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Fuldaer W Intung..

244* Mittwoch, den 24. Oktober 1883.

Me .Fuldaer Zeitung- erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vi-rt-ljährlich-rMbonnemmtspreis ohne B^ng°rl°hn und BeMg-'d- 1 Mk. ^'Pfg., - mit der ™ 8 belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' m Fulda I M. 70 Pfg. auswärts 1 M. 75 Psg.

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Europäischer Sklavenhandel.

Ein Mahnwort an Eltern und Vormünder.

Die gutgesinnte Presse hat schon wiederholt auf die großen Gefahren aufmerksam gemacht, welche die Beschäftigung und Anstellung einheimischer Mädchen im Auslande im Gefolge hat. Wenn auch die etwas heikle Natur des Gegenstandes manchen Zuständen gegenüber zu einem rücksichts­vollen Schweigen zwingt, so muß doch zuweilen vor der Sorge um das Wohl der in's Ausland wandernden schutzlosen Geschöpfe alle andere Rück­sicht in den Hintergrund treten.

Ein neuerdings von Lüttich und Aachen gemel­deter Fall lenkt die Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf diese schmählichen Verhältnisse in dem größten Theile der europäischen Staaten, Verhält- niffe, denen gegenüber der Schutz der auswärtigen Staatsgewalt fast machtlos ist, gegen die das Aus­land sich nur durch die strengste Vorsicht und die gewissenhafteste persönliche Aussicht schützen kann. Der neueste Fall, von dem wir reden, hat klar­gestellt, daß mehrere achtbare Mädchen aus Aachen, welch» sich auf eine Zeitungsannonce hin zur Er­langung von guten Stellen an eine Stellenver­mittlerin in Lüttich (Frl. Jumpertz ist der Name der Edlen) gewandt hatten, von dieser Person, statt in die angepriesenen Putz- und Mode­geschäfte, in verrufene Häuser dirigirt worden sind. Zwar ist die Jumpertz, wie es scheint, auf Ver- anlaffung der bischöflichen Behörde in Lüttich ver­haftet worden und sieht ihrer Bestrafung entgegen, auch hat die bischöfliche Behörde zum Wohle der deutschen Mädchen, welche nach Lüttich kommen wollen, eine neue Anordnung getroffen, um ihnen einen sicheren Halt zu bieten. Jedoch wird weder die Bischöfliche Behörde, noch auch der menschen- freundliche Abbe Heinrich Weinand (Lüttich rue Voliere 43), welcher sich mit aufopferndein Eifer der armen gefährdeten Geschöpfe annimmt und, wie es heißt, gerne mit Rath und That den Neu­ankommenden zur Seite steht, im Stande sein, nach Lage der heutigen belgischen Sittenpolizeige­setze dem den fremden Mädchen drohenden Unheil

stets und mit genügendem Nachdruck entgegen­zuwirken. Selbsthülfe ist das einzige Mittel in dem Lande, wo trotz der vielbesprochenen Freiheit und Unabhängigkeit die schlimmste heimliche Sklaverei herrscht, um die gefährlichen Klippen des Lasters und seiner vom Gesetz geschützten Höhlen zu vermeiden.

Es ist geradezu unerläßlich, daß stellen­suchende weibliche Personen vor dein Antritt eines ihnen durch Annoncen, Gesindevermietherinnen oder sonstiger Agenten und Stellenvermittler angebotenen Dienstes bei der Behörde, dem Ortspfarrer oder einer anderen vertrauenswürdigen Person sich nach dem Charakter des Hauses oder der Persönlichkeit erkundigen, bei welcher sie in Dienst treten sollen. Ohne im Besitze eines festen, nachweislich anstän­digen Engagements soll kein honettes Mädchen in's Ausland, oder selbst nach einer fremden Stadt im Jnlande gehen. Die Verführung, und nicht allein diese, sondern auch die Hinterlist und mitunter der rohe plumpe Betrug lauert allenthalben, um ein armes weltunerfahrenes Geschöpf in die Fall­stricke eines Lebens hineinzuziehen, von dem es bis dahin kaum dem Namen noch gehört hat.

Eine Berliner Zeitung durchstöberte vor Kurzem mit kritischem Licht die dunklen Winkel des Jn- seraüntheiles gewisser Blätter, wo täglich die schmutzigsten Offerten und Gesuche in einem dem Uneingeweihten harmlos und unschuldig scheinen­den Gewände sich spreizen. Weit schlimmer aber, als diese leider auch nicht genügend bekämpfte kalbverschleierte Propaganda des Lasters erscheint das der öffentlichen Controlle sich fast ganz ent­ziehende Gebühren der Gesindevermiether und Stel­lenvermittler beiderlei Geschlechtes, welche aus der Begünstigung des Lasters ein teuflisches Gewerbe machen und die sich ihnen arglos anvertrauenden jungen weiblichen Geschöpfe durch Trug und Hin­terlist oder geradezu durch Mißbrauch ihrer Noth- lage und oft mit Gewalt dem Laster in die Arme führen. Wie weit diese scheußliche Form europäi­schen Menschenhandels verbreitet ist, und welches Unheil sie in anständigen Familien anstiftet, davon kann sich nur der einen annähernden Begriff machen, welcher die Publikationen der von London ausge­

gangenen Gegenagitation mit Jntereffe verfolgt hat Diese Berichte (meist von Alfred S. Dyer) sind auch in's Deutsche übersetzt. Sie enthalten manche haarsträubende Details über Irreleitung braver Mädchen, die ohne ihr Wiffen und gegen ihren Willen auf Schleichwegen in schlechte Häuser ge­schafft worden sind. Es ist ohne allen Zweifel, daß ein ausgedehnter und vollständig geregelter Menschenhandel besteht, der Mädchen vornehmlich aus Deutschland, England und der Schweiz an ausländische Seelenverkäufer verschachert und damit einen horrenden Gewinn erzielt. Alle Arten von Kunstgriffen und Anschlägen werden dabei ange­wandt, doch am häufigsten spiegelt man den un­glücklichen Opfern Heirathen mit reichen Männern oder Aussichten auf gute Stellungen vor. Es ist allerdings richtig, daß die Mädchen sehr thöricht sind, solchen Lockungen zu folgen, ehe sie sich über Um­stände und Personen genau informirt haben, aber selbst die Besterzogenen sind in so jungen Jahren unerfahren, leichtgläubig und vertrauensselig, und man darf nicht vergeßen, daß die Opfer dieses nichtswürdigen Handels meistens unbeschützt, "ein von ihrer Heimalh und oft Waisen sind.

Es kann und darf nicht unsere Aufgabe fein, an dieser Stelle die Zustände und Einrichtungen civilisirter und, wie man sagt, „hochgebildeter" Nationen zu geißeln, welche diesem Menschenhandel zur Basis und Ursache dienen. Es sei nur noch darauf aufmerksam gemacht, daß es insbesondere in Belgien nachweislich nicht nur schwer, sondern fast geradezu unmöglich ist, die armen Geschöpfe, welche durch schändlichen Betrug in schlechte Häuser geliefert und mit Gewalt dem Laster dienstbar ge­macht wurden, aus ihrer Sklaverei zu befreien. Nicht nur, daß, wie S. Dyer auf Grund zahl­reicher Beweise versichert, die Polizei vielfach mit den Höhlen des Lasters in einer oft sehr unlaute­ren Verbindung steht, nein, auch mit Hülfe der Konsulate und selbst bei gutem Willen der Polizei ist es vielfach geradezu unmöglich, nach Lage der belgischen Gesetzgebung der vollendeten Thatsache gegenüber einen erlösenden Schritt zu thun.

In London besteht bereits seit geraumer Zeit

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

Wenn sie auch gestehen mußte, daß die beiden Wesen wie für einander geschaffen seien, so ver­kannte sie die unüberwindlichen Schwierigkeiten nicht, welcher einer Verbindung entgegenstehen würden. Der Herzensfriede des jungen Mädchens, welches sie wie ihr eigenes Kind liebte, mar ihr zu theuer, um nicht Alles aufzubicten, es vor einer Täusch­ung zu bewahren, welche sein ganzes Leben vergif­ten konnte. Die gute Dame war noch zu keinem Entschlüsse gelangt, als eines Tages der alte Joseph wiederum die Ankunft des Grafen meldete.

„Ich fürchte fast, mich der Unbescheidenheit schuldig zu machen, gnädige Frau", sprach der Eintretende, indem er die ihm herzlich entgegen­gereichte Hand ehrfurchtsvoll an seine Lippen zog, „wenn ich von der mir freundlichst ertheilten Er- laubniß, Sie besuchen zu dürfen, so oft Gebrauch mache".

„Es bedarf wohl keiner erneuerten Versicherung, mein lieber Graf", erwiderte die Dame, deren Auge mit Wohlgefallen auf der ritterlichen Ge­stalt ihres Gastes ruhte, „wie angenehm mir ihre freundlichen Besuche sind.

Für heute ist er mir besonders erwünscht, da ich, wie Sie sehen, die Anwesenheit meiner lieben Johanna entbehre. Wir alten Leute vermiffen un­

gern die gewohnte Umgebung der frohen Jugend", fügte sie lächelnd hinzu.

„In diesem Falle, gnädige Frau, fühle ich mich doppelt beglückt, obgleich ich nur einen unvollkom­menen Ersatz bieten werde. Darf ich mir die Frage erlauben, ob Sie die Abwesenheit des gnädigen Fräuleins längere Zeit entbehren wer­den?"

„Ich will es nicht hoffen, lieber Graf; ihre Tante befindet sich nicht wohl und da hatte das gute Kind keine Ruhe, bis es sich selbst von dem Befinden derselben überzeugt hätte. Joseph, der Johanna begleitete, brachte bereits die frohe Nach­richt zurück, daß daß Unwohlsein wohl in wenigen Tagen gehoben sein würde".

„Wenn ich auch offen bekenne, gnädige Frau, wie sehr ich es andernfalls bebaute, heute nicht die Ehre zu haben, Fräulein Johanna begrüßen zu können, so ermuthigt mich ihre Abwesenheit Ihnen eine Bitte vorzutragen".

„Sie finden mich bereit, Herr ®raf; doch ge­statten Sie mir vorher Ihnen einige Erfrischungen anzubieten. — So nun sind wir ungestört", fuhr sie fort, als der Diener sich entfernt hatte, „und ich bitte, mir mitzutheilen, womit ich Ihnen dienen könnte".

„Eine wichtige ernste Angelegenheit" begann der Graf, „führt mich heute zu Ihnen, gnädige Frau, und nur die große Güte, die Sie von dem Augen­blicke an mir erzeigt haben, wo ich im verflossenen

Herbste zum ersten Male das Glück hatte, Ihre gastliche Schwelle zu betreten, ermuthigt mich, Ihnen meine Bitte vorzutragen. Mutterliebe habe ich niemals gekannt", fuhr er bewegt fort, „und ich fühle mich da um so mehr zu Dank verpflich- tet, wo mir Liebe und Zuneigung entgegen ge­bracht wird. Gestatten Sie mir, verehrte Frau, es auszusprechen, daß ich nächst meiner theuren Großtante Niemand kenne, an den ich mich lie­ber mit kindlichem Vertrauen wenden möchte, als an Sie".

„Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf", er­widerte sie gerührt, „für diese mich so sehr er­freuende Mittheilung. Sie werden mich gerne bereit finden, das ehrende Vertrauen zu recht­fertigen".

„Ich muß es als eine Fügung Gottes betrach­ten, die mich hierher führte, um hier das Theuerste zu finden, welches jetzt mein ganzes Herz ausfüllt. Ich liebe Ihre Pflegetochter und kenne kein größeres Glück, als wenn es mir gelingen würde, ihre Gegen­liebe zu erwerben. Es ist nicht ein augenblicklicher Rausch, der mich gefangen hält, obgleich ich ge­stehen muß, daß der erste Eindruck derselbe geblie­ben ist. Sie haben mir das Glück bereitet, die Theure näher kennen zu lernen; ich habe mein Herz ruhig geprüft und gefunden, daß es für mich kein Glück auf Erden mehr gibt, wenn es mir nicht gelingt, sie zu erringen."

(Fortsetzung folgt.)