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M 245.

Donnerstag, den 25. Oktober

1883.

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Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher-Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. bO^Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Psg.

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S Am Krankenlager der nationalliberalen Partei.

Nachdem durch den Rücktritt Bennigsen's und die diesem Schlage fast auf dem Fuße folgenden Wahlniederlagen der ohnehin schon genugsam ge­schwächte Nationalliberalismus in eine schlimme Krisis gerathen ist, geben die verschiedensten Aerzte üch alle erdenkliche Mühe, dem gar jämmerlich dreinschauenden Patienten wieder auf die Beine zu helfen. Der Rathgeber sind aber inzwischen so viele geworden, daß es dem armen Kranken nun wohl erst recht wirr und trüb iin Kopfe, und die übereifrige Kur gründlich verpfuscht iverden mag. Um aus dem Bilde herauszutreten, — brauchen wir wohl kaum nochmals auf die bereits des öfteren skizzirten früheren Versuche, die national­liberale Partei zu reorganisiren, zurückzuweisen. Nachdem schon viele nationalliberalen Parteiorgane sich bemüht haben, für die „nationale" Partei ein neues zugkräftiges Programm aufzustellen, ja sogar sie ohne jedes Programm einfach an den Bismarck'schen Aktionswagen zu spannen, glaubt nun auch die ,Kölnische Zeitung' einen maß­gebenden Beitrag „zur Stellung der National­liberalen" liefern zu müsien. Der jedenfalls nicht in Köln entstandene Artikel ist in seiner Art interesiant genug, um ihm auch unsererseits eine Besprechung zu widmen. Solche Betrach­tungen sind um derentwillen von großen! Nutzen, weil sie immer wieder die einmal gemachte Er­fahrung bestätigen, daß diese halt- und kernlose Partei in dem einzigen Bestreben, nicht gänzlich in die Rumpelkaminer geworfen zu werden, zu allen nur denkbaren Mitteln der Dialektik und der Ueberredungskunst greift, um die sich immer mehr von ihm abwendenden Volksmassen zur Rückkehr unter das goldene Joch nationalliberaler Kriecherei zu vermögen. Ohne den Artikel in seinen Einzel­heiten einer weitläufigen Kritik unterwerfen zu wol­len, glauben wir nur einige besonders charakte­ristische Wendungen und Vorschläge etwas tiefer hängen zu müssen.

Interessant ist zunächst die Auseinandersetzung

Der Erbe. 56

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

„Sie hatten eben die Güte, mir zu gestehen, Herr Graf, daß Sie Vertrauen zu mir haben, wie zu einer Mutter. Sie werden mir daher auch ge­statten, daß ich wie eine Mutter zu Ihnen rede, ielbst auch dann, wenn meine Pflicht gebietet, das kindliche Herz zu betrüben. Ihre Erklärung ehrt nicht allein mein theures Kind, sondern auch mich, denn ich betrachte meine liebe Johanna wie meine Tochter. Ich erkenne auch, wie sehr sie die Zu- Neigung jedes edlen Mannes verdient. Und doch möchte ich Sie bitten, Ihre Neigung dem guten unschuldigen Mädchen nicht zu offenbaren und ihren Frieden nicht zu stören."

„Sie betrüben mich sehr, gnädige Frau; ich wollte Sie ja eben um die Gnade bitten, meine Fürsprecherin zu werden. Ich habe bis jetzt nicht gewagt, mit einer einzigen Silbe die Wünsche meines Herzens anzudeuten, weil ich es als meine Pflicht erachtete, zuerst Ihnen, die Sie Mutterstelle an ihr vertreten, meine aufrichtige Liebe zu entdecken."

„Ich spreche Ihnen meine volle Anerkennung aus, und füge gerne die Erklärung hinzu, daß ich, wenn Johanna meine Tochter wäre, Ihnen eine warme Fürsprecherin sein würde. — Haben Sie aber auch :n Erwägung gezogen, was Ihr Vater, Ihre Groß- lante^ zu einer solchen Wahl sagen würden? Sie, her Lpprößling eines erlauchten Geschlechts und als Gattin die Tochter schlichter, einfacher Leute?"

der Ursachen, welche den heutigen Stand herbei­geführt haben sollen. Es wird unterschieden zwi­schen den Perioden bis 1874, sodann von 1874 bis 1879 und endlich von 1879 bis heute. An der ersten Zeit, der bekannten goldenen Aera der Milliarden-, Gründer- und Schwindel-Jahre findet man natürlich nichts auszusetzen, nur an einer I Stelle tritt ganz bescheiden die Erwägung hervor, daß man den Rückgang des Handwerkes, der In­dustrie, des Ackerbaues als Folge der Gesetzgebung seit 1870 den Liberalen nicht allein in die Schuhe schieben dürfe, weil dieselben doch niemals für sich allein die absolute Mehrheit gehabt hätten, und alle wichtigen Gesetze von der Regierung vorgelegt worden seien. Dieses verschleierte Geständniß hätte doch eigentlich den Schluß rechtfertigen muffen, daß die Nationalliberalen bis 1874 der Regierung gegenüber zu nachgiebig gewesen seien, indem sie alle von jener vorgelegten Gesetze billigten. Weit ge­fehlt ! Der Politikus und Parteireformator der ,Köln. Ztg.' schließt ganz umgekehrt. Nach ihm liegt das Unglück seit 1874 gerade in dem Hervorkehren eines opp osüti onelle n Scheines Seitens der­jenigen Parteimitglieder, „deren großer Fehler darin bestand, ihre Meinung für die unfehlbar richtige zu halten," die „zum Theil aus der Kon­fliktszeit von 1866 her gewohnt waren, sich als die eigentlichen Vertreter der konstitutionellen Grund­sätze anzusehen." Nun ist aber^bekannt und wird auch von der ,Köln. Ztg.' zugegeben, daß gerade 1874 die Periode der famosen' Kompromiffe be­gann, in deren Veranstaltung Herr von Bennigsen eine außerordentliche Routine, ja geradezu eine gewisse Meisterschaft erlangt hat. Aber, meint der vorsichtige Parteirestaurator, ein solches End- ergebniß der Verhandlungen habe den Stachel nicht, den die vorhergehenden Debatten gehabt, — man hätte dem Fürsten Bismarck niemals Opposition machen dürfen, nicht einmal mit Worten, dann wäre der Reichskanzler bei dem Militärgesetz, dem Sozialistengesetz und der Straf­gesetznovelle nicht zu der Ansicht gekommen, er könne sich auf die Partei nicht verlassen. Man sieht, wie auf nationalliberaler Seite allmählich die Ein-

„Gnädige Frau, die Tugend und Liebenswür­digkeit des Fräuleins stehen mir höher als ein glänzender Name, der vielleicht nicht so makellos dasteht als derjenige, dessen die edle Jungfrau sich rühmen kann."

„Sie sprechen die Grundsätze eines Ehrenmannes aus, und doch möchte ich Ihnen anempfehlen, nicht zu unterlassen, das Urtheil der Welt und die An­schauungen der Standesgenofsen mit Ihren Hand­lungen in Einklang zu bringen."

„Gewiß, wo sie berechtigt sind, mit gehört zu werden; ich würde aber glauben, ein Unrecht zu begehen, wenn ich mein Lebensglück Standesvor- urtheilen aufopferte."

„Ich bin von Ihrer Ehrenhaftigkeit überzeugt, Herr Graf, und schätze und liebe Sie. Um nun aber Ihnen und meinem theuern Kinde unnöthigen Schmerz zu ersparen, bitte ich Sie dringend, keinen voreiligen Schritt zu thun. Suchen Sie zuerst die Einwilligung Ihres Herrn Vaters zu erhalten, dann werde ich meine Fürsprache Ihnen nicht vorent­halten. Ich bin selbstredend jetzt noch nicht in der Lage, darüber zu urtheilen, wie in diesem Falle mein gutes Kind Ihre Werbung aufnehmen wird. Ueberlassen Sie dieses getrost dem lieben Gott, welcher, wenn Sie Ihre Pflicht erfüllt haben, Alles zum Besten lenken wird."

Erwin starrte trübe eine geraume Weile vor sich hin, ehe er zu einer Erwiderung das Wort ergriff. Endlich sprach er mit trauriger Stimme: „Mit

sicht erwacht, daß die beliebte Kompromißmacherei doch allzu hart an Preisgebung und Verrath der eigenen Ueberzeugung streift, und um dem Volke den daraus resultirenden üblen Eindruck zu erspa­ren, soll die Unterwerfung der Ueberzeugung unter den Machtspruch des Fürsten Bismarck nach neuestem Rezept schon gleich beim Auftauchen eines Gesetzesvor­schlages erfolgen. Ein probates Mittel! Wozu auch der blinde Lärm einer sich sträubenden Opposition, wenn nachher regelmäßig kapitulirt werden soll? Dieses wunderbare Rezept entpuppt sich in seinen Konsequenzen als eine verschleierte Wiederholung des neulich besprochenen Vorschlages der .Elber­felder Ztg.', von einem besonderen Programm ganz abzusehen und alles vertrauensvoll in das Ermessen des Fürsten Bismarcks zu stellen.

Gar eigent.hümlich nimmt sich neben dieser Abschwörung jeder Opposition der Passus des Ar­tikels aus, welcher nachzuweisen versucht, daß seit der Sezession, also in der dritten Periode der Partei, grade „dieses richtige Verfahren, das Ver­meiden systematischer Opposition, das Zusammen­stehen aller gemäßigten Elemente unzweifelhaft der Partei bei der großen Masse geschadet und zur Stärkung der Fortschrittspartet und der Kon­servativen beigetragen hat."

Man sieht darnach also im nationalliberalen Lager ein, daß die Partei, seitdem sie alle oppo­sitionellen Gedanken vorsichtig in ihrem Busen ver­schlossen hat, den Halt im Volke immer mehr ver­liert. Wie man nun mit demselben Mittel, welches den Anhang der Partei dezimirt hat, in Zukunft eine Wiedererstarkung und Neukräftigung erzielen will, ist uns durchaus unverständlich, ebenso unverständlich, wie nach dem Jammerlied über die rapide Abnahme des Parteinflusses im Volke der ganz unvermittelt an den Schluß ge­stellte Hymnus auf die glänzende Zukunft der Partei. „Der nationalliberalen Richtung gehört die Zukunft" heißt es da ganz prophetisch, und nach einigen banalen Phrasen über die „nationale Idee" und aus nationalliberalem Munde recht wunderlich klingenden Verunglimpfungen der an­deren Parteien, namentlich des Centrums und der

frohen Hoffnungen bin ich hierher gekommen und mit schwerem Herzen werde ich zurückkehren. — Ich weiß, welche Kämpfe es kosten wird, die Vorurtheile meines Vaters zu überwinden. Ich würde vor nichts zurückgeschreckt haben, wenn ich mit der Ge­wißheit vor ihn hätte hintreten können, daß ich der Zuneigung der Geliebten sicher fei. Dieses Bewußt­sein würde meinen Lippen Begeisterung verliehen haben, und ich zweifle nicht, daß er endlich, um das Glück seines Kindes zu begründen, sein Vorurtheil geopfert haben würde."

„Ohne Kampf ist kein Sieg, lieber Erwin," er­widerte sie, von dem aufrichtigen Schmerze des jungen Mannes gerührt. „Ich bin überzeugt, daß Sie bei ruhiger Ueberlegung meine Ansicht gerecht­fertigt finden und die Ruhe Johanna's nicht stören werden, ohne des Erfolges sicher zu sein."

„Sie haben Recht, gnädige Frau," rief Erwin nach einer Pause begeistert aufschauend. „Der Preis ist des Kampfes werth! Und sollte es mir nicht gelingen, das Herz meines Vaters zu rühren, so werde ich die Beruhigung haben, daß nur ein Lebensglück zerstört sein wird."

„Das ist eine Sprache, wie ich sie von meinem lieben Erwin erwartet habe," erwiderte sie gerührt, ihm die Hand reichend, „und nun möchte ich Sie bitten, mein Führer auf einem Spaziergange zu fein."

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(Fortsetzung folgt.)