M 246.
Itilung
Li- »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne BAnS°rl°hn "nd Bestellgeld: 1 Mk. SO^Pfg., - mit der 0 6ptietrtftifd>en Wockenbeilaae .Sterne und Blumen' m Fulda 1 Mk. <0 Pfg., auswärts 1 M. 75 Psg.
Inserate: Die viersvalttge Zeile oder deren Raum 15 Pia., sog. Platzannoncen 10 Pfq.: bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Fulda, 26. Oktober.
* (Kardinal Hohenlohe und die liberale Presse.) Die liberale Presse ist unerschöpflich in Nachrichten über den Kardinal Hohenlohe. Etwas mehr Vorsicht und Kritik wäre doch in ihrem eigenen Jnteresie geboten. Wenn z. B. der vielgepriesene L-Korrespondent des ,Berl. Tagebl.' die Telegraphenkosten aufwendet für den schlechten Scherz der .Rassegna', daß der Kardinal sich in ein Benediktinerkloster zurückziehen wolle und deshalb den Papst um ein Exemplar seiner Kanzelreden gebeten habe, so gehört dazu doch schon ein hoher Grad von Kritiklosigkeit. Noch ernster ist zu rügen, daß die ,N. Fr. Pr.' und nach ihr das ,Berl. Tagebl.' eine abenteuerliche Korrespondenz über eine geheime hochpolitische Mission des Herrn Kardinals ihren Lesern aufbinden, und zwar unter fälschlicher Berufung auf „pastfreund- liche" Journale Roms, insbesondere auf die Voce della Verita'. Wir haben in den „papst- Mreundlichen" römischen Journalen auch nicht das Geringste von einer solchen Kannegießerei entdecken können. Was die,Voce' angeht, so hat sie unseres Wisiens in dieser Angelegenheit nichts weiter gebracht, als die Versicherung, „daß Se. Eminenz nicht ohne das vollste Einverständniß und die Bewilligung des Papstes aus Rom und zwar auf eine bestimmte Zeit abgereist" sei und daß er „gleich nach seiner Ankunft in München sich zudem päpstlichen Nuntius begab, um ihm einen Besuch zu machen." — Daß die liberalen Korrespondenten in ihren Berichten gern durch Phantasie den Mangel an Wissen ersetzen, ist ja längst bekannt; aber gegen die Manier, die eigenen Dichtungen unter der usurpirten Flagge „papstfreundlicher" Organe einzuschmuggeln, muß doch Protest erhoben werden.
* (Der Urtheilsspruch der Cösliner Geschworenen) lautet auf „Schuldig", und drei von den angeklagten Juden sind theils zu Gefängniß-, theils zu langer Zuchthausstrafe ver- urtheilt worden. In diesem Prozesse wie in dem
55
Der Erbe.
Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.
Erwins Befürchtungen bewahrheiteten sich nur zu sehr. Sein kindlicher, ehrerbietiger Brief, worin er die Liebenswürdigkeit und die Vorzüge seiner Erwählten schilderte, über das erste Zusammentreffen und seinen Verkehr auf dem Schlößchen genaue Rechenschaft ablegte und mit der Bitte schloß, durch feine Einwilligung das Glück feines Sohnes zu begründen, wurde von dem Grafen in der herzlosesten Weise beantwortet. Wenn Ermin auch nicht gewohnt war, in den Briefen seines Vaters viel Liebe zu entdecken, so betrübte der frivole Ton, in welchem derselbe über den Gegenstand seiner innigsten Wünsche sich autzsprach, sein Herz auf's Tiefste. Mehr aber noch empörte sein edles Gemüth der Hohn, mit welchem er den Schulte und die Familie seiner Erwählten übergoß.
Erwin besaß eine zu große Pflichttreue, um sich von dem ersten Impulse bei seiner Antwort hinreißen zu lassen. Nach Verlauf von einigen Tagen schilderte er seinem Vater den tiefen Schmerz, welchen sein Brief ihm bereitet habe; erklärte aber in der festesten Weise, daß allerdings die väterliche Autorität verhindern könne, sein Lebensglück zu begründen, aber auch nichts in der Welt ihn bestimmen werde, seiner Liebe zu entsagen.
Es konnte Felix nicht lange verborgen bleiben, daß irgend etwas das Gemüth seines Freundes
von Tisza-Eszlar erklärte sich die jüdische Presse mit den Angeklagten gleichsam solidarisch; hier wie dort galt der Judenpresse jede Schuld für ausgeschlossen; hier wie dort suchten die jüdischen Blätter, wenn auch nicht den Gerichtshof, so doch die öffentliche Meinung zu Gunsten der Angeschuldigten zu beeinflussen. Indessen wir leben nicht in Ungarn, und preußische Staatsanwälte wissen, daß ihnen nicht die Aufgabe der Vertheidigung, sondern die der Verfolgung des Verbrechens obliegt. Je mehr die judenfreundliche Presse vorher die Angeklagten in Schutz nahm, desto empfindlicher ist jetzt die Niederlage dieser Presse. Hätte das Urtheil auf Freisprechung gelautet, wie würde man dann triumphirt haben, daß es noch Richter in Preußen gebe. Eine andere Sprache führt man der Verurtheilung gegenüber. Die ,K r e u z z t g.' schreibt über den Ausgang des Prozesses:
„Das Urtheil in dem Prozeß wegen Brandlegung an der Neustettiner Synagoge ist gesprochen. Die christliche Bewohnerschaft Neustettins, gegen welche von jüdischer Seite, und zwar mit einer Promptheit, die von vornherein verdächtig erscheinen mußte, sofort bei dem Brande und nachher in der jüdischen und judenfreundlichen Presse die schreckliche Beschuldigung ausgesprochen wurde, daß Angehörige ihrer Religion aus Haß gegen die Juden die Synagoge derselben angezündet hätten, — sie ist durch diesen Urtheilsspruch „vor den Augen Europas", darf man wohl sagen, rehabilitirt. Selbst über Europa hinaus, in der ganzen damals bekannten „civilisirten Welt" hallte das Echo von dieser schrecklichen Beschuldigung wieder. Und nun ist es festgestellt: von jüdischer Seite ist das Verbrechen ausgegangen, das nun auf Grund des Urtheils- sproches seine Sühne stnd-n soll. Es sind erschütternde Ereignisse, welche gestern Abend in Neustettin mit dem Urtheilsspruch der Geschworenen ihren voraussichtlich endgültigen Abschluß gefunden haben. Die alte Synagoge ist abgebrannt, eine neue, schönere ist an ihrer Stelle entstanden. In sofern wäre Seitens der betheiligten Gemeinde der Verlust ja zu verschmerzen. Aber „die Flammen der brennenden Synagoge" — um eine Hyperbel aus jüdischer Feder den veränderten Umständen entsprechend zu benutzen — werfen doch „ein grelles Licht" auf den „bodenlosen Abgrund", in welchen damals die „rauchenden Trümmer" der Neustettiner Synagoge versunken sind!"
Der ,Reichsbote' glossirt den Urtheilsspruch folgendermaßen:
„Sonach ist es also konstatirt, daß die Juden selbst ihren Tempel angesteckt und sofort die Schuld auf die Christen geschoben haben. Die Gelegenheit einer Rede
bedrücke. Vergebens bot er alles auf, den Trübsinn des Grafen, welcher mit verdoppeltem Eifer seinen Studien oblag und die übrige Zeit düster und schweigsam in seiner Gesellschaft zubrachte, zu verscheuchen; endlich wagte er schüchtern die Bitte, ihm den Grund seines Kummers anzuvertrauen.
Erwin schaute lange in das theilnehmende Auge seines Freundes, dann sprach er: „Sie haben Recht, lieber Felix; es wird besser sein, daß ich meinen Schmerz einem theilnehmendem Freunde vertraue, als ihn allein zu tragen. Doch kommen Sie," fuhr er fort, den Arm unter den seines Freundes schiebend, „lassen Sie uns hinausgehen, hier zwischen den engen Mauern kann ich mein Herz nicht ausgießen."
Die jungen Leute verließen die Straßen und die belebten Anlagen, die die schöne Musenstadt umgeben, und verfolgten einen Pfad, der zwischen Gärten und Weinbergen sich hinziehend, dem bewaldeten Vorgebirge zuführt.
Schlichte Sitze, die an dem Wege angebracht sind, laden den müden Wanderer zur Ruhe ein. An der Südseite der vorspringenden Höhe, die von einer scharf abfallenden Schluckt begrenzt wird, eröffnet sich ein herrliches Panorama auf den sil- berfarbenen Rheinstrom und das Siebengebirge. Heute noch ist dieses lauschige Plätzchen, die Kasselsruhe genannt, gerne das Ziel der heiteren Musen- söhne. Die Freunde ließen sich auf einer Ruhebank nieder. Besorgt schaute Felix aus den Freund,
Henrici's wurde von den industriellen Herren zu der Frevelthat benutzt, weil sie dann hofften, sie würden de o leichter den Verdacht auf die Christen abwälzen können! Und die jüdische Preffe sammt dem ganzen Troß der von ihr abhängigen Fortschrittspreffe ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu einer Hetze gegen alle diejenigen, welche sich erlaubten, der Ansicht zu sein, daß die Art und Weise, wie die Mehrzahl der Juden in Deutschland es treibt, eine thatsächliche Gefahr für den Wohlstand, wie für die nationale und christliche Entwickelung unseres Volkes bildet. Hier sehen wir nun an einem vor unseren Augen in Deutschland geschehenen Schauspiel, was von den Berichten dieser Blätter Über alle Dinge zu halten ist, welche die Juden berühren. Bekanntlich werden in Konfliktsfällen immer die Juden als die unschuldigen verfolgten Lämmlein dargestellt, die kein Wässerchen getrübt haben, und die Christen werden als „christlicher Pöbel", als „Rotte", „Bande" u. s. w. titulirt u. s. w."
* (Rinderpest.) Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht eine Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 24. Oktober, welche konstatirt, daß seit dem in einem Gehöfte zu Breslau vorgekommenen Falle von Rinderpest neue Ausbrüche der Rinderpest im Reichsgebiete nicht stattgefunden haben.
Berlin, 25. Oktober.
* (Der Kaiser) ist Nachmitlags 1 ’/< Uhr nach Wernigerode zur Jagd beim Grafen Stoll- berg abgereist. Vormittags hatte der Kaiser längere Zeit mit dem Kriegsminister konferirt und mit dem General Albedyll gearbeitet.
* (Der Offizier-Konsumverein), dessen Plan und voraussichtliche Wirksamkeit mir morgen in einem besonderen Leitartikel behandeln werden, soll, wie von Berlin gemeldet wird, am 1. Januar 1884 ins Leben treten. An der Spitze steht der Premierlieutenant v. Wedell. In den nächsten Tagen begeben sich mehrere Offiziere im Auftrage des Vereins nach England, um die dort bestehenden ähnlichen Einrichtungen durch den Augenschein kennen zu lernen.
* (Das Königreich Sachsen) ist ein glückliches Land. Während bei uns unter der Firma der Steuerreform die Steuererhöhung betrieben wird, meldet der Telegraph aus Dresden: „Dem Vernehmen nach werden dem Landtage in Folge der Steigerung der Staatseinnahmen und dez geringeren Erfordernisses für die Verzinsung vo„
der lange schweigend seinen Blick auf dem jenseitigen Gebirge ruhen ließ.
Endlich hob Erwin an: „Bevor ich, mein lieber Freund, meine Mittheilung beginne, muß ich Sie um die Gewährung einer Sitte ersuchen."
„Sie dürfen sie bereits als gewährt betrachten, Herr Graf,", erwiderte Felix, sein treues Auge fragend auf seinen Begleiter richtend.
„Ich bitte mir zu gestatten, das brüderliche „Du" wieder gebrauchen zu dürfen."
„Welche Freude wird mir das gewähren, Herr Gras," rief Felix lebhaft; „ich habe sehr bedauert, als ich das Glück hatte, Sie wieder zu sehen, dieses nicht mehr zu vernehmen. Ihre Güte wird mich in jene glückliche Zeit zurückversetzen, wo ich auf Westerberg so viele Beweise des Wohlwollens empfangen habe."
„Nicht so bitte ich es zu verstehen, guter Felix, viele sogenannte Freunde sind mir in meinen Studienjahren begegnet, und doch besitze ich an ihnen keinen Freund. Felix, willst Du mein Freund, mein Bruder sein?"
„Herr Graf, rief der Jüngling aufspringend, indem Purpurröthe seine Wangen überflutete, „wie dürfte ich, der Arme, der nur durch die Güte und das Wohlwollen eines Fremden im Stande ist, seine Studien zu machen, es wagen —"
„Felix!" rief Erwin ihn unterbrechend, „Du bist reicher und glücklicher als ich und zauderst noch, meine Bitte zu erfüllenl?" (Forts, folgt.)