JH 251. Freitag, den 2. November 1883.
Fuldntr W Itikung.
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* Allerseelen!
Möchte wissen, wenn ich einst Begraben werde sein, Und auf meinem Grabe steht Ein Kreuzchen oder Stein, — Und man vor Riedgras kaum Das Grab zu sehn vermag, Ob sie dann kommen wird Am Allerseelentag, Ob sie den feuchten Blick Wohl senket niederwärts, Ob sie bei sich nicht denkt: Hier ruht ein treues Herz, Ob sie um meinen Stein Ein kleines Kränzchen flicht, Ob sie für meine Ruh' Ein Vaterunser spricht?---
So klingt es fragend und schmerzlich in dem seelenvollen Liede, und so mag wohl Mancher fragen und sorgen, wenn er des Tages gedenkt, der auch für ihn einmal kommen wird, früh oder spät, der Zeit, wo auch seine Gebeine drüben auf dem stillen Friedhof unter dem Rasen ruhen, wo eine kommende Generation sorglos und unachtsam über sein Grab dahin schreitet. Und doch wird wohl selten oder nie ein Mensch zur letzten Ruhe gebettet, dem nicht ein Wesen aus der Welt in Liebe und Verehrung nachtrauert, und darum hat der Dichter gewiß Recht, wenn er der bangen '"Frage das „Gewiß, sie (er) wird wohl •öMnwtt, zu beten auf Dein Grab" eutgegenstellt. — Es ist wahr, die Lebenden vergessen schnell, oft allzu schnell der Todten; der Schmerz um einen hinübergegangenen theuren Angehörigen tritt meist gar bald vor dem neu erwachenden Interesse für die Umgebung und die Welt, oder aber vor dem verantwortlichen Gefühl der Pflicht gegenüber den Hinterlassenen zurück, wenn auch der schlimme Stachel noch lange in der Wunde zurückbleiben mag. Die Zeit lindert alles Leid, und wenn man mit echt christlichem Sinn Leben und Tod, das Diesseits und Jenseits richtig erfaßt, so muß die verzweifelnde Trauer-Stimmung schon bald in dem Tröste der dereinstigen Wiedervereinigung und in dem Gebet für die Seelen der theuren Verstorbenen aufgehen.
Der Erbe. $i
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
„Also eine förmliche Werbung des Fräulein — wie heißt doch wieder der Name der hochgeborenen Dame?" klang die spöttische Frage des Grafen.
„Johanna Ulrich," erwiderte der Schulte in unverwüstlicher Ruhe. — „Wünschen Ew. Gnaden auch die Namen der Voreltern zu wissen?"
„Ha, ha," lachte der Graf gezwungen auf; „lohnt sich nicht, den Stammbaum kennen zu lernen. Die Sache hat wirklich eine spaßhafte Seite."
„Ihre Lustigkeit ist Maske, Herr Graf. Ich glaube das Recht zu haben, Sie daran erinnern zu dürfen, nicht das Lebensglück Ihres edlen, vortrefflichen Sohnes, das Glück einer jungen Dame, die sich zwar nicht eines hohen Namens erfreut, aber an Adel der Seele vor Niemand zurückzutreten braucht, einem Vorurtheil zu opfern."
„Sie mißbrauchen die Güte, welche man Ihnen hier erzeigt hat, Herr Optenholt. Ich wünsche die Unterredung beendigt. Sie werben in aller Form und ich lehne entschieden ab."
„Ich bitte, Herr Graf, nehmen Sie Ihr Wort zurück. Sie ahnen die Tragweite nicht, welche dieses Wort in sich schließt. Ich werde gern bereit iun, Ihre Entfcheidung mir später einzuholen, wenn es Ihnen beliebt, sich mit der Frau von Bönagel in Verbindung zu setzen. Wenn meine Aussagen Uch nicht bewahrheiten, werde ich bereitwilligst zu- vückstehen."
Es liegt ein so übernatürlicher und doch auch wieder ein so menschlicher, zum Herzen sprechender Trost in der katholischen Lehre vom Gebet für die Seelen im Reinigungsort, sowie in der ganzen katholischen Auffassung des Verhältnisses der Verstorbenen zu den Lebenden. Am Allerseelentag tritt diese selbst von den Andersgläubigen, wenn auch nicht der Ueberzeugung nach getheilte, so doch still bewunderte und fast unwillkürlich mitempfundene katholische Auffassung besonders klar in die Erscheinung. Nicht nur in der Kirche gedenken die gläubigen Katholiken in frommem Gebete der Seelen der Verstorbenen, insbesondere natürlich ihrer näheren Angehörigen, — nein, auch die Stätte, wo der vergängliche Staub in der Erde modert, wird zum Schauplatz des rührenden Gedächtnisses der Todten. Und wie der Mensch nun einmal alle seine inneren Empfindungen zunächst und am liebsten auch durch äußere Formen und sichtbare Zeichen kundgibt, so wird auch hier das Andenken der lieben Verstorbenen durch reichen Schmuck der Gräber, durch Blumen und Kranzspenden, und in vielen Gegenden zur Abendzeit auch durch brennende Lichter, Laternen und Fackeln gefeiert, und der stille, einsame Todtenhof wird für kurze Zeit zum Sammelpunkt des Verkehres. Langsam und mit ehrfurchtsvollem Flüstern, in ruhiger Sammlung geht der Zug der Menschen ,n i-tii <51 irjfw'Ti tnrhi*:, wttk bnrt fttieen
die Lebenden nieder auf den Rasen und sprechen ein Gebet für die entschlafenen Eltern oder Geschwister, Freunde oder Bekannten. Und wer noch so sehr vergeffen sein mag in der rastlosen Unruhe des Lebens, weffen Name sonst kaum noch genannt wird, am Allerseelentage wird seiner gedacht, am Allerseelentage schweift das geistige Auge so gerne zurück in vergangene Zeiten, wo alles so ganz anders war, und ganz andere Menschen auf Erden schafften und sich mühten und sorgten um das tägliche Brod.
Nach dem Willen der Kirche soll der Allerseelentag ein Tag des Ernstes und der Trauer sein, der unfern Blick hinableitet an den Ort der Reinigung, und wie sie den Seelen im Fegfeuer täg-
„Nun ist es genug, Herr!" rief der Graf wüthend, während seine Hand mit einer Reitpeitsche spielte, die auf dem Tische lag. „Meine Geduld ist erschöpft; nur die Stellung, die Sie bis heute im Schlosse eingenommen haben und Ihr Alter schützt Sie, daß ich die Frechheit nicht ahnde, wie es sich gebührt."
Der Schulte erhob sich ruhig und trat dicht an den Grafen heran. Sein Auge ruhte zuerst mitleidig auf denselben, dann nahm es einen drohenden Ausdruck an.
„Herr Graf!" rief er mit feierlicher Stimme, „um Gottes, um Ihretwillen nehmen Sie das Wort zurück."
„Hinaus!" rief der Graf in höchster Wuth, indem er konvulsivisch die Peische in der Hand drehte.
„Gott ist mein Zeuge," rief der Schulte, „daß ich alle Güte versucht. Jetzt bleibt mir nichts übrig, als Sie zu zwingen."
„Zwingen?!" rief der Graf in sinnloser Wuth, und hernieder sauste die Peitsche nach dem Haupte seines Gegners.
Gewandt ergriff der hochgewachsene Landmann die Hand des Grafen mit der Linken, bevor der Schlag ihn treffen konnte und entriß ihm die Peitsche, während seine Rechte des Grafen Schulter faßte und ihn wie ein hülfloses Kind in den Seffel schleuderte.
„Ja, zwingen werde ich Dich, ehrloser Schurke mit hochtönendein Namen," donnerte der Schulte, dessen ruhiges Blut endlich in Wallung gerathen
lich in ihrem Opfer und Gebet zu Hülfe komm), so hat sie den Allerseelentag eingesetzt, damit alle ihre Kinder auf Erden der abgeschiedenen Seelen im Reinigungsorte in frommem Gebete gedenken. Sie hält an diesem Tage ein feierliches Todtenamt für alle Verstorbenen, betet für sie die priesterlichen Tageszeiten, führt die Gläubigen hinaus auf den geweihten Gottesacker, heißt sie niederknien auf den Gräbern der Entschlafenen und fordert sie auf, für ihre Seelenruhe zu beten. Und in dieses Gebet sind alle eingeschlossen, die des Gebetes bedürftig sind, auch diejenigen, deren auf Erden Niemand besonders gedenkt, deren Namen und Andenken verschollen und vergessen ist. Die Kirche kommt auch zu ihnen, zu beten auf ihr Grab, sie ist ja die Mutter aller Verlassenen und Vergessenen.
Der Allerseelentag ist aber für die gläubigen Katholiken ein Tag nicht nur der innerlichen Trauer und Sammlung, er soll auch äußerlich streng und heilig gehalten werden, alle rauschenden Vergnügen, alle Belustigungen sollen schweigen, das „memento mori“ soll sich dem Lebenden besonders klar und verständlich aufdrängen. Der Allerseelentag und der Besuch der Gräber soll uns eine recht lebhafte Mahnung fein, wie doch alles vergänglich, eitel und Staub ist, wie wir jeden Augenblick gewärtig sein müssen, daß der Tod auch in die Sn-iqkcit abdernst, w-k ■— wenig wir im täglichen Leven, int jungen nach irdischer Glückseligkeit, dieser zweifellosen Möglichkeit Rechnung tragen.
Für den Freigeist, der an kein Jenseits und an kein Wiedersehen nach dem Tode glaubt, ist der Friedhof eine öde, eine trostlose Stätte, die er seinem Auge möglichst weit entrückt wünscht, das Grab ist für ihn das Ende aller seiner Hoffnungen und Wünsche. Ganz andere Gedanken erweckt der Allerseelentag und der Anblick der Gräber in dem gläubigen Christen. Für ihn ist der Tod der Hinübergang in die Ewigkeit, für ihn sind die Verstorbenen nicht todt, sie leben ewig. Er schöpft bei allem Schmerz der Trennung Trost in dem Bewußtsein, daß er die Dahingeschiedenen wiedersehen wird,
war; „zwingen, auf Deinen Knieen mich anzuflehen daß ich Deinem Sohne mein geliebtes Kind ar vertraue. Nur Deinem edlen, wackern Sohne, der Dir so ähnlich sieht, wie das Gute dem Bösen, hast Du es zu danken, daß ich Milde übe!"
Er nahm seinen Stuhl und rückte ihn dicht an den Grafen heran, der wie ein gezüchtigter Bube noch immer nicht wagte, die Augen zu erheben.
„Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen, Herr Graf, eine wahre, und wenn ich diese beendet, dann werden die Rollen vertauscht sein, und Sie mich um die Hand Johanna's bitten" — begann der Schulte.
„Es lebte vor Jahren ein edler Mann, der ein thörichtrs eitles Weib zur Gattin hatte uud von dieser verlassen wurde. — Der Schmerz und die Schande trieben den Betrogenen in den Krieg. Von schwerer Verwundung endlich genesen, kehrte er als gebrochener Mann zurück. Die Leiden machten fein Herz milder; es regte sich Mitgefühl für die, welche ihn so schwer beleidigt, und Sehnsucht nach dem einzigen Kinde, welches die Elende mitgenommen hatte. — Einen Freund betraute er damit, Erkundigungen über die Verschollenen einzuziehen; der vermeintliche Freund war ein Verräther, welcher bei seiner Rückkehr fälschlich den Tod des Weibes und Kindes verkündete. — Aber auch das elende Weib kam zur Erkenntniß seiner Schuld. Flehend beschwor sie, die in fremdem Lande sich befand, den gekränkten Gatten um Verzeihung, um Schutz