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Sonnabend, den 20. Oktober

1883

Jeilmg

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk. 50. Pfg., — mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

Inserate: Die vierspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., sog. Platzannoncen 10 Pfg.; bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Oktober.

* (Stadtverordnetenwahl.) Die gestrige Stadtverordnetenwahl III. Klasse nimmt auch außer­halb der Stadt die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Gegner des Liberalismus hatten bisher bloß drei Sitze in der Versammlung inne; jetzt sind ihnen bereits acht definitiv zugefallen, indem in fünf Bezirken die antiliberale Bürger- partei, in zweien die Arbeiterpartei ihre Kandida­ten durchsetzte und in einem Bezirk eine Stichwahl zwischen den Kandidaten dieser beiden Parteien zu erfolgen hat. Ferner muß der Liberalismus noch 12 seiner Kreise in einer Stichwahl verthei- digen. Noch deprimirender für den Fortschritt ist das Stimmenverhältniß. Man wagte bisher kaum daran zu zweifeln, daß auch innerhalb der dritten Wählerklasse die Fortschrittspartei über die absolute Mehrheit derGesammtstimmen verfüge. Bei der gestri­gen Wahl sind aber auf die Bürgerpartei und die Ar­beiterpartei zusammen ca. 1000 Stimmen mehr ge­fallen, als auf die liberalen Kandidaten. Würden die Minoritäten zu ihrem Recht kommen, so dürften die Liberalen von den 42 Wahlsitzen nur 20 oder höchstens 21 beanspruchen. Insofern erscheint der diesmalige Erfolg der Bürgerpartei beträchtlich größer, als der Erfolg der Konservativen bei den letzten Reichstagswahlen. — Bei der heutigen Stadt­verordnetenwahl der zweiten Klasse wurden sämmt- liche Kandidaten der Liberalen gewählt.

* (Einfuhrverbot.) Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht Einfuhrverbote holländischen Rindviehs, einschließlich Kälber, nach dem Re­gierungsbezirk Düffeldorf und der Landdrostei Aurich.

* Münster, 18. Okt. (Der „Verein zur Verbreitung katholischer Zeitungen"), welcher in Düsseldorf entstand, hat von Mitte Ok­tober den Mittelpunkt seiner Thätigkeit in Mün­ster. Der „Verein zur Verbreitung katholischer Zeitungen" verlangt von seinen Mitgliedern nur die thatsächliche Unterstützung der katholischen Prefle durch Halten von katholischen Blättern und Be­fürwortung derselben bei Freunden und Bekamt-

D e r E r b e. 52

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

Seitdem der Vater auf Westerberg wohnte, brachte Erwin die Ferien größtentheils dort zu. Es war aber nicht die Liebe zu seinem Vater, die ihn hinzog, sondern die innige Verehrung undLiebe zu seiner Groß­tante. Die Annehmlichkeiten, die der alte Herrensitz für einen jungen Mann bot, und die oftmalige An­wesenheit seiner Kousine Hedwig zogen ihn immer dahin. Es war nicht allein der Lieblingswunsch seines Vaters, sondern auch der der Gräfin Over- ham, die Beiden dereinst vereinigt zu sehen. Ob­gleich es schien, als ob die jungen Leute sich nicht entbehren könnten, stundenlange Spazierritte durch Haide und Wald machten, zusammen musizirten und spielten, so entwickelte sich doch kein anderes Verhältniß zwischen ihnen. Sie waren sich Bruder und Schwester, aufmerksam und gefällig gegen ein­ander, entzweiten sich wohl auch mitunter und freuten sich, wenn der Friede wieder hergestellt war.

Erwin machte eine rühmliche Ausnahme von Vielen seiner Standesgenoffen. Er hatte mit Fleiß seine Studienzeit benutzt. Sein munteres heiteres Wesen machte ihn bei Allen beliebt; sein fester ge­diegener Charakter schützte ihn vor Ausschreitungen; jede Gemeinheit und Rohheit waren ihm zuwider, und wagte es einer seiner Kommilitonen die Gren­zen des Anstandes in seiner Gegenwart zu über­schreiten, so erinnerte das aufflammende Auge an feinen Vater. Er war über die Vermögensver-

ten, sowie, daß die Mitglieder auf Bahnhöfen, in Hotels, Restaurants stets katholische Zeitungen begehren, wie die Gegner dies schon lange thun. Ein Beitrag wird nicht gezahlt. Mitglied wird Jeder durch den bloßen Entschluß. Jeder Katho­lik, der weiß, was seine Pflicht als Katholik ist, muß diesem so überaus einfachen und anspruchslosen, aber ebenso nothwendigen Vnerein angehören, und jede katholische Redaktion sollte nicht einmal, son­dern alle Wochen die Statuten dieses Vereins veröffentlichen. Der Verein stellt kein neues un­erhörtes Ansinnen an den Katholiken und fordert von seinem Geldbeutel nichts. Seine Aufgabe ist es vielmehr, durch die private, keinen besonderen Zeit- und Geldaufwand anlangende Thätigkeit sei­ner Mitglieder unter den Katholiken das Bewußt­sein wach zu halten, daß es ihre tägliche Pflicht ist, durch Empfehlung und Verbreitung der eige­nen Preffe die feindliche Presie zu bekämpfen, welche die Gedankenlosigkeit der großen Maffe aus­beutet, um ihr die Ideen der Loge wie ein be­rauschendes Gift einzuflößen. Befinden sich denn jene Katholiken, welche Blätter ä la .Kölnische Zei­tung' und .Gartenlaube' lesen, nicht in einer Art Bewußtlosigkeit, welche sie nicht erkennen läßt, daß sie und ihre Angehörigen allmählich der religiösen Gleichgiltigkeit verfallen? Unser Verein sucht diese unglücklichen Namenkatholiken aus ihrer trost­losen Indifferenz aufzurütteln. Dazu aber bedarf es energischer Katholiken. In jedem Orte, wün­schen wir, müffen einige thatkräftige Katholiken es sich zu ihrer täglichen Aufgabe neben ihrer sonsti­gen Arbeit machen, oie Statuten des Vereins zu verbreiten, sie öffentlich und privatim zu begrün­den, und sie dürfen nicht rasten, bis jeder Katho­lik eine liberale Zeitung als eine seiner unwürdige Lektüre ansieht und den § 3 unseres Vereins bei jeder Gelegenheit praktisch ausübt.

* Köslin, 19. Okt. (Ein Sensations- Prozeß.) Selten hat wohl eine Feuersbrunst ein so weitgehendes Interesse erregt, als diejenige, die gestern vor das königliche Schwurgericht gelangt. Das verhängnißvolle Ereigniß hat wohl seiner Zeit in der Presse in eingehender Weise Erwähnung ge-

hältnisse desselben vollständig unterrichtet; obgleich er wohl mit Gewißheit voraussetzen konnte,' daß das Majorat auf seinen Vater übergehen werde, so wollte er von dieser Zufälligkeit sein späteres Geschick nicht abhängig machen und suchte sich durch eifrige Studien eine selbstständige Stellung zu er­ringen. Er hatte eben sein Referendarexamen gut bestanden und genügte nun seiner Militärpflicht.

Der Dienst des heutigen Tages gestattete dem jungen Krieger frühere Rückkehr. Still in Ge­danken versunken ritt er langsam dem freundlichen Schlößchen zu. Sein Bursche war sonst gewohnt, seinen Herrn munter und aufgeräumt zu sehen, und vermuthete, daß der Verweis eines Vorge­setzten seine gute Laune verscheucht habe. Der sonst so pfiffige Junge irrte sich aber heute. Es war Erwin selbst unerklärlich, woher es komme, daß die Erlebnisse des gestrigen Tages so unaus­gesetzt seinen Geist beschäftigten. Seit langer Zeit hatte er nichts gefunden, was ihn so lebhaft an Westerberg erinnerte, als das Schlößchen mit fei- nen Bewohnern. Der lebendige gebildete Geist und das Wohlwollen, das aus allen Zügen der Freifrau sprach, versetzte ihn an die Seite seiner geliebten Großtante. Die jüngere Dame, war sie denn ein Conterfei seiner Kousine Hedwig? Den munter sprudelnden Geist, die hohe königliche Ge­stüt seiner Kousine besaß sie nicht, und doch er­innerte jede Bewegung, der kindlich herzliche Ton ihrer Stimme ihn wieder an sie.

funden, allein da fast 3 Jahre seitdem verflossen sind, so dürfte es doch geboten sein, den Thatbe- stand in Kürze zu rekapituliren. Am 18. Februar 1881, an einem Freitage, gleich nach 11 Uhr Vor­mittags, wurden die Bewohner Neustettins durch den Ruf: „Feuer! Feuer! der jüdische Tempel brennt!" in Schrecken gesetzt. In demselben Mo­ment sah man auch bereits eine mächtige Feuersäule zum Himmel emporwirbeln; dicke Rauchwolken be­deckten weithin die Straßen der Stadt. Das ver­heerende Element griff mit so großer Schnelligkeit um sich, daß trotz aller sofort angestellten Lösch­versuche das ziemlich umfangreiche Bethaus binnen kurzer Zeit bis auf die Grundmauern zerstört war. Wenige Tage vor dem Brande hatte zu Neustettin eine von der dortigen Antisemiten-Liga ein­berufene Versammlung stattgefunden, in welcher Dr. Ernst Henrici aus Berlin als Haupt­redner auftrat. Dieser Umstand gab dem philo- semitischen Theile des Publikums und der Presse zu der Vermuthung Anlaß: das Feuer sei von Antisemiten, und zwar aus Haß gegen die Juden angelegt worden. Nach längerer Untersuchung lenkte sich jedoch der Verdacht der Thäterschaft auf die Juden selbst, und zwar auf: 1) den Ren­tier Hirsch Heidemann, 2) dessen Sohn, den Han­delsmann Gustav Heidemann, 3) den Kürschner Hermann Lesheim, 4) dessen Sohn, den Kürschner­lehrling Leo Lesheim, 5) den Handelsmann und Tempeldiener Adolph Löwenberg, sämmtlich wohn­haft zu Neustettin.

Portugal

* (Aufstand.) Der .Epoka' zufolge ist in Villanova in Portugal ein neuer Aufstand aus­gebrochen. Die Behörden, ohnmächtig zur Unter­drückung, verließen die Stadt.

Türkei.

* Konstantinopel, 19. Okt. (Erdbeben.) In Chios und Umgebung bauern die schwachen Erdstöße fort. In Katapanja, Reisdere, Zidja, welche am meisten gelitten haben, sind die meisten Häuser eingestürzt und die meisten Bewohner obdach, los. Der Sultan ordnete sofortige Hülfesendung an

Wie gerne er auch in das muntere treue Auge seiner Kousine schaute, sein Herz war immer ruhig geblieben. Der erste Blick, den er aber in die Tiefe dieses seelenvollen, in reinster Jungfräulich­keit strahlenden Auges versenkt, hatte sein Herz unruhig schlagen gemacht.

Erwins Charakter war nicht angelegt, sich vom ersten Eindruck hinreißen zu lassen. Wie oft er aber das Bild der beiden Jungfrauen prüfend neben einander stellte, so fühlte er doch immer mehr, daß die stattliche Rose von dem bescheidenen Veil­chen verdrängt wurde. Er erwachte erst aus seinen Träumereien, als er das Schlößchen beinahe er­reicht hatte, gab seinem Rappen die Sporen und befand sich in wenigen Minuten am Thor. Kaum hatte er sich aus dem Sattel geschwungen und dem Burschen die Zügel zugeworfen, als sein Blick auf die Dame fiel, die seinen Geist so lebhaft beschäf­tigt hatte. Wie angewurzelt blieb er stehen, als er sah, wie Johanne am Arme eines jungen Man­nes durch die Anlagen schritt. Die Lustwandeln­den, die das Heransprengen der Pferde vernommn hatten, wandten sich um und schritten auf den Angekommenen zu. Erwin fühlte einen stechenden Schmerz sein Inneres durchzucken, mit Beschämung gestand er sich, daß heftige Eifersucht sein Herz zerriß. Mit der äußersten Anspannnung seiner Willenskraft vermochte er kaum, gefaßt den Nahen­den entgegen zu treten.

(Fortsetzung folgt.)