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M 242. Montag, den 22. Oktober 1883.

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DerKleinbauernftand und der israelitische Viehhandel.

Unter diesem Titel brachte die .Geilenkirchener Zeitung' vor Kurzem einen Artikel, welcher offenbar aus der Feder eines praktischen und klar blicken« den Mannes aus dem rheinischen Bauernstands gefloffen ist; denn die ländlichen Verhältniffe sind darin mit kräftiger, urwüchsiger Naturwahrheit ge­schildert. Ein wunder Fleck am Leibe des Bauern­standes wird schonungslos bloßgelegt, aber auch das Heilmittel angegeben. Die Ausführungen des Artikels sind aber nicht bloß auf den rheini­schen Bauernstand anwendbar, sie paffen fast durchweg auch auf die Verhältniffe in unserer Provinz. Wir entnehmen dem Artikel zum From­men unserer ländlichen Leser folgende Stellen:

Mit unferm Kleinbauernstande ist es in schnellem Nieder­gang begriffen, und wenn es noch zehn Jahre so fortgeht wie in den verflossenen zehn Jahren, so ist er seinem Ende nahe. Sind das die Israeliten Schuld? Schuld nicht; aber der kleinbäuerliche Niedergang und der israelitische Aufgang ergänzen sich.

Die Viehzucht nimmt heute eine um so hervorragendere Stellung ein, als uns in derselben keine nennenswerthe Konkurrenz geboten wird, wie solches in Getreide, neuer­dings sogar Seitens Indiens, stark der Fall ist. Für uni Kleinbauern ist die Viehzucht Zweck und Mittel, das Erste und Letzte unserer Wirthschaft. Wer das nicht ein­sieht, ist kein Bauer. Nun ist es aber mit der bloßen Produktion des Viehes nicht abgethan; in unserer spekula­tiven Zeit ist mit Verständnis! darauf zu achten, daß wir unser Vieh auch zum vollen Verkaufswerthe absetzen. Da nun für unsere Verkaufsverhältnisse Transport- >>nd son­stige Unkosten von geringer Bedeutung sind, so ist der volle Verkaufswerth eines Stückes Vieh rund derjenige Preis, den uns der endgültige Besitzer oder Konsument zahlt. Verkauft also der Bauer fein Zucht- und Milch- Vieh an den Bauer, und sein Schlachtvieh an den Metz­ger, so ist er hierdurch in der Lage, den vollen Werth zu erzielen. So sollte es sein; aber wie ist es in Wirk­lichkeit? Die reinste Waare und der einträglichste Han­delsartikel der Viehhändler ist das Vieh unserer Klein­bauern geworden. Es ist kaum glaublich, welch' bedeuten­der Umschlag heute in Vieh stattfindet, und unglaublich ist, wie auch der allersimpelste Viehhandel, vom Dorf in's Nachbardorf, nicht ohne den Händler als Zwischenmann abgeschlossen zu werden pflegt.

In den sechziger und anfangs der siebenziger Jahre

D e r E r b e. 53

Original-Novelle von Wilhelm van Linn.

„Ich konnte nicht ahnen, Herr Graf", sprach der junge Mann freundlich, ihm die Hand entge­genreichend, „daß ich die Ehre haben würde, Sie heute hier begrüßen zu können. Mein gutes Schwesterchen —"

»Ihre — Schwester?" — Wie von einein Alp befreit, ergriff er die Hand des jungen Mannes, und drückte sie auf's herzlichste. „Diese frohe Ueberraschung habe ich mir nicht träumen können. Jetzt darf ich es Ihnen gestehen, gnädiges Fräu­lein", fuhr er zu Johanna gewendet, verbindlich fort, „seitdem ich gestern das Glück hatte Sie zu sesen, habe ich vergeblich mein Gedächtniß ange­strengt, mich zu erinnern, wo mir früher die Ehre beschieden gewesen sei. Es war, wie ich jetzt er­kenne, die Aehnlichkeit mit Ihrem Herrn Bruder, die mich irre führte."

„Jetzt narf ich nicht länger zweifeln, lieber Fe­lix" sprach Johanna schelmisch auf ihren Bruder blickend, „daß ich das Glück habe, Dir ähnlich zu sein".

„Warte, warte Du böses Kind", sprach Felix lächelnd mit dem Finger drohend.

Einen so heitern Nachmittag hatten die Be­wohner des Schlößchens lange nicht verlebt. Erwin suhlte sich wie unter alten Freunden. Die Er­lebnisse der beiden Studiosen seit ihrer Trennung, die Rückerinnerung, wo Felix täglich den Schloß-

übernachteten in der Wirthschaft eines Nachbardorfes in der Frühjahrszeit allwöchentlich mehrere Milch- (hier sog. Kappus-) Bauern, um Milchvieh einzukaufen. Heute sieht der betreffende Wirth selten mehr einen. Als neulich noch Mal ein solcher dort war, fragte der Wirth ihn nach dem Grunde des Ausbleibens, und Jener antwortete: „Man kriegt ja heute gar kein Stück Vieh ohne den Juden, und vom Juden kauft man's noch billiger als vom Bauer." Das ist äußerst bezeichnend. Die Gründe hiervon sind zwar bekannt, aber nie habe ich dieselben drastischer und bündiger nennen hören, als von jenem Wirth, einem bra­ven Manne von tiefblickendem Verstände und weitumfas­sender Erfahrung. Er sagte: „Die Juden bedovern d. h. „bezaubern", die Leute." Damit meinte er die israelitische Handelsgewandtheit. Dann: „Sie haben die Leute im Kommando — sie kriegen das Land unter." Das ist verständlich und wahr. Der Viehhandel nimmt unferm Kleinbauernstande Tausende und aber Tausende von Tha- tern und gereicht ihm zum argen Verderben. Ein Jeder, auch der reiche Mann, kann zur Aufrechterhaltung und zum flotten Betriebe seines Geschäfts in die Lage kommen, ein Darlehen nehmen zu muffen, zumal in „schlechten Zeiten". Nun find aber für den Bauer alleweil die Zeiten wirk­lich schlecht, fast alle Ausgaben, öffentliche und private, haben sich gemehrt; rechnet man dazu niedrige Fracht­preise, schlechte Ernte (wie letztes Jahr), Unfälle u. s. w., so ist es eine Naturnothwendigkeit, daß mancher Klein­bauer, dessen Betrieb nicht widerstandsfähig ist, in eine gedrängte Lage geräth. Das wäre vorübergehend, wenn er eine bäuerliche Darlehenskasse zur Hand hätte, und wenn er zweitens seinen Viehstand hoch hielte nach Anzahl und Qualität Aber was geschieht? Ist auch kein Stück Vieh mehr ohne wirthschaftlichen Nachtheil verkäuflich, er verkauft eine Kuh und denkt, nach der Ernte schaffe ich mir wieder eine an. An wen verkauft er? An den Händler; denn der ist schnell zu haben und kauft bereitwilligst zu jeder Zeit, und der „thut ihm nächstens auch ein neues Stück Vieh an die Hand". Ja, wie an den Händler verkauft wird, so wird auch von ihut 9Uu*fi.- • Nulä.lich, :in „passen­

des" Stück zur Stelle, und er verkauft es vielleicht zu bil­ligem, d. h. geringem Preise — aber dann ist es auch darnach — und er borgt gern ganz oder theilweise den Kaufpreis, und er ist ein sehr verschwiegener Mann, der auch noch Sonstiges borgt; der Israelit ist überhaupt der allernächste Borger in Vieh, Geld rc. Nun bleiben „bessere Zeiten", worauf man gehofft, aus; die Schuld wächst, um sie zu zahlen, wird verkaufsweise hingegeben zu allernächst wieder eine Kuh (das ist der Beginn des Ruins), endlich — endlich Land. Ist nun beim Rindvieh-Handel der Ge­winn des Zwischenhändlers — den natürlich Verkäufer und Käufer aufzubringen haben — ein ebenso bedeutender als sicherer, so ist er naturgemäß noch bedeutender beim Noch- kauf und Verkauf. Und: ftorirenber Zwischenhandel und mittelmäßiges Vieh gehenHand in Hand. Eine gute,

geistlichen besuchte und der etwas ältere Erwin oft den freundlichen Mentor machte, die frohen Stunden, die sie zusammen verlebt hatten, alle die Erinnerungen der vergangenen Zeit brachten eine so heitere und ungezwungene Unterhaltung, daß keiner der Fröhlichen inne wurde, wie rasch die Zeit dahin schwand.

Die sinkende Sonne mahnte Felix zum Auf­bruch. Es that dem Herzen Erwin's wohl, als er sah, in welch' herzlicher mütterlicher Weise Frau von Bönagel von dem jungen Manne Abschied nahm. Ebenso innige Befriedigung fand die würdige Ma­trone durch die Bitte Erwin's, ihm zu gestatten, seinen Freund eine kurze Strecke auf dein Heimwege begleiten zu dürfen. Da er am andern Morgen in aller Frühe ausbrechen mußte, so war er gezwungen, sich noch am Abend zu verabschieden. Der Ton seiner Stimme klang etwas bewegt, als er, seinen Dank aussprechend, schließlich um die Erlaubniß bat, während der Zeit seines Aufenthaltes in Bonn seinen Besuch wiederholen zu dürfen. Frau von Bönagel, die den ehrenwehrten Charakter ihres Gastes schätzen gelernt hatte, versicherte ihm in der aufrichtigsten Weise, welches Vergnügen sein Be­such ihr bereiten würde.

Erwin saß bereits im Sattel, als er sein Auge noch einmal auf dem stillen Hause ruhen ließ, deffen Bewohner ihm in den wenigen Tagen seines Auf­enthaltes so theuer geworden waren. Zum letzten Gruße erhob er seine Rechte und sprengte dann

tadellose Kuh findet schnell einen dauernden Besitzer und bringt treffliche Nachzucht; eine schlechte kursirt: da wird gekauft — denn sie kostet wenig — und verkauft und ge­tauscht und wieder verkauft — so ein Kühchen oder man­gelhafte Kuh sah schon manchen Stall. Durch einen speku­lativ entwickelten Zwischenhandel wird der kleinbäuerliche Viehstand danieder gehalten. Der Händler läßt sich dabei nicht die allermindeste Ungesetzlichkeit zu Schulden kommen. Es ist ihm gestattet, mit wirkungsvoller, „bezaubernder" Handelsgewandtheit zu operiren. Zu erwähnen ist das Amshalten von landwirthschaftlichen Produk­ten, beim größern Händler größere, beim kleinern Händ­ler kleinere: z. B. Frucht, Kartoffeln, Obst rc., was, weil es eben vorhanden, nur gering geschätzt wird.

Wir Kleinbauern müssen mit ollen Mitteln unsere Viehzucht, den konkurrenzfreien Zweig unserer Wirthschaft heben, der aber in Anbetracht unseres reichlich Sornmer- und Winter-Frucht gewährenden Bodens arg vernach­lässigt wird. Was geschieht anderorts, bei geringerem Boden, für die Viehzucht? Da war ich ein Mal in Würt­temberg in einem Dorfe, halb so groß wie unser Dorf, und fand dafelbst drei Zuchtsticre, Prachtexemplare, von Gemeinde wegen aus dem Schweizer Simmenthale ledig­lich zum Bedarf des Dorfes geholt, und zwar persönlich vom Schultheiß (Bürgermeister), dem verständigsten Land- wirthe. Und eine Augenweide war's, das Vieh zur Dorf­tränke kommen zu sehen, das Vieh der Aermsten und der Reichen von gleicher Schönheit und Ergiebigkeit. Wenn ich Großbauer wäre, müßte ich's in zehn Jahren im Kreise gerade so haben, sei es Holländer oder schweizer Race. Dann würden wir Keinen mehr sagen hören, wie neulich Jemand: „Ohne den Juden können wir b^q, nicht fertig werben; benn wer kaust von mir, wenn ich ein schlechtes Stück Vieh habe?" Da haben wir's. Der Händler kann bas Stück Vieh auch nicht zur Schlachtbank führen unb muß es an seinen Mann bringen, welcher ihm zum schlechten Vieh noch seinen Profit zahlt. Allerbings kann der Kleinbauer einzeln nicht das, was ec will; aber durch Vereinigung kann er alles. Der landwirthschaft- l.iche Verein hat leider den Niedergang des Kleinbauern- thums nicht hemmen können. Seine großen Verdienste sind ja zu loben, besonders neuerdings die Einrichtung der hiesigen landwirthschaftlichen Schule, die sich unter tüchtiger Leitung befindet und deren Besuch den jungen Herren Bauern dringend zu empfehlen ist. Aber der Bauern-Verein steht recht mitten im Bauernthum, nicht drüber und nicht daneben, und er ist ein Kind der Zeit unb wächst täglich an Mitgliedern (heute bereits 13,000). Der Bauern-Verein hat allerbings keine leichte Aufgabe; aber ich zweifele keinen Augenblick, baß er feine Zwecke erreichen wird, wenn ein jedes Mitglied nach seinenKräf- ten mit wirkt. Es ist bedeutungsvoll, daß dem Bauern-Verein, dem Politik Gottlob fern liegt, die jüdische oder sog. liberale Presse nicht gewogen ist. Die ,Köln. Ztg.' berichtete spöttelnd darüber. Aber das hat nichts zu sagen. Bauer, wach' auf!

int sausenden Gallopp davon. Der Glückliche ahnte nicht, daß ungeachtet der frühen Morgenstunde zwei unschuldsvolle Augen, in welchen eine Thräne glänzte, dem schmucken Krieger so lange nach­schauten, bis der dichte Laubwald ihn in seinen Schtaten aufnahm.

XIII.

Wer Freunde sucht, ist sie zu finden werth. Wer keinen hat, hat keinen noch begehrt.

G. E. Lessing.

Selbst in kleinen Ortschaften verwischt die Zeit die Aufregung, die auffallende Tagesereignisse mit sich bringen. Die Stammgäste im goldnen Dra­chen waren sehr erstaunt, als der Wirth ihnen eines Abends mittheilte, daß Herr Lüttche, der ein paar Wochen auf Reisen gewesen mar, ihm bei seiner Rückkehr die Rechnung mit der Mitthei­lung berichtigt habe, daß er entschlossen sei zu seiner Heimath zurückzukehren, und bereits an dem­selben Tage abgereist sei. Man mußte sich um so mehr wundern, da er, noch im kräftigsten Man­nesalter stehend, sich schon jetzt zur Ruhe setzen wolle. Der Wirth versicherte zwar mit geheim- nißvoller Geberde, daß er überzeugt sei, derselbe sitze sester im Sattel, als man glaube, und es wundre ihn daher nicht, daß Herr Lüttche, der weder für Weib noch Kind zu sorgen habe, ruhig von seinen Renten leben würde. Er könne sich jetzt auch erklären, wodurch in der letzten Zeit der rege Verkehr mit dem Optenholter entstanden