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Dienstag, den 6. November
1883.
FuIdm^W Jeitung.
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Es gab bisher immer ein Mittel, dem Franzosen weitausgreifende überseeische Unternehmungen in einem besonders abschreckenden Lichte erscheinen zu lassen. Man brauchte nur darauf hinzudeuten, daß Deutschland die Gelegenheit zu einem Ueber- fall benutzen würde, um den schon gezogenen Ko- lonialsäbU in die Scheide zurückssnken zu lassen. Damit ist es heute anders geworden, und der an die Wand gemalte Teufel verfehlt seine Wirkung vollständig, weil niemand mehr an ihn glaubt,
schwer abzusehen, wie sie sich weigern sollten, dem Ministerium auf einem Wege weiter zu folgen, zu dessen Betretung sie ihm soeben feierlich ihren Segen gegeben haben.
alten Stammgast, den Herrn Lüttche, in seine Behausung führte.
Der Ankommende, der sehr destinguirt aussah, ein feines tadelloses Jabot und gewählte Kleidung trug, wurde von den Stammgästen, die gewöhnlich ihren Frühschoppen beim Drachenwirth tranken, auf's wärmste begrüßt. Herr Lüttche verstand es geschickt der Beantwortung der allerwärts an ihn gestellten neugierigen Fragen über seinen gegenwärtigen Aufenthalt und die verflossen. Zeit aus-- zuweichen. Zum größten Aerger der Gäste, nahm der Schulte, der eben angefahren kam, den Herrn sofort in Beschlag und verließ mit ihm nach eingenommenem Mittagsmahl den goldenen Drachen um zum Hofe zu fahren.
Herr Lüttche verweilte acht Tagen in Vehlen, von welchen er die größte Zeit auf dem Gute zuorachte, _ und als er abreiste, konnte der Wrrth seinen Gästen nur mit Vermuthungen aufwartcn.
Es war ihm sehr erwünscht, daß er gleich nach ber Abreise seines Gastes mit etwas Neuem dienen konnte. Der Kutscher Friedrich war nämlich im Orte gewesen, und hatte wie gewöhnlich fein Pferd beim Drachenwirth eingestallt. Letzterer unterließ dann nie sich nach dem Befinden der Herrschaften zu erkundigen. Bei dieser Gelegenheit nun hatte ber Kutscher ihm im tiefsten Vertrauen nütgetbeilt, daß auf dem Schlosse etwas im Werden sei; man munkele von einer Verlobung und baldigen Heirath des jungen Grafen. Wer bie Auserwählte sei, wisse
fetbftjbie nicht, bie ihn fortwährenb heraufbeschwören. In dieser Beziehung hat die Mäßigung der deutschen Regierung ihren Zweck erreicht, nnb die Furcht vor dem deutschen Ueberfall ist fast allgemein geschwunden.
Es ist übrigens vorauszusehen, daß jetzt, wo die opportunistische Kolonialpolitik im Vertrauen schwelgt, auch die Kolonialarmee (System ber Söldnertruppen) nicht ausbleiben und sogar eine populäre Sache werden wird. Was ist Geld, wenn es sich um theilweise Loskaufung von der Blutsteuer handelt, und der Bauer mit dem Börsenmann die Aussicht erhält, daß nicht ihre Söhne, sondern geworbene Landstreicher in bie Fieberregionen unb auf die Schlachtbänke im fernen Osten und im heißen Afrika geführt werden! Allerdings kann eine Kolonialarmee, deren Depots in’s südliche Frankreich verlegt werden sollen, leicht eine Prätorianerlegion für Staatsstreichszwecke werden, aber man ist ja an Wechselfälle und Wandlungen gewöhnt, und freut sich seines Lebens unter Ferry wie unter Louis Napoleon einst und unter Aumale etwa in Jahr und Tag.
Man würde jedoch sehr irren, wenn man glaubte, daß die Franzosen, soweit sie nicht berufsmäßig Politiker sind, sich sonderlich für die Tongking- frage und die Ferry'sche Politik interessirten. Im Gegentheil sind sie jetzt höchlichst erfreut, daß diese „langweilige tongkingesische Geschichte" auf einige Wochen von der politischen Bildfläche verschwindet, um interessanteren Sachen Platz zu machen, als da sind : die Austreibung der Orleans/der Krakeel zwischen dem Pariser Gemeinderath und dem Präfekten und andere ungemein angenehme Geschichten.
Für Challemel-Lacour soll ber eben errungene Sieg in ber Kammer zunächst sein letztes politisches Debüt fein, er ist wirklich krank unb legt fein Portefeuille in die Hänbe des Herrn Jules Ferry, der nach Ansicht der Opportunisten wie kein anderer zur Leitung der auswärtigen Angelegenheiten berufen ist. Wenn es wahr ist, daß er Herrn Paul Bert das Ministerium des öffentlichen Unterrichts anbieten wolle, fo hätte er eine
Obgleich der Wirth zum schwarzen Bären den an jenem Berndtstage gefaßten Entschluß wirklich bald nachher ausgesührt hatte, und jetzt über seinem Hauseingange ein Schild prangte, woraus mit großen Buchstaben zu lesen war: „Hotel zum schwarzen Bären", so behauptete der Drachenwirth doch noch immer die erste Stelle. Er stand mit seinem neuen braunsammlnen Hauskäppchen, roel» d;es mit einer goldnen Quaste verziert war, noch eben so behaglich schmunzelnd unter dem Thor- roege, bie Ankunft ber Post zu erwarte», um bie angekommenen Fremden in die Herrenstube zu führen.
Lebhaftes Aussehen erregte cs unter den Bewohnern des Städtchens, als eines Tages ber Drachenwirth unter herzlichem Händeschütteln seinen
$ Das Ministerium Ferry und die chinesische Frage.
nungemft gemeint ist, doch unmöglich auf feinen Posten belassen kann. Die Tricou'sche Depesche hat aber auf
erwiderte der Schulte lächelnd. „Wir gehen frohen Tagen entgegen, verehrte Frau Gräfin", fuhr er fort, „wenn unsere Lieben alle hier vereinigt sein werden. Nach einigen Wochen Aufenthalt wird Felix seine Schwester zu Frau von Bönagel zurück- bringen. Die gute Dame soll ihr Töchterchen wenigstens so lange behalten, bis Herr Erwin sie von dort entführt".
„Sie edler Mann", erwiderte die Dame gerührt und reichte dem Gaste ihre Hand; „möge der Himmel uns noch bas Glück bescheeren, unsere Kinber vereinigt zu sehen".
Die französische Politik dreht sich seit Eröffnung der Kammersession vorzüglich um den Zug nach Tongking und die Ansprüche Chinas auf die Oberhoheit über Annam. Wenn ber ganze chinesisch, französische Streit nicht einen gar so ernsten Hin- tergrunb hätte, so könnte man über bas babei ausgeführte biplomatische Lustspiel herzlich lachen. Jebenfalls ist es reich an ganz neuen Wenbungen. Ministerpräsident Ferry behauptet, Tricou habe ihm aus China telegraphirt, baß ber Vizekönig Li-Hung-Tschang ben Marquis Tseng gänzlich „besavouire", biefer aber erklärt, baß die chinesische Regierung an eine solche Verleugnung gar nicht denke, unb daß Li-Hung-Tschang außerdem den Marqui» zu „desavouiren" gar nicht das Recht habe. Wenn Tricou's Depesche über die Erklärungen des Vizekönigs der strengen Wahrheit entspräche, so müßte das allerdings als ein ent« Siebener Erfolg des Ministers des Auswärtigen Challemel-Lacour bezeichnet werden, aber vielfach herrscht die Meinung vor, daß Tricou die Aeuße- rungen des Vizekönigs wohl etwas optimistisch aufgefaßt habe; vielleicht wußte er auch, daß eine solche Depesche grabe in biesem Augenblicke bem Ministerium überaus angenehm sein mußte. Jn- bessen muß sich das ja bald genug Herausstellen
legenheit auf wie Rouher, als es sich um Mexico handelte, unb wie Ollivier, als er Frankreich in ben Krieg mit Deutschland hineintreiben wollte, aber wie diese kennt er seine Franzosen, unb da er die chauvinistische Saite anschlug, so kann es nicht wundern, baß er ein Mehr von ungefähr 170 Stimmen hatte.
Original-Novelle von Wilhelm van Linn.
Die Gräfin fuhr freundlich fort: „Wenn die Beweise, die Sie mir gebracht, mich nicht vollständig überzeugt hätten, so würde jetzt fein Zweifel "ehr bei mir aufkommen. Aber", fügte sie nach einigem Nachdenken hinzu, „ein großes Hinderniß stellt sich uns entgegen, die Herkunft den Betheilig- len zu verschweigen. Felix ist Erbe des Majorats und rch fühle mich verflichtet, sofort Schritte zu Mn, die ibn in seine Rechte einsetzen."
„Beruhigen Sie sich, Frau Gräfin, erwiderte er Schulte; „das Majorat hat für Felix keinen AbrtY; er hat einen besseren Theil erwählt. Darf eh bitten Einsicht von dem Briefe zu nehmen, oen ich heme von ihm erhalten habe. Sie werden styen, wie wenig Rang und Vermögen ihm jetzt $ -' cr bie Zukunft seiner Schwester sicher t5elieut steht .
Thränen netzten ihre Wangen, als sie das Schrei- oen durchlas.
Jobe geahnt, daß dieses das Streben des ungm Mannes sein würde. Wie danke ich dem Sil e*l ®ot*. sür das Glück, welches er mir am enbe meines Lebens bereitet hat. In wenigen gen werbe ich also die sehen, welche meinem 7°^en jetzt so treuer find. Werde ich aber Stärke 8 uug besitze« das Geheimniß nicht zu verrathen?" , re ber alte Optenholt davon nicht über» 9t gewesen, so würde er geschwiegen haben",
Ferry kennt seine Pappenheimer und weiß die Franzosen am rechten Fleck zu treffen. Ohne Zweifel hat die Kammer ihm nur recht gegeben, weil er ihr eingerebet, baß bie französische Ehre in Hin- terinbien auf dem Spiele stehe. Europa mag sich aus ber jüngsten Kammerdebatte bie Lehre ziehen, baß eine französische Kammer, so lange Frankreich Republik ist, mit bem Rufe: „bie Ehre Frankreichs ist engagirt", zu jedem tollen Streich hingerissen werden kann, und daß eine jede französische Regierung, wenn sie es für gut befindet, in Europa einen Krieg zu führen, die Kammern auf ihrer Seite haben kann, wenn sie den Chauvinismus anruft.
Im Lande allerdings wäre nichts unbeliebter, als ein chinesischer Krieg, unb auch die Deputirten würden sich nur unendlich schwer entschließen, zu einem solchen ihre Zustimmung zu geben. Vor etwa vier Monaten konnte eine solche Zustimmung nahezu undenkbar erscheinen, wie bie Lage sich aber jetzt gestalten würde, erscheint schon fraglicher. Mit Bewilligung des absoluten Vertrauensvotums haben
die von den Radikalen inszenirte Interpellation hat in Folge dessen und auch nicht am wenigsten wegen der matten, inhaltlosen Begründung Granets und ClemenceanS ein glänzendes Fiasko erlebt. Die Karniner nahm bekanntlich mit 339 gegen 160 Stimmen eine von Ferry gutgeheißene Tagesord- nung an, worin die Maßregeln ber Regierung als Wächterin ber Interessen, ber Rechte unb ber Ehre Frankreichs gebilligt und derselben das Vertraüeu auf ihre Festigkeit und Klugheit bei der Ausführung ausgesprochen ist. Ferry trat bei dieser Ge-