere und unglücklichere Geschmacklosigkeit gelesen. Kaiser Wilhelm würde, davon sind wir fest überzeugt, eine solche Gleich- und Rebenordnung seiner Person mit Moses, Christus und Luther niemals gutheißen. Wir wollen übrigens zu Gunsten der Festleiter gerne annehmen, daß es sich hier nur um die unkontrollirbare Privatidee eines Einzelnen gehandelt hat. Wie wir schon wiederholt betonten, liegt uns eine Kritik der Lutherfeier an sich, soweit sie sich in dem engeren Rahmen ihrer eigent- I lichen Bestimmung gehalten hat, durchaus fern.
* (An die Mitglieder der Centrums- sraktion.) Der .Germania' geht folgende Zuschrift des Abg. Dr. Windthorst zur Veröffentlichung zu:
„Die Mitglieder der Centrumsfraktion ersuche ich, Dienstag, den 20. d. M., zur Eröffnung des Landtages pünktlich zu erscheinen. Die erste Fraktionssitzung findet am Dienstag, den 20. d. Mts., Abends 71/2 Uhr im Abgeordnetenhause statt.
Hannover, den 12. November 1883.
Windthorst."
* (Auch ein Beitrag zur Frage der Parität.) Aus London, 11. November, meldet der offiziöse Telegraph:
Anläßlich der Lutheößier fand gestern im Exeterhall unter Vorsitz des Lord Shaftesbury, welcher das Portrait Luther's enthüllte, ein großes Meeting statt. Die Versammlung beschloß folgendes Telegramm an Se. Majestät den Kaiser Wilhelm abzusenden: „Geruhen Ew. Majestät die Mittheilung anzunehmen, daß das protestantische England sich heute von ganzem Herzen eins weiß mit Deutschland in der Feier des vierhundertsten Jahrestages der Geburt Luther's, und es ernstlich anfleht, daß unter dem Segen des allmächtigen Gottes beide Länder auch ferner im Stande sein mögen, die großen Grundsätze der Reformation aufrecht zu erhalten, welche stets einen so mächtigen Beschützer in Ew. Majestät gefunden haben. Möge Gott Ew. Majestät noch lange erhalten".
Wenn das englische Meeting bloß von den beiden Kirchen spräche, so würden wir uns, bemerkt die .Germania', als Angehörige einer andern Kirche des Urtheils enthalten können. Wenn es aber von den beiden Ländern redet, so haben wir das Recht, dagegen zu protestiren, daß die Engländer über die Grundsätze disponiren, nach welchen das preußische oder deutsche Land sich richten soll. Es ist höchst taktlos und unstatthaft, an den Herrscher eines Landes, dessen Bevölkerung zu einem Drittel katholisch ist, öffentlich mit der Zumuthung heranzutreten, dieses Land nach einseitig konfessionellen Grundsätzen zu regieren. Wir wundern uns, daß der offiziöse .Telegraph' eine solche Zudringlichkeit ausländischer Fanatiker veröffentlicht und verbreitet.
Berlin, 12. November.
* (Der Kronprinz) wird, wie nunmehr bestimmt ist, nächsten Donnerstag früh die Reise nach ( Genua über München antreten und sich in Genua am 177 November Mittags nach Barcelona einschiffen. Die Ueberfahrt des Kronprinzen und seiner Adjutanten erfolgt auf dem Schiff „Prinz Adalbert", die Ueberfahrt der Generale Blumenthal und Mischte auf der „Sophie", die Ueberfahrt des übrigen Gefolges auf der „Loreley. Bis Genua reist der Kronprinz incognito.
* Oppeln, 12. Nov. (Graf Ballestrem) (Centrum) wurde mit 8942 gegen 87 Stimmen, die sich zersplitterten, ^rrm Reichstagsabgeordneten wiedergewählt.
* Königsberg, 12. Nov. (lieber Herrn von Giers) wird der .Franks. Ztg.' telegraphisch
70 Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
Wenige Tage nach der Abreise der Geschwister wurden die Bewohner dss Städtchens von einem neuen Ereigniß überrascht, welches wiederum reichen Stoff zur Unterhaltung mit sich brachte. Eines Morgens fuhr die herrschaftliche Equipage bei dem Drachenwirthe vor. Erwin und der Schulte geleiteten nach eingenommenem Frühstück die beiden älteren Damen, die der Bärenwirth damals am Bahnhofe gesehen hatte, in das von dem Herrn Lüttche angekaufte Nachbarhaus. Friedrich war an diesem Morgen sehr schweigsam und erst nachdem einige Gläschen des echten alten „Korn" seine Zunge etwas gelöst hatte, erfuhr der theilnehmende Wirth, daß die Damen ihren Wohnsitz in Vehlen aufschlagen würden. Diese Nachricht spornte nun erst recht denselben an, Näheres zu ermitteln und es gelang ihm auch endlich, von dem Kutscher in Erfahrung zu bringen, daß die Dame Frau Ulrich heiße und die Mutter der Braut des jungen Grafen sei. Unter der Dienerschaft seien die verschiedensten Gerüchte über den Wohnsitz der Familie im Umlauf; wahrscheinlich stamme sie von einer hohen französischen Emigranten-Familie ab, da Frau Ulrich mit der Gouvernnnte meistens diese Sprache rede. Aus allem gehe hervor, daß der einfache Name nur ein aus gewissen Gründen angenommener fei, da der Graf und die Gräfin ganz entzückt über die Ver
bindung feien und im kommenden Herbste die Hochzeit stattfinden falle.
Der Drachenwirth machte nun von der erhaltenen Miitheilung keinen großen Gebrauch, sondern beschloß als praktischer Mann, die Sache vorläufig stille zu halten und sich zu bestreben, mit der einflußreichen Nachbarfamilie Verbindung anzuknüpfen. Seine Bestrebungen, sowie auch die gleichen anderer Honorationen des Ortes erfreuten sich eben keines großen Erfolges, da Frau Ulrich bei aller Freundlichkeit und Höflichkeit, die sie gegen Jeden zeigte, mit welchem sie in Berührung kam, sehr zurückgezogen lebte, und sie sehr oft Tage oder Wochen lang theils auf dem Hofe oder dem Schlosse verweilte.
Auf dem Edelsitze war mit der Abreise der Gäste große Ruhe eingetreten. Erwin war nach Koblenz Übergefiedelt, sich für einen späteren Beruf vorzubereiten. Er hatte diese Stadt vorzugsweise gewählt, weil ihm von hier aus leicht Gelegenheit geboten war, mit seiner Braut und ihrem Bruder persönlichen Verkehr zu unterhalten. Es war eine auffallende Erscheinung, daß der Gras, der immer ein leidenschaftlicher Jäger gewesen war, in diesem Jahre dem edlen Waidwerk fast gar nicht oblag oder doch nur die unvermeidlichen Jagdpartien veranlaßte. Man sah ihn fast täglich Spaziergänge mit dem Geistlichen des Schlosses machen, mit welchem er früher wenig persönlichen Verkehr unterhalten hatte. In gleichem Maße, wie er
früher den Schulte gemieden, suchte er jetzt dessen Gesellschaft, und selten verging eine Woche, ohne einen Besuch auf Optenholt.
Als der Winter die Bewohner an das Haus bannte, bemerkte Jeder, daß die Gesundheit des Grafen ernstlich zu wanken begann. Auf alle theil- nehmenden Fragen erwiderte er stets freundlich und zufrieden, daß er sich ganz wohl befinde. Erwin, welcher, durch einen Brief der Gräfin über den Gesundheitszustand seines Vaters unterrichtet, die Weihnachten in dem elterlichen Hause zubrachte, fand den Grafen sehr verändert und drang inständig darauf, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Lächelnd gab endlich der Graf dem Drängen seines Sohnes nach und Erwin kehrte beruhigt zurück. Das Frühjahr brachte keine Aenderung in dem Befinden des Leidenden, und der Arzt be- stand mit Festigkeit darauf, daß der Patient beim Eintritt günstiger Witterung Ems besuchen und den Sommer auf dem Schwarzwalde zubringen müsse. Der Graf erklärte sich hierzu endlich bereit, bestimmte aber, daß vorher die Vermählung der Verlobten stattfiiiden müffe.
Obgleich der Tag der h. Sophia in Vehlen nicht als ein besonderer Feiertag gehalten wurde, so wogte doch Jung und Alt auf den Straßen, als ob ein Festtag im Kalender verzeichnet gewesen wäre. Gruppen von Kindern und Erwachsenen umstanden die schönen Equipagen, die in der Näh- des goldenen Drachen aufgefahren waren, und be-