Dienstag, den 30. Oktober
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Der Erbe.
Mit dem 1. November eröffnen wir ein Abonnement für zwei Monate znm Preise von 1 Mark ohne Bestellgeld. Bestellungen werden durch die Expedition, die Postanstalten und auch durch die Landbriefträger entgegen- geuommen.
Deutsches Reich.
Fulda, 30. Oktober.
• (Parlamentarisches.) Mit ziemlicher Bestimmtheit tritt jetzt in den Blättern die Angabe auf, daß der Landtag am 20. November, der Reichstag am 15. Januar k. I. berufen werden soll, und zwar aus dem Grunde, weil der Kaiser die Grundsteinlegung des Reichstagsgebäudes für den historisch wichtigen 18. Januar anberaumt haben soll. An sich hat die Angabe nicht viel Wahrscheinlichkeit. In der Zeit vom 20. November bis 20. Dezember, mit welchem Tage die Weihnachtsferien des Landtages spätestens zu beginnen pflegen, ist es nicht möglich, über die einleitenden Arbeiten hinwegzukommen. Vor dem 8. oder 9. Januar können die Arbeiten nicht wieder beginnen, und wenn der Reichstag am 15. Januar kommen sollte, so würde der Wirrwar des Zu- 'ammentagens beider Parlamente nicht zu umgehen sein. — Es ist wiederholt mitgetheilt worden, daß der Minister für die öffentlichen Arbeiten bezüglich der Kanalbauvorlage eine ziemlich zurückhaltende Stellung eingenommen hat. Nun sind von verschiedenen Seiten mit Hinweis auf die geringe Mehrheit, mit welcher das Herrenhaus die frühere Kanalvorlage abgelehnt hatte, Vorstellungen ergangen, die letztere unverändert wieder einzubringen. Es scheint, daß diese Bemühungen nicht ganz vergeblich gewesen sind, da die Frage über Zulässigkeit einer neuen Vorlegung wenigstens in Erwägung gezogen wird, ob und mit welchem Erfolge, ist noch nicht abzusehen. Bekanntlich hat der Minister den Wunsch, daß die Initiative zur Wiedcreinbringung der Vorlage aus dem Schoße eines der beiden Häuser hervorgehen möchte. —
Original-Novelle von Wilhelm van Linn.
„Herr Graf," sprach der Schulte ernst, „wenn der Charakter Ihres Herrn Vaters auch nicht angelegt ist, viel Gefühl zu äußern, so glaube ich doch annehmen zu dürfen, daß er darum Sie nicht weniger liebt."
„Wie er mich liebt," entgegnete Erwin bitter, „davon hat er mir jetzt den Beweis geliefert; cs ist für uns Beide und auch für Andere bester, wenn wir uns trennen" —
„Herr Optenholt," fuhr Erwin uach einer Pause fort, indem glühende Röthe seine bleichen Wangen überzog, „ich fühle mich verpflichtet, Ihnen die Ursache anzugeben, welche mich von hinnen treibt."
Erwin berichtete nun ausführlich über die Er- lebniste im letzten Jahre und fügte dann hinzu: „Auf dem Schlößchen und im stillen Forsthause habe ich kennen gelernt, was Familienglück ist; dort habe ich das Wesen gefunde>l, besten Bild in meinen Träumen mir vorgeschwebt hat. — M in Vater ist befangen vom Egoismus, vom Vormtheil der Geburt und opfert eher das Glück und Leben seines Sohnes, als daß er seinen starren Sinn beugte. — Ich preise Gott, daß ich mich meiner theuern Johanna noch nicht erklärt habe. Sie ahnt den Schmerz nicht, der mein Herz zerreißt. Ich werde "ach Wien gehen und unter die Fahnen des erlauchten Hauses Habsburg treten."
„Ich habe gefürchtet, daß es fo kommen würde,
als ich davon hörte, daß Sie auf dem Schlößchen verkehrten. Johanna verdient allerdings die Zuneigung eines edlen Mannes. Sie hätten aber Ihren Rang und Stand bedenken sollen, Herr Graf; es ist nicht wohlgethan, die alten Traditionen der Familie außer Acht zu lasten, und ich fürchte daher, daß Sie den Herrn Grafen zu hart beurteilen."
„Sie sagen mir das, Herr Optenholt, Sie, der Sie den Werth des Fräulein Ulrich kennen? — Auch ich schätze den Stand, dem anzugehören ich die Ehre habe; ich bin aber nicht verblendet genug, den Adel der Seele nicht noch höher zu schätzen, als den der Geburt. — Nun Johanna meine Braut nicht werden kann, erkiese ich als solche mir das Schwert. — Nichts kann meinen Entschluß ändern." — „Leben Sie wohl," fuhr er sich erhebend fort, wobei eine Thräne in das männliche Auge trat, „und gedenken Sie meiner in Liebe."
Der Schulte ergriff die dargereichte Hand und blickte bewegt in das ehrliche Antlitz seines Gastes. ,Herr Graf, würden Sie dem alten Optenholt eine Bitte gewähren, die Sie leicht erfüllen können?"
„Wenn'mein kurzer Aufenthalt es mir gestattet, recht gerne."
„Verschieben Sie Ihre Abreise um zechs, nein, nur um vier Tage."
„Zu welchem Zwecke?"
„Ich bin alt ; es ist vielleicht die letzte Bitte die "ich an Sie richten kann."
„Sie sei Ihnen gewährt; auf Wiedersehen.
Hinsichtlich des Kommunalsteuergesetzes haben Vorarbeiten begonnen, welche in Anlehnung an das vorhandene Material in kurzer Zeit zu endgültigen Ergebnissen führen können. Das in Aussicht genommene Arbeitspensum für den Landtag ist überaus umfangreich und es ist schon jetzt abzusehen, daß die Regierung genötigt sein wird, einen erheblichen Theil davon zurückzustellen.
* (Ersatzwahl.) Bei der gestern int Wahlbezirk Ahaus-Steinfurt stattgehabten anderweiten Wahl eines Abgeordneten an Stelle des Abgeordneten Grütering, welcher sein Mandat niedergelegt hat, erhielt Amtsgerichtsrath Brandenburg (Centrum) 253 Stimmen und der Oberlandes- gerichts-Präsident, Staatsminister a. D. Falk (Freikonservativ) 15 Stimmen. Der Erstere ist sonnt gewählt.
• Neuruppin, 28. Okt. (S chinkeldenk- rn al.) In Anwesenheit des Geh. Regierungs- ratbs Dr. Jordan aus Berlin, sowie der von der Königlichen Kunstakademie und der technischen Hochschule in Berlin, ingleichen von dem Berliner Künstlerverein entsendeten Deputationen fand heute Mittag 12 Uhr hier die feierliche Enthüllung des Schinkeldenkmals statt.
* München, 29. Okt. (Die Kammer der Abgeordneten) bewilligte den außerordentlichen Militärkredit von nahezu einer Million Warkmach dem Antrag des Ausschusses mit 136 gegen 1 Stimme.
» Mannheim, 29. Okt. (Bei der heutigen Landtagswahl) in Eberbach wurde Kiefer (katholische Partei) mit 65 Stimmen gegen Blum, der 63 Stimmen erhielt, znm Abgeordneten gewählt.
* Stuttgart, 29. Okt. (Die Abreise des Königs) nach San Remo findet am 8. Nov. statt. Die Erholung des Königs machte in den letzten Monaten erfreuliche Fortschritte und obgleich der König wegen eines Katarrhs derzeit besonderer Schonung bedarf, läßt sich doch hoffen, daß ein längerer Aufenthalt im Süden ihm voll- ständig Genesung bringen wird.
Belgien.
* (Die leidige Programmfrage) ist in Belgien noch immer nicht erledigt. Je mehr sich das ,Journ. de Brux.' und die Brügger .Patrie' gegen die Aufstellung eines Parteiprogramms der Rechten erklären, desto eifriger bringt fast die ge- fanunte übrige kathol. Presse darauf. Wir stehen, wie wir schon erklärten, prinzipiell auf Seiten der letzteren Blätter, denn je klarer die katholische Rechte ihre Forderungen den Wählern vorträgt, desto eher hat sie aus Unterstützung zu rechnen. Die Zeit der Entscheidung ist für Belgien nach der fünfjährigen liberalen Mißwirtschaft doch wahrlich gekommen. Bester wäre es gewesen, wenn die katholische Rechte selbst ein Somit e mit der Aufstellung des Programms beauftragt hätte und so der erregten Zeitungspolemik zuvorgekommen wäre. Weil das leider nicht geschehen ist, so haben die öffentlichen Blätter die Ausstellung des Programms in die Hand genommen. Das vorn .Konstitutionnel' aufgestellte und von dem Brüsseler ,Kour.', sowie dem Genter ,Bien public' gebilligte Programm enthält folgende Grundforderungen: Die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen zum bl. Stuhl; die Aufhebung des Volksschulgesetzes vom l.Juli 1879; die Schulfrage soll selbstständig von den Gemeinden im Einvernehmen mit den Eltern geordnet werden; das Unterrichtsministerium.ist überflüssig uvd daher zu beseitigen'; das Wahlrecht muß innerhalb der Gren- zcn der Verfassung ausgedehnt werden; Gemeinden und Provinzen müssen mehr Rechte erhalten, die Schöffen von den Gemeinderätheii ernannt werden; die Geistlichen müssen wieder frei fein vom Milizdienst; die ungerechter Weise gesperrten Gehälter der Geistlichen müsten wieder gezahlt werden rc. Die Schlußforderung ist: Verminderung der Steuern durch Verzicht auf alle unnötigen Ausgaben.
Frankreich.
• (Für unsere Dam en.) Unter dem Titel „Ein gewisses Etwas" läßt sich der Pariser.Voltaire' vernehmen: „Mehrere überrheinische Blätter beschwören die deutschen Damen, ihre Kleider nicht mehr aus Paris zu beziehen. Werden die Berline-
Bewegt schaute der Schulte dem davonsprengenden jungen Manne nach. „So mögen denn die Würfel fallen," sprach er vor sich hin und kehrte in seine Stube zurück.
„Herr Optenhott läßt um die* Ehre bitten, von dem Herrn Grasen empfangen zu werden," sprach der alte Franz, in das Arbeitszimmer des Grafen Rinteln tretend.
„Herr Optenholt?" erwiderte der Graf, erstaunt von seinem mit Schriften bedeckten Schreibpult aufschauend. „Du wirst den Herrn wohl nicht richtig verstanden haben, da er wahrscheinlich den Grafen Ermin zu sprechen wünscht, der ja einmal die Marotte besitzt, mit dem Bauer zu verkehren."
„Der Herr Graf wollen entschuldigen; es ist so, wie ich sagte."
„Führe ihn in's Parloir, Franz; — ober laß ihn nur hier eintreten. Der alte Schleicher wird mich wohl nicht lange behelligen," murmelte er zwischen den Zähnen.
Dem Grafen, noch beherrscht von dem Eindruck, den die Unterredung mit seinem Sohne hinterlassen hatte, war der Besuch des Schulte gleichsam erwünscht, da ihm hierdurch vielleicht Gelegenheit geboten wurde, seinen Grimm an dem ihm nun doppelt verhaßten Bauern auszulaffen. Er fuhr sogar noch eine Weile in seiner Arbeit fort, als Franz den Schulte einführte. Unwillkürlich erhob er sich aber, als fein Blick auf die ehrfnrchtgedie-