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239. Donnerstag, den 18. Oktober 1883.

®ie .Fuldaer Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 Mk 50 Pfg, — mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mk. 70 Pfg., auswärts 1 M. 75 Pfg.

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* Offiziöse Winkelzüge.

Wir haben uns diesmal wieder einmal mit der ,Nord. Allg. Ztg.' und ihren weisen Sprüchen zu beschäftigen. Schon wieder? wird der geneigte Leser denken, da er aus Erfahrung weiß, daß das freiwillig gouvernementale Blatt in der letzten Zeit selten etwas Gutes bringt. In der letzten Woche hat sich eine ganze Reihe von Artikeln einge­stellt, die — abgesehen von den immer wiederkeh­renden, allgemeinen, staatsphilosophischen Phrasen, mit denen man bekanntlich Alles beweisen kann, — den einen gemeinsanien Zug haben, daß sie überall Fehler in der sozialpolitischen Auffaffung wittern, dagegen den einzigen wahren Grund der augen­scheinlichen Verschleppung der sozialpolitischen Pläne mit bekannter Bescheidenheit übersehen. Wie wir bereits jüngst darlegten, schien für einige Tage die nationalliberale — pardon! „nationale" — Partei zum neuen Träger der Sozialreform ausersehen zu sein, und einige „national" gesinnte Blätter beeilten sich ja auch bekanntlich, ihre Hülfe um jeden Preis und für jedes beliebte Programm anzubieten. Diese fainose Idee scheint bei gewissen Leuten großen Beifall gefunden zu haben, denn kaum hat die .Elberfelder Zeitung' sich beigehen laffen, für die neuaufzufrischende Nationalpartei doch noch eine Art von allgemeinem Programm aufzustellen, so ist auch die .Norddeutsche' schon gleich mit einer ernstlichen Verwarnung zur Stelle. Mit einer ganz komischen Entrüstung sägt sie u. A.: „Wie kann man sich verleiten lasten, Fragen der Finanztechnik... oder Fragen der Zollpolitik (!) in ein politisches Parteiprogramm aufzunehmen?" An einzelnen Stellen des ziemlich verwaschenen, dem Schaukelsystem der Partei entsprechenden Pro­gramms übt der offiziöse Artikelschreiber übrigens mit vollem Recht eine beißende Kritik, insbesondere auch an dem Art. 8, wonach Selbstthätigkeit und freie Affoziation als wesentliche Grundlagen gesunder Sozialpolitik festzuhalten seien, wonach ferner Staatszuschüsse (— also bei der Unfallversicherung und ähnlichen Instituten —) zwar „im Allge­meinen" entschieden zu bekämpfen, „im Einzel­nen" aber die „Prüfung des konkreten Falles"

zuzulassen sei. Das sind allerdings Phrasen, die nur dazu bestimmt scheinen, einerseits die Re­gierung, andererseits das Parteigefolge im Volke zu ködern und gewistermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Doch wir wollen die über die Be­dingungen der Wiederaufnahme in den Schooß der Re­gierung feilschenden Kontrahenten in ihrem Geschäft nicht unnöthig stören; es wird sich ja zeigen, was dabei herauskommt. Wenn wirklich ein Pakt der Negie­rung mit der „National"-Partei abgeschlossen wird, und in Folge dessen die Sozialreform ein noch langsameres Tempo annimmt als bisher schon, so wird die Regierung selbst nebst ihrer Gefolgschaft den Schaden davon haben. Bei den im nächsten Herbste sich einstellenden Reichstagswahlen würden alsdann die Konservativen in Folge der Dürftigkeit der sozialpolitischen Resultate eben so gut wieder Wahlmandate verlieren, wie bei der letzten Wahl, als sie ihren Wählern eingestehen mußten, daß das vielgerühmte „Patrimonium der Enterbten" nichts als eitel Dunst gewesen war. Und dann werden nicht etwa die Nationalliberalen in die verlorenen Sitze einrücken, sondern ohne allen Zweifel der konsequente Liberalismus, die Linksliberalen und der Fortschritt, welche zwar dem sozial gedrückten Volke auch keine positive Hilfe, wenigstens aber das Mögliche an Erleichterungen bezüglich der Steuer- und Militärlast u. s. w. zu bieten haben. Das Centrum hat bei allen diesen Winkelzügen der „Mittelpartei" nichts zu verlieren, es hat einen festen Hglt im Volke und bleibt seinem Programm treu, treuer, als es manchen Leuten lieb sein mag. *)

*) Ein protestantisches konservatives Blatt, das »Kasseler Journal', stellt in einem Artikel über die Lage der nationalliberalen Partei der ThätigkeitdesCentrums ein Z e u g n i ß aus, wie man esglänzender nicht erwarten kann. Das Blatt schreibt: „Der katholischen Kirche I gebührt das große Verdienst» diesen Gelüsten nachdrücklich entgegengearbeitet, ihnen einen Damm ent­gegengesetzt zu haben, der sich bei allen Angriffen nur fester und kräftiger zusammenfügte. Der Widerstand des Centrums gen die Produkte der liberalen Aera war ebenso großartig als anerkennenswerth; ohne ihn hätte die nationalliberale Seuche unser ganzes Volk infizirt und überfluthet, ohne ihn wären wir vielleicht zu Grunde gegangen."

Die Centrumspartei ist seit Jahren schon der unbeugsame, konsequente Mahner gewesen, der immer wieder an einmal gegebene Versprechen erinnert und nicht zugibt, daß das Volk mit bloßen schönen Wor­ten eingeschläfert wird. Diese Mentor-Stellung unserer Partei kann begreiflicher Weise denjenigen nicht lieb sein, welche große Programme und Re­formpläne nur aus augenblicklicher Laune aufstellen. Auch jetzt, wo auf der ganzen Linie zur Verzöge­rung und Verschleppung der Sozialpolitik geblasen wird, muß der immer wiederkehrende Mahnruf der katholischen Presse sehr verstimmend wirken. Es ist ja auch eine äußerst mißliche Lage, die ka­tholische Presse einmüthig auf die kaiserliche Bot­schaft pochen zu sehen, die man anderswo gerne in Vergessenheit bringen möchte.

Nur der hochgradigen Verstimmung über die konsequente, unbeugsame, nur dem wahren Volkswohl dienende Haltung der katholischen Partei ist es zuzuschreiben, daß die .Nordd. Allg. Ztg.' sich neuerdings wieder einmal die vergebliche Mühe gemacht hat, die sozialpolitischen Ideen des katho­lischen Programms anzufeinden und zu verläum- den. Eine ai^ dem Zusammenhang gerissene Stelle der in der Eröffnungsversammlung des Düsseldorfer Katholikentages gehaltenen Begrüßungsrede des Herrn Kaplan Dr. Schmitz mußte den Stoff zu einem Artikel liefern, der unsere Partei beschuldigte, sie verkenne die Aufgabe des Staates bei der Lösung der sozialen Frage, schiebe ihn in den Hintergrund und wolle die Heilung der sozialen Schäden nur durch die Kirche herbeiführen lassen. Dieser ver­meintliche Hauptschlag gegen die böse Centrums­partei erwies sich aber, wie so oft, als eine Luft­fechterei. Die Behauptung der .Nordd.' war eine Unwahrheit, und das Blatt wußte durch Auf­nahme der Berichtigung des Herrn Dr. Schmitz selbst eingestehen, daß sein Artikelschreiber die Ver­handlungen der Katholikenversammlung nur aus einem ungenügenden Exzept der .Köln. Zeitung' kannte. Herr Dr. Schmitz hatte am Schluffe der fraglichen Begrüßungsrede ausdrücklich ge­sagt: „Wir stehen aktuellen Schäden gegenüber und haben darüber zu berathen, welche Mit-

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Der Erbe.

Original-Novelle von Wilhelm van Sinn.

Die sinkende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf den niedlicheu Landsitz der Freifrau von Bö- nagel, als Johanna ihre kleinen Schützlinge mit einer freundlichen Ermahnung an dem Thore ent­ließ. Sinnend durchschritt sie die kleine, wohlge­pflegte Anlage, die zum Eingänge und von da zu einer an der Westseite befindlichen Terrasse führte. Die schlanken Pfeiler, welche das Dach der­selben trugen, waren von üppigen Schlingpflan­zen umwunden, die dem Eindringen der Sonnen­strahlen wehrten und einige kleine Nischen bildeten, die eine freie Aussicht gestatteten. Leichte Rohr­stühle, zwei kleine Tischchen und verschiedene leichte Arbeitskörbe zeigten, daß dieser angenehme Raum wohl in der schönen Jahreszeit der Lieblingsauf­enthalt der alten Dame sein müsse. Johanna lenkte ihre Schritte auch gleich dahin. Ihre Er­wartung wurde nicht getäuscht, denn an einem der Tischchen saß die ehrwürdige Matrone mit einer Handarbeit beschäftigt.

Als sie den elastischen Schritt der jungen Dame vernahm, blickte sie von ihrer Arbeit auf, und lächelte der Ankommenden freundlich entgegen. „Guten Abend, meine liebe Johanna, Du wirst gewiß recht ermüdet sein, liebes Kind, setze Dich. Nun, haben unsere Kleinen recht viel Vergnügen gehabt?"

„Nicht blos die Kinder, gnädige Frau, ich selbst habe so viel Freude von den lieben Kleinen ge­habt, daß ich mich noch lange dieses schönen Tsges erinnern werde".

„Nun gehe aber, mein Kind, und kleide Dich um, wir haben noch Gäste erhalten".

„So unerwartet?"

„Ganz unverhoffte, die ich früher nienials das Vergnügen hatte zu sehen und doch werden sie für heute und morgen unsere Gäste sein". Sie fuhr lächelnd fort, als sie den fragenden Blick Johan­nas bemerkte: „Beunruhige Dich nicht, es sind zwei Husaren, die hier einquartiert sind".

Es war der jungen Dame sehr erwünscht, daß die plötzliche Röthe ihrer Wangen unbemerkt blieb, da die üppigen Ranken ihrer Gestalt zum Theil verdeckten und der Abend seine Schatten auszu­breiten begann, sie verließ die Terasse und begab sich auf ihr Zimmer. Sie grollte mit sich selber, daß die Nachricht, Einquartierung im Schlößchen, ihr das Blut in die Wangen trieb und ihr die Begegnung im Walde wieder lebendig vorführte.

Das an die Terasse anstoßende Zimmer war ein freundlicher, zum Sommeraufenthalt eingerich­tetes Gemach. Die Wände waren mit einfachen, in zierliche Felder eingetheilte Tapeten bekleidet, deren einziger Schmuck einige werthvolle Blumen­stücke in prachtvollen Goldrahmen waren. Leichte Rohrsessel umstanden den Tisch, über welchcni eine Ampel von rosenrothem Milchglas hing. In der

Nähe der hochgewölbten Fenster, die mit blüthen- reichen Topfpflanzen besetzt waren, befanden sich zwei kunstvoll eingelegte Arbeitstischchen; ein pracht­voller Flügel vervollständigte die Einrichtung des freundlichen Raumes.

Frau von Bönagel hatte sich eben bei einbrechen­dem Abend in das von der Ampel matt beleuch­tete Zimmer zurückgezogen, als der alte Joseph eintrat, ihr eine Karte überreichte und sprach: „Der Herr Gras läßt um die Ehre bitten, der gnädigen Frau seine Aufwartung machen zu dürfen!"

„Referendar Graf von Rinteln, Einjährig Frei­williger beim Königshusaren-Regiment," besagte die Karte. „Ist diese von einem der Herren, die hier im Quartier sind, Joseph?"

„Jawohl, gnädige Frau; der Andere ist Die­ner des Herrn Grafen."

„Berichte dem Herrn Grafen, daß es mich freuen würde, ihn zu sehen."

Wenige Augenblicke nachher betrat ein junger Mann in der kleidsamen Tracht der Husaren das Geniach.

„Die gnädige Frau," sprach der Eintretende sich tief verneigend, „werden gütigst entschuldigen, daß ich in so später Stunde um die Ehre bitten ließ, mich Ihnen vorstellen zu dürfen. Der Dienst gestattete mir nicht passendere Tageszeit zu wählen."

„Wir leben auf dem Lande, Herr Graf, und sind nicht gewohnt es mit der Eliquette so genau zu nehmen; für Sie dient ferner die Entschuldig-