M 253. Montag, den 5. November 1883.
Fuldaer Jeitung.
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Deutsches Reich.
Fulda, 5. November.
Die gestrige Ausgabe der ,Nordd. Allgem. Ztg.' schließt einen schwungvollen Artikel über die beginnende Festwoche der Lutherfeier mit folgen« dem Paffus:
„Wenn aber die deutsche evangelische Christenheit den Manen Martin Luthers in diesen Tagen den Zoll ihres pietätvollsten Dankes entrichtet, so will sie dadurch ihren anders-konfessionellen Mitbürgern keineswegs auch nur im Geringsten zu nahe treten. Der Geist der religiösen Toleranz, der mit dem Geiste des wahrhaften Evangeliums Hand in Hand geht, hebt die deutsche Lutherfeier hoch hinaus über das Niveau konfessionellen Zwistes. Indem das evangelische Deutschland den großen Reformator feiert, verpflichtet es sich ja, treuer Hüter und Verwalter seines geistigen @rbe6 zu sein. Wie könnte es aber dieser Verpflichtung nachkommen ohne den Pflichten der Toleranz in gewissenhaftester Weise obzuliegen! So trägt denn die vierhundertjährige Jubelfeier, an deren Vorabend wir jetzt stehen, in sich selbst wohl die Gewähr dafür, daß kein Mißklang ihre schöne Harmonie stören werde."
Die obigen Worte sind gewiß recht schön gesagt. Wer aber verfolgt hat und weiß, iu wie gewisien- loser Weise von einer großen Zahl von Lutherverehrern bisher jede Gelegenheit benutzt worden ist, um die katholischen Gefühle auf's Tiefste zu verletzen, für den hat die Versicherung, daß „kein Mißklang die schöne Harmonie stören werde", nur den Werth einer akademischen Phrase, vielleicht nur dazu bestimmt, um gewissen maßgebenden Personen die Meinung beizubringen, es würde den „konfessionellen Mitbürgern keineswegs auch nicht im mindesten zu nahe getreten". Und wenn man, was wir bezweifeln, jetzt auch zur Einsicht käme, daß Toleranz denn doch die beste evangelische Tugend sei, so ließen sich damit die tausend und abertausend gedruckten Schmähungen und Beschimpfungen der katholischen Kirche nicht ausmerzen.
* (Jagdgesetz.) Gegenüber anderweitigen
D e r E r b e. 63
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
XIV.
Die höchste Freud', das tiefste Leid, Der Schlaf und Tod sie schweigen, Der Menschenzunge nur allein Ist diese Kunst nicht eigen.
E. Stoppelstern.
Die Gräfin Overham lehnte in ihrem Ruheseffel und lauschte gespannt den Worten des Schulte. Dieser saß ihr gegenüber an dem Tische, auf welchem mehrere Schriftstücke ausgebreitet lagen. Das freundliche Auge der Dame, welches trotz ihres hohen Alters den noch immer frischen Geist bekundete, ruhte lange unverwandt auf dem Portrait, welches über ihrem Schreibpulte hing. Ter Schulte hatte schon lange geendet, aber noch immer saß die Gräfin, die Hände in ihrem Schooße gefakten, in derselben Stellung. Endlich wandte sie sich dem Gaste zu und sprach: „Wer vermag in diesem merkwürdigen Zusammentreffen nicht das Walten der göttlichen Vorsehung zu erkennen. — Aber darf ich mir die Frage erlauben, welche Gründe Sie haben bestimmen können, mir erst jetzt von dem Vorhandensein der Nachkommen meines theu- ren Neffen Kunde zu geben, und mich so lange des Glückes zu berauben, die theuern Verwandten in meine Arme zu schließen?"
„Ich bitte die Antwort mir zu erlaffen, verehrte Frau Gräfin, und sich mit der Versicherung zu begnügen, daß ich nach Recht und Gewissen ge-
Mittheilungen, welche es als fraglich erscheinen laffen, ob ein neues Jagdgesetz dem Landtage vorgelegt werden würde, können die ,B. Pol. Nachr.' versichern, daß diese Frage bereits entschieden ist, Es wird ein vollständiges Jagdgesetz zur Vorlage gelangen und dürfte sich dasselbe nicht sehr wesentlich von dem zuletzt vorgelegten unterscheiden.
* (lieber das Frankfurter Dynamit- Attentat) hat sich der Kaiser ausführlichen Bericht erstatten laffen. Der Vorfall soll, so wird aus Berlin berichtet, auf den Monarchen den tiefsten Eindruck gemacht haben, denn man sei in den leitenden Kreisen nicht mehr darüber im Zweifel, daß der Ursprung desselben in der neuerdings wieder intensiver hervortretenden sozialistischen Bewegung zu suchen ist. Ob es gelingen wird, die Thäter zu ermitteln, wird in Berlin sehr stark angezweifelt, obwohl man allgemein der Ansicht ist, daß man es nicht mit der Thal einer einzelnen Person, sondern mit einem Complot zu thun hat, wenn auch die Ausführung des Bubenstücks den geschickten Händen eines Einzelnen anvertraut gewesen sein mag. Der Minister des Innern soll, nach einer Meldung der .Dresdener Ztg.' angeordnet haben, daß die von dem Polizeipräsidium zu Frankfurt a. M. für die Ermittelung der Thäter ausgesetzte Geldprämie eventuell bis auf 15,000 Mk. erhöht wird. — Es ist jetzt alles Ernstes von der Möglichkeit der Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Frankfurt die Rede. Fast unglaublich.
Berlin, 4. November.
* (Der deutsche Botschafter in London,) Graf Münster ist in der verfloffenen Nacht hier eingetroffen und heute Mittag vom Kaiser in längerer Audienz empfangen worden.
* (Bundesrath.) Freitag Nachmittag hat eine Sitzung des Bundesraths stattgefunden. Auf der Tagesordnung befand sich nur ein Gegenstand : die Ausführungs-Bestimmungen zur Literar- konvention mit Frankreich. Es verlautet, daß die Ausführungs-Bestimmungen nunmehr zur Annahme gelangt sind, und ihre Publikation binnen Kurzem erfolgen dürfte.
handelt habe. Wenn es mir gestattet wäre, Ihnen die Gründe darzulegen, so würden Sie dieselben vollständig billigen. Nur Frau Wisting und ich sind allein davon unterrichtet, und niemals wird ein Sterblicher etwas von uns darüber erfahren. — Ihnen, Frau Gräfin, fühlte ich mich verpflichtet, diese Freude zu bereiten. Sie, die ohne zu ahnen, wen sie pflegten und liebten, meinen Felix mit Wohlwollen überhäuft haben, nur Sie allein dürfen die frohe Kunde empfangen."
„Und Frau Ulrich und die Kinder sollen auch jetzt noch nicht erfahren, weffen Abstammung sie sich erfreuen?"
„Nein, Frau Gräfin, auch sie nicht; jetzt nicht und nimmer."
„Dem guten Erwin werden Sie das Glück doch nicht vorenthalten?"
„Erwin erwirbt des Glückes genug. Seine Braut besitzt die Schönheit und die Tugenden, welche die Frauen des Hauses Westerberg auszeichnen."
„Edler Mann", sprach die Gräfin gerührt, „ich unterwerfe mich Ihren Anordnungen. Wenn ich auch nicht die Motive kenne, die Sie veranlaffen, das Dunkel unaufgeklärt zu lassen, so genügt mir die Ueberzeugung, daß nur die triftigsten Beweggründe Sie dazu bestimmen, und ich danke Ihnen aus vollem Herzen für das Glück, welches Sie mir durch diese Nachricht bereiten."
„Dieses eine Wort, Frau Gräfin, bietet mir reichen Lohn für Alles, was ich geihan habe."
* (Eisenbahn-Einnahmen.) Was bisher über die Eisenbahn-Einnahmen für das laufende Jahr bekannt geworden ist, berechtigt zu der Annahme, daß bie?eiben zwischen 540 und 550 Mill, sich bewegen werden. Veranschlagt waren sie im Staatshaushaltsetat aus 509 Millionen.
* (Die Aufstellungen von Normal-Statuten für Arbeiter-Kranken kaff en), mit welcher Angelegenheit sich jetzt die zuständigen Bun- desraths-Ausschüsse beschäftigen, begegnet, so schreibt man der ,Nat.-Ztg.', erheblichen Schwierigkeiten. Die Ausführung würde von den Gemeinden oder Gemeindeverbänden besorgt werden müffen und hierbei machen sich große Verschiedenheiten geltend. Man will zunächst von den einzelnen Bundesstaaten die Aufstellung besonderer Entwürfe von Normal-Statuten einfordern und auf Grund dieser Entwürfe versuchen, zu einem einheitlichen Verfahren zu gelangen.
* (Der deutsche Handel im Orient.) Während in früheren Jahren die englische und französische Handelswelt den Orient nahezu ausschließlich beherrschte, gewinnt neuerdings auch der deutsche Handel zusehends an Terrain im ganzen Orient. Der deutsche Handel ist auf allen Gebieten im Orient einheimisch. — Von seinen Mit- beroerbern wird ihm das Zeugniß ausgestellt, daß er bei den großen öffentlichen Arbeiten bis zu den Artikeln des täglichen Levens die Intentionen der deutschen Politik im Orient vollkommen erfaßt und sich auch hier — wie neuestens in allen Weltheilen — als tüchtig und kühn zugleich bewährt habe. Mit leicht begreiflichem Jntereffe verfolgen daher alle am orientalischen Exportgeschäft bethei- ligten Kreise den Fortgang der in Oesterreich-Ungarn immer lebhafter werdenden Bestrebungen zwecks Regulirung des gesammten Donaulaufes, ein Werk, das in Verbindung mit dem Ausbau des orientalische» Bahnnetzes dem centraleuropäi- schen Handelsverkehr nach dem Morgenlande einen ganz außerordentlichen Aufschwung verleihen dürste.
* Münster i. W., 3. Nov. (Landtags- Ersatzwahl.) An Stelle des Amtsgerichtsraths v. Hatzfeld, welcher sein Mandat niedergelegt hat
„O nein, nein; wie kann das Haus Westerberg Ihnen jemals ihre uneigennützige Aufopferung und Liebe genug vergelten?"
„Das beseligende Gefühl, die Nachkommen jetzt wieder die Stelle einneymen zu sehen, die ihnen gebührt, und von diesen mit dem süßen Namen „Vater" beglückt zu werden, ist ein Lohn, der Alles tausendfach aufwiegt. Dann aber bitte ich nicht zu glauben, daß ich ganz ohne Egoismus gehandelt habe," fuhr er heiter fort. „Ich habe gedroht, meine Einwilligung zu der Verbindung zu versagen, wenn Frau Ulrich sich nicht entschließen würde, jetzt sofort dauernd ihren Wohnsitz hier zu nehmen. Sie wird das nette Haus in Vehlen bewohnen, welches ich von dem Herrn Lüttche gekauft habe."
Der Blick der Gräfin, welcher mit der innigsten Befriedigung auf dem redlichen Landmanne ruhte, glitt von ihrem Gaste wieder auf das Bild und verweilte lange auf den edle» Zügen, als sie plötzlich lebhaft ausrief: „Herr Opkenholt, jetzt begreife ich, warum mein Auge fo oft, wenn Felix bei mir war, von feinen Zügen auf das ’Hlö wanderte. Sehen Sie, die Aehnlichkeit ist unverkennbar."
Der Schulte richtete fein Auge auf das Portrait, welches er feit jenem Tage immer mit einer gewisien Scheu betrachtet hatte. Jetzt fchienen ihn wirklich die freundlichen Augen feines Felix anzulächeln.
(Fortsetzung folgt.)