Jfä 259. Montag, den 12. November
Fuldaer Zeitung.
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Die Reise des Kronprinzen nach Spanien.
Die Reise des Kronprinzen nach Spanien, ein Ereigniß von hoher politischer Bedeutung, steht im Mittelpunkt des Tagesintereffes. Seit mehreren Wochen ist darüber verhandelt worden, und zwar vielfach unter Hinzuziehung des Staatssekretärs im Ariswärtigen Amt, Grafen Hatzfeldt, der bekanntlich längere Zeit hindurch den diesseitigen Hof in Madrid vertreten hat und mit den dortigen Verhältnissen sehr vertraut ist. Dies war auch der Grund, weshalb der Graf Hatzfeldt während der Anwesenheit des Königs von Spanien am Hoflager zu Homburg dahin beschieden war. Schon in Homburg war Graf Hatzfeldt von dem Wunsche des Königs von Spanien unterrichtet, den Kaiser Wilhelm zu einem Besuche einzuladen. Der Kaiser lehnte für seine Person die Einladung mit Hinweis auf sein hohes Alter ab, kündigte indessen an seiner Stelle den Besuch des Kronprinzen an. Ob nun damals schon alles Erforderliche festgesetzt worden, mag dahingestellt sein; jedenfalls ist der Abschluß erst in den letzten Tagen erfolgt. Der Kronprinz reist mit großem Gefolge. Daß er nicht über Frankreich geht, sondern die Reise zur See von Genua aus unternommen werden soll, ist hier allgemein sehr sympathisch ausgenommen worden. Dieser Umstand, daß der zukünftige deutsche Kaiser statt des nächsten Landweges über Paris die Reise zur See wählt, so daß er Frankreich unberührt läßt, kann nicht unbemerkt bleiben,' wennschon er nicht nur erklärlich, sondern unvermeidlich ist. Es wirft aber ein eigenthüm- liches und nicht gerade sehr heiteres Licht auf die sogenannten friedlichen Beziehungen, die nach den bestehenden Verträgen zwischen Deutschland und Frankreich herrschen, daß das deutsche Volk in Unruhe und Sorge schweben würde, wenn es den Erben der deutschen Kaiserkrone auf französischem Boden wüßte. Sodann wird Niemand umhin können, einen Vergleich zu ziehen zwischen den höflichen und herzlichen Beziehungen Deutschlands und Spaniens, wie sie durch die Reise deö Königs Alfonso nach Homburg und die des deutschen
Kronprinzen nach Madrid zu Tage treten, und dem Verhältniß zwischen Spanien und Frankreich, wie es die ungastliche Aufnahme, die der König in Paris gefunden, gestaltet hat. Man wird, wenn auch sicherlich unbewußt, die deutsche Höflichkeit als eine Antwort auf die französische Unart deuten — eine Unart, für die dem spanischen Volke Seitens der französischen Regierung bisher nur eine kümmerliche und nothdürftige Genugthuung gegeben worden ist. In Deutschland wird man diese Vorgänge mit Befriedigung bemerken. Man wird darin, und mit vollem Recht, eine neue Frucht der gemäßigten, friedliebenden Politik erblicken, unter der Deutschland erstarkt, seitdem es im Jahre 1871 den Degen, dem man ihm in die Hand gezwungen hatte, nach errungenem Siege wieder in die Scheide gesteckt hat.
Was man im offiziellen Frankreich darüber denken wird, wagen wir nach den bis jetzt vorliegenden Zeitungsstimmen noch nicht vorherzusagen. Vielleicht wird man sich dem Anschein nach oder auch in Wirklichkeit wenig um die Sache kümmern. Das wäre weise, ist aber grade deswegen nicht wahrscheinlich. Oder man wird einfach schimpfen, wie es seit dreizehn Jahren zur anscheinend unverbesserlichen französischen Gewohnheit geworden ist. Dazu wird man dann in Berlin wie in Madrid einfach die Achseln zucken. Möglich ist endlich drittens — aber das ist höchst unwahrscheinlich —, daß man gelegentlich jener Reise in Paris zu der Erk«mnt-riß gelangt, wie der sinnlose Deutschenhaß in Frankreich — denn König Alfonso .ist als „Roi-Ulan“ beschimpft worden — Frankreich allein zum Schaden gereicht, während Deutschland dabei nach außen und innen erstarkt; nach außen: indem ein Vergleichen der gemessenen deutschen Politik der unberechenbaren französischen gegenüber Deutschland mehr und mehr zum Mittelpunkte einer großen friedliebenden Slaa- tenliga macht; nach innen: indem es gute deutsche Kräfte, deren Wirken nicht unerheblich zum Wohlstände Frankreichs beigetrogen hat, nach Deutschland zurückführt und ihnen den deutschen Boden als das wahre Feld ihres Schaffens anweist.
Die Pariser Zeitungen sprechen bisher noch wenig von der Reise. Einige Blätter erblicken darin jedoch eine „Drohung gegen Frankreich". Die ,France' äußert: „Diese Drohung muß ernst genommen werden, aber nicht tragisch. Indem Deutschland mit Alfons, getäuscht durch die Eti- quette, unterhandelt, könnte man wähnen, es unterhandle mit einem Könige, der von Grund aus Herr seiner Unterthanen sei; daß Ereigniß könnte ihm jedoch bald den Beweis liefern, daß es bloß mit einem Ehrenoberst der Ulanen ohne Regiment zu thun hat". Die royalistischen Blätter schreiben dem Vorgänge eine große Bedeutung zu und erblicken darin die Bestätigung der Annäherung zwischen Spanien und den beiden Kaiserreichen Mitteleuropas. Die ministeriellen Organe äußern: „Die Reise ist ein reiner Schritt der Höflichkeit, der die Ansichten des Madrider Kabinets nicht ändern wird, welches eine wohlwollende Neutralität für Frankreich und für alle Länder Europas beobachten wird".
In Madrid legt auch die spanische Presse dem Besuche eine hohe Wichtigkeit bei. Man sieht darin ein Zeichen besonderer Aufmerksamkeit des deutschen Kaisers gegen König Alfons und will wissen, daß der Kronprinz einen eigenhändigen Brief seines Vaters für den König von Spänien mitbringe. In Madrid trifft man bereits Vorbereitungen zum Empfange des Kronprinzen und seines Gefolges. Das Festprogrammumfaßt eine Hrnppenschauüb er30,000 Mann, Stierkämssse,' eine' Galavorstellung in der Oper, einen feierlichen Empfang im königlichen Palais u. s. w. Die Ankunft in Barcelona wird zum 17. November erwartet.
Als erneuter Beweis unserer guten Beziehungen Zu Spanien darf es übrigens gelten, daß die beiderseitigen Gesandtschaften zu Botschaften erhoben werden sollen. Schon lange hat Spanien danach verlangt, seinen alten Rang einzunehmen. Für den allgemeinen Frieden wird die Befestigung des guten Einvernehmens mit Spanien und die Anbahnung einer inthtieren Beziehung der beiden Staaten von nicht zu unterschätzendem Wertbe sein. &
Der Erbe. 69
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
Wenn die jetzt so glückliche Frau auch mit der innigsten Befriedigung ihren Sohn sich dem Priesterstande widmen sah, so traf doch der Schlag, den geliebten Sohn vielleicht für immer scheiden zu sehen, das arme Mutterherz mit seiner ganzen Schwere.
Aber nur kurz war der Kampf der Pflicht mit der Mutterliebe. Die Leiden der vergangenen Jahre und der Segen, den der liebe Gott ihr gespendet, hatte ihr Gottvertrauen befestiget, und in inniger Anerkennung des vielen Guten, was Er ihr beschieden, brachte sie willig dem -Herrn das Opfer dar. Als sie mit dem Schulte zurückkehrte und ihr innigst geliebter Sohn sich der Mutter nahte, schloß sie ihr liebes Kind in ihre Arme und drückte einen innigen Kuß auf seine reine Stirne.
„Gehe mit Gott, mein lieber Sohn", hauchte ihre milde Stimme; „der uns bis jetzt so wunderbar geführt, wird auch Dein Führer auf dem Wege sein, den seine Güte Dir gezeigt."
Der Tag der Abreise war angebrochen. Die ruhige Ergebung der Mutter und die stille Glückseligkeit , die ans den Zügen ihres Sohnes sprach, hatten die trübe Stimmung gehoben, die sich Aller bei der ersten Nachricht bemächtigt hatte. Niemand war ergriffener als der Graf. „Vergessen Sie meiner nicht", sprach er, tief bewegt dem jungen Manne zum Abschiede die Hand reichend.
Als Felix gerührt ihm darauf erwiderte: „Für
meine Wohlthäter zu beten, werde ich stets als eine heilige Pflicht betrachten", da wandte der starke Mann im Gefühle feiner Schuld sich ab, die Thränen zu verbergen, die seinen Augen entströmten.
Am Arme seines Freundes wandelte Felix noch einmal über seine liebe Haide. Richt manches Wort wurde zwischen den Freunden gewechselt, als sie durch die Schlucht fliegen. Auf der Höhe des Weges blieb Felix noch einmal stehen und ließ feinen Blick über die ganze Gegend schweifen. Von der freundlichen Herbstsonne beschienen leuchtete das hohe Giebeldach des Hofes so traulich herüber, und es winkten von d-r anderen Seite die hohen Wipfel der Eichen, welche den Edelfitz, die baldige Heimath feiner Lieben, umgaben, ihm den Ab- schiedsgruß zu. So weit das Ange reichte, lag bie unermeßliche Haide vor ihm ausgebreitet, jene Haide, die er in froher Lebenslust als Jüngling so oft durchwandert. War fein Her; auch tief bewegt, als er nun Abschied nahm von Allem, was ihm so theuer, so fühlte er sich getröstet und gestärkt, wenn er des Zieles gedachte, zu welchem hinzustreben der Herr ihn berufen hatte.
Lange hatte fein Auge auf der lieben Heimath geruht, als er plötzlich die Hand seines Freundes ergriff und ihn zu den Birken hinzog, unter welchen er damals vor feiner Abreise zur Universität träumend gelagert. „Siehe da," sprach er lächelnd auf die noch erkennbaren Buchstaben zeigend, welche sein Messer in die Rinde eingeritzt hatte, „hier an
dieser Stelle prophezeite mir vor fünf Jahren der Herr Lüttche, Gott weiß was; und was ist nun davon eingetroffen? Nichts! Heute stehe ich noch hier als ein unfertiger Mensch, der sich sehr bestreben muß, mit Gottes Hülfe etwas Vernünftiges aus sich zu machen.
Deiner treuen Freundeshand," fuhr Felix nach einer Pause fort, „übergebe ich voll Vertrauen diejenigen, die meinem Herzen so theuer sind. Sei Du meiner guten Mutter Sohn und behüte und hege meine theure Schwester, die Dich so innig liebt."
„Es bedarf zwischen uns keines ferneren Worte mehr," erwiderte Erwin tief ergriffen. „Der Himmel hat meiner Jugend wenig Freude gespendet; desto reichlicher gibt er mir sie jetzt. Ich erkenne das Glück, welchss er mir beschieden, und die Versicherung möge bei unserem Scheiden Dir Trost gewähren, daß ich nie vergessen werde, wie unendlich beglückt ich durch die Deinen geworden bin.
Am Bahnhofe erwartete die vorausgefahrene Familie die beiden Freunde. Noch einmal versenkten sich die Blicke von Mutter und Sohn in einander, noch einmal ruhte die Hand der Mutter segnend auf dem Haupte ihres Sohnes, und das davoneilende Dampfroß führte die Geschwister dem schönen Nheingau zu, wo Felix die liebe Schwester der Obhut der Frau von Bönagel übergab, um dann in den stillen Räumen von Maria-Laach sich für seinen Beruf vorzubereiten.
• * ♦ (Forts, folgt.)