Beiblatt zu Nr. 258 der .Wuldaer Zeitung .
Sonnabend, den 10. November 1883.
Rache eines Priesters
(Eine Episode aus der französisch en Revolution.) Dem Englischen nacherzählt von 3. 3.
An einem hohen Festtage des Jahres 1793 waren die Bewohner von Fegreac und den um- . liegenden Ortschaften zur Feier desselben in der Kapelle des genannten Dorfes versammelt. Pore Aurain stand am Altäre; die heiligen Worte oer Wandlung waren gesprochen; der Gott des Himmels war jetzt gegenwärtig in jenem ländlichen Tempel. Die fromme Menge lag in stiller Anbetung, als plötzlich der schreckliche Ton der Sturmglocke ertönte. Augenblicklich sprangen alle Männer in der Kirche auf; die Frauen drängten sich angstvoll zusamnien — der Priester allein zeigt sich gefaßt: „Meine Freunde," sagte er, „das hl. Opfer hat begonnen, es muß auch vollendet werden; Gott ist bei uns; betet, meine Brüder!"
Dann neigte er sich über den Altar, schlug demüthig an die Brust und genoß das Brod des Lebens. Mittlerweile wuchs der Lärm draußen; einige Bauern hatten in Eile die Kirche verlassen, als ein Kind hereinstürzte und schrie: „Rettet ihn, rettet den Priester! Die Soldaten sind in's Dorf Angedrungen, und sie folgen dicht hinter mir." Der Priester legte die hl. Gewänder ab. Zwei Dragoner erschienen an der Thür der Kirche; der Priester gewahrte sie, stieg schnell die Altarstufen herab und eilte durch die Sakristei auf den angrenzenden Kirchhof; hier stellten sich ihm zwei andere Soldaten entgegen und suchten ihn zu fassen; aber gewandt entsprang er ihnen, setzte über die niedrige Mauer des Kirchhofes und erreichte so das Weite. Die Soldaten folgten. Querfeldein nahm er seinen Weg, und da er sehr kräftig und gelenk war, überwand er leicht alle Hinderniffe, die ihn hemmen konnten. Seine Verfolger waren schon auf Schußweite hinter ihm, als er an das jähe Ufer eines Fluffes kann Ohne einzuhalten, stürzte er sich hinein und gelangte glücklich an's andere Ufer. Hier sah er sich um und bemerkte, wie einer seiner Feinde ihm in's Waffer nachsetzte.
Weiter setzte Pore Aurain die Flucht fort, indem er den Hügel, der vor ihm sich erhob, zu erklimmen suchte. Mit beschleunigter Eile ging es, bis er die Höhe erreicht hatte. Er war nun aus dem Bereich derer, die sein Leben suchten; er war gerettet. — Aber staun, hatte er Zeit, in tiefster Tanklarkeit Gott für sein Entkommen zu danken, da schlug ein Nothschrei an sein Ohr. Sogleich lenkte er seine Schritte zurück nach dem Fuße des Hügels und sah, wie sein Verfolger in den Wellen mit dem Tode rang, er war im Begriffe zu sinken, um nie mehr emporzukommen. Der Priester, welcher immer Nächstenliebe und Vergebung gepredigt hatte, der gelehrt Böses mit Gutem zu vergelten, war der Stimme eines Feindes in der Noth nicht taub. Mit derselben Eile, womit Aurain geflohen war, schickte er sich jetzt an zur Rettung des Soldaten.
Als er das Ufer erreicht hatte, war sein Feind verschwunden; er aber stürzte sich in den Strom und tauchte wieder und wieder unter, um den Ertrinkenden zu greifen. — Endlich erschien er wieder über Waffer und brachte an's Land zurück den bewußtlosen Körper des Dragoners, den er mit seinen Händen so lange rieb, bis Besinnung sich wieder einstellte.
Nach wenigen Augenblicken öffnete der Soldat die Augen und erkannte den Priester von Fegreac wieder, indem er in mattem Tone keuchte: „Was! Sind Sie es, der mich gerettet? Sie, den ich verfolgte, und dessen Leben zu nehmen ich geschworen ?"
„Ja", sagte der Priester gelassen, „nun bin ich Ihr Gefangener; ich habe jetzt keine Gelegenheit mehr zu entkommen. Wünschen Sie noch, mich zu tobten?" —
_ „Ich wollte lieber erst sterben," versetzte der Soldat, „ich werde nicht ein Haar Ihres Hauptes krümmen. Wie wir doch getäuscht worden sind! Immer sagte man uns, die Priester seien unsere Todfeinde — sie dürsteten nach Blut und athme- ten nur Rache."
„Mein Bester," sagte der Priester, „Sie sehen jetzt selbst ein, ob wir blos nach Rache dürsten. Jeder Priester, nein jeder Christ ist gebunden, zu vergeben seinen Feinden und zu vergelten Böses mit Gutem. Ich war im Stande, Ihr Leben zu retten und das macht mich ungewöhnlich glücklich. Ganz gewiß! Und ich danke Gott dafür. So danken auch Sie ihm; hören Sie auf zu verfolgen diejenigen, welche an Gott glauben und im dienen."
„Gehen Sie! Gehen Sie! Schnell!" sagte der Soldat: „dort kommen meine Gefährten; wir Soldaten müssen nur gehorchen. Fliehen Sie, dieweil Sie noch können! — Ich will ihnen entgegengehen und ihnen erzählen, Sie seien aus meinen Händen entkommen. — Meine Gefühle werden Sie wohl nicht theilen? Adieu! Ich werde Sie nie vergessen; retten Sie sich!"
Beide trennten sich auf Nimmerwiedersehen.
lqj Der Kressen-Tee.
Eine hessische Sage, erzählt von Emilie Wepler.
In jener Zeit, als Karl der Große ein unermeßliches Frankenheer nach Deutschland führte, um mit Feuer und Schwert der neuen Lehre, der Religion des Friedens und der Liebe Eingang zu verschaffen, lebte in Niederhessen, da wo jetzt das Städtchen Grebenstein liegt, ein von seinen Gaugenoffen hochgeachteter Mann, Namens Wigibert, mit zwei Söhnen und seiner liebreizenden Tochter Gressa, sein Weib hatte er schon früh verloren. Obgleich nun Wigibert an der Grenze des Greisenalters stand, sein Haar gebleicht war, und der lange silberweiße Bart bis an den Gürtel reichte, so fühlte er in seinen Gliedern noch männliche Kraft, und in seinen blauen Augen loderte die Flamme des Hasses, wenn er Kindern und Nachbarn, die sich oft Abends vor der Thür seiner Hütte unter der weitästigen Linde einzufinden pflegten, von seinen früheren Kriegs- thaten und Abenteuern erzählte, wie er schon viele von den Feinden seines Glaubens gezüchtigt habe. Er verabscheute die neue Lehre und war einer der treuesten Anhänger der alten Götter, auch hatte er natürlich nicht unterlassen, diese Grundsätze schon früh in die Herzen der Kinder zu pflanzen. Mit diesen Grundsätzen wuchsen die Knaben zu Jünglingen, das Mädchen zur blühenden Jungfrau empor. — Wido und Hungest, so hießen die Brüder, sehnten sich, als sie die Keule und den Wurfspieß zu führen verstanden, fort aus der engen väterlichen Hütte, sie wollten ihre Abkunft als ächte Chatten durch Thaten beweisen, Heldenthaten, wie die Voreltern sie vollbracht. Wigibert aber mahnte sie zur Geduld.
„Bald", sprach er, „wird die Zeit kommen, wo Ihr hinaus sollt, um für Euren Glauben zu kämpfen, doch bis die rechte Stunde naht, gelobt mir, still hier zu weilen und Eure Kraft an den Thieren des Waldes zu erproben. Ungern beugten die Jünglinge sich diesem Befehl, doch demselben sich zu widersetzen, wagten Sie nicht. So zogen sie denn in der Frühe des Morgens hinaus in die düsteren Wälder, an denen Hessen damals so reich war, und kehrten gewöhnlich Abends mit reicher Jagdbeute beladen heim, der Schwester sie zur Bereitung der Mahlzeiten übergebend. Die Brüder hatten einen Freund und Spielgenossen schon von Jugend auf, er hieß Tello, und seine Wohnung lag in nächster Nähe von Wigibert's Häuschen. Die drei Jünglinge hingen mit großer Liebe an einander, obschon sie von verschiedener Geniüthsart waren; auch Gressa glaubte keinen Tag verleben zu können, wo sie Tello nicht gesehen und gesprochen hatte, gerade eine mildere Sinnesart zog sie mehr an, als der Brüder wildes Ungestüm. Statt mit diesen auf die Jagd zu gehen, zog Tello es vor, in seiner Hütte zu sitzen und immer wieder in den alten Schriften zu lesen, welche seine gute, sanfte Mutter, die aus einem fernen, fernen Land gekommen, ihm hinterlassen hatte. Auch der Haß gegen die neue Lehre wohnte nicht so in seinem Herzen, wie das bei Wigiberts Familie der Fall war; die alte Base, die bei ihm lebte,— er war ja eine Waise,—und die selbst ganz im Geheimen der Christuslehre zugethan war, hatte ihm viel Schönes, Rührendes von derselben erzählt. Aber er war ein edler lebensfroher Jüngling, den Alle, die ihn kannten, gern hatten, weil er dienstfertig und gefällig sich benahm gegen Jedermann. Plötzlich war er wie verwandelt, er mied die frohen Spiele der übrigen Jünglinge, schlich einsam und vergrämt durch Wald und Flur, nichts schien ihm Freude
zu machen, er mahnte an einen jungen, kräftigen Baum des Waldes, den ein heftiger Sturm zu Boden geschmettert hat. Ein Herz gab es, welches durch Tellos verborgenes Leid sich sehr unglücklich fühlte, das war Gressa, sie sah den Freund wie einen Schatten vergehen, wollte ihm so gerne helfen und wußte doch nicht wie. Da fiel ihr ein, daß nicht allzuweit von ihrer Wohnung, im dichten Waldes- dunkel eine jener weisen Frauen wohnte, von denen man glaubte, daß sie in den Herzen der Menschen lesen und auch die Zukunft entschleiern könnten. Zu dieser Frau nun wollte Gressa sich begeben, sie mußte rathen, helfen, Tello sollte wieder glücklich werden. An einem thaufrischen Frühlingsmorgen, wo Vater und Brüder ebenfalls fortgezogen waren, führte das junge Mädchen seinen Entschluß aus- Anfänglich war der Weg, den sie zu gehen hatte, licht und freundlich, Bäume und Sträucher mit jungem Grün bedeckt, die Vögel sangen gar lustig in den Zweigen, und die Sonne spiegelte sich in den zahllosen Thautropfen, die an jedem Blümchen, an jedem Grashalme zitterten. Aber je weiter sie schritt, desto dichter wurde der Wald. Stach- liches Unterholz und zahllose Rankengewächse machten das Fortkommen äußerst schwierig, die vielen Stacheln zerfetzten das Gewand und rissen die Hände blutig. Endlich gelangte sie auf einen schmalen, aber geebneten Pfad, der durch tiefes Tannendunkel zu einer Höhle führte, deren Eingang aber von wildem Gestrüpp fast ganz überwuchert war. Hier wohnte die weise Frau. Vorsichtig bog Gressa die Gesträuche auseinander und befand sich, nachdem sie einen engen Gang durchschritten hatte, in einer hohen, geräumigen, steinernen Kammer. Ueberall waren Bündel getrockneter Kräuter aufgehäuft, und zahme Vögel, welche frei umherflogen, belebten den Raum. Hinter dem Heerd, auf dem ein lustiges Feuer brannte, hockte eine alte Frau, beten Züge pergamentartig aussahen, und nur die Augen in dem verwitterten Gesicht verriethen, daß der Geist diesen morschen Körper noch nicht verlassen hatte. Sie blickte finster auf, als sie ein Geräusch vernahm und rief der eintretenden Gressa entgegen:
„Wer stört mich in meiner Einsamkeit, ich selbst bin hier nicht sicher vor Menschen, mit denen ich keine Gemeinschaft mehr haben mag?"
„O, verzeiht," erwiderte Gressa schüchtern, „mit großer Mühe habe ich Euch aufgesucht, ich bedarf so sehr eines guten Rathes und wo könnte ich einen solchen besser finden, als bei Euch."
D:e also Angeredete erhob sich von ihrem Sitz, — es war ein Riesenweib, dessen eisgrauer Scheitel die Decke des Gewölbes berührte, — und hüllte sich wie fröstelnd in den weiten, schwarzen Mantel, der lose um ihre Schultern hing. Sie deutete nach einem Schemel, auf den Gressa sich nun vollends niederließ, ängstlich das Weib anstaunend, welches wie eine übernatürliche Erscheinung vor ihr stand.
„Sei nicht ängstlich Kind," Hub die Höhlenbewohnerin zu sprechen an, „ich zürne nicht, daß Du gekommen, wohl kenne ich Dich, Gressa, Wigiberts Tochter, was Dich in diese Einöde geführt, ich weiß es, Du möchtest wissen, welcher Kummer Deinen Jugendfreund drückt und wie ihm abzuhelfen sei."
„Ihr wißt Alles," rief Gressa freudig aus, o, dann werdet Ihr auch das Mittel kennen, wie unferm armen Tello zu helfen ist!"
„Sein Kummer," sprach das Weib düster, „entspringt ans Liebe, ans Liebe zu Dir."
„So liebt er mich!" jubelte das junge Mädchen, „warum aber spricht er nicht mit dem Vater, dem er theuer ist, wie ein Sohn".
„Gressa, Gressa", murmelte das Weib mit dumpfem Ton, „hüte Dich vor dieser Liebe, sie wird Euch Alle dem Unglück weihen!" Dann winkte sie hoheitsvoll mit der Hand, und Gressa verließ, nachdem sie der wunderbaren Frau innig gedankt, sinnend und gedankenvoll die Höhle.
„Die Höhlenbewohnerin stand, als sie wieder allein war, noch lange starr und unbeweglich.
„Was hilft da Rathen und Warnen", sprach sie leise, und ein verächtliches Lächeln kräuselte ihre Lippen, was im Buche des Schicksals verzeichnet steht, muß geschehen, die alten Götter werden dm Abfall ahnden. Mehr und mehr, fuhr sie fort, „bricht sich auch hier die neue Lehre Bahn und daß es gerade viele edle, tapfere Chatten sind, die sich bethören lassen, ist hart. O, ihr Götter, schützt doch Euer tapferes Chattenvolk vor jener Kreuzeslehre!
(Fortsetzung folgt.)