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Ja 257. Freitag, den 9. November 1883.

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Darf das Sozialistengesetz nochmals verlängert werden?

Am 30. September 1884 erreicht die Gültig­keitsdauer des Sozialistengesetzes ihr Ende; es wird sich daher in der nächsten Session des Reichs­tages entscheiden müssen, ob das Gesetz, um dcffet- willen 1878 der demselben abgeneigte Reichstag aufgelöst worden ist, ebenso wie vor 2 Jahren verlängert, oder ob dasselbe ad acta gelegt wer­den soll. Bekanntlich hat die große Mehrheit der Centrumsfraktion bereits deni ersten Verlängerungs­antrage der Regierung ihre Zustimmung versagt, und wenn der Vorschlag sich in der nächsten Session erneuern sollte, so kann es schon jetzt kaum mehr zweifelhaft sein, daß das Centrum in seiuer Mehr­heit mit einem entschiedenen „Rein" stimmen wird. Zu einer solchen Ablehnung sind die Gründe jetzt sogar fast noch dringender, als im Jahre 1878 und 1881.

Wir sehen ganz davon ab, daß wir Katholiken nach den Erfahrungen der Maigesetze wahrlich Ur­sache genug haben, allen Ausnahmegesetzen mit Mißtrauen w begegnen. Es läßt sich sogar an­erkennen, daß unter abnormen Verhältnissen, zur Bekämpfung eines sonst unerreichbaren gesellschaft­lichen Nebels sog. Ausnahmegesetze für kurze Zeit geboten sein können, wenngleich solche Maßregeln stets auf einem höchst gefährlichen und schlüpfrigen Boden stehen. Den sozialistischen Umtrieben ist jedoch mit Ausnahmegesetzen nicht beizukommen, und der wichtigste und erste Grund gegen das Sozialistengesetz ist grade der, daß dasselbe seinen Zweck, die Unterdrückung sozialistischer Propaganda erwiesenermaßen nicht erreicht hat. Man behaup­tet zwar, die sozialistischen Wühlereien hätten nach- gelasien, seitdem die Rädelsführer des Landes ver­wiesen, die Versammlungen verboten, über die als Hauptheerde der Sozialdemokratie geltenden Städte der kleine Belagerungszustand verhängt worden, seitdem die Polizei, mit besseren Vollmachten ausgerüstet, jeden Halbwegs Verdächtigen auf Schritt und Tritt verfolgt, Haussuchungen ver­anstaltet und alle anrüchigen Schriften mit

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

Auf einem etwas erhöhten Punkte war ein kleiner Pavillon errichtet, von welcher man einen schönen Rundblick über die Anlagen und das Schloß genoß.

„Lasten Sie uns einen Augenblick hier ver­weilen," sprach der Graf zu seinem Begleiter; es drängt mich einige Worte mit Ihnen ungestört reden zu können."

Der Schulte ließ sich an seiner Seite nieder, und erwartete ruhig die Mittheilung des Grafen.

„Ich habe eine schwere Schuld gegen Sie noch zu tilgen, wozu mir bis jetzt die Gelegenheit ver­sagt war. Ich habe mich erkühnt an jenem Tage meine Hand — "

„Ich bitte, Herr Graf, keine Silbe weiter zu reden," unterbrach der Schulte den Edelmann; „jene Stunde ist begraben in ewiger Vergestenheit."

„Für Sie, Herr Optenholt, mag das der Fall sein, aber nicht für mich, der mit Schuld beladen, zu dem alten Frevel den neuen hinzufügte."

„Soweit meine Person in Betracht kommt, bitte ich Alles der Vergestenheit anheim zugeben; über ihre frühere Schuld steht mir kein Urtheil zu."

„Ihre Großmuth läßt mich doppelt die Schwere meiner Schuld erkennen und durch dieses Erkenntniß wird es dahin kommen, daß der Sohn die Schuld des Vaters büßen wird. Drückte die Schwere der­selben mich nicht nieder, so würde ich mich über

Acht und Bann belegt. Es ist allerdings wahr, daß die sozialdemokratische Partei in Folge dieser scharfen Ueberwachung ihres öffentlichen Treibens sich aus der Oeffentlichkeit zurückgezogen hat, abes desto leidenschaftlicher ist ihr Treiben im Geheimen; man glaube nicht, die Million deutscher Sozial­demokraten hätte in Folge der gegen Einzelne gerich- teten Maßregeln von ihren Grundsätzen auch nur ein Jota fallen gelassen. Und wie alles Heimliche, alles Verbotene doppelt reizt, so hat auch die sozialdemo­kratische Bewegung besonders unter den jüngeren Ar­beitern seit 1879 noch weit bedeutendere Fortschritte gemacht, als bisher. Wer das Volksleben in fabrik­reichen Gegenden studirt und die Leute in ihren privaten Gesprächen beobachtet hat, weiß sehr ge­nau, daß bei Tausenden von Bergwerks- und Fa- brikarbeitern unter einer äußerlich unschuldigen Maske, oft sogar unter einer düstern Schweigsam­keit innerlich der sozialdemokratische Dämon desto grimmiger wüthet, und daß die Arbeiter, sobald sie sich unbeachtet glauben, für ihre Sache besser agitiren, als cs den Volksrednern in großen Versammlungen gelingen kann. Die Negierung weiß auch sehr wohl, daß die Sozialdemokratie nur scheinbar ruhi­ger geworden ist. In den eigentlichen Nestern des Sozialismus hat man jetzt die Umsturzideen eigentlich weit mehr zu fürchten, als früher, als der ungestüme Drang, dem gepreßten Herzen Luft zu machen, über die Pläne und Anschläge oft genug vorzeitigen Aufschluß bot. In Berlin, in der Reichs- hauptstadt, -am Sitze der Regierung und der gesetz- gebendenKörper hat die sozialdemokratische Partei trotz des Sozialistengesetzes und trotz des Versammlungs­verbotes grade jetzt, im verflossenen Monat, zum ersten Male in der Stadtverordneten-Versammlung zwei Sitze erobert. Auch weiß man das Versamm­lungsverbot nicht selten schlau zu unrgehen, und wenn die sozialistischen Arbeiter sich darauf be­schränken, in „Arbeiterversammlungen" mit ihren Schaaren zu paradiren und ihre eigentlichen Grund­ideen vorsichtig vor der Oeffentlichkeit zu verbergen, so kann ihnen kein Gesetz etwas anhaben.

Aus alledem geht klar hervor, daß das Sozia­listengesetz nur die frühere Form des Auftretens,

sein Glück freuen können, da ich seine Wahl als die glücklichste erkenne, die er treffen konnte."

„Es ist mir eine große Genugthuung, Herr Graf, dieses Wort aus Ihrem Munde zu vernehmen."

„Je mehr ich das Glück meines Sohnes erkenne, desto größere Niedergeschlagenheit bemächtigt sich meiner. Mein Vermögen ist gering; Erwin wird nur durch die Sünde des Vaters das Majorat erhalten können. Sein redliches Herz wird das mit diesem Preis erkaufte Besitzthum nicht an­nehmen."

„An jenem Tage baten Sie mich, Ihre Schuld dem Sohne nicht zu offenbaren und ich gab Ihnen bereitwillig das Versprechen, daß Niemand je Kenntniß davon erhalten sollte. Es liegt deshalb kein Grund vor, dem Herrn Erwin den Sachver­halt mitzutheilen".

Der Schulte blickte aufmerksam auf den Gra­fen, der fein Haupt auf die Brust gesenkt in langem Schweigen verharrte; endlich richtete er sich empor und sprach mit fester Stimme:

„Mein Entschluß steht fest; ich kann zwar das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen, aber ich will mein Haupt in Frieden hinlegen können. Erwin hat fleißig studirt und wird sich durch seine Kenntnisse eine geachtete Lebensstellung erringen. Jetzt vermag ich noch seine Verzeihung zu erhalten; ich will nicht, daß er seinem Vater den Fluch in's Grab nachsenden muß".

♦Sie gehen zu weit, Herr Graf; Sie würden

nicht aber die Bewegung selbst hat unterdrücken können. Und da fragt es sich denn doch, ob es nicht weit bester wäre, daß man den Feind stets offen beobachten könnte, daß man seine Gedanken und Pläne, seine Ausbreitung und seine Anhänger selbst kennen lernte, als daß man sich nun alle erdenkliche Mühe gibt, sich selbst über den Um­fang und die Tragweite der Bewegung zu täuschen und eine unheimliche Geheimbündler - Ruhe zu schaffen.

Aber soll denn nichts gegen die drohende Ge­fahr der sozialistischen Umsturzbestrebungen ge­schehen? wird man fragen. Gewiß! Wir fragen dagegen: Was ist denn seit 1878 zur Verminde­rung dieser Gefahr geschehen? Bisher nichts oder wenigstens fast nichts. Die vor 5 Jahren bei Einbringung des Sozialistengesetzes in Aussicht ge­stellten Reformen zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen sind bis zum heutigen Tage mit alleiniger Ausnahme des am 1. Januar künf­tigen Jahres in Kraft tretenden Krankenkassenge­setzes schöne Träume geblieben. Fünf lange Jahre, — für die moderne Welt eine beträchtliche Zeit­spanne — sind unter schönen Phrasen und immer wieder wechselnden Versprechungen und Vorschlä­gen dahin gegangen. Man hört die Arbeiter und ihre Klagen nicht mehr, deshalb glaubt man auch nicht mehr so recht an dqs ehedem so lebhaft be­tonte Bedürfniß einer Sozialreform. Dem Sozia­listengesetz und seinen Folgen ist der schleppende Gang der Sozialreform nicht zum Wenigsten zu­zuschreiben. Darum weg damit! Was wir zur Bekämpfung der Sozialisten an seine Stelle setzen wollen, ist dreierlei:

1) Völlige Wiederbefreiung der Kirche und ihrer seelsorglichen Thätigkeit und Rückberufung der religiösen Orden, denn es ist ja eine unbe­strittene Thatsache, daß die Sozialdemokratie dort nie hat aufkommen können, wo die Kirche ihren vollen Einfluß auf das Volk geltend machen konnte. Eine einzige Mission hat früher oft die Frucht jahrelanger sozialistischer Wühlereien vernichtet.

2) Verwirklichung der auf christlicher Grund­lage beruhenden Sozialreform, gesetzliche Maß-

durch diese Enthüllung nur das Lebensglück der jungen Leute trüben, ohne etwas zu erreichen".

„Lasten Sie mich nicht auch irre an Ihnen werden", fuhr der Graf düster fort. „Wollen Sie denn, daß ihre Pflegetochter einen Besitz ein­nehme, der ihr nicht gebührt, welcher durch Frevel erschlichen ist? Sind Sie überzeugt, daß die Toch­ter des Grafen nicht mehr lebt, und im andern Falle nicht durch irgend einen Zufall Kenntniß von ihren Ansprüchen erhält? — Ihre Pflicht war es, und meine Pflicht wird es jetzt sein, hierüber Gewißheit zu verschaffen".

Heftig erregt erhob er sich und starrte ver­zweifelnd zur Erde. Mitleidig blickte der Schulte auf den gedemüthigten, faffungslosen Mann und sprach mit sanfter Stimme: „Sie haben begrün­detes Recht, Herr Graf, mich an meine Pflicht zu erinnern, und ich will zu meiner Ehrenrettung Ihnen sagen, daß ich sie nicht außer Acht gekästen habe. Bitte, lasten Sie sich nieder und hören Sie mich ruhig an. Der edle Entschluß, den Sie eben geäußert, veranlaßt mich Ihnen ein Geheim- niß zu enthüllen, welches andernfalls nie zu Ihrer Kenntniß gelangt sein würde. — Die Tochter des Grafen lebt." —

-„Sie lebt?!" rief er an allen Gliedern zitternd, während Todtenbläste sein Antlitz überzog. „Wo befindet sie sich?"

(Fortsetzung folgt.)