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Sonnabend, den 10. November

1883

Jolling

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D e r E r b e. 68

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

Der Schulte hielt seine Hand fest in der seiniaen und sprach mit freundlichem Tone: „Fassen Sie sich, edler Herr, eine Nachricht zu vernehmen, welche zwar Ihr Herz nicht von aller Schuld ent­lastet, doch demselben unendlichen Trost bringen wird. Es bedarf keiner Nachforschungen, die Erbin von Westerberg aufzufinden; der liebe Gott führt sie ohne unser Zuthun in ihr Eigenlhum zurück. Frau Ulrich ist die Tochter des Grasen".

„Herr des Himmels!" rief der Graf in Thränen ausbrechend, und verhüllte sein Antlitz mit den Händen. Liebreich legte der Schulte seine Hand auf die Schulter des fassungslosen Mannes, der seiner Bewegung nicht Herr werden konnte. End­lich richtete der Graf sich auf, ergriff die Hand des glücklichen Landmannes und zog ihn schweigend tiefer in den Park hinein.

Eine geraume Weile waren die Wanderer auf den, schattigen Pfade, ohne ein Wort zu reden, fortgeschritten, als sie an einen kleinen freien Platz gelangten, wo das dichte Laubdach einer hundert­jährigen Linde ein Kreuz überwölbte. Es war wohl das erstemal in seinem Leben, daß der Graf sich zerknirscht auf den schlichten Betstuhl, welcher vor dem Bilde des Gekreuzigten stand, niederwarf und in inbrünstigem Gebete lange vor demselben verweilte.

Der Schulte kniete an seiner Seite nieder und

dankte dem Himmel für die Rettung dieser Seele, die ihm so lange entfremdet gewesen war.

Endlich erhob sich der Graf: ein feuchter Schim­mer glänzte noch in seinen Augen, als diese sich von dem Kreuzesbilde nun auf seinen Begleiter richteten, welcher tief bewegt ihm seine Hände ent­gegen reichte. Der Graf breitete seine Arme aus und schloß den neugewonnenen Freund an sein Herz.

Auf dem Rückwege unterrichtete dieser nun kurz den Grafen von den Schicksalen der geprüften Familie und schloß dann: „Sie sehen, verehrter Herr, wie wunderbar der liebe Golt Alles-gefügt bat, und erkennen nun die Gründe, welche mich bestimmt haben, so zu handeln, wie ich gethau. Run bitte ich aber um Fassung und Ruhe, denn dort kommen unsere Lieben und wir müssen Alles vermeiden, was den Frieden und das Glück der guten Kinder stören könnte.

XV.

Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man vom Liebsten, was man hat, Muß scheiden.

E. v. Feuchtesleben.

Wie im Fluge enteilten den Glücklichen die Wo­chen. Die edle Gräfin konnte die lieben neuen Familienglieder kaum mehr entbehren, und bald verweilten diese eben so oft auf dem Schlöffe, als bei der guten Frau Optenholt. Der Sonnenschein, der von den Zügen der Brautleute strahlte, ver­breitete seinen Wiederschein auf alle Bewohner des

Deutsches Reich.

Fulda, 10. November.

* (Zur heutigen Lutherfeier.) Vier­hundert Jahre also sind heute vergangen, seitdem Martin Luther, der auf die religiöse und politische Gestaltung Deutschlands einen ebenso großen wie verhängnisvollen Einfluß ausgeübt hat, in Eis­leben geboren wurde. Bereits haben die Pro­testanten dieses Jubiläum in prunkvollen Festen gefeiert und werden den Erinnerungstag nunmehr selbst feierlich begehen. Wenn wir auch als Ka­tholiken den großen Glaubensabfall, der im 16. Jahrhundert vor sich ging, aufs tiefste beklagen, so sind wir doch weit entfernt davon, den Pro­testanten die Feier des Tages verargen zu wollen. Luther ist der Vater der protestantischen Religion, und als solchen mag man ihn feiern, soweit der Protestantismus Bekenner zählt; dagegen müssen wir uns jedoch mit aller Entschiedenheit verwahren, daß man uns den Wittenberger Augustiner- mönch als nationalen Heros aufdränge und dem Feste einen deutsch-nationalen Charakter aufdrücke. Die sog. Reformation des 16. Jahrhunderts ist weder in ihrem Ursprung, noch in ihrer Entwickelung, noch in ihren Folgen deutsch-national. Für Deutsch­land hat sogar mit der Reformation eine Zeit des schmachvollsten nationalen Niedergangs begon- den, und wenn wir auch Luther selbst für alle die traurigen Folgen nicht verantwortlich machen wollen, welche die sog. Reformation über Deutsch­land hat hereinbrechen lasten, so ist doch wahrlich auch kein Grund vorhanden, diesen Mann als nationalen Heros zu feiern, wie man dies in Wort und Schrift teilweise schon versucht hat. Eine von konfessionellem Vorurtheil freie Geschichts­schreibung hat das ja längst offen anerkannt.

• (Die Landtags- Vorlagen) sind zum großen Theil bereits fertig gestellt oder doch dem Abschluß nahe; es ze'gt sich indessen, wie die .Magdeb. Ztg.' hört, daß das Material so über­aus umfangreich ist, daß man sich von vornherein wird entschließen müssen, einen Theil zurückzustellen;

es wird sich keineswegs allein um das Kommunal- steuer-Gesetz handeln.

' Berlin, 9. November.

* (Zur Reise des Kronprinzen nach Spanien.) Der Kronprinz ist heute Vormittag 11 Uhr von Wiesbaden hier eingetroffen; er wurde auf dem Bahnhof Friedrichsstraße von der Prin­zessin Wilhelm empfangen und nach dem kronprinz- lichen Palais geleitet. In der Begleitung des Kronprinzen auf seiner Reise nach Spanien werden sich der kommandirende General Graf Blumen­thal, Hofmarschall v. Normann, die Adjutanten v. Sommerfeld, v. Nyvenheim und Generalmajor Mischke befinden. Einem Telegramm aus Kiel zufolge vernimmt die .Kieler Zeitung', daß die Kriegsschiffe „Prinz Adalbert", „Sophie" und der Aviso „Loreley" den Kronprinzen nach Spanien gleiten.

* Stuttgart, 9. Nov. (Der König von Württemberg) ist in vergangener Nacht nach San Remo abgereist; der Aufenthalt daselbst wird mehrere Monate dauern. Obgleich die Besserung wesentliche Fortschritte gemacht hat, ist dennoch eine Lungen-Affektion zurückgeblieben, deren Be­seitigung von dein italienischen Aufenthalt erhofft wird. Hinsichtlich der Besorgung der Staatsge­schäfte verfügte der König, daß ihm Wichtiges nach­zusenden sei, alles Uebrige aber auf Vortrag der Minister durch den Prinzen Wilhelm kraft könig­licher Vollmacht erledigt wrtde.

* Weimar, 8. Nov. (Antrag Hagemann betreffend das Wahlgesetz.) Auf der Tages­ordnung der herzigen Sitzung stand die erste Lesung des AntÄr^es der Abg. Hagemann und Genossen, Abänderung des Landtagswahlgesetzes betreffend. Abg. Hagemann setzt die Gründe aus-' einander, die ihn veranlaßt haben, den im außeror­dentlichen Landtag von 1881 zurückgezogenen Antrag wiederaufzunehmen. Das indirekte Wahlsystem habe sich überlebt. Der Antrag wolle die privilegirten Wah­len der Tausendthalermännner beibehalten, aber den Wählern der 21 Wahlbezirke das Recht der direkten Wahlen verleihen. Warum solle bloß derjenige, der 3000 Mk. versteuere, befähigt sein, direkt zu wählen?

- Das direkte Wahlverfahren werde dem Landtag kein anderes Gesicht verleihen; sollte wirklich einmal ein Sozialdemokrat in den Landtag gewählt werden, so werde durch das Präsidium schon dafür gesorgt werden, daß er seine Phantasie nicht zu weit spa­zieren gehen lasse. Auch sei nicht zu besorgen, daß die direkte Wahl zum Landtage jedesmal eine gleiche Agitation Hervorrufen werde, wie die jedes­malige Wahl zum Reichstage. Nach längerer Debatte wurde der Antrag an einen Ausschuß von sieben Personen verwiesen.

Italien.

* Rom, 4. Nov. (KonsekrationdesBi- schofs von Luxemburg.) Heute fand in der Nationalkirche dec Deutschen, Santa Maria dell I Anima die Konsekration des neuernaunten Bischofs Koppes von Luxemburg durch Kardinal Howard unter Assistenz des Fürst-Erzbischofs Ganglbauer von Wien und des Msgr. Jakobini, Erzbischofs von Tyrus, Sekretärs der Propaganda statt. Die übrige dienstthuende Geistlichkeit bestand nur aus Deutschen; Kapläne der Anima und Zöglinge des Kollegiums Germanicum ministrirten. Der er­hebenden Ceremonie wohnten verschiedene hohe Würdenträger bei u. A. der armenische Erzbischof Balgy, die hervorragendsten hier ansässigen deut­schen Geistlichen, insbesondere Msg. de Waal, Dr. Hergenröther, der Rektor des Kollegiums Ger­manicum, tz. Schröder 8. J., und viele andere destinguirte Geistliche und Laien. Dem Auge bot sich ein überaus farbenprächtiges Bild dar, in dessen Mitte die stattliche Figur des englischen Kardinals, sowie die noch jugendliche Gestatt des neuen Bischofs, der durch sein kräftiges Auftreten Mtnb seine sonore Stimme einen wohlthuenden Ein­druck machte, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Dix liturgischen Gesänge wurden durch die Scuola Gregoriana und den Chor des Kolle­giums Germanicum musterhaft vorgetragen. Nach der kirchlichen Feier nahmen dieffäiruntlichen dabei beteiligten Geistlichen das Frühstück in der Anima. Msg. Dr. Jänig brachte dem neugeweihten Bischof Na­mens des Hauses die herzlichsten Glückwünsche dar.

alten Herrensitzes. Wo sonst Stille und Furcht vor dem strengen Gebieter geherrscht Hatte, ^lthmete jetzt Alles Lust und Frohsinn. Eine auffallende Wandelung war mit dem Grafen vorgegangen. Aus dem düstern strengen Herrn war ein liebe­voller, s/rgfamer Vater geworden, und in eben dem Maaße, wie die Dienstboten früher nur aus Furcht gehorchten, bestrebte sich jetzt jeder, den kleinsten seiner Wünsche auf's pünktliWe zu erfüllen.

Die gute Frau Ulrich sollte aber recht inne werden, daß im größten Glücke die Vorsehung Ereiguisse eintreteu läßt, die uns daran erinnern, wie nichts vollkommen auf dieser Erde ist. Felix hatte in den letzten Jahren sich ausschließlich dem Studium der Theologie gewidmet und beschlossen, in den Ordensstand zu tretet Denk guten Papa Optenholt hatte er die erste Mcktherlung davon gemacht und ihn ersucht, seine liebe Mutter auf diese Nachricht vorzubereiten. Er ahnte nicht, welchen schweren Auftrag er seinem würdigen Pflege­vater damit ertheilt halte, und es,war imise, ihm bereits vor seiner Ankunft in dem Schreiben, wel­ches der Schulte der Gräfin übergeben hatte, da­von Mittheilung zu- machen. seiner Beruhig­ung hatte der Schulte nun-in der Zeit,-»welche Felix wieder bei ihm verweilte, sich immer mehr überzeugt, daß dieser nur aus innigster Ueberzeug- ung handle, und schritt daher eines Tages, wo er sich eben mit Frau Ulrich allein befand, zur Ausführung des ihm gewordenen Auftrages. (Forts, folgt.)