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1883

Montag, dm 29. Oktober

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Der Erbe.

die Diözese Fulda an die Reihe käme, fo hegt darin eine, mir möchten fast sagen, ab sicht lrche Verkennung der thatsächlichen Verhältnisse. Wer nur einigermaßen mit den seelsorglichen Zustanden unserer Diözese vertraut ist, weiß, daß die Umsicht und rastlose Fürsorge der Bischöflichen Behörde schon seit längerer Zeit eine Art Nothseelsorge er» möglich! hat, indem alle irgendwie verwendbaren Priester an Sonn- und Feiertagen die verwaisten Gemeinden aussuchten. Durch diese und andere hier nicht näher zu erörternden Umstände hat gerade die Diözese Fulda seit der Wiederbesetzung des bischöflichen Stuhles sich weit besserer kirchlicher und seelsorglicher Zustände erfreuen kön­nen, als irgend eine andere preußische Diözese. Um so ungerechter und tadelnswerther ist daher nach Lage der Dinge der in dem Schluß­sätze obiger Korrespondenz enthaltene, in feiner Adresse leider nur zu klare Vorwurf, daß „gleich­wohl Alles einen recht langsamen Gang habe, zumal da die „ganz verwaisten Pfarreien so sehnsüchtig einen Geistlichen erwarteten und so gern einen solchen in ihrer Mitte gesehen hätten . Man möge jetzt nicht etwa nachträglich versuchen, den „langsamen Gang" auf die allgemeinen von allen braven Katholiken tief bedauerten Kul» turkampfszustände deuten zu wollen. Die Beziehung j auf die obige Hilfsstellenbesetzung geht aus dem Zusammenhang und auch aus dem gewählten Aus­druck unzweideutig hervor. Wir können übrigens nicht verhehlen, daß diese keiner anderen Diözese gegenüber beliebte Manier dG kritischen Splirter- richterthums auf die jeweiligen Veranstalter der fast sprüchwörtlich gewordenen Fuldaer-Bischofs- Artikel einen sehr unangenehmen Schalten zmück- wirft. Der Rest ist Schweigen.

* (Ersatzwahl.) An Stelle des verstorbenen Landtagsabgeordneten Pfarrers Scholz wurde am 27. d. für den Wahlbezirk Reurode-Glatz Habel- schwerdt der Amtsvorsteher Franz Hartmann in Labitsch (Gentrum) mit 478 Stimmen zum Abgeordneten gewählt. Der Gegenkandidat, Land- genchtsrath Sack in Liegnitz (liberal) erhielt 26 Stimmen.

dien ausführen konnte, so habe ich nicht länger ge­zögert. Nicht wahr, Sie machen mir das Ver­gnügen, bis zum schiefen Kreuz mitzufahren?"

Es war ein wohlthuendes Gefühl für den Schulte, während der Fahrt zu hören, mit welcher Hoch­achtung und Verehrung der junge Mann von Frau Ulrich und dem Geschwisterpaar redete, und er fand die Berichte, die erstere und Frau Wisting ihm gemacht, vollständig bestätigt. Da er von dem Briefwechsel des jungen Grafen mit seinem Vater nicht unterrichtet war, so konnte er sich nicht er­klären, was den lebensfrohen jungen Mann unter diesen Verhältnissen so auffallend ernst und trübe stimme.

Als er am schiefen Kreuz Abschied von dem jun­gen Herrn nahm, erhielt er die Zusage eines bal­digen Besuches.

Er war indesien sehr erstaunt, als bereits am nächsten Tage Ermin in den Hof sprengte. Die gute Frau Optenholt und ihr Sohn, welche den jungen Herrn auf das freundlichste begrüßten, fühl­ten bald, daß sein Herz, ungeachtet der aufrichtigen Freude, die er über das Wiedersehen bekundete, mit Kummer belastet sei, und zogen sich bald zurück.

Sobald die beiden Männer allein waren, ergriff Erwin die Hand des Hofbesitzers und sprach: „Wenn ich gestern Ihnen nicht das Versprechen gegeben hätte, Sie zu besuchen, so würde ich aus das Ver­gnügen haben verzichten müssen, da ich komme Ab­schied, und zwar auf lange Zeit, zu nehmen."

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Deutsches Reich.

Fulda, 29. Oktober.

% Der .Germania' wird von einem hiesigen ^-Korrespondenten Folgendes gemeldet:

„Fulda, 25.Okt. Endlich fängt auch in un­serer Diözese das Eis des Kulturkampfes etwas an zu brechen, indem auf einzelne Pfarreien Hilfsgeist- liche ziehen, so z^B. nach der verwaisten Pfarrei Eichenzell Herr Religionslehrer Füller aus Fulda, nach der durch die Versetzung des seitherigen Inhabers an das Domkapitel pfarrlosen Pfarrei Johannis­berg Herr Seminarlehrer Dr. Kircher, nach der Pfarrei Ulmbach Herr Hilfspriester Kling, nach der Pfarrei Großenlüder Herr Hilfspriester Dr. Fischer. Gleichwohl hat alles einen recht langsamen Gang, zumal für die jetzt arbeits- und segensvolle Zeit, wo die ganz verwaisten Pfar- reien so sehnsüchtig einen Geistlichen erwarteten und so gern einen solchen in ihrer Mitte gesehen hätten."

Die thatsächlichen Mittheilungen der Kor­respondenz sind richtig und ließen sich auch noch erweitern und ergänzen. Diese hier so ziemlich allgemein bekannten Verhältnisie sind es auch nicht, welche uns zu einer kleinen Randbemer­kung zu der obigen Notiz veranlaßen. Der An­fangs- und Schlußsatz bedarf jedoch einer kurzen Beleuchtung. Wenn mit dem „Endlich beginnt auch in unserer Diözese das Eis des Kultur­kampfes zu brechen" für Nichtunterrichtete der Schein erweckt wird, als ob in anderen Diö­zesen schon länger das Eis des Kulturkampfes zu brechen begonnen habe^'und nun endlich auch

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

Bewegt blickte Erwin in das treue Freundes­auge ; dann ergriff er die Hand seines Begleiters, erhob sich und sprach:

„Nun laß uns aufbrechen; ich habe Dich und die Liebe Deiner guten Schwester. Genug des Glückes für ein armes Menfchenherz."

Ein recht lebhafter Briefwechsel war im Laufe des Sommers zwischen dem Schulte und der Fa­milie auf dem Westerwald geführt worden; auch waren mehrere Briefe aus einem kleinen Orte Braun­schweigs auf Optenholt eingelaufen. Der Schulte kehrte eben von einer Reife zurück, als er beim Aussteigen auf der Station den alten Franz mit dem Kutscher beschäftigt sah, Reisegepäck auf den Wagen zu verladen. „Na, Franz," redete er den Alten an, „ist Besuch für Westerberg eingetroffen?"

„Der junge Herr ist eben mit dem Zuge ange­kommen ; dort steht er."

Als der Schulte auf den jungen Mann zuschritt, der träumend in die Ferne starrte, erschrak er fast, als er in das ernste, bleiche Gesicht sah. Sobald Erwin den redlichen Landmanu erkannte, flog ein freudiger Strahl über sein Antlitz; herzlich reichte er seine Hand demselben entgegen und sprach: „Ich bringe die herzlichsten Grüße von unserm Felix, der erst über einige Wochen mir folgen wird. Man­cherlei drängte mich, schon früher nach Hause zu reisen, und da ich dieses unbeschadet meiner Stu»

* (Die Frage der Arbeiterkolonien) kam am Donnerstag bei der Jahresversammlung des Nordwestdeutschen Vereins für Gefängnißwesen zur Verhandlung. Angenommen wurden folgende Thesen: 1) Die gegen das Vagabundenthum ge­richteten strafgesetzlichen Vorschriften sind im Wesent» lichen keineswegs ungenügend, vorausgesetzt, daß dieselben ausgiebig gehandhabt werden. 2) Arbeiter­kolonien nach dem Muster von Wilhelmsdorf und Kästorf bilden ein äußerst werthvolles Mittel zur Bekämpfung des Vagabundenthums.

Berlin, 27. Oktober.

* (Der Kaiser) ist Abends 8 Uhr wohlbe­halten aus Wernigerode hier eingetroffen. Er wurde in Halberstadt und Magdeburg durch die Generalität, die Offizierskorps und Behörden begrüßt.

* (Prinz Heinrich von Preußen) ist an Bord der „Olga" glücklich in Trinidad eingetroffen.

* (Der Botschafter Fürst Hohenlohe) begab sich gestern zum Besuch Bismarck's nach Friedrichsruhe. ,

* Breslau, 26. Okt. (Die Rückkehr des H e r r n F ü r st b i s ch o f s) wird der .Schles. Volks;.' zufolge, wahrscheinlich noch vor dem Feste Aller­heiligen erfolgen.

» Weimar, 26. Okt. (Zur neuenSteuer- öorlage.) Die Regierung hat mit ihrer neuen Steuervorlage Glück gehabt; schon bei der gestri­gen ersten Lesung war man von allen Seiten, so­wohl mit dem Prinzip der progessiven Steuerstufen wie damit einverstanden, daß eine Steuerbefreiung der untersten Klaffen nicht eintreten solle: auch der arme Mann dürfe nicht als ein untergeordneter Staatsbürger dastehen, er solle aber nur wenig zahlen, weil er überdies schon durch dieindirekten Steuern stark getroffen werde. Der vom Mini­stertisch aus kundgegebenen Ansicht, daß auch eine Befreiung vom Schulgeld nicht Platz greifen solle, wurde jedoch von liberaler Seite widersprochen. Die Schulgeldfrage hat aber bei der jetzigen Vor­lage keine praktische Bedeutung, sie wurde nur gestreift. Das Gesetz wird wahrscheinlich mit nur wenigen Modifikationen angenommen; vorerst ist es zur Kommissionsberathung gestellt worden.

Aufs Aeußerste überrascht, blickte der Schulte in das erregte Gesicht seines Gastes und erkundigte sich teilnehmend nach der Ursache, welche ihn zu diesem unerwarteten Entschluffe veranlaßte.

„Es sind Ereigniffe eingetreten," erwiderte Erwin bitter, „welche ich bester nicht berühre."

„Wie schmerzlich wird Felix Ihre Abwesenheit empfinden; vor kurzer Zeit erhielt ich noch einen Brief von demselben, worin er seine Freude aus­sprach, die Herbstferien mit Ihnen vereint hier zu- bringen zu können."

„Der gute, glückliche Felix," sprach Erwin vor sich hin; „ihm öffnen sich alle Arme, wenn er heim­kehrt, und für mich schlägt kein Herz mehr auf Westerberg."

Der Schulte, welcher ahnte, was den jungen Mann so niederbeugte, erwiderte theilnehyend: „Es würde sich nicht ziemen, Herr Graf, mich in Ihr Vertrauen einzudrängen, aber ich möchte Sie bit­ten, vorher Alles reiflich zu überlegen. Die Ju­gend ist oft zu rasch in ihren Entschlüssen."

„Denken Sie das nicht, ich habe reiflich überlegt." „Aber auch Alles erwogen? Bedenken Sie auch, welchen Schmerz Sie Ihrer Großtante, deren Tage gezählt sind, Ihrem Vater, desten einziger Sohn Sie sind, bereiten weiden?"

„Allerdings wird die Gräfin mich venmsten, aber nicht mein Vater, der seinem Kinde nie Liebe er­zeigt hat."

(Fortsetzung folgt.)

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