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Jti 256.

Donnerstag, den 8. November

1883.

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'S ‘D3 ^un9 erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk 50 Via o f . belletristischen Wochenbeilage ,Sterne nnd Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfq. ' *

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— mit der

Deutsches Reich.

Fulda, 8. November.

— (Aus Rom) wird der ,Germania' von ihrem römischen Correspondenten telegraphirt: „Herr v. Schlözer wurde heute vom hl. Vater empfangen. Die Audienz war nach­gesucht, nachdem die Entscheidung der Kongregation in Betreff der Demission der beiden Erzbischöfe zu Ungunsten der Forderung des Herrn v. Schlözer ausgefallen war". Nach einer Depesche des ,W. T.-B.' besuchte Herr von Schlözer nach dieser Audienz auch den Kardinalstaatssekretär I a k o b i n i.

* (Die Lutherfeier) fährt fort, die schönsten Blüthen zu treiben. Vor einigen Tagen hat Wit­tenberg sein zweites Lutherfest gefeiert und bei die­ser Gelegenheit gab der Bürgermeister Schild auf dem Schloßplatz vor versammeltem Kriegsvolk fol­gende saubere Predigt zum Besten:

An diesem Tage, an dieser Stelle begann vor 366 Jah­ren jenes große Schauspiel auf der Bühne der Weltge­schichte, dessen letzter Akt auch heute noch nicht ausgespielt ist. Der Kampf zwischen Kaiser und Papst, der Streit zwischen deutschem Wesen und welscher Tücke hatte schon lange vor Luther getobt. Ganze Kaisergeschlechter hatten ihre Kraft auf den sogenannten Romerzügen ver­zehrt, deutsches Heldenblut war in unzähligen Schlachten auf italienischem Boden in Ströme» gefloffen; aber die deutschen Schwerter hatten sich dabei schartig gehauen, und päpstliche List und pfäffischer Trug hatten den Sieg über deutsche Tapferkeit davongetragen. Wie mit «isLH» Gewalt hielt der Pavtt und die Kirch- die Gewissen und die Gemuther der Menschen gelange», u>a> nm „,-icr Macht über die Seelen siegten sie auch in den Kämpfen mit dem Schwert. Darum stand Heinrich IV. in Ka­nossa. Da trat ein Kämpfer auf den Plan mit dem römischen Ungeheuer. Er hat die Schlacht geschlagen und den Sieg gewonnen. Gottes Wort und Lutheri Lehr' vergehet nun und nimmermehr. Indem er den Bann ge­brochen, der auf den Seelen und Gewissen der Menschen lag, indem er die Freiheit eines Christenmenschen schenkte Millionen und abermals Millionen, hat er die Macht des Papstes gebrochen. Aber nicht, daß der Kampf mit Rom für immer zu Ende gewesen wäre! Er hat getobt im 30jährigen Kriege, er hat gewüthet in der Inquisition, ist immer und immer wieder auf geistigem Gebiete oder in versteckter Form auch auf politischem wieder emporgelodert. Und in unseren Tagen, unter unferm Geschlechte, welches ein neues glorreiches deutsches Kaiserthum erstehen sah, ist er eben darum von Neuem in alter Heftigkeit

entbrannt. Auch heute noch hat das WortLuther's seine Wahrheit:

Der alte, böse Feind, Mit Ernst er's jetzt meint; Groß Macht und viel List Sein grausam Rüstung ist; Auf Erden ist nicht seins Gleichen.

Aber wie ganz anders liegen die Dinge, wie ganz an­ders hat Gott im Himmel die Rollen vertheilt. Zwar sitzt noch in Rom ein Pontifex auf dem heiligen Stuhle, aber sein Bannstrahl hat die alte Kraft verloren; zwar hat er sich als infallibel erklärt, aber unser, Herrgott hat ihm. sogleich die Antwort darauf gegeben, indem er ihm das Patrimonium Petri nahm, gerade während das deutsche Schwert die Franzosen, die „allcrchristlichste" Nation, zu Paaren trieb. Und hier in Deutschland hat ein evangelischer Kaiser, mächtiger als je einer der römischen Kaiser deutscher Nation, das Heft in der Hand, und vor ihm und seiner Macht haben auch alle katholischen Fürsten und Völker Respekt. Und dennoch und trotz alle­dem ist auch der heutige Kampf mit Rom unddem Papste ein schwerer Kampf. Noch heute übt er, wie da­mals, auf Millionen von Gewissen dieselbe Gewalt, die­selbe Macht aus. Diese Macht muß überwunden werden durch den Siegeszug der Wahrheit, die allewege aus Gott stammt; diese Macht muß überwunden werden durch aber­mals eine Kraft aus der Höhe, wie sie unserm Luther von Gott geschenkt wurde.

Das .Wittenberger Kreisblatt', welchem diese wüsten Sätze wörtlich entnommen sind, verzeichnet dahnter: „Die Rede wurde von wiederholten Bra­vos unterbrochen und mit einem anhaltenden brau­senden Beifall gelohnt, während der abtretende Redner beglückwünschend von zahlreichen Festge- Ä'eWHWä* der über solche Vorkommnisse ein kräftiges Wort zu sagen wagt? Oder sollen wir glauben, daß die deutschen Protestanten das Gefühl für die Schande verloren haben, welche derartige Menschen auf ihre Confession häufen?

Berlin, 7. November.

— (Dem gestern verstorbenen Oberst- Kämmerer Grafen von Nedern) widmet der heutige .Reichs- und Staats-Anzeiger' einen Nachruf.

* Crefeld, 7. Nov. (Bei der heutigen Wahlmännerwahl) siegten die Nationallibe­ralen gegen die Centrumspartei.

Oesterreich - Ungarn.

* Wien, 7. Nov. (In der Plenarsitzung der ungarischen Delegation) wurde das Budget be§_ Ministeriums des Aeußeren angenom­men. Haußner sprach seine große Befriedigung über das Bündniß mit Deutschland und den Wunsch nach volkswirthschaftlichem Ausbau dieses Bünd- niffes aus. Graf Bauffy betonte die Nothwen- digkeit, alle gegen dieses Bündniß gerichteten Agi­tationen zu unterdrücken und die Politik der Nach­giebigkeit gegenüber den kleinen Staaten aufzugeben.

"Wien, 7.Nov. (Die ungar. Delegation) nahm im weitern Verlaufe der heutigen Sitzung auch die Budgets der Marine, des Reichsministe­riums, des obersten Rechnungshofes und die Schluß- ( rechnung pro 1881 an.

* (Ein Banus für Kroatien) ist noch immer nicht gefunden. Wie das Wiener Frem­denblatt erfährt, hat die ungarische Negierung dem Feldzeugmeister Franz Freiherrn v. Philippo- vics, ehemaligen Kommandircnden in Kroatien, die Banuswürde angetragen. Baron Philippovics hat jedoch die Annahme des Banuspostens von der vorherigen Erfüllung mehrerer von ihm gestellten Bedingungen, welche sich insbesondere auf die Er­nennung von Sektionschefs beziehen, abhängig ge­macht. Die Unterhandlungen sind noch im Zuge.

Frankreich.

schafter Marquis Tseng)''tietz 64rti'arimi|iet des Auswärtigen eine vom 3. Nov. datirte Note zustellen, worin die chinesische Regierung ihr Er­staunen ausdrückt über das Li-Hung-Tschang zu­geschriebene Benehmen und gleichzeitig die Haltung Tseng's billigt.

England.

* London, 7. Nov. (Explosion.) Aus Akkrington (Grafschaft Lankaster), wird gemeldet, daß daselbst heute früh eine Explosion in der Kohlestgrube Monkfield stattgefunden hat. Von 110 verunglückten Bergleuten sind bisher 6 auf­gefunden worden.

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

Der Schulte hatte mit einem gewiß verzeihlichen Stolze seinen Platz in der herrschaftlichen Equipage eingenommen, da die Blicke Aller sich in inniger Dankbarkeit auf ihn, den Schöpfer ihres Glückes, richteten. Tie geprüfte Frau Ulrich, die den Som­mer ihres Lebens sich so heiter gestalten sah, dankte inbrünstig dem Lenker der Geschicke für das Glück, welches er ihr in ihren Kindern bereitete. Das jungfräuliche Herz der Braut pochte recht unruhig, als man sich dem stattlichen Herrensitze näherte, wo sie, die einfache Jungfrau, später als Gebieterin schalten würde. Wenn sie auch mit den gesellschaft­lichen Formen der höheren Stände durch ihre Er­ziehung auf dem Schlößchen vollkommen vertraut war, so beschlich doch ein banges Gefühl ihre un­schuldige Seele, jetzt der Herrin des Stammsitzes zugesührt zu werden. Durch die Mittheilungen Erwin's über seine Großtante war ihr Herz zwar bereits von Verehrung für die edle Dame erfüllt, und doch fühlte sie sich in ihrer Bescheidenheit so unwürdig, in so innige Beziehung zu derselben zu treten, daß es manches ermunternden Blickes ihres treuen Ermin bedurfte, sie zu beruhigen.

Als der Wagen in den Schloßhof einfuhr und von dem in Gallalivree gekleideten Diener geöffnet wurde, reichte der Graf, welcher zum Empfang seiner Gäste bereits am Portale der Ankunft der­

selben harrte, der Frau Ulrich mit so großer Ehr- erbietung die Hand, als ob er eine Edeldame em­pfangen hätte, und führte sie durch die mit Blu­men geschmückte Vorhalle dem Salon der Gräftn zu. Der Diener öffnete mit einer tiefen Verbeugung die Portiere. Es würde schwer zu entscheiden gewesen sein, auf welchen Zügen sich die meiste Befangenheit bei dem ersten Zusammentreffen kundgab. Ein ein­ziger Blick, den Frau Ulrich und ihre Tochter auf die Matrone richteten, welche sich mit dem Anstande einer Fürstin erhob, jedoch mit der gewinnendsten und herzlichsten Weise ihnen entgegentrat, machte ihre Verlegenheit schwinden, da die ganze Erscheinung sie lebhaft an die Frau von Böuagel erinnerte. Der Anblick der beiden Frauen, die als Fremde die Schwelle ihres Eigenthums betraten, wo sie unberechtigter Weise gebot, wirkte so überwältigend auf die Gräfin, daß sie im ersten Augenblicke kaum eines Wortes mächtig war. Die herzgewinnende Erscheinung der Frau Ulrich und das kindlich reine Auge der Jungfrau gaben bald der gewandten Dame ihre Sicherheit wieder und sie schloß die neuen Familienglieder auf das herzlichste in ihre Arme. — Es bedurfte auch nur weniger Stunden gegenseitigen Verkehrs, um Frau Ulrich und Jo­hanna erkennen zu lassen, daß sie an der Gräfin ene ebenso gütige und liebevolle Freundin finden würden, als an der von ihnen so hoch geschätzten Frau von Bönagel. Ebenso befriedigt fühlte sich die Gräfin von den beiden Frauen, die ungeachtet

ihrer schlichten Verhältniffe sich so sicher und ge­wandt und doch mit so großer Bescheidenheit be­wegten, als ob sie stets in gleichen Kreisen gslebt hätten. Selbst die gute Frau Optenholt war ganz befriedigt, da die Gräfin es verstand, sich mit ihr über Verhältniffe, die ihrem Gesichtskreise nahe lagen, so eingehend und anziehend zu unterhalten, daß ihre erste Befangenheit bald vollständig ge­schwunden war.

Niemand in dem Kreise war aber glücklicher als Ermin, denn so oft er sein Auge auf die Gräfin richtete, lohnte ihn ein Blick der innigsten Zufrie­denheit. Das Auftreten des Grafen mar für Alle Betheiligte, mit Ausnahme des Schulten räthsel- haft. Obgleich es sonst seine Gewohnheit bei Ge­sellschaften war, so viel es die Etiquette erlaubte, sich fast nur mit den Herren zu unterhalten, so zeigte er sich bei dieser Gelegenheit als der auf­merksamste und liebenswürdigste Kavalier.

Nach eingenommenem Diner rourbe, der Kaffee auf der Veranda servirt und die Gesellschaft be­wegte sich in der zwanglosesten Weise. Die Da­men waren in lebhafter Unterhaltung begriffen, während die Herren, ihre Cigarre rauchend in den Anlagen auf und ab wandelten. Erwin hatte seinen Arm in den seines Freundes gelegt und entwarf die rosigsten Pläne für seine Zukunft. Der Graf, an dessen Seite sich der Schulte befand, bog in einen Seitenpfad ein, der zu den schattenreichsten Partien des Parkes führte. (Forts, folgt.)